Balthasars Vermächtnis von Charlotte Otter

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2013 bei ariadne.
Folge 1 der Kriminalreporterin-Magdalena-Cloete-Serie.

  • Hamburg: ariadne, 2013. ISBN: 978-3867542142. 256 Seiten.

'Balthasars Vermächtnis' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Südafrika: Pietermaritzburg ist die Hauptstadt der südafrikanischen Provinz KwaZulu-Natal. Und die zwei Schwerpunkt-Ressorts der lokalen »Gazette« sind Kriminalität und Gesundheitswesen, was einiges über Pietermaritzburg sagt. Kriminalreporterin Magdalena Cloete kennt ihre Stadt und macht sich keinerlei Illusionen. Eines Morgens wird auf der Schwelle des Aidshilfe-Zentrums ein Mann erschossen. Ein politischer Mord? Maggies Instinkte schlagen Alarm, denn das Opfer Balthasar Meiring hat nur eine Woche zuvor vergeblich versucht, sie auf einen laufenden Gerichtsprozess aufmerksam zu machen. Dabei ging es um betrügerische Geschäfte mit wirkungslosen Arzneien, die angeblich AIDS kurieren. Steckt noch mehr dahinter als die übliche Geschäftemacherei? Als sie zu recherchieren beginnt, hat Maggie auf einmal Schlägertypen an der Hacke. Doch Drohungen und selbst Anschläge verstärken nur ihre Sturheit. Denn mittlerweile weiß sie genug über Balthasars Leben und Engagement, um ihre professionelle Distanz in den Wind zu schießen und mit gefährlichen Stunts ihren Hals zu riskieren.

Das meint Krimi-Couch.de: »Aids ist eine Erkrankung, die unsere Gesellschaft mit ihren Werten und ihrer Politik grundlegend auf die Probe stellt« 81°

Krimi-Rezension von Jochen König

Balthasars Vermächtnis ist das Krimi-Debüt der Südafrikanerin Charlotte Otter, die seit einigen Jahren in Deutschland lebt, aber in englischer Sprache schreibt. Ähnlich ihrer Hauptfigur Magdalena »Maggie« Cloete hat Otter zumindest zeitweise als Kriminalreporterin gearbeitet. Wie Peter Wark, dessen Mords-Nachlass ebenfalls diesen Monat auf der Couch Platz findet, kennt sie das Milieu, über das sie schreibt also aus eigener Erfahrung. Damit enden die Ähnlichkeiten allerdings. Während Wark ein müdes Schlachtross beim aufreibenden Kampf gegen stromlinienförmigen Boulevardjournalismus in milder Harboiled-Manier agieren lässt, hat die hitzköpfige Idealistin Magdalena Coete nicht nur einen Mordfall im Visier, sondern einen gesellschaftspolitischen Skandal; Machenschaften, bei denen die Verzahnung von Politik und Verbrechen eine gewichtige Rolle spielt, aber auch Rassismus und fanatischer (Aber)glaube, der selbst dann noch wirkt, wenn die Fakten ihn längst ad absurdum geführt haben. Erzählt vor einem Hintergrund aus patriarchalischen Familienstrukturen, die mit Gewalt einen überholten Status Quo bewahren wollen, und Ausbrüche aus den verlogenen Verhältnissen, mit Missachtung oder Schlimmerem bestrafen.

Als der AIDS-Aktivist Balthasar Meiring erschossen wird, plagt Kriminalreporterin Maggie Coete das schlechte Gewissen: Suchte doch der titelgebende Balthasar dringend ein Gespräch mit ihr. Die Journalistin war nur mäßig interessiert und reagierte wenig enthusiastisch. Umso engagierter macht sie den Mordfall zu ihrem Thema, selbst als die Chefredaktion den vermeintlichen Raubmord als unbedeutend einstuft und sie auf eine Sammelklage gegen die Produzenten eines unbrauchbaren AIDS-Medikaments ansetzt. Bald dämmert Maggie, dass beide Fälle miteinander verwoben sind. Gegen zahlreiche Widerstände bleibt Balthasar Meirings Leben und Tod im Fokus ihres Interesses. Und so stößt sie auf die Geschichte eines idealistischen Außenseiters, der sich aus den Fängen einer bigotten Familie befreite, um gegen den unverantwortlichen Umgang der südafrikanischen Politik mit der HIV-Erkrankung und für die zahlreichen Opfer zu kämpfen. Wie so oft wird das positive Engagement nicht belohnt; in einer von Angst, Gewalt und langen Rassismus-Tradition geprägten Gesellschaft ist Aufklärung der Feind. Und Feinde gehören ausgemerzt.

Balthasars Vermächtnis ist ein wütender Roman. Zu Recht. Charlotte Otter schreibt gegen das Verdrängen und Vergessen an, gegen Ressentiments und Rassismus. Sie wählt dafür das Gewand des Polit-Thrillers. Über weite Strecken gelingt ihr das sehr gut. Gerade, weil sie den skandalösen Umgang mit der AIDS-Thematik ausführlich beschreibt, den verzweifelten Kampf weniger Aufrechter gegen (offizielle) Lügen, Aberglauben und brutale Geschäftemacherei faktenreich und emotional ins Zentrum ihres Buches rückt, macht den Roman zu einer hochspannenden Angelegenheit, die nie zum thesenhaften Pamphlet verkommt. Die Schwächen liegen an anderer Stelle, dort, wo Otter sich nicht auf ihre erzählenswerte Geschichte verlässt, sondern versucht vermeintliche Standards der Spannungsdramaturgie zu integrieren.

Da geht Maggie ohne Rückendeckung zu einem Treffen, das ganz offensichtlich eine Falle ist; entkommt an anderer Stelle, als offensichtlich begnadete Motorradfahrerin einem unbeweglicheren Verfolger, nicht ohne Blessuren. Ebenso wenig überzeugt der Konflikt mit dem Chefredakteur. Einerseits wird häufig betont, welch herausragende und verkaufsträchtige Bedeutung Maggies Art zu arbeiten für die »Pietermaritzburger Gazette« hat, gleichzeitig werden ihr permanent Steine in den Weg gelegt, genau auf diese Weise tätig zu werden (Handbuch für Creative Writing: »Schlusswendung nicht vergessen!«). Mitunter steht Maggie selbst zu sehr im Zentrum der Erzählung, vor allem ihr Zögern, Zaudern und recht penetrante Selbstzweifel, die leider etwas zu Lasten der Nebenfiguren, inklusive des gar nicht uninteressanten Love-Interests Spike Lyall gehen. Andere Sidekicks, wie die unbeholfen zu Maggies Punching-Ball berufene Sally-Anne aus der Kulturredaktion sind schlicht überflüssig. Ihren Nutzen für einen kurzen, relevanten Moment hätte man verlagern können. Als comic relief taugt sie kaum. Humor ist eh nicht Otters Lieblingsacker, warum ihn also bestellen, wenn es gar nicht nötig ist?

Aber all diese kleinen Makel sind unerheblich. Charlotte Otter hat etwas zu erzählen und das bewerkstelligt sie auf mitreißende, teilweise erschütternde Weise. Sie ficht keine provinziellen Geplänkel, sondern lenkt das Augenmerk auf einen Kriegsschauplatz, der nicht oder nicht mehr? im Scheinwerferlicht der Medien steht. Ihr gelingt Interesse und Aufmerksamkeit zu wecken, dank glaubwürdig entwickelter Figuren und inhaltlicher Relevanz, versetzt mit ein wenig Action und einem nicht ganz straffen Spannungsbogen, der einigen überflüssigen Volten geschuldet ist. Dabei hätte sich Charlotte Otter ganz beruhigt auf ihre Protagonisten und die gewählten Themen verlassen können. Beides sorgt für genügend Furor.

Balthasars Vermächtnis ist ein fulminantes Debüt, dessen Kinderkrankheiten man gut und gerne in Kauf nehmen kann.

Jochen König, August 2013

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dendrobium zu »Charlotte Otter: Balthasars Vermächtnis« 25.08.2013
Aids ist eine Erkrankung, die unsere Gesellschaft mit ihren Werten und ihrer Politik grundlegend auf die Probe stellt. (Rita Süssmuth)

Viele Menschen denken, AIDS wäre in unserer aufgeklärten Gesellschaft des dritten Jahrtausends kein Thema bzw. kein Problem mehr. Jedoch steigen die Neuinfektionen weltweit kontinuierlich an. Allein in Deutschland leben 78.000 HIV positive Menschen. Auch die schweizer AIDS-Hilfe zeigte sich zuletzt sehr beunruhigt, da die Rate der HIV-Neuinfektionen in der Schweiz im Jahre 2012 zum ersten Mal wieder anstieg.

Weltweit leben zurzeit 36 Millionen Menschen mit HIV/AIDS. Über 7 Millionen Menschen haben keinen Zugang zu antiretroviraler Therapie. Zwischen 20 und 26 Millionen HIV-Positive leben in Mittel- und Südafrika. Für Südafrika bedeutet das, dass dort je nach Region zwischen 15% und 50% HIV positive Menschen leben.

Schuld an dieser rasanten Verbreitung in Afrika sind einerseits Mythen, Volks- und Aberglauben rund um die Krankheit. Das macht es nach wie vor schwierig, die weitere Verbreitung zu verhindern geschweige denn die Epidemie aufzuhalten.
Schuld trägt allerdings auch die südafrikanische Regierung, die zu Beginn dieses Jahrtausends nicht anerkannte, dass HIV die Krankheit AIDS verursacht und sich daher weigerte die lebenserhaltenden Medikamente frei zu geben. Damit schickten sie Hunderttausende Infizierte in den Tod. Die Anzahl der daraus resultierenden AIDS-Waisen beläuft sich allein in Südafrika auf fast 2 Millionen.

Das macht Charlotte Otter unter anderem in ihrem grandiosen Debütroman zum Thema. Else Laudan steht für Bücher mit dem besonderen Touch. Wieder einmal hat sie ein großes Talent entdeckt! Man kann der Verlegerin dazu gratulieren, dass sie sich entschlossen hat, diesen Debüt-Krimi für ihr Programm zu übersetzen.

Die Autorin Charlotte Otter ist Südafrikanerin, schreibt in englischer Sprache, lebt aber seit vielen Jahren in Deutschland.
Sie hat unter anderem als Kriminalreporterin gearbeitet. Ihre Erfahrungen fließen in »Balthasars Vermächtnis« ein.

Denn die Protagonistin Magdalena Cloete, kurz Maggie, ist kriminalreporterin in Südafrika, genauer gesagt in der östlich gelegenen südafrikanischen Provinz KwaZulu-Natal und hat sich diesen Posten hart erkämpft.
Eines Tages erhält Maggie einen Anruf von Balthasar Meiring, der bei der Aidshilfe-Mission arbeitet. Er berichtet ihr von einer Sammelklage mehrerer Familien, die durch AIDS Angehörige verloren haben. Sie klagen einen Arzt, der unwirksame Vitamincocktails als Medizin gegen AIDS verkauft hat um Schadenersatz.
Cloete wimmelt den Anrufer jedoch ab, da sie meint, das Thema passe nicht in ihr Ressort.
Wenige Tage später wird Balthasar Meiring am hellichten Tag erschossen.
Maggie fühlt sich dafür verantwortlich und beginnt nachzuforschen. Sie deckt daraufhin ein Geflecht aus Lügen, Betrug, Machtmissbrauch und Gewalt auf. Dabei gerät sie selbst in große Gefahr. Doch Maggie lässt sich nicht aufhalten, denn das Leben von Kindern steht auf dem Spiel.

»Balthasars Vermächtnis« wird als Kriminalroman verkauft. Hinter dem Buch verbirgt sich allerdings mehr. Es ist einer der rasantesten und gleichzeitig tiefgründigsten Polit-Thriller der letzten Jahre.
Wahre Hintergründe wurden von der Autorin perfekt rechcherchiert, in eine spannende fiktive Story verpackt und mit interessanten Charakteren angereichert.
Die Protagonistin Maggie Cloete gibt eine wunderbare Identifikationsfigur ab: sympathisch, mitfühlend, intelligent, sensibel, aber auch mutig, direkt, kämpersisch und knallhart, wenn es darauf ankommt. Sie ist eben eine echte Heldin!

Die anderen Figuren wurden ebenfalls plastisch gezeichnet, agieren stets glaubhaft und authentisch.
Charlotte Otter entführt den Leser zusammen mit Maggie auf ihrer »Henne« an südafrikanische Schauplätze, die dank der bildhaften Beschreibung der Autorin vor dem geistigen Auge des Lesers lebendig werden.
Und immer wieder erfahren wir schockierende Details, die einen beim Lesen den Atem stocken lassen.

Gleich auf den ersten Seiten wird man in eine mitreißende Geschichte gezogen, deren Spannung kontinuierlich auf hohem Niveau bleibt, bis zum ergreifenden Showdown. Der Plot glänzt durch einen perfekten Aufbau, der rote Faden geht nie verloren.

Balthasars Vermächtnis ist somit ein spektakuläres Leseerlebnis mit vielen Action-Szenen, ohne jemals platt zu werden. Der Leser wird in einen Strudel der Gewalt gezogen, mit Rassismus, Geld- und Machtgier der Politiker konfrontiert. Die Wertlosigkeit von Kindern, Frauen und Kranken und wie skrupellose Männer sich bei ihren Verbrechen an diesen Menschen gegenseitig decken wird hier besonders hervorgehoben.
Dank der intelligenten Autorin wird in diesem Hard-boiled Krimi auch an tiefgründigen Szenen und Dialogen nicht gespart.

Einzig das Cover ist wenig ansprechend und ausdrucksstark. Es verrät zu wenig über das Buch, bzw. wird dem Buch nicht gerecht.

Balthasars Vermächtnis ist eine temporeiche Jagd durch Südafrika und ein rundum gelungenes und beeindruckendes Debüt von einer Autorin, die sicher noch viel zu sagen und zu schreiben hat.

Vielen Dank an den Ariadne/Argument Verlag für diese atemberaubende, kurzweilige und informative Lektüre.
(Eine Rezension von J.B. Wind)
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