Das andere Kind von Charlotte Link

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2009 bei Blanvalet.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland, 1990 - 2009.

  • München: Blanvalet, 2009. 666 Seiten.
  • München: Blanvalet, 2011. ISBN: 978-3-442-37632-2. 666 Seiten.
  • [Hörbuch] Köln: Random House Audio, 2009. Gesprochen von Gudrun Landgrebe. ISBN: 3837101355. 8 CDs.

'Das andere Kind' ist erschienen als TaschenbuchHörbuchE-Book

In Kürze:

Bei der Verlobung einer Freundin verdächtigt Leslie Cramers Großmutter Fiona den Bräutigam der Erbschleicherei. Wenig später ist die alte Dame tot – brutal erschlagen. In ihrem Nachlass finden sich Dokumente, die beweisen, dass sie vor langer Zeit in eine schreckliche Tragödie verwickelt war. Leslie geht den Hinweisen nach und ihr wird klar, dass ein weiterer Mord bevorsteht.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein Plädoyer für mehr Menschlichkeit« 75°

Krimi-Rezension von Jürgen Priester

Wir leben in Zeiten des Etikettenschwindels. Wir sollen Erdbeerjoghurt ohne Erdbeeren kaufen, Rahmspinat ohne Sahne, Roggenbrötchen (fast) ohne Roggen. Die Reihe ließe sich endlos fortsetzen. Markenartikel, die wir mit gestandenen Familienbetrieben in Verbindung bringen, sind schon längst in Konzernes Hand und werden in Billiglohnländern produziert.

Auf unsere Lieblingslektüre bezogen kann das heißen, dass dort, wo z.B. Psychothriller draufsteht, weder Psycho noch Thrill zu finden ist. Wenn "James Patterson" als Autor genannt wird, heißt es noch lange nicht, dass er das Buch auch geschrieben hat. Auch auf die Heroinen der Krimikunst ist kaum noch Verlass. Patricia Cornwell schreibt mittlerweile über die Sorgen der Schönen und Reichen. Elizabeth George versucht sich in Gesellschaftsromanen mit kritischer Note. Beide haben sich, wie einige andere auch, von dem Genre entfernt, das sie berühmt gemacht hat – dem Kriminalroman. Charlotte Link hat in ihrer künstlerischen Laufbahn schon alles mögliche geschrieben: historische und Gesellschaftsromane, Romantic Suspense, Psychothriller und Krimis, wobei die beiden letztgenannten in ihrer Abgrenzung nicht eindeutig sind. In einem Interview hat die Autorin mal über ihre Herangehensweise gesagt, dass sie aus einer Idee, einem Thema ein Konzept entwickle, dies zu einem Plot verarbeite und sich nicht hinsetze, um mit ihrem Roman ein bestimmtes Genre zu bedienen. So entzieht sich Das andere Kind einer Kategorisierung, wozu auch keine Notwendigkeit besteht. Charlotte Link hat einfach nur eine vielschichtige und spannende Geschichte geschrieben, das ist weitaus mehr als viele andere leisten. Um eine kleine Geste der Menschlichkeit – besser um deren Fehlen – geht es in ihrem Roman.

Leslie Cramer erhält eine Einladung aufs Land zur Hochzeit ihrer Jugendfreundin Gwendolyn Beckett. Das passt der vielbeschäftigten Ärztin aus London gut, da sie momentan in argen Differenzen mit ihrer Noch-Ehemann steckt. Eine Auszeit wäre jetzt genau das Richtige, könnte sie doch gleichzeitig und ihre Großmutter Fiona Barnes besuchen, die in Scarborough,Yorkshire lebt. Bei ihr hat sie ein Großteil ihrer Kindheit und Jugend verbracht, da ihre Mutter, ein echtes Kind der Flower-Power-Ära, meist anderweitig beschäftigt war. Das Verhältnis zwischen Großmutter und Enkelin ist nie besonders herzlich gewesen, da Fiona aus verschiedenen Gründen verbittert ist und mit ihren teils verqueren Lebensweisheiten nicht hinterm Berg hält. Eine lange Freundschaft verbindet Fiona mit Gwendolyns Vater Chad Beckett. Bei den Becketts war Fiona als junges Mädchen während des 2. Weltkriegs einquartiert.

Rückblende. London – Yorkshire, 1940. Nazi-Deutschland bombardiert fast täglich die britische Hauptstadt. Im Rahmen eines Evakuierungsprogrammes der Regierung werden schwerpunktmäßig Kinder in ungefährdete Landesteile untergebracht. Unter ihnen ist die elfjährige Fiona Swales. Zufällig und ungeplant wird ihr der kleine Brian Somerville an die Hand gegeben. Brian hatte gerade durch einen Bombenschlag Familie und Heim verloren. Nicht besonders begeistert, doch mitfühlend nimmt sich Fiona seiner an. In Yorkshire werden die beiden von den Becketts, einer Schafzüchter-Familie aufgenommen. Vater Arvid ist ein mürrischer, schwerarbeitender Mann, der seine Familie so gerade über Wasser halten kann. Jeder »Fresser« mehr an seinem Tisch ist ihm Gräuel. Mutter Emma, herzensgut, aber nicht bester Gesundheit, kümmert sich um die Neuankömmlinge. Chad, der pubertierende Sohn der Familie freundet sich mit Fiona an, während er Brian mit der Herablassung eines Heranwachsenden begegnet. Für ihn ist Brian ein »Nobody« – ein Niemand. Brian Somerville, nicht nur traumatisiert durch seine Erlebnisse in London, sondern auch allgemein geistig zurückgeblieben, spricht kaum ein Wort und klammert sich verzweifelt an Fionas Rockzipfel. Dieser ist Brians ständige Anwesenheit lästig geworden, da sie sich in einer ersten jugendlichen Schwärmerei in Chad verguckt hat. Brian hingegen geht schweren Zeiten entgegen – von den Kindern ausgrenzt, vom Pflegevater abfällig als »Das andere Kind« bezeichnet.

Gegenwart. Die Familie Beckett besteht nur noch aus Chad und seiner erst spät geborenen Tochter Gwendolyn. Die Schafzucht hatte Chad nach dem Tode seiner Eltern aufgegeben und bestreitet jetzt mehr schlecht als recht seinen Lebensunterhalt mit der Vermietung von Fremdenzimmern. Seine Freundschaft zu Fiona hat die Jahre überdauert. So ist Fiona, früher noch in Begleitung ihrer Enkelin Leslie, oft und gern gesehener Gast auf der Farm. Als nun Gwen Beckett überraschend ihre baldige Hochzeit ankündigt, sieht sich die alte Dame befugt einzuschreiten, da sie an der Seriosität des Bräutigams zweifelt. Bei einem feierlichen Abendessen kommt es dann auch zum Eklat. Angesichts des Auserwählten Dave Tanner kann Fiona sich nicht zurückhalten und traktiert Dave mit peinlichen Fragen zu seinem Status und seinen Absichten. Dieser verlässt überstürzt die Feier. Am nächsten Morgen ist auch Fiona Barnes verschwunden.

Charlotte Link erzählt ihre Geschichte aus ständig wechselnden Perspektiven, wobei nicht nur die Hauptakteure zu Worte kommen, sondern auch Nebenfiguren wie die ermittelnde Polizistin Valerie Almond oder das Ehepaar Brankley, das seinen Urlaub auf der Beckett-Farm verbringt. Besondere Aufmerksamkeit widmet die Autorin der Lebensgeschichte von Fiona Barnes, deren Erinnerungen an die Kriegs- und Nachkriegszeit als hervorgehobene Computerdatei (Das andere Kind doc.) dargestellt wird. Wie so oft spielt auch hier Ereignisse aus der Vergangenheit eine wichtige Rolle, die ganz extrem das gegenwärtige Leben beeinflussen. Es soll nicht verschwiegen werden, dass es hier um Mord und Totschlag geht, die sich nicht nur auf einen familiären Kreis beschränken. Der Roman beginnt nämlich mit dem Schicksal einer Studentin auf ihrem nächtlichen Nachhauseweg. Eine spannende Einstiegsszene, die die Haupthandlung nachhaltig beeinflussen wird. (An dieser Stelle sei vermerkt, dass die Autorin diesen Nebenstrang nicht sauber zu Ende führt.)

Viele falsche Spuren – für den Leser ersichtlich oder versteckt – eine geschickte Verquickung von Vergangenheit und Gegenwart führen zu Wahrheiten, die erschüttern und nachdenklich stimmen. Das Nicht-Hingucken, das Nicht-Wahrnehmen-Wollen von Einzelschicksalen oder das ganzer Völker ist ein Kennzeichen unserer Zeit. Charlotte Link legt einen kleinen Finger auf eine große Wunde.

An anderer Stelle im Internet wird zur Zeit (April/Mai 2011) über den politischen Kriminalroman diskutiert. Auch wenn Charlotte Links »Politik« nicht so offensichtlich ist, nicht auf konkrete Ereignisse oder Missstände eingeht, ist Das andere Kind ein Plädoyer für mehr Menschlichkeit. Man kann darüber lächeln, denn an manchen Stellen ist der Roman schon arg »cozy« und auf Massenkompatibilität getrimmt. Einige erinnern sich vielleicht an Johannes Mario Simmel, dessen Romane ab den 1960er Jahren ein Millionen-Publikum erreichten, die aber in intellektuellen Kreisen als Trivialliteratur geächtet waren, dabei handelten sie zum Teil von heute immer noch aktuellen Themen wie Genmanipulation, Ausländerfeindlichkeit und Drogenhandel. Weder Simmel, noch Link gaukelten den Lesern eine heile Welt vor mit künstlichen Problemchen. Manchmal erreicht eine dezent vorgetragene Kritik mehr Augen und Herzen.

Jürgen Priester, Mai 2011

Ihre Meinung zu »Charlotte Link: Das andere Kind«

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Christina zu »Charlotte Link: Das andere Kind« 29.08.2017
Es ist das letzte Buch aus der Reihe von Charlotte Link, welches ich gelesen habe und ich muss sagen, es ist das Beste. Es hat mich so tief gerührt - ich habe geweint!! Am Anfang denkt man es wird wieder ein spannender Krimi mit Familiengeschichte, aber als der kleine Junge in Erscheinung tritt, ändert sich alles. Ich konnte nicht aufhören, weiter zu lesen. Eine erschütternde Geschichte. Was dieser Junge in seinem Leben mitmachen musste, einfach nur traurig. Als ich mit dem Roman fertig war, merkte ich auf einmal: Wer hat eigentlich Amy ermordert ? Aber das dies nicht aufgeklärt wurde, finde ich nicht schlimm. Hoffentlich schreibt Frau Link noch weiter so spannende Bücher! Vielen Dank!
Janina zu »Charlotte Link: Das andere Kind« 14.03.2017
Meine Meinung:
Mein 4. Charlotte Link-Buch - leider enttäuschend.
Nach "Der Beobachter" und "Sturmzeit" habe ich auf einen spannenden Psycho-Plot mit mehr Spannung gehofft.

Sehr langatmig, zu viele nicht relevante Beschreibungen. Story an sich interessant und auch recht außergewöhnlich. Die Geschichte hat mich zwar auch berührt, allerdings geht das ganze eher in Richtung Rosamunde Pilcher.
D. Ganz zu »Charlotte Link: Das andere Kind« 06.01.2015
Gestern erst habe ich das Buch fertig gelesen. Es beschäftigt mich sehr. Das schwere Schickal des kleinen Jungen und später erwachsenen Brian Somerville steht im Vordergrund, so dem Leser geschickt aufgezeigt wie andere Menschen leiden, wenn man einfach wegschaut oder keine Empathie zeigt. Ich habe schon viele Bücher von Charlotte Link gelesen - dieses ist mit Abstand das Beste. Ich habe geweint!
Gabriele Albrecht zu »Charlotte Link: Das andere Kind« 25.10.2014
Das andere Kind -
ja auch ich musste mir das Hörbuch kaufen, um einigermaßen durch zu blicken.
Durch Fragen an meine Bekannten,
musst ich feststellen, dass ich nicht allein
im Dunkeln stand, mit meinem Wissen.

Sehr spannend, aber leider bleiben einige
Vorfälle einfach offen.

So auch der Tod von Amy. Er wurde nicht
aufgeklärt, und machte doch gerade dieser
Mord, das Buch auch spannend.

Man sollte den Leser, nicht so im Regen stehen lassen... dann bringt es ja nichts das ganze Buch gelesen zu haben.
Schade, an sonsten war das Buch mitreißend, und spannend.

Ich würde das Hörbuch empfehlen, und bitte beim nächsten Buch von Charlotte Link etwas mehr Klarheit.

G.A. für
www.streuner-dieser-welt.de
Aylin zu »Charlotte Link: Das andere Kind« 20.09.2014
İch fand das buch erstklassig geschrieben habe bis jetzt fast alle bücher gesamthaft gelesen. Was ich am schluss sehr sehr schade fand das der fall von amy nicht aufgeklaert wurde. Wer hat sie ermordet? War es auch der selbe mörder gewesen ?
Und auch das man nicht beschrieben hat den dialog von brian und leslie... Wurde ich das buch weiter empfehlen ? Ja aber mit bedacht wegen dem ende :-))
Wallner Andreas zu »Charlotte Link: Das andere Kind« 11.07.2014
Ich habe das Buch gelesen. Die Kriegsjahre klingen sehr spannend. Man liest in jeder Zeile heraus, dass die Autorin ein grosses Wissen von Kriegsgeschichte hat. Auch eine schöne Beschreibung über England liegt im Roman vor. Die Autorin bietet diese übrigens in anderen Romanen auch. So kommt man aufgrund ihrer blumigen und auch oft schattigen Schilderungen im Roman vorliegender Landstriche gerne auf Urlaubsgedanken und möchte die von ihr beschriebenen rauhen und nebeligen Küsten gerne selbst ergründen.
Gerlind Lehmann zu »Charlotte Link: Das andere Kind« 28.05.2013
Durch den Plot um Brian Somerville ist es für mich zu einem der erschütternsten Bücher geworden, die ich je gelesen habe - und das sind knapp 60 im Jahr (als Bibliothekarin). Was mir außerdem passiert ist: als Semira Leslie erzählt, wie entmenschlicht Brian bei MacBright gehalten wurde, kamen mir die Tränen und sie hörten nicht auf, als sie Leslie berichtete, dass Brian, inzwischen ein alter Mann und im Pflegeheim, seit 60 Jahren tagtäglich darauf wartet, dass Fiona ihn besuchen kommt.
Kälte, Hass und letztlich reiner Sadismus haben für diesen kleinen Jungen das Leben zur Hölle gemacht - bis er ein alter Mann war.
Hervorragend natürlich wieder die feine und wirklich schöne Sprache, derer sich Frau Link bedient - wohltuend zu genießen im Kauderwelsch schlecht übersetzter (weil Übersetzungsbüros billiger und schneller sind als Meister ihres Fachs) Massenare von US-Titeln und billig Lesefutter á la Heimatschnulzen.
Echt wirklich tolles Buch!!!
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Steffi zu »Charlotte Link: Das andere Kind« 29.04.2013
Das andere Kind ist meiner Meinung nach das beste Buch von Charlotte Link. Vom Anfang bis zum Ende spannend geschrieben und ich konnte es nicht mehr aus der Hand legen. Auch die Personen konnte ich mir sehr gut vorstellen. Etwas verwirrend waren nur die Sprünge zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Ich würde es jederzeit weiterempfehlen!!
Nicki zu »Charlotte Link: Das andere Kind« 01.03.2013
Ich habe mich jetzt durch die ersten 100 Seiten gequält und bin sichtlich enttäuscht. Von spannend kann für mich hier keine Rede sein. Ewiges Hin- und Hergespringe, langweiliges, gummibandähnliches Gezerre des Inhaltes, der mir völlig undurchsichtig erscheint.
Hatte das Buch vor 5 Tagen angefangen, es nach 30 Seiten beiseite gelegt und es nur noch aus dem Augenwinkel betrachtet. Vielleicht, so dachte ich mir, liegt es an meiner Tagesstimmung und ich komme an einem anderen Tag besser voran, aber nein. mir kam unterdessen das Gähnen. Ich werde es nun mit dem Wissen beiseite legen, dass dies kein Buch für mich war.
Gabymaus zu »Charlotte Link: Das andere Kind« 23.01.2013
Der Film war viel zu weit von dem Buch! Das Buch fand ich spannend und einfühlsam. Ohne das Buch gelesen zu haben, hätte ich die Habdlung nicht nachvollziehen können. Warum hat man soviel hinzugedichtet, geändert und weggelassen???
Das Buch fand ich spitze, ich konnte es kaum aus der Hand legen, den Film nicht so besonders.
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