Der Bocksgesang von Chantal Pelletier

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2000 unter dem Titel Le chant du bouc, deutsche Ausgabe erstmals 2001 bei Distel.
Ort & Zeit der Handlung: Frankreich / Paris & Korsika, 1990 - 2009.

  • Paris: Gallimard, 2000 unter dem Titel Le chant du bouc. 204 Seiten.
  • Heilbronn: Distel, 2001. Übersetzt von Eliane Hagedorn & Barbara Reitz. ISBN: 3923208537. 207 Seiten.

'Der Bocksgesang' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Doppelmord im »Moulin Rouge« und ein Crack-Dealer mit durchgebissener Kehle – so hatte sich Kommissar Maurice Laice seine Rückkehr nach Paris nicht vorgestellt. Die Spuren führen in einen Sumpf von dunklen Immobiliengeschäften, synthetischen Dogen, Porno-Videos von der Butte Montmartre bis nach Korsika …

Das meint Krimi-Couch.de: »Intelligent, spritzig, kurzweilig« 70°

Krimi-Rezension von Lars Schafft

Mehr ist weniger – so wird Kommissar Maurice »Momo« Laice gerne von Kollegen und Vorgesetzten bei der Pariser Polizei genannt. Mehr ist weniger wie »more is less« wie sein Name englisch gesprochen und verstanden wird. Denn Laice ist eine bemitleidenswerte Person: Rheuma, Krampfadern, schwer depressiv, dazu nicht unbedingt ein Casanova. Wer jetzt schon vermutet, mit »Der Bocksgesang« der Französin Chantal Pelletier einen dieser ewig wiederkehrenden Krimis nach Schema F (»griesgrämiger Ermittler gegen das Böse der Welt«) in der Hand zu haben, irrt gewaltig. Denn dieser kleine, feingliedrige Roman hat´s in sich, liest sich auf eine charmante Weise wunderbar und das alles ohne die Bürde des Protagonisten auf den Leser abzuwälzen. Aber der Reihe nach.

Monsieur le Commissaire steht vor einer grausigen Inszenierung, passenderweise in einem Theater im Stadtteil Montmartre. In einer Lache aus Blut liegen zwei Körper eng aneinander geschmiegt – und tot. Der Tänzer Manfred Godalier und die Schneiderin Elsa Suppini. Was wie ein finaler Liebesakt wirken soll, entpuppt sich als bitterböses Schauspiel. Manfred war homosexuell, die junge bildhübsche Korsin Elsa noch Jungfrau. Vom Täter fehlt die Spur wie das Motiv.

Als ob Maurice Laice nicht schon genug mit sich selbst zu tun hätte, nun dieser unsägliche Doppelmord. Und das harte Leben eines Kommissars in seinen Vierzigern setzt noch einen drauf. In einer verwahrlosten Wohnung wird eine weitere Leiche gefunden – mit durchgebissener Kehle, ein Toter im Drogenmilieu.

So bleibt dem emsigen, wenn auch nicht mit Geistesblitzen gesegten Laice nichts anderes übrig, als auf den herrischen Befehl seiner zu Liebesorgien neigenden Vorgesetzten Lefèvre zu reagieren und mehrgleisig zu ermitteln.

Allerdings weitgehend erfolglos. Auch der Trip nach Korsika, dieses für Franzosen so anarchistisch wirkende Eiland, bringt nur in einer Hinsicht Klarheit. Denn die von Laice so verehrte ermordete Korsin Elsa war bei weitem nicht die Unschuld von der Insel. Was die von ihr auf Videos festgehaltene Sodomie (zartbesaitete Leser sollten diese Stelle im Buch wohlwollend überspringen) mit ihrem Mord zu tun hat, will ihm dann aber doch nicht so recht einleuchten.

So tappt »Momo« durch die Weltgeschichte und bekommt hier und da verbal eins von seiner feministischen Chefin und ihrem Ex-Mann, der nun auf Korsika Polizist ist, übergebraten. Letztendlich liegt die Lösung für die Morde dann doch näher an »Momos« Haustür, als dem Polizisten lieb sein kann und er findet nur im Restaurant seines alten Freundes Boualem, ein Algerier, sowie in den Armen der Mutter des ermordeten Manfreds Trost. Zuwenig für diese Welt, wie sich am Ende herausstellt und begründet, warum »Der Bocksgesang« mit dem Grand Prix du Roman Noir francais ausgezeichnet worden ist und – auch wenn er so gar nicht richtig »noir« sein möchte – in diese Schublade passt.

Denn bis dahin will besagte Noir-Stimmung überhaupt nicht durchschlagen. Maurice Laices Leben ist hart, aber er hart im Nehmen. Meistens mit einer gehörigen Prise Sarkasmus zwar, aber irgendwie liebenswert komisch. Die Figuren, die Chantal Pelletier zeichnet, sind so farbenfroh und schillernd, dass eine etwaige dunkle Atmosphäre das Lesevergnügen in keinster Weise trüben kann.

Wo viel Licht, ist meistens aber auch Schatten. Nicht anders in »Der Bocksgesang«. Denn Madame Pelletier streift dann doch ein paar zu viele politische Themen, als einem Krimi von 200 Seiten gut tun kann. Man kann ihr nicht vorwerfen, dass sie sich darin verheddert. Aber die Korsika-Frage mit all ihren Eigenheiten gibt sicherlich mehr als ausreichend Stoff für einen eigenen Roman her, wird bei Pelletier allerdings nicht wirklich verfolgt. Außerdem der Wandel des Künstler-Viertels Montmarte zum In-Viertel der Neureichen, vielleicht die vorherrschende Thematik. Drogenmissbrauch, Einsam- und Hoffnungslosigkeit, Freundschaft und der Konflikt in Algerien. Eine lange Liste an Problemen, etwas zu lang für den dann doch begrenzten Handlungsrahmen.

Manchmal ist weniger eben doch mehr (»less is more«) und würde aus einem guten, locker und leicht zu lesenden Krimi, einen sehr guten machen. Nichtsdestotrotz bleibt »Der Bocksgesang« ein thematisch zwar etwas überfrachteter, jedoch intelligenter, spritziger und kurzweiliger Kriminalroman, der nicht nur frankophilen Lesern gute Unterhaltung auf hohem Niveau bietet.

Das meinen andere:

»Der Bocksgesang ist eine bitter-süße Geschichte, mit spitzer Feder und scharfem Blick geschrieben, lebendig erzählt und mit treffenden Formulierungen gewürzt.« (Le Monde)

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bemchan zu »Chantal Pelletier: Der Bocksgesang« 21.08.2011
Zukünftig werde ich einen großen Bogen um Bücher von Mme. Pelletier machen.

Euphemistisch formuliert kann man wohl durchaus sagen, das Buch sei alles andere als die gewohnte Krimi-Einheitskost; aber ich persönlich lese dann doch lieber den 47. Agatha-Christie-Krimi als noch mehr intime Details aus dem Leben eines noch depressiveren Ermittlers als Kurt Wallander!

Immerhin merkt man dem Buch meiner Meinung nach an, daß die Autorin das Paris, über das sie schreibt, auch kennt.
Mimi zu »Chantal Pelletier: Der Bocksgesang« 21.09.2003
Mich hat dieser Krimi überhaupt nicht überzeugt.Ich habe in den letzen Wochen 5 französische Krimis für eine Hausarbeit gelesen und diesen hier fand ich ganz schlimm. Was hinten draufsteht, hört sich ja noch interessant an, aber eigentlich habe ich mich durch das Buch gequält. Den Kommissar fand ich total ätzend, die sexistischen, perversen Kommentare von seiner Chefin haben mich echt angeekelt- genauso wie die merkwürdigen Sexszenen zwischen dem unansehnlichen Kommissar und einer häßlich Frau. Die Auflösung fand ich sehr plump und einfach doof.
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