Unter dieser furchterregenden Sonne von Carlos Busqued

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2009 unter dem Titel Bajo este sol tremendo , deutsche Ausgabe erstmals 2010 bei Kunstmann.
Ort & Zeit der Handlung: Argentinien, El Cordoba, Lapachito, 1990 - 2009.

  • Barcelona: Editorial Anagramma, 2009 unter dem Titel Bajo este sol tremendo . 182 Seiten.
  • München: Kunstmann, 2010. Übersetzt von Dagmar Ploetz. ISBN: 978-3888976780. 189 Seiten.

'Unter dieser furchterregenden Sonne' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Cetarti versinkt im Nichts. Ohne Arbeit und Plan verbringt er seine Tage kiffend vor dem Fernseher und schaut mit Vorliebe Tierfilme über kannibalische Riesenkraken und militärhistorische Dokumentationen im Discovery Channel. Der Anruf eines Unbekannten reißt ihn jäh aus seiner Lethargie. Seine Mutter und sein Bruder seien erschossen worden, er solle sich um die Leichen kümmern. Eher unwillig und mit genügend Dope in der Tasche macht er sich in das abgelegene Provinzdorf im Chaco auf. Lapachito ist ein finsterer Ort, wo die Häuser immer tiefer im Schlamm versinken und eine grelle, furchterregende Sonne die Menschen in den Wahnsinn treibt. Für Cetarti – und den Leser – beginnt ein halluzinogener Horrortrip in eine surreale Welt, in der es von giftigen Insekten wimmelt und die Menschen sich wie Raubtiere verhalten. Entführungen, Erpressungen und Erniedrigungen sind hier so selbstverständlich wie das Basteln an Modellen von Langstreckenbombern, Fastfood und Kabelfernsehen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ohne Trost zu vertrockneten Ufern. Die Sonne brennt, Frankfurt wartet. Zurecht« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Jochen König

Obwohl der Roman mit einem Zweifachmord plus Suizid des Täters beginnt, Entführungen, Versicherungsbetrug, Drogen- und Kindesmissbrauch (zumindest in Andeutungen) vorkommen, kann man Unter dieser furchterregenden Sonne kaum als Kriminalroman, geschweige denn Thriller bezeichnen. Eine fiebrige Studie in wahrhafter Trostlosigkeit trifft es eher.

Javier Certati verbringt seine Tage (und Nächte?) Marihuana rauchend vorm Fernseher. Sein größtes Faible sind Dokumentationen über Riesenkraken. Eines Tages werden sein Bruder und seine Mutter von deren Lebensgefährten erschossen, der daraufhin Selbstmord begeht. Certati reist nach Lapachito, jenem Ort an dem einem der »Geruch von Scheiße« ins Gesicht schlägt, sobald man ihn erreicht. Er identifiziert die Toten, lernt den zwielichtigen Duarte kennen, mit dem er die Versicherung um die ausstehende Lebensversicherung betrügt. Könnte zumindest so sein, denn wirklich kümmert es Certati nicht, ob ein Betrug vorliegt, oder ob er selbst der einzige Betrogene ist, dem Duarte einen Großteil des Geldes vor der Nase wegschnappt.

Er ist zufrieden mit dem, was er kriegt, solange er sich nicht zu sehr darum bemühen muss. Er ist ein Streuner, der mehr einer Molluske als einem Kraken gleicht; lethargisch kriecht er durch sein Leben und nimmt selbst radikalste Veränderungen nur als ärgerliche Unterbrechungen wahr, die ihn vom Fernsehgerät weglocken wollen.

Unter dieser furchterregenden Sonne ist eine Wanderung durch eine Schattenwelt in der permanent die Sonne scheint. Die Menschen, die diesen unwirtlichen Platz in Busqueds Argentinien von heute bevölkern, sind fast durchweg gescheiterte Existenzen. Getrieben von einer diffusen Gier wie Duarte und sein fetter Komplize Danielito, am Rande des Wahnsinns wie die todessehnsüchtige Mutter Danielitos, oder die rastlose Hauptfigur Certati, die zu fast keiner emotionalen Reaktion mehr fähig ist. Mutter und Bruder erschossen? Passiert halt, der Kontakt war sowieso nicht besonders ausgeprägt. Jetzt kann er wenigstens die vor Unrat starrende Behausung seines Bruders beziehen. Certati nimmt alles hin, was ihm widerfährt, wie betäubt schlafwandelt er sich durch die Handlung. Ob Drogen oder die Abscheu vor der eigenen bemitleidenswerten Existenz dafür verantwortlich sind, lässt Busqued offen. Fast zu aufdringlich bieten sich die Passagen um die Kraken als Sinnbild für all die verkorksten Leben an. Man wird beobachtet, gejagt, verliert ein Tentakel – trotzdem geht das Leben weiter, dort im tiefen, dunklen Wasser. Bis einen Schicksal, Kollisionen oder willkürliche Gewalttaten endgültig aus dem Zufallsgenerator reißen, der Leben heißt.

Carlos Busqued füllt seinen 189 Seiten kurzen Roman mit einem wahren Pandämonium an Obskuritäten, die allerdings dicht an dem angesiedelt sind, was gerne Normalität genannt wird. Zwischen dem Alltag mit erniedrigenden Pornos, die es an jeder Straßenecke zu kaufen, oder im Internet umsonst gibt und der wiederkehrenden Geschichte von den durchgeknallten indischen Elefanten, die mit ihrem Rüssel an die Tür klopfen, um anschließend den öffnenden Bewohnern die Schädel einzuschlagen, bleibt viel Raum für Seltsames.

Alptraumhaft eingefangen in der Figur des Duarte: Ex-Soldat (im Dienste eines Terrorregimes?!), jetzt betrügerischer Testamentsvollstrecker, Sammler perverser Pornos, Kidnapper, und mehr als wahrscheinlich: Vergewaltiger und Mörder. Die eigenen Verbrechen eher beiläufig begehend, ist er stets auf der Suche nach dem Niedersten, was Menschen sich antun lassen. Die Kulmination eines perfekten Folterknechts: interessiert an allem um ihn herum, ein aufmerksamer Chronist der Zerstörung anderer, ohne den Ehrgeiz, die Welt oder zumindest ein Land zu unterjochen. Ein Gehilfe, von dem Diktatoren träumen.

Und geträumt wird viel im Land der furchterregenden Sonne. Doch wenig Schönes. Stattdessen bricht die Welt endgültig über den Träumenden zusammen. Bis der alltägliche Wahnsinn sich scheinbar gelangweilt erhebt…

Und sein Banner auf gebeugtes Haupt pflanzt. Denn zu Kreuze kriechen alle Protagonisten Busqueds fast zwangsläufig. Es gibt keine Identifikationsfigur für den Leser, selbst wenn man mit dem tumben Certati mitleidet, der sich in einem bedauernswerten Axolotl wiederfindet, bleibt wenig Bemerkenswertes von ihm haften.

So ist Unter dieser furchterregenden Sonne schwärzester Noir. Durchschimmernd grimmiger Humor, ansonsten: keine Hoffnung, nirgends; sondern nur das Vertrauen, jenes Quäntchen Glück zu haben, das einen weiter leben lässt. Doch was für ein Leben ist das? Ein verhungernder Axolotl weiß vielleicht die Antwort. Doch niemand fragt ihn. Er entschwindet einfach.

Carlos Busqueds kleine argentinische Topographie ist die des Grauens. Keines großen, das Blutsuppe anrührt und sie kübelweise ausschüttet, sondern eines, das unterschwellig alles ergriffen hat, was sich innerhalb seiner Grenzen bewegt. So unterschwellig, dass manch einer gar nicht bemerkt, wie nah er dem Tod ist. Oder mitbekommt, dass der Tod anderer das eigene Weiterleben bedeuten kann.

Man kann diese alptraumhafte Phantasmagorie lieben oder hassen, unberührt dürfte sie kaum jemand lassen.

»Hey Mann, kennst du Malcolm Lowrys Unter dem Vulkan
»Klar!«
»Was würdest du von einer modernen, komprimierten Variante ohne Folklore mit einem prolligen Dopehead in der Hauptrolle halten?«
»Könnte interessant sein. Oder öde.«
»Nee Mann, ist die Hölle, sag´ ich dir. Die Hölle.«
Wäre möglich …

Jochen König, Oktober 2010

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