Rocking Horse Road von Carl Nixon

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2007 unter dem Titel Rocking horse road, deutsche Ausgabe erstmals 2012 bei Weidle.
Ort & Zeit der Handlung: Neuseeland / Christchurch, 1990 - 2009.

  • Auckland: Random House New Zealand, 2007 unter dem Titel Rocking horse road. 234 Seiten.
  • Bonn: Weidle, 2012. Übersetzt von Stefan Weidle. ISBN: 978-3938803509. 236 Seiten.

'Rocking Horse Road' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Kurz vor Weihnachten 1980 wird die Leiche der 17jährigen Lucy Asher frühmorgens am Strand von The Spit gefunden . In der Mitte dieser schmalen Landzunge vor Christchurch verläuft die Rocking Horse Road. Lucys Eltern haben ein Milchgeschäft an dieser Straße, und Lucy arbeitete oft dort, angeschwärmt von einer Gruppe 15jähriger Jungen. Einer von ihnen findet die Leiche, die anderen sind bald ebenfalls zur Stelle. Lucy wurde erwürgt. Für die Jungen ist damit ihre Kindheit zu einem traumatischen Ende gekommen. Die Suche nach dem Mörder schweißt sie zusammen – über 25 Jahre später sind sie ihm noch immer auf der Spur.

Das meint Krimi-Couch.de: »Roman einer Freundschaft« 78°

Krimi-Rezension von Jürgen Priester

Das Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ist Neuseeland, der unspektakuläre Inselstaat down under Australien. Als Stichworte zu Neuseeland fallen einem spontan vielleicht Commonwealth, grüne Insel, Schafzucht und Kiwis ein. Die Sportbegeisterten unter uns werden Rugby noch hinzufügen, denn in dieser Sportart gehört das Land zur Weltspitze. Rugby hat in Neuseeland den Stellenwert wie bei uns der Fußball und das Zusammentreffen von Rugby-Nationalmannschaften wird im vorliegenden Roman zu heftigen Kontroversen führen.

Neuseeländische Schriftsteller sind in unseren Breiten eher weniger bekannt. Das kann/wird sich ja durch die Buchmesse ändern. Für unser Genre, der Kriminalliteratur, ist da aktuell nur Paul Cleave zu nennen, dessen Thriller zumeist zum Serienmörderthema in einschlägigen Kreisen sehr beliebt sind.

Nun hat Stefan Weidle, ein rühriger Kleinverleger aus Bonn, den Neuseeländer Carl Nixon und dessen schon 2006 beendeten Roman Rocking Horse Road für uns entdeckt, nicht nur das, sondern ihn auch in Personalunion übersetzt und verlegt. Herausgekommen ist ein rundum gelungenes Werk. Schon auf das Äußere hat Stefan Weidle besonderen Wert gelegt. Unter dem richtungsweisenden Schutzumschlag stimmt der beidseitig bedruckte Einband etwas martialisch vielleicht auf den Inhalt ein, während das Titelblatt, das sich über fünf Seiten erstreckt, landschaftliche Impressionen des Schauplatzes zeigen.

Die »Rocking Horse Road« ist die Hauptstraße auf einer langgezogenen Nehrung an der Küste des neuseeländischen Christchurch. Der nachstehende Link vermittelt einen schönen Blick auf die Halbinsel. Eine Straße, einige kurze Querstraßen, an der Spitze eine unbewohnte Dünenlandschaft. Man könnte vermuten, dass diese attraktive Küstenlage ein bevorzugtes Wohngebiet der »Schönen und Reichen« sein könnte, aber denen wird das dortige Klima zu rau sein. Der ständig wehende Ostwind ist salzgeschwängert und bringt im Winter die eisige Kälte der Antarktis mit. Seit Jahr und Tag lebt hier nun die kleinbürgerliche Mittelklasse in ihrem unaufgeregten Alltagstrott bis eines Tages. …

1980, vier Tage vor Weihnachten. Es ist Hochsommer auf der Südhalbkugel. Ein Jugendlicher entdeckt am Strand bei den Dünen die nackte, wohl angeschwemmte Leiche einer jungen Frau. Es handelt sich um Lucy Asher, die attraktive Tochter des örtlichen Milchhändlers. Lucy hatte oft nachmittags nach der Schule im Laden ihrer Eltern ausgeholfen, so war sie fast allen bekannt, bei vielen beliebt. Nun ist sie tot. Ermordet wie die Polizei schon vor Ort feststellt. Die Ermittler bekommen nicht viel in die Hand. Spuren an Lucys Körper hat das Meer abgewaschen und die Zeugenaussagen über ihre letzten Stunden sind ungenau bis widersprüchlich. Je mehr der Ermittlungsdruck bei den Polizeikräften nachlässt, desto intensiver versucht eine Clique männlicher Jugendlicher, den Mord an Lucy aufzuklären. Dabei haben sie Lucy gar nicht näher gekannt, vom Sehen in der Schule – Lucy war zwei Klassen über ihnen – ein paar Worte im Milchgeschäft vielleicht. Doch waren die Jungen derart von dem Verbrechen, das eine aus ihrer Mitte riss, fasziniert, dass sie fortan einen regelrechten Lucy-Kult betrieben. Sie richteten einen separaten Raum ein, den sie mit Lucy-Bildern dekorierten und jederlei anderen Lucy-Memorabilien füllten. Die Tätersuche wird sie ihr weiteres Leben gefangen halten. Selbst jetzt, 25 Jahre später, in der Gegenwart, aus der sie auf die damaligen Ereignisse zurückblicken, können sie sich nicht von ihrer kollektiven Lucymania freisprechen.

Ein anderes Ereignis aus dieser Zeit, das normalerweise aus keiner anderen als der sportlichen Sicht für Aufruhr gesorgt hätte, war der Besuch der südafrikanischen Rugby-Nationalmannschaft zu einigen Freundschaftsspielen. Die »Springboks« aus Südafrika waren damals noch ein rein weißes Team, im Land herrschte ja noch die Apartheid. »Sport ist Sport und Politik ist Politik« war/ist eine verbreitete Devise von Menschen, die glauben, dass das eine vom anderen zu trennen sei. Umso überraschter war die neuseeländische Öffentlichkeit, als plötzlich Stimmen laut wurden, die die Rassentrennung in Südafrika anprangerten.

Auch in der Rocking Horse Road tauchten in einigen Fenstern Protestplakate auf. Es kam zu Aktionen, Kundgebungen und vereinzelten Demonstrationen, die die »Lucy-Clique« mit der ihr innewohnenden Neugier bestaunte. Waren die Spiele gespielt, legte sich die Aufregung und die Freunde kehrten wieder zu ihrer Obsession zurück, der Huldigung der Lucy Asher und der Suche nach ihrem Mörder.

Rocking Horse Road ist ein Roman über eine Freundschaft, die Jahrzehnte überdauert. Zusammengeschweißt wurde sie durch ein traumatisches Ereignis, der Ermordung Lucy Ashers. Ein tiefer Einschnitt in das Leben der 5 bis 6 Jungen (der Rezensent hat sie nicht gezählt), der vielleicht eine unbeschwerte Kindheit beendete, denn, als sie sich anlässlich der Beerdigung eines von ihnen alle treffen, stellen sie fest:

Was wir aber ganz genau wissen, ist, dass sich keiner von uns an die Zeit erinnern kann, bevor wir Lucy fanden.

 Carl Nixon unterstreicht das Zusammengehörigkeitsgefühl der Clique noch, indem er sie aus der ungewöhnlichen Wir-Perspektive erzählen lässt, ohne die einzelnen genau zu benennen. Manchmal hat man als Leser sogar das Gefühl, als schlösse sich der Autor in dieses kollektive »Wir« mit ein. Carl Nixon war Anfang der 1980er Jahre ungefähr im gleichen Alter wie seine Protagonisten. Es wäre naheliegend , dass das Lebensgefühl dieser Zeit und auch einzelne Szenen auf autobiografische Wurzeln zurückgingen.

Die 1980er Jahre werden ja gerne mit dem Zusatz »die wilden« versehen. Von dieser Wildheit ist jedoch in Christchurch, Neuseeland, zur Zeit der Geschichte nicht viel zu spüren. Die Jugendlichen aus der Rocking Horse Road wirken ein wenig hausbacken und zahm, da hätte man sich mehr Lebendigkeit gewünscht. Dem reinen Krimileser wird der Plot nicht spannungsvoll genug sein. Karl Nixon hat auch keinen Krimi geschrieben. Die Frage, wer Lucy Asher nun ermordet hat, ist nur sekundär. Nixon sieht das Verbrechen an Lucy als ein Wendepunkt im Leben vieler Menschen, der direkt Betroffenen wie Lucys Familie, die an der Tat zugrunde geht, und eben jener Gruppe Jugendlicher, denen das Gedenken an Lucy ein Denkmal der Freundschaft wird.

 Als Roman funktioniert die Rocking Horse Road überzeugend, als Krimi nur mit Einschränkungen.

Jürgen Priester, Oktober 2012

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walli007 zu »Carl Nixon: Rocking Horse Road« 12.11.2016
The Spit

Im Jahr 1980 wird die 17jährige Lucy Asher am Strand vor Christchurch tot aufgefunden. Sie wurde missbraucht und gewürgt. Sie war gerade mit der Highschool fertig und half oft bei ihren Eltern im Milchladen aus. Lucy war etwas wie ein Idol für die jüngeren Schüler. Und einer von ihnen hatte das Pech, sie zu finden. Die Polizei ermittelt intensiv. Doch auch die Jungen machen sich auf die Suche nach dem Täter. Diese Suche soll über 25 Jahre dauern. Gleich zu Beginn fangen die Mitglieder der Clique an, Lucys Wege nachzuzeichnen.

Auch in seinem ersten Roman wählt Carl Nixon eine ungewöhnliche Perspektive. Der Erzähler, ein Mitglied der Clique, zeichnet die Nachforschungen der Jugendlichen nach, die versuchen jede noch so kleine Information über Lucy zu finden. Also ist es nicht ein Fall für die Polizei, die eigentlich nur am Rande erwähnt wird, sondern ein Abenteuer für eine 15- oder 16jährige, die versuchen hinter Lucys Geheimnis zu kommen. Und sie stellen sich nicht einmal so dumm an, sie fragen in der Nachbarschaft rum, sie folgen ihren Verdächtigen auf dem Fahrrad, sie bleiben am Ball, bis sich tatsächlich einige Spuren und Informationen auftuen, die den offiziellen Ermittlungen durchaus zu Gute kommen.

Wie bereits im Klappentext angedeutet, dauert die Suche seit über 25 Jahren, man muss also davon ausgehen, dass der Täter auch nach der langen Zeit nicht gefasst wurde. Und dennoch sind es die Nachforschungen und Ermittlungen der Jungen, die zu Männern werden, welche die Freunde zusammenschweißen, gegen Jobs, Frauen, Kinder und Hobbys. Natürlich führt des Erwachsenenleben dazu, dass die Bande weniger eng sind, dass es auch mal zeitliche Lücken gibt. Doch grundsätzlich hält das Band. Zwar versuchen hier Jugendliche, herauszufinden, was in der Mordnacht mit Lucy geschah, aber neben dem mysteriösen Todesfalls geht es auch um die Jungs-Clique, aus der sich eine Männerfreundschaft entwickelt. Vieles bleibt im Verborgenen in diesem Fall, der eigentlich keiner ist. Doch genau das macht einen großen Teil der Spannung aus. Man ist versucht selbst zu rätseln und die Lücken zu füllen, die der Autor lässt, man grübelt darüber nach, ob Nixon nicht doch einen Hinweis auf den Täter hinterlassen hat. Irgendwie wünscht man aber auch, dass der Fall nie gelöst wird, damit die schöne Freundschaft zwischen den inzwischen mittelalten Männern nie ihren Zusammenhalt verliert.
Torsten zu »Carl Nixon: Rocking Horse Road« 09.06.2013
Auch wenn ich nicht weiss, warum Jürgen Priester diesen Roman als Krimi missverstanden hat und ihn damit auf die Krimi-Couch gebracht hat - ich bin doch dankbar dafür, denn sonst hätte es wohl eines noch grösseren Zufalls bedurft um ihn zu entdecken.
Natürlich ist dies Buch kein Krimi - sondern ein Buch über Freundschaft. Über das was ein Erlebnis - in diesem Fall eben ein Element eines Krimis, nämlich ein Mord - bewirken kann für ein ganzes Leben und das Verhältnis und die Freundschaft derjenigen die es miterleben.
Und das ist wirklich beeindruckend geschrieben und erzählt. Wirklich gestört hat mich eigentlich nur der Gewaltausbruch gegen Ende - das passte irgendwie nicht schlüssig ins Bild. Aber sonst eine bisweilen sogar melancholisch anmutende Hommage an Jugend und Freundschaft.
Zusätzlich muss ich noch die wirklich sehr schöne Gestaltung des Buches hervorheben - selten ist auch ein gebundenes Buch so liebevoll und schön gestaltet.
Und ebenso wie in der Rezension vor mir, muss ich die Besprechung von Jürgen Priester deutlich kritisieren: Natürlich hat er im Ergebnis recht, was die Aufklärung des Mordes angeht. Das möchte ich als Leser aber schon selbst erlesen und nicht vorab mitgeteilt bekommen.
Gerade weil die Erkenntnis, das die Aufklärung nicht primär das wichtigste an der Geschichte ist, eine ist die man als Leser am Ende selbst gewinnen muss.
Jenny zu »Carl Nixon: Rocking Horse Road« 18.11.2012
Argh!
"Die Frage, wer Lucy Asher nun ermordet hat, ist nur sekundär und wird letztendlich nicht beantwortet. Nixon sieht das Verbrechen an Lucy als ein Wendepunkt im Leben vieler Menschen..."
Kann man das den Leser nicht selbst erleben lassen?!?!?! Danke für das Vorausnehmen des Endes und die damit verbundene Unlust meinerseits, das Buch weiterzulesen!
Stefan Weidle zu »Carl Nixon: Rocking Horse Road« 18.10.2012
Es sind insgesamt neun Jungen. Und sie wirken ein wenig hausbacken, weil das in der neuseeländischen Provinz damals so war und der Autor es genau so beschreiben wollte. Er hat auch keinen Krimi geschrieben, sondern einen Roman über das Heranwachsen. Dem er freilich einige Elemente des Kriminalromans mitgab. Nicht der Mord an Lucy ist wichtig, sondern das, was er in diesen Jungen auslöst und verändert.
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