Wer die Wahrheit kennt von Bruce Alexander

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2000 unter dem Titel The Color of Death, deutsche Ausgabe erstmals 2003 bei btb.
Ort & Zeit der Handlung: , 1701 - 1800.

  • New York: Putnam, 2000 unter dem Titel The Color of Death. 279 Seiten.
  • München: btb, 2003. Übersetzt von Andreas Jäger. ISBN: 3-442-72911-4. 411 Seiten.

'Wer die Wahrheit kennt' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Anno 1772 verbreitet mitten in London eine Bande schwarzhäutiger Räuber Angst & Schrecken. Sie treten äußerst entschlossen auf und entwickeln sich zum zunächst ebenbürtigen Gegner für den blinden Richter Fielding, einen Pionier der Kriminalistik. Laufarbeit und deduktives Denken lassen ihn freilich doch eine Spur aufnehmen, welche in nur scheinbar ehrenhafte Häuser führt ... – Der siebte der historischen Thriller um Richter Fielding und seinen Watson Jeremy Proctor wandelt als solcher auf bekannt ausgefahrenen Pfaden. Er besticht kaum durch seinen Plot oder dessen insgesamt recht lahme Entwicklung, sondern durch die farbenfrohe Kulisse des frühneuzeitlichen London, das malerisch verkommen und als Wirkungsstätte liebevoll überzeichneter "Typen” dieser Ära daherkommt. Kein Muss für den Liebhaber einschlägiger Krimis, aber angenehm lesbar.

Das meint Krimi-Couch.de: »Schwarze Räuber in der Nacht« 60°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

London im Jahre 1772: Die Reichen & Mächtigen zürnen und zittern, denn eine Rotte ruchloser Räuber erdreistet sich seit einiger Zeit, sie in ihren feudalen Stadtsitzen zu überfallen und auszurauben. Die Bande ist bemerkenswert gut organisiert, geht höchst professionell und schwer bewaffnet zu Werke und schreckt vor Gewalt nicht zurück. Wütende VIPs, verängstigte Bedienstete und leere Schmuckschatullen bleiben zurück, wenn die Schurken das Feld räumen – und dieses Mal eine Leiche: Im Haus von Lord Lilley of Perth haben sie einen Hausdiener erschossen, der ihnen beim Abtransport der Wertgegenstände in die Quere kam.

Dies geschah in der St. James Street und wird deshalb automatisch zu einem Fall für Sir John Fielding, Richter am Gericht in der Bow Street und Chef der Bow Street Runners, der ersten regulären Polizeitruppe der Stadt. Er ist ein begnadeter Kriminalist, obwohl er sein Augenlicht verloren hat, und bedient sich höchst fortschrittlicher Methoden. An den Tatorten schwerer Verbrechen führt Fielding gern selbst die ersten Verhöre und und lässt sich bei der Indiziensicherung von Jeremy Proctor, seinem jungen Assistenten und Leibwächter, zur Hand gehen, denn die Polizisten sind schlecht ausgebildet, nicht selten korrupt, oft parteiisch und folglich höchst unbeliebt bei denen, die sie eigentlich schützen sollen. Fielding will dies ändern und geht deshalb mit gutem Beispiel voran.

Ein blinder Mann blickt durch

Viel hat das Personal in Lord Lilleys Haus nicht zur Lösung des Falls beizutragen. Allen ist allerdings aufgefallen, dass die Räuber sämtlich von schwarzer Hautfarbe waren – eine bemerkenswerte Tatsache in einer Zeit, da den Farbigen in der englischen Gesellschaft höchstens die Rolle unterwürfiger und exotischer Diener vorbehalten ist. Hier gehen einige offensichtlich gar nicht vom britischen Herrenvolk beeindruckte und deshalb doppelt gefährliche Männer skrupellos ihrem verbrecherischen Metier nach.

Denn skrupellos sind sie ganz sicher: Lord Lilleys Anwesen halten sie offenbar auch nach dem Überfall unter Beobachtung. Als sich Jeremy und Fielding nach ihrer Tatortbegehung die Beine vertreten, verübt ein ebenfalls schwarzhäutiger Schütze ein Attentat auf den Richter und verletzt ihn dabei.

Schwarze Männer attackieren weiße Herren! Das sorgt für Aufregung in London, was vielen unglückseligen Dienern aus Afrika oder aus den amerikanischen Kolonien unerfreuliche Aufmerksamkeit beschert. Aber ist etwa genau dies die Absicht der Räuber? Sind die Verbrecher wirklich farbig, oder geben sie dies der Ablenkung wegen nur vor? Diese Fragen stellt sich Richter Fielding, den seine Verwundung nicht von weiteren Ermittlungen abhält, was seinen Kontrahenten wenig behagt – dies mit den zu erwartenden lebensbedrohlichen Folgen …

Die Angst des Heuchlers vor der Wahrheit

Dass sich pöbelhaftes Diebespack am Eigentum der von GOTT dem HERRN begünstigten Oberschicht vergreift, ist schon ein starkes Stück, welches in diesem Jahr 1772 die Schuldigen unverzüglich an den Galgen bringen würde. Aber dass hinter den Überfällen womöglich farbige »Menschen zweiter Klasse” stehen, gibt den Ereignissen eine ganz andere Dimension: Schwarze Männer sind zum Gehorchen und Arbeiten unter der weisen Führung weißer Herren auf dieser Welt! Ein Verstoß gegen diese Regel ist geradezu eine Todsünde. Vor allem rüttelt es an politischen und gesellschaftlichen Grundfesten und kann daher keinesfalls geduldet werden.

Ohnehin wirft die Anwesenheit der schwarzen Mitbürger in England just ein diffiziles juristisches Problem auf: Kluge und der Gerechtigkeit verpflichtete Männer werfen die Frage auf, wieso es möglich sein kann, dass die Sklaverei auf der Insel selbst verboten ist, während in den Kolonien, die demselben Gesetz unterstehen wie das Mutterland, Menschen ge- und verkauft werden können. Jene, die davon profitieren, sind selbstverständlich nicht an einer Änderung des status quo interessiert und gern bereit, gegen gefühlsduselige & geschäftsschädliche Philanthropen vorzugehen.

So kämpft Sir John Fielding in seinem aktuellen Abenteuer gleich gegen zwei Feinde. Die Entlarvung der Räuber verursacht ihm dabei nicht halb so viel Kopfweh wie die «Hängt sie vorsichtshalber alle!”-Stimmung, die sich in London breit zu machen beginnt. Viele unschuldige schwarze Menschen geraten in Gefahr. Auf Fürsprecher können sie kaum hoffen, auf Schutz noch weniger.

Die Polizei: unfreundlich & hilflos

Denn wir befinden uns hier in einer Zeit, in der es geradezu eine Beleidigung sein kann, »Polizist” genannt zu werden. Der typische «Bow Street Runner” klärt ein Verbrechen höchstens, wenn es unter seinen Augen abläuft, und dann auch nur unter Einsatz seines Knüppels. »Deduktion” ist ein Fremdwort, eine Ermittlung anhand von Indizien fast Zauberei. Das Mittelalter ist dem London von 1772 immer noch näher als die Moderne. Seit dem Großen Brand von 1666 ist schon wieder ein Jahrhundert verstrichen, das nicht dem Fortschritt der desolaten Gesellschaftsordnung gewidmet wurde. Es gibt kein soziales Netz, das Gesetz basiert mehr auf Rache als auf Gerechtigkeit und ist ganz sicher auf mindestens einem Auge blind – das nämlich, welches sich auf die Unterprivilegierten richtet.

Sind einem bei der Lektüre diese Fakten bewusst, gewinnt die an sich wenig originelle Handlung ihre eigenen Qualitäten. Andere Zeiten, andere Sitten – Bruce Alexander führt es uns plastisch vor Augen, weil er es so selbstverständlich in seine Geschichte einflicht. Ein bisschen didaktisch geht er dabei manchmal vor, aber anschließend hat man wenigstens begriffen, was da London in ein Pulverfass verwandelt.

Sehr erfreulich ist Alexanders Verzicht auf jene offensive Entrüstung («Nein, wie ungerecht!”), wie sie z. B. Anne Perry zum Stilmittel erhebt bzw. missbraucht. Man kann und darf die Menschen einer vergangenen Epoche nur bedingt mit den moralischen Standards der Gegenwart beurteilen – sie wussten es bis zu einem gewissen Grad tatsächlich nicht besser.

Eine kriminell langweilige Geschichte

Schade nur, dass die viel versprechenden Elemente dieses Romans sich nur mühsam zu einer schlüssigen Handlung fügen wollen. Über mehr als vierhundert Seiten erstreckt sie sich – fragt sich bloß wieso, denn die meiste Zeit beschreibt der Verfasser, wie Jung Jeremy von Ort zu Ort läuft, um des Richters kryptischen Anweisungen Folge zu leisten. Es geht kaum voran mit der Kriminalgeschichte, die durch historische Anekdoten und behagliche Beschreibungen des städtischen Alltags keinesfalls ersetzt werden kann. Die Kriminalistik ist ein mühsames Geschäft voller Sackgassen und Irrtümer. Fatal ist nur, dass man Autor Alexander nicht abnimmt, dass er genau diese Mühsal darstellen wollte.

Statt dessen scheint er selbst nicht recht zu wissen, was er eigentlich erzählen möchte. So schindet er Zeit und füllt viele Seiten mit unnötigem und nicht einmal interessantem Geplänkel. Statisch mäandert die Handlung bis zum angestrengt wirkenden Finale umher. Man liest manchmal gespannt, aber man fiebert niemals. Ohnehin legt Alexander keine Indizien, sondern eher Fußangeln aus, so dass man schon allzu früh weiß, wohin der Hase laufen wird. Überraschungen bleiben erwartungsgemäß aus.

Den blinden Ganovenschreck gab’s wirklich

John Fielding ist eine historische Gestalt. Ob er im Winter des Jahres 1721 schon blind geboren wurde oder sein Augenlicht erst später verlor, weiß man nicht genau. Aber fest steht, dass Fielding in der historischen Kriminalistik eine prominente Stellung einnimmt, auch wenn er heute meist im Schatten seines als Schriftsteller ungleich berühmteren Halbbruders Henry (»Tom Jones” ist ein unsterblicher Klassiker des Schelmen- und Gesellschaftsromans) steht.

Zumal John seine Laufbahn als Assistent seines Bruders Henry begann, der ab 1748 als Friedensrichter und später als Ratsherr anhub, der kaum strukturierten Ordnungsmacht seiner Heimatstadt eine solide Basis und Durchsetzungskraft zu verschaffen. Ab 1750 schufen die Brüder gemeinsam die erste echte Polizeiorganisation überhaupt: die Bow Street Runners. Während es bisher nur Stadtwächter gegeben hatte, schickten die Fieldings die Runners auf die Straße – daher der Name. Sie «erfanden” auch den Steckbrief, führten – für die damalige Kopf-ab-Mentalität sensationell – eine Kronzeugenregelung für überführte Verbrecher ein und machten sich für eine Liberalisierung der Gesetze für jugendliche Straftäter stark.

Als Henry Fielding 1754 starb, rückte John an seine Stelle und setzte das begonnene Werk trotz seiner Behinderung mit Erfolg fort. 1761 wurde er geadelt; zwanzig Jahre später starb er. Unter seinem Spitznamen »The Blind Beak” war er da längst zu einer legendären Gestalt geworden.

Der Assistent erledigt die Laufarbeit

Bruce Alexander macht aus ihm eine Art Sherlock Holmes, setzt seiner ansonsten möglicherweise gar zu offensichtlichen Genialität aber eine Grenze, indem er ihn mit einem Gebrechen schlägt. Das ermöglicht ihm die Einführung einer zweiten Hauptfigur. Jeremy Proctor ist nicht nur Fieldings Watson, der in Vertretung des Lesers die dummen Fragen stellt, um seinen Herrn in um so strahlenderem Licht zu baden. Zudem ist Jeremy jung, neugierig und beweglich, was es ermöglicht, ihn wie eine Schachfigur durch London springen zu lassen.

Jeremy ist ein Kind seiner wenig mitleidvollen Zeit – eine Waise, die das Glück hatte, Sir Johns Aufmerksamkeit zu erregen. Der ist nun Vaterfigur und Lehrer in Personalunion. Die Fielding-Romane schildern auch Jeremys Weg zum erwachsenen, gut ausgebildeten Kriminalisten.

Kriminalhistorie der zweitklassigen Art

Dem heutigen Leser mag Jeremy als Person flach erscheinen. Er ist stets ein wenig zu eifrig, zu «vernünftig”, um für sich einzunehmen. Damit reiht er sich in das Feld der übrigen Figuren ein. Bruce Alexander ist sicher kein begnadeter Schriftsteller. Er erzählt Geschichten »aus zweiter Hand”. Diese wimmeln von beschränkten & dünkelhaften Adligen, dümmlichen & kichernden Zofen, steifen & hochnäsigen Butlern und was der wandelnden Klischees mehr sind.

Niemand wirkt wie eine «echte” Figur, alle scheinen sie ihre wohl bekannten Rollen zu spielen – oftmals im Halbschlaf. Als Leser nimmt man an ihrem Schicksal keinen echten Anteil. Auch der an sich hoch interessante Konflikt um die Menschenrechte der "schwarzen Engländer” kommt nie über das Niveau einer politisch korrekten Zustimmungsbekundung hinaus. Die Vergangenheit ist für Alexander nur eine exotische Folie für eine Story, die ohne diesen Bonus reichlich mager daher käme.

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nolchen zu »Bruce Alexander: Wer die Wahrheit kennt« 02.10.2006
Die Bücher von Bruce Alexander gehören für mich zu den absolut Lesenswerten in dieser Sparte, haben eine nette Hintergrundgeschichte. Schade, dass es nicht mehr davon gibt!
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