Kontamination von
Buchvorstellung und Rezension
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 2011
bei Rowohlt.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland, 1990 - 2009.
Folge 4 der Sonntag,-Herbst-und-Jensen-Serie.
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Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2011.
ISBN:
978-3-499-25622-6. 384 Seiten.
'Kontamination' ist erschienen als
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In Kürze:
Nahe der alten Dynamitfabrik Nobel an der Elbe wird eine Leiche gefunden. Der Tote war Heimatforscher und Vater einer an Leukämie verstorbenen Tochter: ein unbequemer Mann. Kommissar Herbst stößt bald auf unter den Teppich gekehrten Dreck aus sechs Jahrzehnten: immer noch sehr geheim, immer noch tödlich. Und er stößt auf die Geschichte, eines Amerikaners, der im Frühjahr ´45 mit dem Fallschirm über Feindesland abspringt, einen Geigerzähler im Gepäck.
Das meint Krimi-Couch.de: »Der Krimi zum Atomausstieg.«
Krimi-Rezension von Jörg Kijanski überspringen
Auf dem Gelände einer Kiesgrube bei Ratzeburg wird die Leiche eines älteren Mannes gefunden, der durch einen Kopfschuss aus nächster Nähe ermordet wurde. Erste Untersuchungen der Munition ergeben, dass der Schuss aus einer alten Wehrmachtspistole abgegeben wurde. Bei dem Opfer handelt es sich um Inger Oswald, Jahrgang 1946, der den Tod seiner vor einigen Jahren an Leukämie verstorbenen Tochter nie überwinden konnte. Seitdem war er besessen von der Idee, den Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, denn Oswald glaubte, dass die verstärkte Anzahl von Leukämiefällen bei Kindern in der Elbmarsch auf einen Brand im Jahr 1986 zurückzuführen ist. Auf dem Nachbargelände des Kernkraftwerkes Krümmel befindet sich das Kernforschungszentrum GKSS, auf dem es damals einen atomaren Unfall gegeben haben soll, was die Betreiber natürlich in das Reich von Verschwörungstheorien verweisen.
Oswald gehörte nicht nur einer Bürgerinitiative betroffener Eltern und Anwohner an, sondern arbeitete auch für den Geesthachter Geschichtsverein. Dieser verwaltet die baulichen Rudimente der Krümmeler Sprengstofffabriken, die dort bis Kriegsende standen. Gegründet wurde diese ursprünglich von Alfred Nobel und war eine der größten Produktionsanlagen der Welt mit über 750 Gebäuden. Bei seinen Recherchen erfährt Kommissar Gero Herbst von der Kripo Ratzeburg, dass bereits im April 1945, kurz vor Kriegsende, ein amerikanischer Fallschirmspringer in diesem Gebiet aktiv war, in dessen Ausrüstung sich auch ein Geigerzähler befand. Doch wie passen diese über sechs Jahrzehnte auseinander liegenden Ereignisse zusammen, sofern es überhaupt eine Gemeinsamkeit gibt? Und was kann Oswald bei seinen Forschungen entdeckt haben, dass man ihn unbedingt aus dem Weg räumen wollte?
Krimifreunde dürften von Boris Meyn vor allem dessen historische »Hamburg-Reihe« mit Advokat Sören Bischop kennen, die im Hamburg des 19. Jahrhunderts bis hin zum beginnenden 20. Jahrhundert angesiedelt ist. Daneben gibt es noch die »Sonntag, Herbst und Jensen-Reihe«, welche in der Gegenwart spielt und aus der der Protagonist dieses Romans bekannt ist. Nun also der Start einer neuen Solo-Reihe mit Kommissar Gero Herbst? Gar kein schlechter Gedanke, denn der Protagonist wird sehr ansprechend dargestellt und durch den kleinen Kunstgriff, ihn fast ausschließlich mit dem Vornamen zu nennen, zusätzlich dem Leser persönlich näher gebracht. Nicht Herbst oder Kommissar Herbst ermittelt, sondern Gero fährt, Gero fragt und so weiter. Inhaltlich ist Kontamination der Krimi zur aktuellen Debatte über den Atomausstieg. Dabei bedient der Autor nicht billig den Zeitgeist, in dem er die Atompolitik generell schlecht redet (das auch), sondern vermittelt dem Leser zudem einen intensiven Einblick in die Geschichte der deutschen Atompolitik, sozusagen von 1945 bis in die Gegenwart. 1945? Tja, das ist eine der spannenden Fragen, die in dem Roman aufgeworfen werden. Hatten die Nazis zum Kriegsende atomar bestückte V-Waffen? Die Alliierten hatten hiervor jedenfalls größten Respekt und schickten einen Soldaten hinter die feindlichen Linien, um genau das herauszufinden. Oswald begibt sich auf dessen Spuren und stellt dabei nicht nur Fakten über die Atomforschung heraus.
»Haben Sie mal daran gedacht, mit dieser Sache an die Öffentlichkeit zu gehen?« »Bin ich wahnsinnig? Nein. Das wäre genauso fatal, als wenn ich meine Informationen über Waffenproduktion und Waffenhandel zu Kriegs- und Friedenszeiten an die große Glocke hängen würde. Warum soll ich mir die Finger verbrennen? Ich habe so viel überlebt, da habe ich kein Interesse, auf meine ruhigen Tage in irgendeiner Schweizer Badewanne zu landen. Wenn Sie verstehen, was ich meine.«
Wer sich für das Thema Atomenergie interessiert erhält hier einen umfassenden Einblick, was natürlich auch bedeutet, dass es für Krimipuristen zahlreiche »Längen« im Plot gibt. Doch warum soll man nicht das Genre des Kriminalromans nutzen, um gleichzeitig ein aktuelles politisches Thema aufzugreifen? Noch dazu, wenn der Autor seine Hausaufgaben gemacht, sprich ordentlich recherchiert hat. Trotz einigem »Fachchinesisch« wird der Krimiplot nicht aus den Augen verloren. Wie am Ende die einzelnen Spuren von damals und heute zusammenlaufen, ist akzeptabel und birgt die ein oder andere (persönliche) Überraschung; selbst für Kommissar Herbst. Allein die Auflösung hinsichtlich des Mörders ist nicht gänzlich gelungen und sorgt für Punktabzüge.
Jörg Kijanski, Juli 2011
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