Die diamantene Kutsche von Boris Akunin

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2003 unter dem Titel Almaznaja kolesnica, deutsche Ausgabe erstmals 2006 bei Aufbau.
Folge 11 der Erast-Fandorin-Serie.

  • Moskau: Zacharov, 2003 unter dem Titel Almaznaja kolesnica. Erschienen in zwei Bänden. 745 Seiten.
  • Berlin: Aufbau, 2006. Übersetzt von Ganna-Maria Braungardt. ISBN: 978-3-7466-2270-5. 745 Seiten.

'Die diamantene Kutsche' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Rußland steht 1905 im Krieg mit Japan. Als Mitarbeiter des Verkehrsministeriums hat Fandorin den Auftrag, die Militärtransporte auf der Transsibirischen Eisenbahn abzusichern. Fandorins Erlebnisse als Vizekonsul in Japan sind auf geheimnisvolle Weise mit diesem Fall verwoben. Aber hat er wirklich Chancen gegen einen japanischen Meisterspion?

Das meint Krimi-Couch.de: »So faszinierend-exotisch kann ein historischer Agenten-Krimi sein« 80°

Krimi-Rezension von Eva Bergschneider

Die diamantene Kutsche ist wohl der Abschluss einer schon legendären Kriminalroman-Reihe mit dem russischen Kult-Helden Erast Petrowitsch Fandorin. Boris Akunin kombiniert zwei ganz unterschiedliche Abenteuer. Einerseits erlebt der 22-jährige Vizekonsul in Japan, was unter »ehrbaren« Ganoven und japanischer Lebensart zu verstehen ist, andererseits schlägt sich der 51-jährige Agent mit Sabotageakten japanischer Spione während des verlustreichen Krieges gegen Japan herum. Der Roman ist mit seinen gut 750 Seiten der Umfangreichste, möglicherweise auch der Beste, denn der Leser folgt dem sympathischen Detektiv in sehr unterschiedliche Abschnitte seines ereignisreichen Lebens.

Flash Back in die Vergangenheit

1905 steht es nicht gerade gut um das russische Reich, man befindet sich im Krieg mit Japan, der alles andere als günstig verläuft. Die desolate allgemeine Versorgungslage erschwert bereits den Nachschub an die Truppen in die Mandschurei. Fandorin arbeitet als Chefingenieur des Verkehrswesens und ist für die Sicherheit der Transporte zuständig. Nach einem Bombenattentat auf die Tesoimenitski-Brücke verfolgt Fandorin den japanischen Saboteur. War alles nur ein Ablenkungsmanöver? Wird bereits ein weitaus größerer Coup, ein Anschlag auf die transsibirische Eisenbahn, vorbereitet, der den Verlauf des Krieges endgültig für die Japaner entscheiden kann?

Fandorin bekommt es mit einem Meisterspion zu tun, der Verwandlungskünste und Tricks einsetzt, die ihn an die der legendären, japanischen Schattenkrieger erinnern. Ihren Methoden ist der russische Detektiv in seiner Zeit als russischer Vizekonsul in Yokohama, Japan, im Jahr 1878 schon einmal begegnet.

Fandorins Lehrzeit im Land der aufgehenden Sonne

Yokohama ist weitaus weniger japanisch, als Fandorin erwartet hat, denn das Land nähert sich bereits der westlichen Welt an. Der Vizekonsul bekommt sofort alle Hände voll zu tun, denn der russische Kapitän Blagolepowa starb unter mysteriösen Umständen. Ist es möglich, einen Menschen mit einem Fingerdruck am Hals zu ermorden? Die Spuren führen zu einem möglichen Attentat auf Minister Okubo, der eine politische Annäherung Japans zu Russland unterstützt. Planen japanische Traditionalisten eine Rebellion?

Fandorin ermittelt gemeinsam mit dem Chef der Munizipalpolizei, dem Amerikaner Lockstone und dem Inspektor der japanischen Polizei, Asagawa. Die Arbeitsweisen in diesem multikulturellen Team könnten unterschiedlicher nicht sein. Der junge Diplomat lernt, dass in Japan selbst die Verbrecher einen Ehrencodex haben und die Unterscheidung von Gut und Böse nicht so einfach ist. Fandorin erlebt hautnah eine exotische Kultur mit vielen Extremen und erliegt dem Jojutso, der japanischen Kunst der Leidenschaft. Die Zeit in Japan soll für den 22-jährigen Fandorin die spannendste in seinem Leben werden.

Das Ende des Russischen Reiches

Das erste, relativ kurze Buch, spielt 1905 in Russland, am Anfang vom Ende des Zarenreichs. Das Land ist wirtschaftlich am Ende, verliert den Krieg gegen Japan und die Zarenherrschaft wird schließlich von der Russischen Revolution niedergeschlagen.

Gewohnt kompetent und mit der Erfahrung aus jahrelanger Agententätigkeit ermittelt der 51-jährige Fandorin den Anschlag auf den russischen Eisenbahntransport, der Täter scheint ihm dennoch immer einen Schritt voraus zu sein. Diese Jagd eines Saboteurs wäre eigentlich eher unspektakulär, hätte man als Leser, genau wie der Hauptprotagonist, nicht ständig das Gefühl, aufs Glatteis geführt zu werden. Die Lösung dieses Rätsels erfordert eine ausgiebige Reise in Fandorins japanische Vergangenheit.

Das Ende des traditionellen Japans

Japan befindet sich seit Mitte des 19. Jahrhundert auf dem Weg in die Moderne (Meiji-Restauration). Umfassende Reformen wurden eingeleitet, die Shogun-Dynastie abgeschafft und schließlich eine konstitutionelle Monarchie eingeführt. Akunin nimmt mit der Geschichte über den Mord an einen japanischen Minister Bezug auf die Satsuma-Rebellion der Samurai 1877. Dieser Anknüpfungspunkt ermöglicht es dem Autor, seinen Helden auch in die exotisch-faszinierende Kultur des traditionellen Japans eintauchen zu lassen.

Fandorin bekommt es nicht nur mit den Ninja und ihrer wie Zauberei wirkenden Auftritte zu tun, er erfährt, dass hier schwer miteinander zu vereinbarende Grundwerte gelten. Fandorin wäre allerdings nicht Fandorin, wenn er die positiven Aspekte der fremdem Kultur nicht zu nutzen wüsste.

Den Ausführungen über die japanische Kultur ist deutlich anzumerken, dass Akunin als Japanologe ganz in seinem Element ist und diese mit Freude und Sachkenntnis dem Leser nahe bringt. Das Gesamtbild aus Erzählung und historischem Kontext erscheint dem Leser in Die diamantene Kutsche dadurch überaus stimmig und glaubwürdig. Es macht einfach Spaß, einen interessanten Helden wie Fandorin bei der Auflösung rätselhafter Fälle zu begleiten und gleichzeitig die faszinierende Historie einer bis heute fremdartig wirkenden Kultur, kennen zu lernen.

Das Ende der Fandorin-Reihe

Die Fans des russischen Kult-Helden Fandorin, wissen längst, was sie von ihrem Helden zu erwarten haben: messerscharfe Intelligenz und außergewöhnliche Kreativität. Der gern als Mischung zwischen James Bond und Sherlock Holmes bezeichnete russische Agent, überzeugt auch menschlich. Er wirkt nicht nur durch seinen Sprachfehler manchmal etwas unbeholfen und pflegt seine kleinen Eitelkeiten. Die Charakterisierung seiner beiden Partner im zweiten Buch hat Akunin zwar etwas stereotyp, aber überaus sympathisch gestaltet. Diese aufgrund der kulturellen Unterschiede schwierige Zusammenarbeit ist oft witzig beschrieben, enthält aber auch viel hintersinnigen Humor.

Die Kriminalfälle der Fandorin-Reihe zeichnen sich nie durch nervenaufreibende Spannung aus, sondern eher durch Intelligenz, überzeugende Charaktere und sprachliche Finesse, wie z.B. hier die typisch japanischen Verse (Haikus) nach jedem Kapitel.

Akunin präsentiert zum Abschluss seiner Erast-Fandorin Reihe gleich zwei rätselhafte, meisterlich erzählte Geschichten, die dem Fan des russischen Agenten ein ganz besonders persönliches Profil bieten und perfekt in den historischen Kontext eingefügt wurden. Die Auflösung hat nicht gerade das ganz große Überraschungsmoment, was allerdings den Unterhaltungswert des Buches kaum schmälert.

Die diamantene Kutsche ist ein absolutes Muss und Highlight für Liebhaber dieser Serie, aber auch als Einstiegsdroge geeignet. Ein vergnüglicher Lesespass für jeden, der anspruchsvolle Agentenkrimis mit einem guten Schuss Exotik mag.

Eva Bergschneider, Februar 2007

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Jörg Burgermeister zu »Boris Akunin: Die diamantene Kutsche« 08.09.2014
Dieser Band stellt grosse Anforderungen an den Leser, besonders wenn man ihn auf Russisch liest. Wie der seltsame Brief von Akrobat an die Nachwelt gelang, bleibt mir unklar. Das grosse Wissen Akunins über die japanische Kultur und ihre Geheimzauber stellt einige Anforderungen an den Leser und geht mir ein bisschen zu weit.
Massa aber erfreut den Leser immer wieder.
Dass die Guten zu Bösen und dann wieder zu Guten werden, wirkt auf die Dauer leicht verwirrlich.
Trotzdem für Akuninverehrer wie mich lesenswert.
Jossele zu »Boris Akunin: Die diamantene Kutsche« 02.04.2014
Ein mächtiges Werk, das Akunin hier vorgelegt hat. Erzählt werden eigentlich zwei Geschichten, eine spielt 1905 in Russland im Krieg zwischen Russland und Japan und es geht um den Kampf Fandorins gegen einen japanischen Spion, der die Nachschublinien der Russen lahmlegen will. Die zweite, scheinbar unabhängige Geschichte, spielt 1878 in Japan, wo der junge Fandorin als stellvertretender Konsul in Yokohama einige Abenteuer und noch viel mehr Überraschungen erlebt. Beide Geschichten sind sehr schön erzählt, jedoch enthält der zweite Teil für meinen Geschmack einige Wendungen und Überraschungen zu viel, was die Logok der Geschichte deutlich schmälert. Und ganz zum Schluss stellt Fandorin dann den Zusammenhang zwischen den beiden Geschichten her, der allerdings logisch auch nicht überzeugen kann. 50°
Petra Deckart zu »Boris Akunin: Die diamantene Kutsche« 26.01.2014
Geschichte und Exotik Japans im 19. Jh. sind phänomenal beschrieben. Kriminalistik und Kriminologie von einst kommen auch nicht zu kurz und last but not least gefällt auch die außergewöhnliche Liebesgeschichte zwischen dem Russen Fandorin und der Japanerin O-Yumi.
Ein Lesevergnügen der ganz besonderen Art.
Credo zu »Boris Akunin: Die diamantene Kutsche« 25.04.2010
Dieses Buch ist bei weitem das Beste der Fandorin-Reihe. Sowohl sprachlich als auch hinsichtlich der Spannung. Mit diesem Werk hat sich Akunin selbst übertroffen.
Seine Begeisterung und Zuwendung für die japanische Geschichte, für das Besondere, für das Edle ist so greifbar in dieser Geschichte. Seine Beschreibungen verzaubern. Ich war dort, dank ihm, im Japan des 19. Jahrhunderts bei den Ninja Kriegern, die die Beherrschung von Körper, Geist und Verstand zur Perfektion erheben.
Olaf zu »Boris Akunin: Die diamantene Kutsche« 10.04.2009
Dieses Buch ist schon herausragend. Ich habe es regelrecht verschlungen. Die vielen Wendungen ergeben einen wunderbaren Spannungsbogen. Es ist so gehaltvoll, dass man am Ende wieder von vorne beginnen kann. Man entdeckt immer wieder Neues. Mir erschlossen sich alle Zusammenhänge erst beim zweiten Lesen. Ein Buch mit Mehrwert.
Christian Mucha zu »Boris Akunin: Die diamantene Kutsche« 27.03.2008
Ein Meisterwerk, welches Seinesgleichen sucht. Es kann nur durch "Das Geheimnis der Jadekette " von Akunin selbst getoppt werden, welches am 1.8.08 erscheint. Sicher bin ich nicht der Einzige, der vor Sehnsucht nach Mehr den Erscheinungstermin herbeisehnt.
AKUNIN rules forever
Christian Mucha
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paul zu »Boris Akunin: Die diamantene Kutsche« 23.10.2007
Akunin at his best. Die Einführung Masa's einige Bände zuvor wird aufgelöst und auch sonst geht's turbulent, spannend, anregend überraschend und im besten Sinne geistreich-unterhaltend zu. Obschon Fandorin hier in seinen reifen Jahren agiert möchte man doch gerne mehr von ihm lesen...
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Kristina zu »Boris Akunin: Die diamantene Kutsche« 08.02.2007
Also das Buch ist meiner Meinung nach, das beste von allen, hier gibts es alles: die Spannung, den Witz, die Liebe und für Akunin so typsiche Überraschung am Schluß...
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Barbara zu »Boris Akunin: Die diamantene Kutsche« 26.12.2006
Barbara:

Dieser Fandorin erscheint mir bis jetzt am Schönsten; eigenlich ist es gar kein Krimi,sondern ein richtig mystischer Stoff.
Habe anschließend im Internet noch Recherche betrieben,aber nichts gefunden.
Das Buch hat mich weggerissen!!!
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Gerry zu »Boris Akunin: Die diamantene Kutsche« 12.12.2006
Habe alle Fandorin-Romane gelesen und dieses Buch ist der würdige Abschluss (?) der Reihe. Weniger Detektiv als in anderen Romanen, zeigt sich Fandorin dieses Mal eher als Abenteuerer. Wie immer bei Akunin ist die Geschichte historisch exzellent eingebettet und der Hintergrund zur japanischen Shinobi-Tradition gut recherchiert. Ich habe mich bestens amüsiert und kann das Buch unbedingt weiterempfehlen!
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