Das Selbstbewusstsein der Genre-Writer
Garry Disher und Joe R. Lansdale auf der lit.Cologne
von Lars Schafft
Die Welt zu Gast bei Freunden – das Motto der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland passte auf diesen Abend wie die Faust aufs Auge. Lange Wege hatten die beiden Star-Gäste des Abends, die beiden Krimi-Autoren Garry Disher (Australien) und Joe R. Lansdale (Texas/USA), hinter sich gebracht, um sich auf der lit.Cologne am Freitagabend vorzustellen und mit Ihren Herausgebern Thomas Wörtche (Unionsverlag) und Volker Neuhaus (DuMont) über »Global Crime« zu diskutieren. Und das Kölner Publikum wusste dieses Engagement zu schätzen: Rund 200 Gäste kamen ins Polizeipräsidium, um diese doch eher Insidern bekannten Autoren näher kennen zu lernen.
Und wie unterschiedlich die beiden Autoren doch sind: Garry Disher, der Akademiker, der an der Universität Literatur lehrt, kam im dunklen Sakko zu dunklem Hemd. Ein ruhiger, etwas hagerer Mann, der seine Worte abwägt, der ebenso präzise redet wie er schreibt. Und auf der anderen Seite Joe Lansdale, ein dem Aussehen nach ur-gemütlicher Texaner, mit dem man bestimmt das ein oder andere Barbecue feiern kann, der im breitesten Slang wie aus der Pistole geschossen antwortet, was er denkt. Der sein englischsprachiges Buch, aus dem er lesen sollte, glatt vergessen hatte. Das Hemd zwei Knöpfe offen, Ärmel hochgekrempelt, die schwarze Lederjacke überm Stuhl. Und doch: Die beiden haben ihre Ähnlichkeiten.
Beide, so stellten Volker Neuhaus und Thomas Wörtche ihre Schützlinge vor, seien »Genre-Writer«, aber nicht wirklich in einem einzigen Genre beheimatet. Disher schreibt neben seinen bekannten Gangster- und Cop-Romanen Literatur für Jugendliche und historische Werke – Lansdale wiederum ist in der Science Fiction ebenso zu Hause wie in der Kriminalliteratur. Und beide verdienen es, eine größere Leserschaft in Deutschland zu haben, wie die Lesungen aus Flugrausch (Volker Niederfahrenhorst las wie im Hörbuch zum Titel mit treffender Stimme den deutschen Part) und Die Wälder am Fluss (sehr eindrucksvoll gelesen, ebenfalls wie im Hörbuch, von Josef Tratnik) nahe legten.
In der anschließenden Diskussion ging es schließlich vor allem darum, wie der Texaner und wie der Australier die Kriminalliteratur im Allgemeinen sehen. Und da häuften sich die Überschneidungen: In welche Schublade sie von der Kritik gesteckt werden, sei beiden herzlich egal. Auf Volker Neuhaus´ Anmerkung angesprochen, dass wenn es nach der Kritik gehe, ein guter Kriminalroman der sei, der eigentlich schon gar kein Krimi mehr ist, reagierten Disher wie Lansdale mit verständnislosem Selbstbewusstsein: Natürlich gebe es gute, anspruchsvolle Kriminalromane. Die über die bloße Unterhaltung hinausgingen. Nichts anderes schrieben beide. Und sie meinten gar, dass sich Autoren »literarischer« Romane von den Kriminalromanen einiges abschauen sollten. Was nützen eine traumhafte Prosa und wunderbar gezeichnete Charaktere, wenn der Reiz des Weiterlesens, die Spannung also, fehle?
Hard-Boiled hin, Gewalt her – das gehöre zum Genre nunmal dazu. Die nächste Gemeinsamkeit: Weder Disher noch Lansdale legen Wert darauf, die Verbrechen an sich im Detail zu schildern. Vielmehr würden Sie andere Charaktere dazu benutzen, das Grauen in Worte zu fassen. Eher unterschwellig, dafür mit tieferer Wirkung.
Angesichts der fortgeschrittenen Zeit und dem kleinen Fauxpas der Moderatoren, die Diskussion nicht auch nur ansatzweise zu übersetzen, blieben Reaktionen und Nachfragen aus dem Publikum leider aus. Das Bonmot des Abends kurz und schmerzlos von Joe R. Lansdale, auf den Punkt gebracht, verstand dennoch jeder. Ob er Rezensionen seiner Werke überhaupt Beachtung schenke, ob er sie gut fände, fragte ihn Volker Neuhaus – woraufhin der Texaner schlagfertig antwortete: »Just the good ones!«
19.03.2006

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