Ich, Dreyfus von Bernice Rubens

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1999 unter dem Titel I, Dreyfus, deutsche Ausgabe erstmals 2001 bei Pendragon.
Ort & Zeit der Handlung: Großbritannien / England / London, 1990 - 2009.

  • London: Little, Brown, 1999 unter dem Titel I, Dreyfus. 276 Seiten.
  • Bielefeld: Pendragon, 2001. Übersetzt von Gabriele Haefs. ISBN: 3929096994. 319 Seiten.
  • München; Zürich: Piper, 2003. Übersetzt von Gabriele Haefs. ISBN: 3-492-23276-0. 318 Seiten.
  • [Hörbuch] Daun: TechniSat Digital, Radioropa Hörbuch, 2008. Gesprochen von Alexander Bandilla. ISBN: 3836801310. 7 CDs.

'Ich, Dreyfus' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Ein aufsehenerregender Prozeß erschüttert ganz England. Der geachtete Schuldirektor Sir Alfred Dreyfus soll einen seiner Schüler brutal ermordet haben. Verurteilt zu einer lebenslangen Haftstrafe, ist allein seine Familie von seiner Unschuld überzeugt. Bei ihren Nachforschungen stößt die engagierte Anwältin Rebecca Morris auf ein Geheimnis, zu dem nur ein einziger den Schlüssel zu haben scheint: der Verurteilte selbst. Ist Dreyfus das Opfer einer Verschwörung oder doch ein skrupelloser Mörder?

Das meint Krimi-Couch.de: »Langsam und feinfühlig werden die Emotionen des Lesers geweckt« 84°

Krimi-Rezension von Peter Kümmel

Das Buch beginnt im ersten Wort mit einem Druckfehler: »Erster Buch«. Zwar endet es auch mit einem solchen, denn das Kapitel zwischen dem 36. und dem 38. ist mit »33. Kapitel« überschrieben, doch was dazwischen liegt, ist ein erschütternder Roman bester Qualität, der den Leser mitfiebern und mitleiden lässt und ihn bis zum Schluß in seinem Bann hält.

Der Klappentext nimmt leider wieder einmal einiges von der Spannung. Denn der Roman tastet sich nur ganz langsam an das Verbrechen vor, für das der Schuldirektor Sir Alfred Dreyfus verurteilt wurde und erst in der Mitte des Buches erfährt der Leser, was denn genau der Grund dafür war, dass sich der Protagonist im Gefängnis befindet.

Der Name der Hauptfigur – Alfred Dreyfus – steht im Buch symbolisch für die ungerechtfertigte Beschuldigung eines Juden und antisemitische Stimmung. Die »Dreyfus-Affäre« brachte Frankreich vor hundert Jahren in eine schwere innenpolitische Krise, nachdem der jüdisch-französische Artillerieoffizier Alfred Dreyfus 1894 wegen Verrats militärischer Geheimnisse zu lebenslänglicher Deportation nach Cayenne verurteilt wurde.

Der Roman beginnt mit mehreren Briefen, in denen ein Verleger dem im Gefängnis sitzenden Alfred Dreyfus den Vorschlag unterbreitet, seine Geschichte aus seiner Sicht in einem Buch zu veröffentlichen. Dann beginnt besagter Alfred Dreyfus zu erzählen und der Leser darf an dessen Gedanken teilhaben und miterleben, wie er schließlich den Entschluß fasst, seine Geschichte zu erzählen.

Zur zweiten Hauptperson des Romans wird Sam Temple, ein Literaturagent. Seine Einführung im zweiten Kapitel lässt einen Charakter erwarten, der ein Geschäft gewittert hat und nun versucht, für sich selber den größten Nutzen zu ziehen. Doch seine weitere hervorragend dargestellte Entwicklung lässt ihn neben Dreyfus zum zweiten Sympathieträger werden. Es macht Spaß zu lesen, wie Dreyfus und Temple nur langsam Zugang zueinander finden und sich daraus eine enge Freundschaft entwickelt.

Fortan besteht das Buch aus dem stetigen Wechsel zwischen Dreyfus´ Erzählungen und dem Geschehen außerhalb des Gefängnisses, worin geschildert wird, wie Temple und Dreyfus´ Bruder mit großem Eifer bemüht sind, Beweise für dessen Unschuld zu finden und ein Wiederaufnahmeverfahren zu erreichen.

Viele der weiteren Charaktere werden zwar von der Autorin in ein Schwarz-Weiß-Schema gepresst, doch weckt neben der langsamen und feinfühligen Darstellung der Leiden des Inhaftierten gerade dies die Emotionen des Lesers. Beeindruckend die Schilderungen des Ich-Erzählers, der durch traumatische Erlebnisse in seiner Kindheit seinen Glauben verheimlicht und verleugnet, weil er überzeugt ist, sich anpassen zu müssen, um von seiner Umwelt akzeptiert zu werden.

Stark auch die Schilderung der Gerichtsverhandlung. Man hat dabei den Eindruck, der Roman spielt in einer früheren Zeit. Ob von der Autorin beabsichtigt oder nicht, sei dahingestellt.

Bernice Rubens´ Roman ist eine schriftstellerische Glanzleistung, die sich mit einfachen Mitteln mit dem immer noch aktuellen Thema Antisemitismus in England beschäftigt und eine Anklage gegen die Intoleranz der Bevölkerung darstellt. Dabei erzeugt sie die Spannung eher unterschwellig durch die Betrachtung der Gefühle der Charaktere und vermeidet effektheischende Szenen.

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milla zu »Bernice Rubens: Ich, Dreyfus« 20.03.2006
Sir Alfred Dreyfus ist ein ehrgeiziger Mann, der es sich zum Ziel gemacht hat, der Schulleiter der besten Schule Englands zu werden. Als er sein Ziel erreicht hat, bringt ihn der Verdacht und das anschließende Urteil Mord an einem Schüler lebenslang ins Gefängnis. Die Möglichkeit, seine Geschichte aufzuschreiben ist für ihn mehr, als der feindlichen Gesellschaft seine Sicht der Dinge aufzuzeigen, sie wird zu einer Reise in die längere und kürzere Vergangenheit und zu einer Chance, sich selbst neu zu finden.

Eine außergewöhnliche Art einen Krimi zu schreiben, aber außergewöhnlich ist auch die ganze Geschichte. Der Name Dreyfus ist nicht zufällig gewählt, und dennoch soll diese Geschichte keine Kopie historischer Ereignisse sein, sondern eine eigene und das ist sie auch, trotz der auffälligen Parallelen. Bernice Rubens hat eine eigenwillige Erzählweise gewählt: Abwechselnd liest der Leser das Manuskript, das Dreyfus in seiner Zelle in der Ich-Form schreibt und den aktuellen Versuchen seines Bruders „draußen“, eine Wiederaufnahme des Verfahrens durchzusetzen.

„Ich, Dreyfus“ ist mehr als ein Krimi, es ist eine Auseinandersetzung mit der eigenen und der europäischen Vergangenheit, mit der eigenen Identität und den Vorurteilen und Empfindungen der heutigen Gesellschaft. Ein spannender Lesegenuss, der zum Nachdenken anregt!
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