Saltimbocca von Bernhard Jaumann

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2002 bei Aufbau.
Ort & Zeit der Handlung: Italien / Rom, 1990 - 2009.
Folge 5 der Fünf-Sinne-Serie.

  • Berlin: Aufbau, 2002. ISBN: 3-7466-1509-7. 265 Seiten.

'Saltimbocca' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Ein gescheiterter Krimiautor läßt sich in einer römischen Trattoria durchfüttern, die er im Gegenzug in seinem neuen Roman erwähnt. Zwischen Rigatoni und Saltimbocca schreibt er seinen Krimi über einen römischen Privatdetektiv, der den Mord an einem fachgerecht zerstückelten Restaurantkritiker aufzudecken versucht. Doch je länger der Autor seinen Helden durch Rom irren läßt, desto bedrohlicher vermengen sich Realität und Fiktion. Als schließlich der Wirt der Trattoria ein maßloses Schlemmermenü auftischt, bleiben manch einem die feinen Bissen im Hals stecken ... 

Das meint Krimi-Couch.de: »Delikatessen« 70°

Krimi-Rezension von Thomas Kürten

Der Bayer Bernhard Jaumann ist Autor von fünf Kriminalromanen, die jeweils einen anderen menschlichen Sinn beschreiben. Nach Hörsturz, Sehschlachten, Handstreich und Duftfallen bildet Saltimbocca den Abschluss dieser Reihe und widmet sich ganz dem Geschmackssinn. Das Buch wurde vom Syndikat, der Organisation der deutschen Kriminalschriftsteller, im Jahr 2003 mit dem Glauser-Preis ausgezeichnet.

Welches Land eignet sich besser für ein Buch über den Geschmackssinn als Italien? Gibt es einen geeigneteren Schauplatz für ein solches Buch als Rom mit seiner berühmten Cucina Romana? Ein mäßig bekannter Schriftsteller reist deshalb in die italienische Hauptstadt, um Impressionen für seinen fünften Krimi zu sammeln. Und um Kosten zu sparen, fragt er in der Trattoria Pallotta, ob er hier einige Tage umsonst speisen darf, wenn er die Trattoria im Gegenzug in seinem Buch erwähnt.

Seine Geschichte handelt von dem römischen Privatdetektiv Bruno Brunetti, der von seiner Ex-Frau, die er immer noch leidenschaftlich liebt und begehrt, gebeten wird, ihren Vater, den Besitzer der Trattoria Pallotta aus dem Gefängnis zu holen. Er sei zu Unrecht verhaftet und des Mordes an einem Restaurantkritiker beschuldigt worden. Irrsinnigerweise hatte Brunetti von einer Frau, angeblich die Gattin des Kritikers, den Auftrag erhalten, jenen Gourmet am Tag seiner Ermordung zu beschatten. Komisch nur, dass der Tote weithin als Homosexueller bekannt war. In diesen Insalata Mista muss Brunetti Ordnung bringen. Wer war die Frau, die zudem einer Figur auf einem antiken Gemälde ähnelte? Und wer war der Mann, den Brunetti beschatten sollte? Brunetti verlangt als Bezahlung für seine Ermittlungen, in den nächsten Tagen umsonst in der Trattoria Pallotta speisen zu dürfen.

Im Lauf der Handlung vermischen sich die beiden Erzählstränge zu einem köstlichen Tiramisu. Figuren, die dem Schriftsteller in der Trattoria begegnen, finden Eingang in die Handlung seines Romans. Schockierend wird es, als der Wirt einen Brief empfängt, der vor einem Giftanschlag warnt. Die Drohung bekommt Gewicht, als tags darauf ein Gast der Trattoria, eine junge Frau, plötzlich mit Strychnin vergiftet wird. Jene junge Frau hatte der Schriftsteller gerade zuvor auch in seinem Roman vergiftet, die Passage dann aber über Nacht grundlegend geändert und dramatisiert. Und dann wird es immer konfuser, denn Figuren, die er für seinen Roman erfunden hatte, tauchen plötzlich in der Trattoria auf. Wie kann so was möglich sein?

Dieser äußerst unterhaltsame Roman, frei nach dem Prinzip »mise en abyme« (Thematisierung der schriftstellerischen Tätigkeit im Roman selber) wartet immer wieder mit Überraschungen auf. Jaumann begibt sich auf eine metaphysische Ebene, indem er Fiktion und fiktive Wirklichkeit zu einem sanften Carpaccio miteinander verschmelzen lässt. Denn der mäßig erfolgreiche Schriftsteller, den er in seinem Roman die Stadt Rom nach Schauplätzen für sein neues Werk erkunden lässt, trägt auffallende Züge des wirklichen Autors. Und dieser Autor kann erzählen. Flüssig zergeht seine Kriminalgeschichte auf der Zunge wie eine gute Zabaione.

Was leider ein wenig zu zäh dabei wirkt, ist der Bezug auf den Geschmacksinn, der sich allein in den in der Trattoria Pallotta servierten Speisen ausdrückt. Denn die immer wieder ausbrechenden Begeisterungsstürme können bereits zu einem zu frühen Zeitpunkt nicht mehr dem Leser das Wasser im Munde zusammen laufen lassen. Jaumann ist zum Glück weit entfernt davon, ein Kochbuch zu schreiben, dennoch: Zu hölzern und gestelzt kommen die Kommentare zu den römischen Spezialitäten. Warum kann der Mensch nicht einfach mal eine schnöde Pizza mit Parmaschinken und Rucola verdrücken? Immer exotischer werden die Gerichte. Zu exotisch für eine einfache Vorort-Trattoria.

So kann ausgerechnet das Grundmotiv, ein Krimi, der in besonderem Maße den Geschmacksinn der Leser anspricht, nicht zufriedenstellend bedient werden. Der Rest ist hingegen durchaus begeisternd. Besonders gut gelungen ist die Verbindung zwischen dem Roman, den der Autor im Buch selber schreibt und der fiktiven Wirklichkeit, die dieser Autor erlebt. Bestimmt der Autor noch das Geschehen in seinem Roman oder wird ihm der Roman von seiner Umwelt diktiert. Erzähltechnisch brilliert Jaumann. Die Kriminalgeschichte, die er in die beiden Handlungsstränge einbaut, weiß ebenfalls gut zu gefallen. Und ohne die römische Küche wäre Saltimbocca wohl sogar noch besser in den Mund gesprungen.

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JD zu »Bernhard Jaumann: Saltimbocca« 12.10.2009
In seinen sprachlichen Fähigkeiten versteht es Bernhard Jaumann auch in diesem Roman zu brillieren. Auch die Dualität der Handlungsebene ist interessant, wenngleich gelegentlich auch mühsam zu lesen. Problematischer ist die Handlung. Die Beschreibung der genüsslichen Verspeisung ausgefallener Gerichte, die Einarbeitung einiger kunsthistorischer Aspekte und eine bis zum Ende sehr bizarre Mord- und Vergiftungsserie auf mehreren Handlungsebenen, wirken über weite Strecken skurril und zusammenhangslos und vermögen den italienischen Flair nur begrenzt zu vermitteln. Die wichtigen Charaktere beider Handlungsebenen bleiben durchwegs geheimnisvoll und der Leser wartet sehnsüchtig und gespannt auf die Auflösung, wie die dramatischen Ereignisse der beiden Handlungsebenen denn nun zusammenhängen. Leider wartet er umsonst, denn der Autor entscheidet sich für ein Ende, das alle Fragen offen lässt. Man verrent sich quasi zusammen mit dem Autor in einer Geschichte, an deren Ende sowohl Leser als auch Autor erstaunt festellen müssen, dass dies ja nun alles gar keinen Sinn mehr ergibt.
ilse Kluge zu »Bernhard Jaumann: Saltimbocca« 22.07.2009
saltimbocca war für mich der Abschluss "der Sinne" und eine geniale brillanz der Dualität des Themas.
Durch die Ablenkung der Thematik in eine römische Trattoria in der es nicht nur pizza u. tomate mit mozzarella gibt, hat dieser krimi für mich nur gewonnen. Es spricht für eine gewisse Ironie und Mentalität der Hauptdarsteller in dieser Geschichte. Fantasie und Lebensqualität die man den Italienern einfach zu -gesteht und in dieser Geschichte einfach klasse eingearbeitet wurde. Vor allem, wie in jedem Buch "der Sinne" wünscht man sich mitten dabei zu sein und einfach am teller mit zu naschen. Die ausgeprägte Sprachform ist beeindruckend und daher geniesst man die Leichtigkeit und Menschlichkeit in der trattoria
Brigitte zu »Bernhard Jaumann: Saltimbocca« 10.11.2003
spannend, unterhaltsam, lehrreich, italienisch
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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