Die Stunde des Schakals von Bernhard Jaumann

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2010 unter dem Titel Die Stunde des Schakals, bei Kindler.

  • Reinbek bei Hamburg: Kindler, 2010 unter dem Titel Die Stunde des Schakals. ISBN: 978-3-463-40569-8. 317 Seiten.
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2011. ISBN: 978-3-499-25265-5. 317 Seiten.
  • [Hörbuch] Hamburg: Jumbo, 2010. Gesprochen von Jürgen Uter. ISBN: 3833726628. 4 CDs.

'Die Stunde des Schakals' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Namibia: Im Windhuker Nobelviertel Ludwigdorf wird ein Mann, der seine Zitronenbäume wässert, wird über den Elektrozaun hinweg mit einer AK-47 erschossen. 19 Jahre nach der Ermordung der SWAPO-Anwalts Anton Lubowski beginnt so eine Attentatsserie, der nach und nach die damaligen Täter vom südafrikanischen Geheimdienst zum Opfer fallen. Für die junge Windhuker Kriminalpolizistin Clemencia Garises werden die erbitterten Kämpfe aus der Endzeit der Apartheid lebendig, die sie bisher nur aus Erzählungen kannte …Doch wer ist der Täter? Und warum schlägt er erst nach fast zwei Jahrzehnten zu?

Das meint Krimi-Couch.de: »12. September 1989« 95°Treffer

Krimi-Rezension von Wolfgang Franßen

Wider das Vergessen. Welcher Autor, wenn nicht ein Deutscher kennt sich damit aus. Gerechtigkeit. Gibt es ein größeres Risiko für einen Schriftsteller diese einzufordern? Journalisten sind das gewöhnt. Sie steigern die Auflagen ihrer Zeitungen, ihrer Magazine dadurch. Autoren hingegen, Kriminalautoren zumal verstecken sich gerne hinter schwachen Fakten, um die Verfehlungen einer weit zurückliegenden Vergangenheit bloßzustellen. Sie mixen eine Melange aus möglichen Ereignissen und entreißen dem Gemenge in erster Linie die dem Genre innewohnende fingierte Spannung.

Bernhard Jaumann hat das beschauliche Montesecco verlassen und sich seiner zweiten Wahlheimat Namibia zugewandt, weil ihn das Schicksal Anton Lubowskis umtrieb.

Keine Lügen mehr, keine Geschichten! Nur die Wahrheit zählt, und die Wahrheit ist der Tod.

Mit diesen Worten beginnt der Roman. Wer Jaumanns Vorliebe für erste Sätze kennt und das »Notwendige Nachwort« am Ende des Romans zuvor gelesen hat, wird sich der Brisanz von Die Stunde des Schakals bewusst.

Geschichte

Anton Lubowski unterstützte als Weißer die SWAPO und rief dadurch in der Bevölkerung tiefe Animositäten, wie Bewunderung für seinen Einsatz als Rechtsanwalt beim Kampf um die Menschrechte und um die Befreiung von der Apartheid und dem Kolonialismus hervor. Er wurde am 12. September 1989 unter bis Heute nicht geklärten Umständen ermordet. Mitten im Übergang zu einem unabhängigen Namibia. Es gab nicht wenige, die hofften, mit diesem Fanal den Unabhängigkeitsprozess aufzuhalten.

Jaumann nennt Namen, Fakten und erzählt eine erfundene Geschichte um mutmaßliche und hingerichtete Schuldige, um einen todkranken Killer, um einen Richter, der sich ins Unrecht setzt, um der Gerechtigkeit willen, stattet einen Vorgesetzten mit einer SWAPO-Vergangenheit aus, die ihn ins Zwielicht rückt, und schildert ein Namibia, das wie viele afrikanische Länder nicht zur Ruhe kommt, dessen Wunden verschorfen, aber nicht verheilen.

Um deutschen Lesern einen Zugang zu den Ereignissen zu gewähren, bedient sich der Autor der Rückblende in den Dialogen, wie in den eingeschobenen Aussagen, was den Erzählfluss zuweilen hemmt, jedoch notwendig erscheint, um einen Weg durch das Dickicht der Verschleierung zu schlagen.

Es lässt sich alles überleben, selbst die Wahrheit

Die Last der Aufklärung liegt schwer auf den Schultern Clemencia Garises, die sich von ihren Kollegen dadurch unterscheidet, dass sie einen Teil ihrer Ausbildung in Finnland absolviert und sich den Blick von außen bewahrt hat. Was ihr bei der eigenen Familie nicht hilft. Damit die ein Auskommen hat, wohnt sie noch Zuhause und droht, in deren alltäglichem Chaos unterzugehen. Jaumann gewährt hier zwischen Handyrechnungen, Stromunterbrechungen, dubiosen Saurierfunden für Journalisten einen Einblick in den fintenreichen Überlebenskampf abseits der Villengegend. Hier zeigt sich eine von Jaumanns Stärken. Er besitzt Humor und setzt ihn gegen die harte politische Bewältigung der Vergangenheit.

So lautet der letzte Satz des Romans, den ein Junge an einem Grab fallen lässt, wie ein Aufschrei gegen das Wegschauen:

Und wer war Anton Lubowski?

Das Wegsehen ist Jaumanns Sache nicht.

In einer teils poetischen Sprache, einer der Wahrheit verpflichteten Geschichte, droht die Identität eines Landes vor allem daran zu zerbrechen, dass es sich nicht stellt. Mit Die Stunde des Schakals entreißt Jaumann Anton Lubowski für deutsche Leser dem Vergessen und führt ihnen ein Leben vor Augen, bei dem jemand aufgrund seiner Überzeugungen hat sterben müssen.

In der Hoffnung, dass die Wahrheit eines Tages ihren Weg zurück nach Namibia findet.

Wolfgang Franßen, April 2010

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Marius zu »Bernhard Jaumann: Die Stunde des Schakals« 10.06.2010
Die Passion des stillen Rächers

Er ist zweifelsohne eine meiner Entdeckungen des Jahres 2010 - der Krimischriftsteller Bernhard Jaumann. Galt er bis jetzt höchstens als Geheimtipp, könnte das sich nun durch seinen Wechsel zu Rowohlt ändern. Die Stunde des Schakals ist das erste Buch, das als Hardcover bei Kindler erschienen ist und das Buch, das für Jaumanns Durchbruch sorgen könnte!

Hat sich Jaumann vormals noch eher im europäischen Raum orientiert, entführt er uns diesmal auf den schwarzen Kontinent, der nun im Zuge der Fußballweltmeisterschaft in aller Munde ist. Clemencia Garises ist bei der Polizei in Namibia angestellt und hat als erfolgreiche Polizistin auch in Finnland ein Praktikum bestreiten dürfen. Sie muss sich sowohl mit ihrer Familie als auch mit unprofessionellen Mitarbeitern herumschlagen und ist deshalb ganz froh, als ihr ein aktueller Fall etwas Abwechslung beschert: Während er seine Bäume wässerte, wurde der Hausbesitzer van Zyl durch einen Elektrozaun von einem Heckenschützen ermordet. Der brutale Mord bleibt allerdings nicht der einzige und es scheint, als würde der Killer einen privaten Rachefeldzug gegen bestimmte Männer führen. All die Morde, denen die junge Polizistin begegnet, haben ihr Motiv offenbar in der Vergangenheit und Clemencia und ihr Team gelangen auf die Spur eines lange zurückliegenden Mordanschlags, für den der Rächer offenbar Vergeltung will...
Jaumanns Roman ist sowohl eine ausgezeichnete Charakterstudie, als auch eine Geschichtsstunde und eine aufregende Mörderhatz quer durch den Süden Afrikas. Ihm gelingt es mühelos, psychologisch ausgefeilt und atmosphärisch dicht zu erzählen, ohne den Plot aus den Augen zu lassen. Insgesamt eine spannende und lehrreiche Lektüre, von der man sich eindeutig Nachschlag wünscht!
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