Tod im Blausee von Bernhard Borge

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1942 unter dem Titel De Dødes Tjern, deutsche Ausgabe erstmals 1949 bei Dulk.
Ort & Zeit der Handlung: Norwegen, 1930 - 1949.

  • Oslo: Aschehoug, 1942 unter dem Titel De Dødes Tjern. 249 Seiten.
  • Hamburg: Dulk, 1949. Übersetzt von Karl Christiansen. 249 Seiten.
  • Frankfurt am Main: Ullstein, 1957. Übersetzt von Karl Christiansen. 185 Seiten.

'Tod im Blausee' ist erschienen als

In Kürze:

Der düstere Waldsee verfügt über geheimnisvolle Kräfte: Jeden, der sich an sein Ufer wagt, zieht er unweigerlich in die Tiefe …

Das meint Krimi-Couch.de: »Thriller, Spukgeschichte und psychologisches Lehrbuch« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Oslo, Norwegen im Sommer des Jahres 1941. Sieben alte Freunde treffen sich im Haus des Kriminalschriftstellers Bernhard Borge und seiner Gattin, der Schauspielerin Sonja. Kai Bugge ist ein bekannter Psychoanalytiker und Sachbuch-Bestseller-Autor, außerdem ein Rationalist, der sich gern mit Gabriel Mörk streitet, einem Literaturkritiker mit ausgeprägtem Hang zum Okkulten. Harald Tann ist Rechtsanwalt und Amateurdetektiv. Die neurotischen Geschwister Liljan und Teddy Werner sind vermögend und frönen dem süßen Nichtstun. Teddy ist Jäger und hat sich in Österdalen im abgelegenen Norden des Landes ein Anwesen gekauft. Die Daumannshütte liegt im Finsterwald unweit des Blausees und gilt als verflucht. Hier hat Anno 1831 hat Tore Gruvik, ein halb verrückter, einbeiniger Sonderling seine eigene Schwester und ihren Liebhaber mit der Axt geköpft und ihre Leichen in den Blausee geworfen. Wenig später hat er sich dort ertränkt. Die Körper wurden niemals gefunden.

Seit damals soll ein Fluch auf der Hütte lasten. Mindestens drei Bewohner haben sich seither im Blausee umgebracht; ein unwiderstehlicher Zwang habe sie dazu veranlasst, wie es heißt. Teddy Werner wurde durch diese Sage erst recht zum Erwerb des Besitzes angeregt. Drei Wochen später ist er verschwunden: nach Auskunft des Polizisten Einar Braaten hat auch er sich in den See geworfen. Sein Tagebuch: das Vermächtnis eines Irrsinnigen, der sich von einem holzbeinigen Gespenst bedroht und verfolgt fühlte …

Die entsetzten Freunde beschließen, der Tragödie selbst auf den Grund zu gehen. Sie reisen nach Österdalen und quartieren sich in der Daumannshütte ein. Lange müssen sie nicht warten um zu lernen, dass diese Gegend verwunschen ist. Borge entdeckt am Seeufer das stelzfüßige Phantom des Tore Gruvik. Liljan Werner folgt beinahe ihrem Bruder, als sie des Nachts in den Blausee schlafwandelt. Böse Träume quälen die Anwesenden, Verhängnis liegt in der Luft, zumal der Jahrestag der Gruvik-Morde unmittelbar bevorsteht. Dann liegt plötzlich Tann tot im See, und die Ereignisse überstürzen sich …

Thriller, Spukgeschichte und psychologisches Lehrbuch (für Anfänger): »Tod im Blausee« ist wahrlich ein »einmal ganz unüblicher Kriminalroman« und ein »interessantes und wohlgelungenes Experiment«, wie der Klappentext vermerkt: Dem deutschen Krimifreund der 1950er Jahre auf seiner mageren Edgar Wallace-Diät könnte dieses Werk in der Tat einige Magenbeschwerden bzw. Hirnsausen beschert haben. Weniger der Plot ist es, der für Verwirrung sorgt; der wurde nämlich mit Bedacht vom Verfasser als gutes, altes Mordrätsel im (hier halbwegs) verschlossenen Raum und innerhalb einer von der Außenwelt isolierten Gruppe konzipiert: Der oder die Täter/in muss eine/r der Anwesenden sein. Klassischer geht’s wirklich nicht. Die Krimihandlung spielt außerdem vor dem Hintergrund einer alten Volkssage – auch dies keine neue Idee, derer sich z. B. Arthur Conan Doyle in »Der Hund der Baskervilles« bekanntlich bediente.

Das damals Neue ist Borges konsequente Ableitung des Bösen als Produkt der menschlichen Psyche. Es gibt keine »Schurken«, d. h. verdammenswerte Zeitgenossen, die um ihres finanziellen Vorteils willen, aus Rache oder perverser Freude am Tücken ihre Mitmenschen piesacken. Borges Schurken sind ganz sicher keine, sondern Kranke, die für ihr Tun nur bedingt nicht verantwortlich gemacht werden können.

Geisteskrankheit und Geisterglaube liegen in diesem Umfeld übrigens recht nahe beieinander. Schon immer hat sich der Mensch vor dem Unbekannten gefürchtet – und dazu zählt ganz sicher die Angst vor dem, dessen Hirn fehlgeschaltet ist und ihn oder sie zu Taten treibt, die manchmal wahrhaft ungeheuerlich sind. Wahnsinnige sind unberechenbar, und das macht sie gleichzeitig zu dankbaren Protagonisten des Thrillergenres.

Borges Ehrgeiz reicht freilich ein wenig weiter. »Tod im Blausee« ist nicht nur unheimlicher Krimi, sondern auch eine Art Grundkurs in der Kunst der Psychoanalyse. Die war um 1940 noch nicht zum kulturellen Allgemeingut geworden, über das sich heute jeder auslassen kann, der regelmäßig die Infotainment-»Berichte« des Privatfernsehens verfolgt, sondern noch ein Buch mit sieben Siegeln. Das kann Borge nachträglich als Entschuldigung anführen, denn gerade diese Passagen muten dem Leser des 21. Jahrhunderts recht zäh und hausbacken an.

Es gibt da eine interessante Parallele: 1945 (und damit deutlich später als »Tod im Blausee«) drehte Meisterregisseur Alfred Hitchcock »Spellbound« (dt. »Ich kämpfe um dich«) mit Gregory Peck und Ingrid Bergman. In diesem Klassiker finden wir die allzu intensive »wissenschaftliche Ernsthaftigkeit« wieder, mit der auch Borge sich dem Thema Psychologie widmet.

Ungeachtet der daraus entstehenden Übertreibungen erzählt »Tod im Blausee« eine spannende, gruselige und sehr unterhaltsame Geschichte. Man könnte freilich einwenden, sie erinnere gar zu sehr an Borges »Døde menn går i land« (dt. »Tote Männer gehen an Land« – von Ihren Rezensenten a. a. O. bereits besprochen) von 1947. Falls dem so ist, hat der Verfasser in fünf Schriftstellerjahren eine Menge gelernt, denn das spätere Werk ist ihm wesentlich eindrucksvoller geraten.

Von einer seltsamen Truppe lässt sich Bernhard Borge, Chronist und Mitdarsteller des »Blausee«-Dramas, da in den Wald begleiten. Unkonventionelle Künstler sind es, die sich über die »Normalsterblichen« in ihrer scheinbar beschränken Welt erhaben dünken und doch in ihrem eigenen Labyrinth gefangen sind, ohne dies zu bemerken. Ganz sicher sind sie keine Helden; sie wirken nicht einmal sonderlich sympathisch, sondern eher oberflächlich und geradezu zwanghaft lebenslustig. (Ohne schulmeisterlich wirken zu wollen: Mit keinem Wort findet in der Handlung, die 1941 spielt, der II. Weltkrieg Erwähnung, der schließlich auch Norwegens Geschichte entscheidend prägte.)

Sie lassen daher den Leser meist seltsam kalt, ohne dass dies die Spannung der Handlung beeinträchtigen könnte. Beckmesserische Kritiker, die gern die Qualität einer Geschichte ausschließlich an ausgefeilten Charakterstudien festmachen, würden energisch bestreiten, dass dies möglich sei – Borge belehrt sie eines Besseren.

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Michael Waldhauser zu »Bernhard Borge: Tod im Blausee« 30.11.2002
Kriminalliteratur vom Feinsten! Zwar erzählt Borge gern sehr ausschweifend, seine eingeflochtenen Lebensweisheiten und die herrlichen Sticheleien zwischen den Charakteren erhöhen die Freude am Lesen jedoch erheblich. Ansonsten ein Whosdoneit ala Aghata Christie mit Hochspannung und natürlich einer überraschenden Auflösung. Sehr zu empfehlen auch "Der Nachtmensch" mit den gleichen Hauptfiguren.
Leider habe ich die Thermometerwertung durch falsches Klicken negativ beeinflusst. - Tschuldigung!
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