Neun Nächte von Bernardo Carvalho

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2002 unter dem Titel Nove noites, deutsche Ausgabe erstmals 2006 bei Luchterhand.
Ort & Zeit der Handlung: Amazonas, 1930 - 1949.

  • São Paulo: Companhia das Letras, 2002 unter dem Titel Nove noites. 2004 Seiten.
  • München: Luchterhand, 2006. Übersetzt von Karin von Schweder-Schreiner. ISBN: 978-3630871899. 2004 Seiten.
  • München: btb, 2007. Übersetzt von Karin von Schweder-Schreiner. ISBN: 978-3-442-73702-4. 205 Seiten.

'Neun Nächte' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch E-Book

In Kürze:

Ein amerikanischer Anthropologe nimmt sich im tiefsten brasilianischen Urwald das Leben. Keiner weiß, warum. 60 Jahre danach versucht ein brasilianischer Journalist, Licht in das Dunkel zu bringen. Aus seiner detektivischen Spurensuche wird schon bald die Geschichte einer Besessenheit, die einen immer stärkeren Sog entwickelt …Ausgezeichnet mit den beiden renommiertesten Literaturpreisen Brasiliens: Prêmio Machado des Assis und Prêmio Jabuti.  

Das meint Krimi-Couch.de: »Spurensuche am Amazonas« 82°

Krimi-Rezension von Thomas Kürten

Wer war Buell Quain? Forschen Sie im Internet, fragen Sie Google. Sie werden eine ganze Reihe von Verweisen auf den Roman Neun Nächte von Bernardo Carvalho finden. Lassen Sie den mal außen vor, suchen Sie weiter, suchen Sie die Essenz! Recht bald werden Sie einige Links finden zu Internetseiten, die Ihnen eine kurze Biographie liefern. Ein junger Amerikaner, Anthropologiestudent, der im Alter von sechsundzwanzig Jahren nach Brasilien kommt und rund ein Jahr später, am 2. August 1939 mitten im Amazonasdschungel stirbt, offenbar ein Selbstmord. Suchen Sie weiter, aber seien Sie gewarnt: Das Internet gibt nicht viel mehr her.

Doch warum brachte sich der junge Forscher um? Ein Mann, der durchaus eine erfolgreiche Zukunft als Wissenschaftler hätte haben können, denn trotz seiner erst siebenundzwanzig Jahre galt er mit bereits 4 Publikationen als hoffnungsvolles Talent. War es wirklich eine unheilbare Krankheit, die er nicht durchleiden wollte? Oder war es ein Freitod aufgrund unerfüllter Leidenschaft? Hatte sich der junge Mann bei den Indianern im Urwald verliebt und durfte nicht heiraten? Oder hatte er sich in eine junge Assistentin in Sao Paulo verguckt, die sich von ihm aufgrund von Gerüchten abwandte? Welche Gerüchte? Oder hatte seine Ehefrau in USA von einer Affäre erfahren? Welche Ehefrau? Welche Affäre? Oder aber wollte Buell Quain ein Zeichen setzen, dass man die Kraho-Indianer besser in Ruhe lässt und nicht erforscht? Wollte er etwa das Massaker, das ein Jahr nach seinem Freitod an den Kraho stattfand, dadurch verhindern? War fehlendes Geld ein Motiv? Konnte er die Trennung seiner Eltern nicht verkraften? Oder aber war es vielleicht gar kein Selbstmord, sondern Mord?

Neun Nächte, acht Briefe – oder doch nur sieben?

Nach all diesen Fragen, drängt sich eine große Frage in den Vordergrund: Warum sollte das alles nach über 60 Jahren noch einen Menschen interessieren? Und genau hier macht der Autor einen Kunstgriff, er zitiert zum einen aus Aufzeichnungen eines Freundes von Quain, der kurz nach dessen Tod von den Kraho acht Briefe übergeben bekam. Aber wer war der achte Empfänger, denn nur sieben scheinen je bei ihren Adressaten angekommen zu sein.

Zum anderen aber erzählt der Autor die Geschichte aus der Perspektive einer Person, die sich durchaus für die Schicksale der Ureinwohner des Amazonasbeckens interessiert, die schon als Kind bei ihnen war. Jemand der hier aufgewachsen ist bei einem Vater, welcher aus der Landverteilungspolitik der 60er Jahre große Profite geschlagen und die Indianer vertrieben hat. Und gerade als der Roman zu einer belanglosen Spurensuche eines Fanatikers ohne Profil zu werden droht, fängt dieser Ich-Erzähler an, von ebendiesen Erinnerungen aus seiner Kindheit zu erzählen. Dieser inzwischen rund 40-jährige Journalist wirkt nun so authentisch, dass man ihm das hohe Interesse an einer tragischen Person wie Buell Quain von dieser Stelle an abnimmt und sich mit ihm auf eine spannende, verwirrende und immer wieder neue Fragen aufwerfende Spurensuche am Amazonas begibt.

Der Autor spielt aber nicht nur mit der Perspektive, er jongliert zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Sein Ich-Erzähler findet Dokumente, aus denen Vermutungen entwickelt und wieder verworfen werden. Erinnerungen vermischen sich mit Berichten von Zeitzeugen, eigene Erfahrungen mit den Erzählungen des jungen Amerikaners. Und der unermüdlich Suchende übernimmt beinahe die Rolle des Menschen, den er zu verstehen sucht: Er begibt sich zu den immer noch im Urwald lebenden Kraho, wandelt auf Quains Spuren und begreift, dass er nicht begreifen kann. Als Fremder unter Fremden fühlt er sich verloren und ständiger Gefahr ausgesetzt. Dabei wird jedoch klar, dass allein seine Anwesenheit ein stilles und heimliches Gift ist, das die Sitten der Ureinwohner langsam und leise zerstört.

An jeder Liane ein anderes Motiv

Im brasilianischen Urwald werden die Wurzeln unseres kulturellen Selbstverständnisses in Frage gestellt. Begriffe wie Familie, Lebensraum und Existenz erhalten hier neue Definitionen, die in unserer zivilisierten Welt nicht bekannt sind. Carvalho bezeichnet die Indianer am Amazonas als »Waisen der Zivilisation«. Besser hätte er es kaum beschreiben können. Die hier lebenden Stämme bekriegen sich, manche werden vernichtet, sterben aus, andere wiederum gründen sich gerade neu. Ihre Geschichte reicht nur wenige Jahrzehnte zurück, was davor war ist unbekannt. Doch der Einfluss der Zivilisation, der Anthropologen und Ethnologen, wirkt sich unmittelbar auf ihr Verhalten aus und vernichtet ihre Lebensgrundlage. Vielleicht ist es diese Erkenntnis, die Buell Quain zum Selbstmord veranlasst hat. Die Erkenntnis, das seine berufliche Hingabe sicherer als jedes Mordinstrument ganze Völker ausrotten kann.

Vielleicht war es aber auch nur einer der oben schon genannten, ganz »banalen« Gründe. Wie dem auch sei, eigentlich ist ja längst Gras über die Sache gewachsen. Und im Urwald sogar schneller und dichter als anderswo. Carvalho gelingt es, eine Gratwanderung zwischen Fakten und Vermutungen zu vollführen, die mit immer wieder neuen Interpretationsmöglichkeiten aufwartet. Hierin liegt die große Klasse dieses Romans.

Thomas Kürten, Januar 2008

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Stefan83 zu »Bernardo Carvalho: Neun Nächte« 16.05.2009
In Brasilien mit Preisen überhäuft, der Klappentext spannend klingend und Lust auf mehr machend. Und dann wird das Buch auch noch mit den Werken Joseph Conrads verglichen. Was blieb mir da anderes übrig, als sich "Neun Nächte" von Bernardo Carvalho zu kaufen, um mir selbst ein Bild zu machen. Das Fazit fällt sehr ernüchternd aus. Die von mir in ihn gesetzten Erwartungen kann Carvalho in keiner Zeile erfüllen, den Anspruch eines spannenden Unterhaltungsromans einfach nicht gerecht werden. Sehr schade, hat die Story doch einiges an Potenzial gehabt, das richtig umzusetzen aber versäumt wurde.

"Neun Nächte" erzählt die Geschichte des amerikanischen Anthropologen Buell Quain, der sich kurz vor Ausbruch des 2. Weltkriegs im Alter von 27 Jahren unter mysteriösen Umständen im brasilianischen Regendwald das Leben nimmt. Dieser lang zurückliegende Selbstmord ist Ausgangspunkt für Bernardo Carvalhos Spurensuche, in welcher er vorwiegend Briefe eines Mannes verwendet (an eine Person, welche dem Leser zunächst unbekannt ist), dem Quian vor seiner tragischen Entscheidung in neun Nächten seine Lebensgeschichte anvertraut hat. Zeitzeugenberichte und Rückblicke dienen als Brücke zwischen den Zeiten und beiden Personen, rekonstruieren nach und nach Leben und Tod des jungen Forschers. Was folgt ist ein vor allem biographischer und auf Tatsachen beruhender Roman (Buell Quain hat es wirklich gegeben), der mithilfe von kunstvoller Sprache und mystisch angehauchten Flair Joseph Conrads "Das Herz der Finsternis" zu imitieren versucht.

"Versucht" muss es heißen, denn Carvalhos Erzählungen sind ungefähr so spannend wie das Kapitel S im Telefonbuch. Das auf den ersten Blick fein gesponnene Rätsel löst sich bis zum Schluss nicht wirklich auf, ganze Handlungsstränge führen ins Nichts und von Spannung ist weit und breit nichts zu spüren. Ohne hundertprozentige Aufmerksamkeit hat der Leser nicht den Hauch einer Chance die oftmals extrem verschachtelten Sätze zu entwirren, den aus mehreren Zeitzonen stammenden Handlungsabläufen einen logischen roten Faden zu entnehmen. Und selbst wenn er sich auf jedes Wort konzentriert, wird er dafür am Ende doch nicht belohnt, bleibt man doch genau so schlau wie vorher und irgendwie unbefriedigt zurück.

Was lässt sich Positives sagen und die Preisauszeichnungen für das Buch rechtfertigen? Mit Sicherheit das gewählte Thema, die Sprache und die äußerst gelungene Übersetzung. Vielleicht drei Dinge, die vielen Lesern für eine gute Lektüre reicht. Mir nicht. Insbesondere an einen Spannungsroman stelle ich noch andere Ansprüche.

Insgesamt ist "Neun Nächte" ein arg zähes, wenig bis gar nicht unterhaltsames Werk, das verworren und undurchsichtig wie der Dschungel Südamerikas daherkommt und seinem guten Ruf leider nicht gerecht werden kann. Nichts für den Gelegenheitsleser und wohl leider auch mein erstes und gleichzeitig letztes Buch von diesem Autor.
11 von 16 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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