Ein Mann allein von Bernardo Atxaga

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1993 unter dem Titel Gizona bere bakardadean, deutsche Ausgabe erstmals 1994 bei Ediciones B.

  • Iruña: Pamiela, 1993 unter dem Titel Gizona bere bakardadean. 349 Seiten.
  • Barcelona: Ediciones B, 1994 El hombre solo. Übersetzt von Arantza Sabán y Bernardo.
  • Zürich: Unionsverlag, 1997. Übersetzt von Giò Waeckerlin Induni. ISBN: 3293202381. 384 Seiten.

'Ein Mann allein' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Carlos, der ehemalige Anführer einer militanten Gruppe, führt mit Freunden ein Hotel in der Nähe von Barcelona. Ohne Wissen seiner Freunde versteckt er zwei junge Untergrundkämpfer. Doch im Hotel ist auch ein Verräter. Wie kann Carlos seiner Vergangenheit entfliehen und die Zukunft leben? Aller Illusionen beraubt, setzt er schließlich sein Leben aufs Spiel, als handle es sich um ein unabwendbares Schicksal.

Das meint Krimi-Couch.de: »Der Konflikt zwischen Kopf und Seele« 80°

Krimi-Rezension von Wolfgang Reuter

Im August 2004 ging die Nachricht durch die Medien, dass französischen Anti-Terror-Einheiten ein entscheidender Schlag gegen die bewaffnete baskische Befreiungsorganisation ETA gelungen ist. Das Führungsduo Antza und Anboto wurde verhaftet, umfangreiche Waffenlager, Geld und Computer mit brisanten Daten wurden beschlagnahmt.

Während der Franco-Diktatur hatte die ETA durch ihre Aktionen gegen das Regime gewisse Sympathien in der spanischen Bevölkerung und in Frankreich. Doch in der Zeit der Demokratisierung nach Francos Tod, der »transición« (siehe Manuel Vazquez Montalban) kam es nach der Amnestie für politische Gefangene zur Spaltung: Der Großteil der ETA akzeptierte die neuen Verhältnisse, ein kleiner Teil radikalisierte sich und ging verstärkt zum bewaffneten Kampf über. Doch derzeit sieht es so aus, als wäre die ETA endgültig gescheitert.

Ein Mann allein, vom baskischen Schriftsteller Bernardo Atxaga bereits 1993 geschrieben, handelt vom Scheitern politischer Ideale.

Atxaga kommt aus einem baskischen Dorf, wo es – wie er erzählt – ständig Gefangene, Untergetauchte und Tote gegeben hat. Alle seine Jugendfreunde haben irgendwo im Gefängnis gesessen. Carlos ist die Hauptperson . Er ist ein ehemaliger ETA-Aktivist und verbrachte mehrere Jahre im Gefängnis. Er war an einer Entführung beteiligt, deren Opfer getötet wurde. Er steckte seinen Bruder, das politisch-moralische Gewissen, in eine Psychiatrie, um von ihm ungehindert durch Raubüberfälle sein neues Leben finanzieren zu können. Gemeinsam mit seinen alten Gefährten Ugarte und Guiomar eröffnet er ein Hotel in der Nähe von Barcelona.

Dreh- und Angelpunkt in diesem Roman ist der Konflikt zwischen Kopf und Seele, zwischen Verstand und Unbewusstem. Zwischen dem, was ein Mensch äußerlich will und dem, was sein Inneres bereit ist, mitzuvollziehen. Atxaga gelingt mit der Figur Carlos das tiefgehende, glaubwürdige Psychogramm eines politisch denkenden Menschen in einer solchen Situation.

Carlos will ein neues Leben beginnen, Ruhe, einfache Tätigkeiten wie Brotbacken, eine Beziehung zu einer Frau, alles Frühere vergessen. Doch die Stimmen der Vergangenheit holen ihn immer wieder ein. Die Stimme der Ratte verlangt Rechenschaft über die Sache mit seinem Bruder, über das Entführungsopfer. Die Stimme Sabinos (Sabino Arana Goiri war theoretischer Begründer des baskischen Nationalismus) ermutigt ihn, weiter wie ein ETA – Kämpfer zu handeln.

Diesen Konflikt zwischen Gegenwart und Vergangenheit kann Carlos nicht bewältigen. Daher unterlaufen ihm zunehmend Fehler, wie etwa der entscheidende, zwei ETA-Mörder auf Wunsch der Organisation (»Erinnerung an alte Zeiten«) in seinem Hotel zu verstecken, just zu der Zeit, als anlässlich der Fußball-WM in Spanien die polnische Nationalmannschaft mit aller notwendigen Polizeipräsenz anwesend ist. Sein Kopf versucht wie immer alles rationell zu meistern, seine Seele erlebt erste Gedanken an den Tod als letzte Rückzugsmöglichkeit …

Atxaga schreibt bedächtig, konsequent, subtil, geradlinig, er lässt alles in Ruhe »wachsen«, jedes Detail ist ihm wichtig, alles hat seinen Platz im Verlauf der Geschichte. Er arbeitet die Figuren psychologisch sehr genau aus, wobei er sich alle Zeit der Welt dafür nimmt.

Ein historisch-ironischer Moment, fast genial, ist die entscheidende Wendung der Geschichte durch die polnische Dolmetscherin Danuta. In vielen Gesprächen mit Carlos zeigt sie tiefe Enttäuschung über das rein materielle Denken und Handeln ihrer Landsleute nach dem Scheitern des Kommunismus. Aber letztenendes gewinnt ihre eigene materielle Seele gegen den politisch denkenden Kopf.

Dieses Buch ist kein actionreicher Krimi, sondern im Gegenteil manchmal etwas langatmig. Und trotzdem auf seine Weise spannend. Es ist keine Lektüre zum Schlafengehen, sondern man benötigt Geduld, historisches Interesse und eine Neigung zur genauen psychologischen Ausarbeitung von Figuren. Wer so etwas mag, wird hier in überragender Weise bedient.

Ihre Meinung zu »Bernardo Atxaga: Ein Mann allein«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

Ihr Kommentar zu Ein Mann allein

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.

Seiten-Funktionen: