Kindertotenlied von Bernard Minier

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2012 unter dem Titel Le cercle, deutsche Ausgabe erstmals 2013 bei Droemer Knaur.
Ort & Zeit der Handlung: , 2010 - heute.
Folge 2 der Martin-Servaz-Serie.

  • Paris: XO, 2012 unter dem Titel Le cercle. 558 Seiten.
  • München: Droemer Knaur, 2013. Übersetzt von Thorsten Schmid. 656 Seiten.

'Kindertotenlied' ist erschienen als

In Kürze:

Hochsommerliche Hitze und heftige Gewitter belasten die Menschen im Süden Frankreichs, als ein brutaler Mord geschieht. Eine Professorin der Elite-Universität Marsac liegt ertrunken und grausam gefesselt in der Badewanne. In ihrem Rachen steckt eine Taschenlampe. Ohrenbetäubende Musik von Gustav Mahler schallt durch die Nacht. Kindertotenlieder. Beklemmung macht sich in Kommissar Martin Servaz breit. Ist Mahler doch der Lieblingskomponist des hochintelligenten und seit Monaten flüchtigen Serienmörders Julian Hirtmann. Hauptverdächtig ist jedoch ein Student: ausgerechnet der Sohn von Kommissar Servaz` Jugendliebe. Die Ermittlungen führen den Kommissar zu einem mysteriösen Studentenzirkel und zwingen ihn zu einer Reise in die eigene Vergangenheit. Amicus mihi Plato, sed magis amica veritas – Platon ist mir lieb, aber noch lieber ist mir die Wahrheit, lautet sein Motto. Doch die Wahrheit wird ihn in diesem Fall schmerzhaft an die Grenzen des Vorstellbaren bringen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Fortsetzung folgt...« 84°

Krimi-Rezension von Jürgen Priester

»Für mich schreit das Ende noch nach einer Fortsetzung.«

 …schrieb Leserin Simone in ihrem Kommentar zu Schwarzer Schmetterling. Recht hat sie, und mit Kindertotenlied liegt diese Fortsetzung vor.

Mit Schwarzer Schmetterling ist dem Franzosen Bernard Minier im vorletzten Jahr ein fulminantes Debüt gelungen. Dafür ist er in Frankreich mit zwei renommierten Preisen ausgezeichnet worden. Auch im deutschsprachigen Raum konnte Minier mit dem Mix aus Polizeiroman und Psychothriller punkten. Ist Schwarzer Schmetterling nun der Auftakt zu einer Reihe oder der erste Teil einer Trilogie, Quadrologie, usw.? Diese Frage stellt sich, denn neben dem sich abzeichnenden vielköpfigen Stammpersonal rund um Chefermittler Commandant Martin Servaz gibt es einen Antagonisten, einen personifizierten Teufel, dessen Präsenz im Hintergrund das Geschehen weitgehend beeinflusst. Das gilt sowohl für Schwarzer Schmetterling als auch für Kindertotenlied und wird im Folgeroman (N’éteins pas la lumière – gerade in Frankreich erschienen) wohl fortgeführt werden. Aus dieser Konstruktion schält sich für den potenziellen Leser der Hinweis heraus: Kindertotenlied ist für den Einstieg in die Reihe (oder was auch immer) nicht geeignet. Mehr noch als bei anderen Serienromanen ist hier die chronologische Reihenfolge wichtig.

Schwarzer Schmetterling spielt zur Winterzeit im Südwesten Frankreichs in der Gegend um Toulouse. In den tiefverschneiten, eisigen Schluchten der nahen Pyrenäen traf der Kriminalbeamte Servaz auf die monströse Installation einer Pferdeleiche, die den Auftakt zu einer albtraumartigen Mordserie darstellte. Weniger spektakulär, aber eindeutig zur Schau gestellt, ist die Leiche, mit der Kindertotenlied seinen Anfang nimmt. Die Tote, Claire Diemar, war Lehrerin in der Khâgne, einer Vorbereitungsklasse für Hochbegabte, am Gymnasium des Städtchens Marsac. Claire war kein Kind von Traurigkeit. Bei Kollegen und Schülern wegen ihrer offenen Art allseits beliebt, von den männlichen Exemplaren ob ihrer Attraktivität auch heiß begehrt. Nun liegt sie ertränkt, nackt, wie bei einer Bondage gefesselt, in der Badewanne ihres Hauses, während unten im Garten einer ihrer Schüler, am Pool sitzend, völlig verstört wie unter Drogen ins Leere starrt. Ihn beobachtet ein aufmerksamer Nachbar.

Es ist Frühsommer in der Region, aber die Luft lastet schon schwül, Gewitter drohen.  Halb Frankreich schaut fasziniert zur Fußball-WM in Südafrika, obwohl die Équipe Tricolore nicht den besten Fußball bietet. Bis auf Commandant Servaz hängt auch die Polizeidirektion Toulouse gebannt vor den Fernsehschirmen, als der Anruf einer Frau aus Marsac eingeht. Es ist Marianne, die Mutter besagten Schülers, eine alte Freundin von Martin Servaz. Sie bittet ihn dringend um Hilfe, da ihr Sohn unschuldig sei, aber aufgrund der Umstände unter Verdacht geraten könne. Servaz übernimmt den Fall und sondiert das Umfeld der Ermordeten. Je weiter seine Ermittlungen voranschreiten, desto größer wird der Kreis der Verdächtigen. Eine vieldeutige Email an ihn lässt ihn sogar an einen Mann denken, den er eigentlich nicht mehr auf seinem Tableau hat.

Sein dienstlicher Einsatz in Marsac ist für Martin Servaz eine Reise in die eigene  Vergangenheit. Er war selbst einmal Schüler in der Khâgne, hatte im Kreis der »Auserwählten« ein Studium der Philologie zum Ziel. Es war auch die Zeit seiner ersten großen Liebe. Marianne und er galten als unzertrennlich, und ein gemeinsamer Lebensweg schien vorgezeichnet. Doch ihre Liebe zerbrach an bis dato ungeklärten Gründen. Marianne heiratete einen Anderen. Aus dieser Beziehung entsprang ihr Sohn Hugo, der jetzt unter Mordverdacht steht. Wie eingeweihte Leser wissen, kam es auch in Martins Leben zu einem radikalen Bruch. Nach dem tragischen Tod seiner Eltern schlug er  eine Laufbahn bei der Polizei ein. Jetzt kehrt er zurück an den Ort unerfüllter Träume und vergangener Emotionen. So ist er nicht nur als Kriminalist involviert, sondern als ehemaliger Schüler auch indirekt verstrickt in dieses Konvolut aus Schuld und Unschuld. Zu allem Unglück studiert auch noch seine Tochter Margot in Marsac, wo sich die Situation zuspitzt und für manche lebensbedrohlich wird.

Die Suche nach dem Mörder der Lehrerin bildet den Haupthandlungsstrang in Miniers komplexem Roman. Parallel dazu erfährt der Leser im Prolog und in mehreren Zwischenspielen von dem Leiden einer Frau, die in Gefangenschaft eines Psychopathen geraten ist. Man bekommt keinen Hinweis darauf, wer die Frau ist, wo sie sich aufhält, wer ihr Peiniger ist und zu welcher Zeit ihre Geschichte spielt. Sie scheint in einem anderen Kontinuum zu existieren, ihr Leiden hängt aber wie eine dunkle Bedrohung über den Geschehnissen in Marsac. Ein perfides Spiel, das der Autor mit seinen Lesern treibt, das die Spannungskurve zusätzlich in die Höhe treibt, über das der Rezensent sich aber nicht weiter auslassen kann außer mit dem Hinweis: selber lesen.

Der französische Originaltitel des Romans lautet: »Le Cercle« – der Kreis. Dessen Relevanz zeigt sich während der Lektüre. Der deutsche Titel Kindertotenlied wirkt  auf den ersten Blick willkürlich, ist aber treffend und selten gut gewählt – ein Kompliment an den Verlag.

Wie schon Schwarzer Schmetterling ist auch Kindertotenlied durchdrungen von der Musik Gustav Mahlers. Er ist der Lieblingskomponist des Hauptprotagonisten Martin Servaz und seines Gegenspielers Julian Hirtmann – wahrscheinlich auch des Autors Bernard Minier.  Anfang des 20. Jahrhunderts vertonte Mahler fünf Gedichte des deutschen Dichters Friedrich Rückert, die unter dem Namen »Kindertotenlieder« bekannt wurden. Diese ertönen nun im Roman an markanter Stelle, stehen zudem in Verbindung mit der Lösung des Falls.

Aus zwei Gründen hat der Rezensent seine Besprechung zu Kindertotenlied mit »Fortsetzung folgt..« überschrieben. Zum einen – naheliegend –, weil sich hier die im Vorgänger vorgestellten Hauptfiguren weiterentwickeln und neue Details ihrer Vita bekannt werden. Aber das ist ja nichts Besonderes. Das erwarten wir von jeder Serie. Bei Minier schafft es jedoch auch ein Antagonist, in den Folgeband ein- und dort unterzutauchen. Was aus ihm wird, bleibt ein Geheimnis. Ein Cliffhanger ohne Auflösung!

Der zweite Grund, warum die Überschrift: »Fortsetzung folgt..« heißt, ist, dass es Bernard Minier gelingt, die hohe Qualität von Schwarzer Schmetterling fortzuführen. Musikalisch ausgedrückt könnte man sagen, der Autor hat eine Symphonie  komponiert, die, aus verschiedenen Stimmen zusammengesetzt, ein harmonisches Ganzes ergibt.

Facettenreich skizziert Minier seine Charaktere. Herausragend ist natürlich die Figur des Martin Servaz, der hochgebildete Mann, der lieber Philosoph als Analytiker wäre. Ein ruhiger Typ – etwas unsicher in seinen Emotionen. Ihm zur Seite quasi als Ergänzung steht Irène Ziegler von der Gendarmerie, eine motorradfahrende Powerfrau, die sich auf ihr Bauchgefühl verlässt. Eine buntgemischte Truppe aus Kripo-Kollegen, Staatsanwälten und Lokalpolitikern mit all ihren Eitelkeiten und Schrullen komplettieren  Miniers Stammpersonal.

Eine kleine Disharmonie gegen Ende der Story möchte der Rezensent nicht unterschlagen, ohne näher darauf eingehen zu können. Nur soviel, dass Bernard Minier das Kindertotenlied ähnlich ausklingen lässt wie den »Schwarzen Schmetterling«. Das wird dem sonst so ausgeklügelten Plot nicht gerecht. Es ist nicht so, dass die Spannung bricht, aber für den erfahrenen Krimileser ist die Lösung zu naheliegend. Wer sich dann zurücklehnt mit dem Gedanken: »Ich hab´s doch geahnt«, für den hat der Autor noch einen Paukenschlag parat, der so lange nachhallt, bis eine Fortsetzung folgt …

Jürgen Priester, März 2014

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Andreas N. zu »Bernard Minier: Kindertotenlied« 05.11.2014
Ein völlig enttäuschendes Buch: Wartete Teil 1 noch mit einem letztendlich banalen Plot, jedoch einer auch biem zweiten Lesen unglaublich intensiven und beklemmenden Atmosphäre auf, fehlt in diesem Band das Gespür für Dramatik völlig (Ausnahme: die Tauchszene). Inhaltlich und logisch ist das Ganze sehr, sehr dünn, aber das ist nur dann ein Vorwurf, wenn die Spannung fehlt. und das tut sie. Die Figuren wurden im Schwarzen Schmetterling sehr gut ausgeleuchtet, im Kindertotenlied kommt es dann zu hanebüchenen Übersteigerungen, die einem sehr schnell auf die Nerven gehen. Ich schließe mich da ganz der vorherigen Meinung von Anja S. an.
Für mich die größte Enttäuschung dieses Jahres, wohl auch weil meine Erwartungen so hoch waren.
Anja S. zu »Bernard Minier: Kindertotenlied« 25.10.2014
Es ist schwer, detaillierte Kritikpunkte zu beschreiben, ohne zu viel von der Auflösung zu verraten.
Von daher bleibt nur zu sagen, dass der Autor mit teils "unfairen" Tricks arbeitet, um die Spannung zu heben (die Frau, die sich in der Gewalt des Psychopathen befindet, aber mehr möchte ich nicht verraten).
Die Seelenqualen des Kommissars sind mir schon im ersten Band auf die Nerven gegangen und hier tun sie es noch mehr. Außerdem alle diese wunderschönen, durchtrainierten, topgestylten Frauen, herrje, gibt es dort nicht einmal eine durchschnittliche hübsche Frau unter diesen ganzen Göttinnen?
und das Ganze ist mir zu sehr auf Fortsetzung geschrieben, besonders das Ende.
Das Buch ist durchaus spannend, ebenso wie der Vorgänger, den Nachfolgeband werde ich mir jedoch höchstwahrscheinlich schenken.
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