Nicht frei von Sünde von Benjamin Black

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2006 unter dem Titel Christine Falls, deutsche Ausgabe erstmals 2007 bei Kiepenheuer & Witsch.
Ort & Zeit der Handlung: Irland / Dublin, 1950 - 1969.
Folge 1 der Quirke-Serie.

  • New York: Henry Holt, 2006 unter dem Titel Christine Falls. 428 Seiten.
  • London: Picador, 2006. 428 Seiten.
  • Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2007. Übersetzt von Christa Schuenke. ISBN: 978-3-462-03768-5. 428 Seiten.
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2008. Übersetzt von Christa Schuenke. ISBN: 978-3-499-24817-7. 428 Seiten.
  • [Hörbuch] Bergisch Gladbach: Lübbe Audio, 2007. Gesprochen von Dietmar Bär. ISBN: 3-7857-3360-7. 6 CDs.

'Nicht frei von Sünde' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Quirke ist Herr über das Totenreich des Holy Family Hospitals. Er liebt die Abgeschiedenheit der Pathologie, zwei Stockwerke unter dem geschäftigen Treiben auf den Straßen Dublins. Dann wirft die Leiche der jungen Christine Falls Fragen auf. Und Quirke begibt sich, auf der Suche nach Antworten, in die Welt der Lebenden, wo sich die Abgründe seiner eigenen Familie vor ihm auftun. Es ist mitten in der Nacht, als Quirke seinen Schwager Malachy, den überaus angesehenen Leiter der Geburtsklinik, in der Pathologie überrascht – gebeugt über die Akte Christine Falls. Das Erscheinen des seltenen Gastes erweckt Quirkes Argwohn und regt ihn zu Nachforschungen an. Er findet heraus, dass Christine Falls keineswegs an einer Lungenembolie gestorben ist, wie auf dem Totenschein vermerkt, und dass sie das Schicksal vieler junger Frauen im Irland der Fünfzigerjahre teilte. Quirke forscht weiter und gerät mit der eigenen Vergangenheit und dem katholischen Establishment in Konflikt. Die Fäden laufen im tief verschneiten Boston zusammen. 

Das meint Krimi-Couch.de: »Eine bittersüße Symphonie« 81°

Krimi-Rezension von Jochen König

Benjamin Black ist ein Pseudonym. Und niemand macht ein Geheimnis daraus, dass sich hinter der dunklen Alliteration der irische Autor John Banville verbirgt. Der Träger des renommierten (und mit 50.000 Pfund ordentlich dotierten) Booker Man-Preises begibt sich in die Niederungen der Genre-Literatur. Dass er ein Alias benutzt, wurde ihm von etlichen Kritikern angekreidet, wie überhaupt die Aufnahme des ersten Romans um den Pathologen Gerriet Quirke sehr verhalten bis ablehnend war. Da wurden Banvilles Werke gelobt und vor allem The Sea zum Meilenstein erklärt, während sein Ausflug ins Krimifach unkenrufend zum Fall eines großen Mannes erklärt wurde, der »die Tücken des Genres unterschätzt« (Thomas Steinfeld in seiner Rezension für die Süddeutsche Zeitung) und so von ihnen erschlagen wird.

Doch viel mehr werden die Ressentiments der jeweiligen Kritiker offensichtlich, die sich jederzeit bemüßigt fühlen, Banville ihren anerkennenden Tribut zu zollen, »Benjamin Black« aber für einen Blender halten. Doch Nicht frei von Sünde ist keineswegs eine »schlichte Allegorie [...] der irischen Auswanderung in den Nordwesten der Vereinigten Staaten« (noch mal Thomas Steinfeld, dessen Kritik ein Quell sprudelnder Freude ist. Aber nicht so, wie er sich das vermutlich wünscht). Diese »schlichte Allegorie« gibt es tatsächlich äußerst erfolgreich unter dem Namen »Riverdance«. Doch worum geht’s bei Blacks Roman nun wirklich?

Der Pathologe Gerriet Quirke »erwischt« seinen Stiefbruder Malachy, einen angesehen Gynäkologen, beim Aktenstudium in seinem Institut. Doch nicht nur das, recht eindeutig hat er die Todesursache der eingelieferten Christine Falls gefälscht. Von Eifersucht zerfressen – immerhin heiratete Malachy die Frau, in die Quirke heftigst verliebt war, während er selbst sich mit ihrer Schwester zufrieden gab -begibt sich der Pathologe auf die Suche nach Hintergründen des Todes der Christine Falls, und findet sich behindert, massiv misshandelt auf der anderen Seite des Ozeans wieder. An der Seite seiner attraktiven und ungestümen Nichte Phoebe stößt er in Boston auf ein Familiengeheimnis, einen irreparablen Fall von Großmannssucht, florierenden Babyhandel, dessen bigotte Motivation schön geredet wird und seine eigenen, dunklen Seiten, die mehr mit dem Fall zu tun haben, als er sich träumen lässt.

Nicht frei von Sünde ist ein retrospektiver Kriminalroman und das nicht nur, weil er in den 50ern spielt. Was sich geradezu anbietet, denn zentrales Thema ist die Verlogen- und Verlorenheit des Konstrukts Familie, die gerade Mitte des vergangenen Jahrhunderts hochgehalten wurde, wie eine lodernde Fackel in Zeiten der Dunkelheit. Doch wohin man schaut finden sich lediglich glimmende Strohfeuer. Familiäre Beziehungen werden unter falschen Voraussetzungen aufgebaut und sind dementsprechend fragil. Ihr Zerbrechen ist nur eine Frage der Zeit. Nicht allein in Quirkes großbürgerlicher Familie, deren Querverstrebungen und Fehlentwicklungen den eigentlichen Kriminalfall erst ermöglichen, liegt vieles im Argen, auch die schlichten Adoptiveltern von Christine Falls Tochter schaffen durch falsche Voraussetzungen und Lügen erst den Nährboden für tödliche Fehlentwicklungen.

Darauf bedacht, den eigenen Ruf und die Geschäftstüchtigkeit zu wahren (bzw. aufzubauen), verschmelzen die Unterschiede zwischen Reich und Arm, werden Menschen tatsächlich zu Brüdern: im Untergang. Der versoffenen Melancholie des intellektuellen Gerriett Quirke stellt Black den agilen und gewaltbereiten Andy Stafford entgegen, den stumpfen Schläger, Trinker und Vergewaltiger, der mehr trieb- als verstandesgesteuert alle heuchlerischen Motivationen des Babyhandels ad absurdum führt. Er ist das dunkle Spiegelbild des Pathologen Quirke, der ebenfalls meist angetrunken und mit sich selbst und seiner Umwelt hadernd, über eine Seltsamkeit stolpert und in den Strudel eines Verbrechens gerät, dessen vorgeblich hehre Motive seine Handlanger nicht davon abhalten, zu foltern und zu töten, um Spuren zu verwischen. Doch niemand hat mit der Hartnäckigkeit eines Mannes gerechnet, der sich selbst aufgegeben hat.

Gerriet Quirke ist ein planlos Getriebener, kein planvoller Ermittler. Er möchte sich den Dämonen seiner Vergangenheit stellen und hat gleichzeitig Angst vor dem, was er entdecken wird. So scheut er sich nicht, trotz eines Verdachts, einen falschen Totenschein auszustellen, er zögert und zaudert an entscheidenden Stellen; gibt andererseits seine Suche nach den Hintergründen nicht auf, als er übelst zusammengeschlagen wird. Immer mit einem Fuß auf dem schmalen Pfad zur Selbstzerstörung, ist er so indifferent wie das Leben selbst. Erfüllt von der Sehnsucht seine eigene Vita wieder mit Sinn zu füllen, findet er sich in einem Minenfeld wechselhafter Beziehungen wieder. So wird Liebe zum Laster und Loyalität sowohl zum Fluch, wie zur Chance.

Am Ende kann er mithilfe Inspektor Hacketts eine Kampfansage gegen die feine Gesellschaft wagen. Ob dieser Kampf je ausgetragen wird, ist indes ungewiss. »Nicht frei von Sünde« ist ein poetischer Roman, der vor klugen Sentenzen und ausgefeilten Betrachtungen kleinster Teilchen und Begebnisse geradezu platzt. Benjamin Black ist ein Maler von Stimmungsbildern, er beschwört sehr atmosphärisch die 50er-Jjahre des vergangenen Jahrhunderts, von den Straßen Dublins bis zu Tanzvergnügen in Boston. Er lässt sich Zeit, vertändelt auch mal die ein oder andere anstehende Entwicklung zugunsten poetischer Entfaltung.

Manchmal übertreibt er es und erstarrt in Langsamkeit, oder torkelt ziellos herum wie sein besoffener Protagonist. Doch meist fächert Black die beklemmende Atmosphäre gekonnt und stimmungsvoll auf: zu genauen, spannenden und manchmal witzigen Miniaturen, die den Blick freigeben auf die realere Welt innerhalb eines verlogenen Komplexes, der gerne Welt wäre.

Dass Black den Kriminalroman »unterfordert« wie Steinfeld behauptet – stimmt nicht. Er spielt mit seinen Strukturen, begibt sich in einen Bereich, den bereits unterschiedliche Autoren wie Raymond Chandler oder Jim Thompson weidlich unter die Lupe nahmen. Hier kann man ihm bestenfalls zum Vorwurf machen, dass er dem Thema nicht viel Neues abgewinnt. Doch seine unterkühlte Herangehensweise, die labile Hauptfigur und das sprachgewandte, mitunter etwas umständliche und altertümliche Tappen durch nebulöse Verstrickungen, machen »Nicht frei von Sünde« zu einem lesenswerten Buch. Nicht vor Spannung strotzend, aber auf leise, traurige und unaufdringliche Art eine bittersüße Symphonie.

Obwohl nicht ganz unpassend, ist der deutsche Titel mit biblischen Anleihen eine ziemlich plumpe und unverhohlene Aufforderung an vagabundierende Elizabeth-George-Leser, sich das Buch zuzulegen. Da ist das Original Christine Falls doch wesentlich doppeldeutiger und ansprechender geraten, vermutlich aber nicht plakativ genug.

Jochen König, November 2008

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krimitante zu »Benjamin Black: Nicht frei von Sünde« 07.02.2013
leider eines von den büchern auf deren cover "krimi" steht, das aber keiner ist. benjamain black, eigentlich der renommierte irische autor john banville, hat eine familiendrama geschrieben, das in den 1950´ern spielt und die scheinheiligkeit der prüden, katholischen welt der damaligen zeit blossstellt. wer allerdings literatur von banville lesen will sollte auch wirklich banville lesen, denn der ist literarisch herausragend. b.black ist es nicht. "nicht frei von sünde" ist kein schlecht geschriebenes buch, aber eben kein banville. höchstens eine "fingerübung"...
Anja S. zu »Benjamin Black: Nicht frei von Sünde« 06.11.2008
Ich habe dieses Buch im Original gelesen, und es hat mir sehr gut gefallen. Die bigotte Moral und die Spiessigkeit im Irland und spaeter in Boston der fuenfziger Jahre sind sehr gut dargestellt. Das Buch ist auch durchaus spannend geschrieben und gut zu lesen. Nur der deutsche Titel ist voll daneben...die Doppeldeutigkeit von "Christine Falls" geht leider verloren.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
joan_irving zu »Benjamin Black: Nicht frei von Sünde« 16.09.2007
Interessanter Krimi, der in irland und den USA in den 50iger jahren spielt und viel über dei Bigotterie und die Selbstgefälligkeit des Katholizismus damals (ist es heute anders?) aussagt. Nicht wirklich mit Spannung zum Nägelkauen, aber doch eine Geschichte, die einen nicht loslässt und der man auf den Grund gehen will.
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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