Die Blonde mit den schwarzen Augen von Benjamin Black

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2014 unter dem Titel The Black Eyed-Blonde, deutsche Ausgabe erstmals 2015 bei Kiepenheuer & Witsch.

  • London: Mantle, 2014 unter dem Titel The Black Eyed-Blonde. 290 Seiten.
  • Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2015. Übersetzt von Kristian Lutze. ISBN: 978-3-462-04740-0. 288 Seiten.
  • [Hörbuch] Berlin: Parlando, 2015. Gesprochen von Christian Brückner. ISBN: 3941004654. 288 CDs.

'Die Blonde mit den schwarzen Augen' ist erschienen als TaschenbuchHörbuchE-Book

In Kürze:

Los Angeles in den frühen Fünfzigerjahren. Philip Marlowe, Privatdetektiv, ist so ruhelos und einsam wie eh und je. Die Geschäfte laufen eher schlecht, da trifft es sich gut, dass eine neue Klientin sein Büro betritt: jung, wunderschön, gut gekleidet. Clare Cavendish will, dass Marlowe ihren Liebhaber findet, Nico Petersen, der plötzlich wie vom Erdboden verschluckt ist. Bald verfällt Marlowe dem Charme der schwarzäugigen Blonden und findet sich in einem Fall wieder, der ihn in die Welt einer der reichsten Familien der Gegend führt. Die wiederum würde offenbar alles dafür tun, um diesen Reichtum zu verteidigen, und schreckt dabei vor nichts zurück …

Das meint Krimi-Couch.de: »Philip Marlowe – light« 78°

Krimi-Rezension von Jürgen Priester

Als der amerikanische Krimiautor Raymond Chandler 1959 im Alter von 70 Jahren starb, hinterließ er eine Reihe von Skizzen und Vorlagen für neue Romanideen, die wohl der Vergessenheit anheim gefallen wären, wenn nicht vor Kurzem der preisgekrönte, irische Schriftsteller John Banville alias Benjamin Black sich eines Fragments angenommen und der Kultfigur Philip Marlowe ein neues Leben eingehaucht hätte. Black wählte »Blackeyed Blonde«, welches man durchaus als Fortsetzung von Der lange Abschied sehen kann, da auf einige Personen dieses Romans Bezug genommen wird und deren Schicksal endgültig geklärt wird. Bei uns ist der Roman unter dem Titel Die Blonde mit den schwarzen Augen als Softcover bei Kiepenheuer & Witsch in der Übersetzung von Kristian Lutze erschienen. Der Roman spielt in Los Angeles Mitte der 1950er Jahre.

Privatdetektiv Philip Marlowe sitzt eines Sommers Morgen gelangweilt in seinem Büro und sinniert über seine aktuell abgeschlossenen Aufträge, als die Tür aufgeht und eine atemberaubende Blondine sein Büro betritt. Clare Cavendish ist so betörend, wie eine Chandlersche Blondine nur sein kann, und Marlowe ist ganz hin und weg. Sie bittet ihn, einen gewissen Nico Petersen, der vor Monaten ihr Liebhaber gewesen sei, zu suchen. Er sei von einem Tag auf dem anderen spurlos verschwunden. Marlowe macht sich ans Werk. Einige Anrufe und Wege ergeben schnell, dass Petersen bei einem Autounfall mit Fahrerflucht ums Leben gekommen ist. Marlowes reiche Klientin ist weniger überrascht über diese Tatsache. Der Knackpunkt ist nur, sie glaubt, ihn Wochen nach dem tödlichen Unfall lebend in San Francisco gesehen zu haben.

Marlowe stürzt sich erneut in die Arbeit und versucht, die Vergangenheit des vielseitigen Liebhabers zu erhellen. Dabei stößt er auf unerwartete Verbindungen und zahlreiche falsche Identitäten. Der Fall fasziniert ihn zunehmend, wie auch seine geheimnisvolle Auftraggeberin, der er immer näher kommt. Doch so richtig trauen, kann er ihr nicht.

Das Werk eines anderen fortzusetzen oder dessen Ideen aufzugreifen, ist ein schwieriges Unterfangen, besonders wenn es sich um einen stilprägenden Klassiker handelt. Wie kaum ein Zweiter hat Raymond Chandler der Kriminalliteratur in seinen Romanen und Erzählungen seinen Stempel aufgedrückt. Hat Benjamin Black es nun geschafft, Chandlers Meisterwerken gerecht zu werden und der Figur des Philip Marlowe neues Leben einzuhauchen? Die Frage kann nur mit »Ja« und »Nein« beantwortet werden.

Liest man Blacks Die Blonde mit den schwarzen Augen in vager Erinnerung an Chandlers Marlowe-Romane, weil deren Lektüre schon länger zurückliegt, stellt sich sofort die Empfindung ein, ja, er lebt wieder, der Marlow, das Raubein, der Frauenliebhaber, der Zyniker, der Philosoph, der gewiefte Ermittler. Black trifft in Ton und Sprache das große Vorbild par excellence und offeriert dem geneigten Leser einen wendungsreichen spannenden Plot.

Nimmt man Blacks neuen Roman aber zum Anlass, sich noch einmal einen alten Marlowe-Roman zur Brust zu nehmen (der Rezensent las Der lange Abschied), kann feststellen, dass der »neue« Marlowe doch eher eine weich gezeichnete Kopie des Originals ist. Chandlers Marlowe ist um einiges härter zu sich selbst und im Umgang mit seinem Milieu. Sein Alkoholproblem kommt deutlicher zum Tragen und er ist konkreter in seiner Gesellschaftskritik. Das mag daran liegen, dass Chandler ein Kind der Zeit war, über die er schrieb und dort lebte, wo seine Romane spielten. Frische direkte Eindrücke hinterlassen einfach lebhaftere Konturen. Benjamin Black indes kann sich nur auf sein Einfühlungsvermögen verlassen.

Ohne Frage ist Die Blonde mit den schwarzen Augen ein ambitioniertes Projekt und gute, sprachlich anspruchsvolle Unterhaltung, aber ohne den nötigen »Stallgeruch«. Wer Philip Marlowe, das Urgestein des Private Eye, kennenlernen möchte, der ist mit Chandlers Originalen besser beraten.

Jürgen Priester, August 2015

Ihre Meinung zu »Benjamin Black: Die Blonde mit den schwarzen Augen«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

Jens Bepunkt zu »Benjamin Black: Die Blonde mit den schwarzen Augen« 22.08.2017
Ich fasse mich kurz, mein Vorschreiber Herr Graber hat schon fast alles geschrieben und beschrieben. Mir gingen insbesondere die ständigen Zitate, Anspielungen, das mühsame Herbeireden des Personals aus The long Goodbye auf die Nerven. Was muß der alte Harlan Potter alles machen, damit die Sache nicht in die Zeitung kommt, Linda Loring taucht als ferne Liebe in Paris auf. Aber anders als in Farewll my lovely wird sie nicht angerufen, sie schwebt nur im Raum. Ihr Ex-Mann, Dr. Loring, hat einen unglaubwürdigen Gastauftritt, der harte Junge Menendez ist im Hintergrund als Abziehbild eines Drogengangsters präsent. Und dann noch Terry Lennox, der sich ganz am Ende in die Geschichte mogelt. Man ahnt es schon die ganze Zeit, am Ende wird er auftreten, obwohl Marlowe im Schlußsatz des Langen Abschieds doch sinngemäß sagte, er habe niemanden wiedergesehen, außer den Bullen.
Also ingesamt zu viele Zitate, zu viel bemühtes Herbeischreiben der Figuren aus dem Langen Abschied. Schade, da hätte man mehr draus machen müssen. Oder die Bezüge zu The Long Goodbye entfernen, aber dann wäre es ein ganz anderer Roman geworden.
Dieter A. Graber zu »Benjamin Black: Die Blonde mit den schwarzen Augen« 01.01.2016
Verdammt riskante Sache, heute einen Philip-Marlowe-Roman zu schreiben. Der Ire John Banville hat’s versucht unter dem Pseudonym Benjamin Black. Der Mann kann einem leidtun. Er hat’s versaut. Gründlich.Dabei ist „Die Blonde mit den schwarzen Augen“ ja durchaus lesenswert. Zündende Dialoge. Ein paar witzige Vergleiche und Metaphern. „Dieses Lächeln: Es war, als hätte sie es vor langer Zeit mit einem Streichholz entzündet und dann vor sich hin glühen lassen.“ Fabelhaft. Aber damit ist das Beste über dieses Buch auch schon gesagt.Im Vermächtnis von Raymond Chandler, der 1959 starb, fand sich eine Liste möglicher Buchtiteln. Einer lautete: „The Black-Eyed Blonde“. Banville/Black hat drumherum eine Story gebastelt, die sich reinzwängt in die Romanreihe des großen amerikanischen Schriftstellers, irgendwo am Ende, als alles erzählt war und Chandler, inzwischen alkoholkrank, innerlich abgeschlossen hatte mit seinem Philip Marlowe. Die allerletzte Geschichte, als „Poodle Springs Story“ fragmentarisch hinterlassen, wurde später von Robert B. Palmer zu Ende geschrieben. Sie heißt: „Einsame Klasse“.
Das ist „Die Blonde mit den schwarzen Augen“ beileibe nicht. Vielmehr stellt sie den untauglichen Versuch dar, ein Stückchen Ruhm von der Legende einzuheimsen. Es ist eine aus Chandlerschen Versatzstücken zusammengeschusterte Geschichte, die nichts, aber auch gar nichts von der Sprachgewalt des Originals besitzt. Da mäandert ein seltsam indifferenter Philip Marlowe zwischen bekannten Namen wie Bernie Ohls (Polizeichef) und Linda Loring (die alte Flamme aus „Der lange Abschied“) durch eine Story, die damit beginnt, dass der Held in seinem Büro wartet – und prompt eine atemberaubend schöne, natürlich auch reiche Frau herein schneit, um seine Dienste in Anspruch zu nehmen: „Es war einer jener Dienstagnachmittage im Sommer, an denen man sich fragt, ob die Erde aufgehört hat, sich zu drehen. Das Telefon auf meinem Schreibtisch sah aus, als wüsste es, dass es beobachtet wurde.“ Schon dieser Einstieg ist misslungen. Chandler hat ihn zwar ähnlich, aber brillant verwendet in „Die kleine Schwester“: „Auf der Riffelglasscheibe der Tür steht mit abblätternder Farbe: ,Philip Marlowe … Ermittlungen.‘ Es ist eine recht schäbige Tür am Ende eines recht schäbigen Korridors, in einem Gebäude von der Sorte, wie sie ungefähr in dem Jahr entstanden, als das Kachelbad das Fundament der Kultur wurde.“ Oder in „Mandarin-Jade“, einer Short Story: „Ich war grad damit beschäftigt, meine Pfeife zu rauchen und der Rückseite meines Namens auf der Glasscheibe der Bürotür Fratzen zu schneiden …“ Nun, da klingelt das Telefon bereits zwischen den Zeilen, da wird der Leser hineingezogen in die Handlung, weil der erste Absatz schon voller Leben und Ironie steckt. Bei Chandler ist selbst die Stille so dicht, „dass man sie in Scheiben schneiden und mit Butter bestreichen könnte.“ Da transportiert eine Wortwertschöpfungskette unermüdlich die Handlung voran, bis der Leser, was durchaus passieren kann, den roten Faden verliert – aber egal, nur weiter mit dieser Sprachgewalt. Grandios die fast manische Beschreibungswut Chandlers, die Schilderung von Guten und Bösen, detailliert bis ins Letzte, selbst dort, wo es nichts mehr zu schildern gibt: „Seine Augen hatten keine besondere Farbe. Es waren eben Augen“ („Gefahr ist mein Geschäft“).
Nein, da kommt Banville nicht mit. Bisweilen gleitet er ab in alberne Allegorien. Beispiel: „In dieser Gegend gibt es Tage im Hochsommer, an denen die Sonne einem zusetzt wie ein Gorilla, der eine Banane schält.“ Sein Marlowe soll für die stinkreiche Clare Cavendish einen verschwunden Liebhaber suchen. Er ist aber selbst derart angetan von seiner Mandantin (warum eigentlich?), dass man ihm zurufen möchte: Junge, trink einen Bourbon und krieg dich wieder ein! Zitat: „Mir wurde [nach einer koketten Bemerkung ihrerseits, d. Verf.] kurz schwindelig, wie wenn man jung ist und ein Mädchen etwas sagt, das einen glauben lässt, sie sein an einem interessiert.“ Die beiden stehen am Meer. Zitat: „Die Wellen rollten träge an Land, Strandläufer huschten durch den Sand und am Horizont hing eine unbewegliche weiße Rauchfahne an einem Schornstein.“ Sie sagt: „Oh Gott, wie ich diese Stelle hier liebe.“ Sie hakt sich bei ihm ein. Zitat: „Eigentlich hätte Musik spielen müssen, ein gewaltiges Säuseln von sentimentalen Geigen …“ Später küsst er sie. Wir nähern uns Vivienne Westwood.Weiter hinten sagt so ein Typ doch tatsächlich „Hallo Phil“ zu ihm. Hallo Phil! Also das geht gar nicht. Keiner nennt Philip Marlowe einfach „Phil“. Aber es ist ja auch nicht Marlowe, genauso wenig wie ein Wimmelbild in einem Kinderbuch was mit einem Breughel zu tun hat. Hätte Banville, verdammt nochmal, einfach nur eine Hard Boiled Fiction geschrieben mit irgendeinem harten Hund in der Hauptrolle, es wäre ein passables Buch geworden.
Ihr Kommentar zu Die Blonde mit den schwarzen Augen

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.

Seiten-Funktionen: