Die Partie steht unentschieden von Ben Benson

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1952 unter dem Titel Stamped for Murder, deutsche Ausgabe erstmals 1959 bei Goldmann.

  • New York: William Morrow, 1952 unter dem Titel Stamped for Murder. 224 Seiten.
  • München: Goldmann, 1959. Übersetzt von Paul Baudisch. 179 Seiten.

'Die Partie steht unentschieden' ist erschienen als

Das meint Krimi-Couch.de: »Die Polizei weiß es stets besser!« 60°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Ein alter Briefmarkenhändler wird in seinem Haus ermordet. Die Staatspolizei rollt den Fall systematisch auf und stößt auf ein zunächst unentwirrbares Geflecht von privaten und geschäftlichen Verbindungen, die den Verstorbenen traulich vereint mit Betrügern, Bankrotteuren & Blondinen zeigen. Unbeirrbar und geduldig geht Inspektor Parr den zahlreichen Spuren nach, obwohl ihm das mehrfach fast das Leben kostet ... –

Früher Kriminalroman aus dem Subgenre des »police procedural«, das den Polizisten und seine Arbeit in den Mittelpunkt stellt. Das rein deduktive Geschehen ist auch heute spannend zu lesen, mit Nostalgie betrachten sollte man dagegen die zeitgenössischen Seitenhiebe gegen unabhängige Frauen, allzu selbstbewusste Jugendliche und andere potenzielle Unruhestifter, die der konservative Verfasser in Vertretung seines ebensolchen Publikums ordentlich deckelt. Es bleibt ein Lektürevergnügen, das sich ähnlich etwa beim Betrachten eines Schwarzweiß-Thrillers aus alter Zeit einstellt.

Ein Briefmarkenhändler mit Blei im Schädel

Eastern City ist ein kleiner Ferienort im US-Staat Massachusetts. In seinem Haus am Indian Lake hat der Briefmarkenhändler Arnold Gregg ein hässliches Ende genommen: Sein Mörder hat ihn in den Kopf geschossen und anschließend das Haus angesteckt. Polizeiinspektor William Parr von der Staatspolizei leitet die Untersuchung. Am Ort des Verbrechens finden sich keine Indizien. Doch Zeugen beschreiben einen üblen Streit, den Gregg am Morgen seines Todestages mit einem Geschäftspartner hatte, der seitdem verschwunden ist. Dieser Mann hatte ihn mit einem auf eine hohe Summe ausgestellten Scheck geleimt. Gregg drohte mit der Polizei.

Für Gerede sorgt außerdem Greggs hübsche, deutlich jüngere »Sekretärin«, mit der ihn mehr als ein Dienstverhältnis verband. Dodie Saratoga muss zugeben, von ihrem Chef ausgehalten worden zu sein. Gleichzeitig hat sie freilich mit einem Jüngeren angebandelt, was Gregg möglicherweise herausgefunden und mit Missfallen quittiert hat.

Inspektor Parr nimmt mit der ihm üblichen Gründlichkeit die Ermittlungen auf. Er lernt viel über den Briefmarkenhandel – und sticht dabei in ein Wespennest, was ihm u. a. eine Messerwunde im Rücken einträgt: Der Mörder (oder die Mörderin?) wird sichtlich nervös, und nervöse Kriminelle begehen Fehler. Das lässt sie allerdings auch sehr gefährlich werden; eine Erkenntnis, die sich auch in diesem Fall bald bestätigen wird …

Der Polizei über die Schulter geschaut

Ein Kriminalfall in Briefmarkenhändler-Kreisen? Kann das denn spannend sein? Durchaus, wenn sich ein Autor des Themas annimmt, der sein Handwerk versteht. Wobei in diesem Fall die Betonung auf »Handwerk« liegt: »Die Partie ist unentschieden« gehört wahrlich nicht zu den Klassikern des Kriminalromans.

Andererseits ist dieses Buch mit einer lesenswerten Handlung gesegnet (davon gleich mehr), und es nimmt in der Geschichte der Kriminalliteratur immerhin so etwas wie eine Fußnote ein: Es zählt zu den frühen Vertretern des »police procedural«, das es als Element des Krimis zwar schon früher gab, sich aber erst nach dem II. Weltkrieg zu einem eigenen Genre entwickelte. Dies geschah parallel zu einer (in den USA) grundlegenden Neuorganisation des Polizeiapparats. In mit moderner Technik ausgestatteten Behörden jagten gut ausgebildete Mitarbeiter Verbrecher – und sie fingen diese auch. Das machte den »neuen« Polizisten – der bisher eher ein Dasein im Schatten des genialen Privatdetektivs gefristet hatte – als Roman- und Filmhelden interessant. 1949 brachte Jack Webbs »Dragnet«-Radio- und TV-Serie den Durchbruch.

Der Hang des Menschen zum Voyeurismus erledigte den Rest. Seit jeher schaut der Bürger seinen Ordnungshütern gern über die Schultern; die gegenwärtige Flut der »Aufpasser am Werk«-Reality Shows im deutschen Privatfernsehen legt davon Kunde ab. Im Vordergrund stehen wiederum (angeblich) »die Fakten«. Die Arbeitsmethoden der Kriminalisten sind Teil der Handlung, ergänzt werden sie durch Seelenbilder der »Jungs in Blau«. (Später kamen selbstverständlich auch Mädchen hinzu.)

Ben Benson ist ein Autor, der sich auf »police procedural«-Romane spezialisiert hat. Wenn es um die reine Ermittlungsarbeit im Mordfall Gregg geht, leistet er zeitlos gute Arbeit. Natürlich sind viele Methoden der Polizei nach mehr als einem halben Jahrhundert veraltet. Das macht heute einen zusätzlichen Reiz aus: 1952 kann das Wohl oder Wehe eines Falls noch daran hängen, dass im entscheidenden Moment ein Telefon greifbar ist, denn selbstverständlich sind Handys (oder Computer sowie die ganzen Zaubermittel aus der »C.S.I.«-Wundertüte) völlig unbekannt.

Keine Grauzone zwischen »Gut« und »Böse«

Gut verzichten könnte man auf Bensons moralinsaure »Charakterbilder«. Besonders den Leserinnen sträuben sich heute die Haare, wenn sie lesen müssen, wie selbstverständlich die Polizei Dodo Saratoga in die Zange nimmt. Ihr »Verbrechen«: Sie steht auf eigenen Beinen, ist unverheiratet und die Geliebte eines älteren Mannes. Das gilt in Bensons Amerika als moralisches Vergehen, das eigentlich vom Gesetz bestraft gehört. Weil das leider nicht möglich ist, springt Inspektor Parr in die Bresche. Der ist ein interessanter Charakter, weil Benson hier – möglicherweise unfreiwillig – eine zwiespältige Figur geschaffen hat. Parr ist einerseits der Modellpolizist, wie ihn die reaktionären Vertreter des zeitgenössischen Establishments liebten: immer im Dienst, unbestechlich, hochmoralisch.

Andererseits trägt Parr leicht manische Züge. Das lässt ihn Benson nicht einmal leugnen. Parr kann nicht abschalten, selbst wenn er es möchte. Er vagabundiert dem Verbrechen hinterher und nutzt dies als Ausrede für sein marodes Privatleben. Angeblich würde er, der mit seinen 35 Jahren allein in der Welt steht, gern (Ehe-) Mann und Vater sein, aber überall ist das Böse zugange und lässt ihm keine Zeit dafür. Das ist im besten Fall eine Ausrede, ansonsten ist es dummes Geschwätz.

Parr wirkt manchmal wie ein Roboter; Linda Gregg, durchaus an ihm interessiert, wirft es ihm vor. Für Parr ist sie indessen zunächst einmal eine Verdächtige, so dass er erleichtert seinen Frauen-Abwehrschirm aktiviert lassen kann. Allerdings ist auch Linda eines von den »bösen« Mädchen. Sie lässt sich zwar nicht aushalten, aber auch sie beißt sich solo durch die Welt, und das habe sie »hart« werden lassen, was »einer Frau nicht immer steht«, so Parrs Analyse. Nun, er kriegt sie schon weich! Als das gelungen ist, lässt er sich sogar zu einem Drink überreden.

Schlimm fällt auch das Urteil über den Verdächtigen Walter Antra aus. Im Krieg hat er ja noch tapfer gekämpft, später im Schweiße seines Angesichts gearbeitet. Aber der Keim des moralischen Verfalls wohnte ihm wohl schon immer inne. Jetzt greift Antra plötzlich nicht mehr nur nach dem Zipfel, sondern nach der ganzen Wurst, zieht in eine große Wohnung, legt sich flotte Kleidung und das dazu passende Auto zu – alles Dinge, die ihm nicht zustehen und auf die ein braver junger Mann gefälligst bescheiden zu verzichten hat! Denn wer sich außerhalb der von Benson gesetzten moralischen Normen bewegt, gerät automatisch auf Parrs Radarschirm. Für ihn gilt: Nur die guten Jungs & Mädchen kommen überall hin – nämlich dorthin, wo Gott, die Regierung & das Gesetz sie sehen möchten!

Unter solchen Voraussetzungen ist es überraschend und erfreulich, dass Benson im letzten Viertel seiner Geschichte sein Schwarz-Weiß-Schema vergisst und sich der Auflösung des Kriminalfalls widmet. Dabei kann er wieder viel Boden wettmachen, und vor allem präsentiert er uns schließlich einen Täter, der nicht reumütig in Tränen versinkt, als sich das rächende Gesetz drohend über ihm aufbaut …

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