Das chinesische Pferd von Ben Benson

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1951 unter dem Titel Beware the Pale Horse, deutsche Ausgabe erstmals 1959 bei Goldmann.
Ort & Zeit der Handlung: USA / Massachusetts, 1950 - 1969.
Folge 2 der William-Parr-Serie.

  • New York: Mill, 1951 unter dem Titel Beware the Pale Horse. 185 Seiten.
  • München: Goldmann, 1959. Übersetzt von Paul Baudisch. 185 Seiten.

'Das chinesische Pferd' ist erschienen als

In Kürze:

Die Ermittlungen in einem Mordfall führen einen jungen Polizisten in die Welt des Kunsthandels, wo hinter vornehmen Kulissen erbittert und schließlich mörderisch um eine wertvolle Statuette gekämpft wird …

Das meint Krimi-Couch.de: »Tonfiguren, Holzköpfe & Bleikugeln« 70°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

White Sands Beach, unweit der Kleinstadt Eastern City gelegen, ist eine idyllische Siedlung an der Atlantikküste des US-Staates Massachusetts. Doch der friedliche Schein trügt: Gerade wurde in seiner Strandvilla der vermögende Kunstsammler Charles Endicott umgebracht. Am letzten Tag seines Lebens hatte ein mysteriöser Mann Endicott besucht und wollte ihm eine tönerne Pferdestatuette aus der chinesischen T»ang-Periode verkaufen. 10000 Dollar sollte Charles dafür bezahlen, doch der schöpfte Verdacht, weil ihm dieses Kunstobjekt unter der Hand angeboten wurde. Deshalb zog Charles Dan Hallmark, Leutnant der Staatspolizei, zu Rate, der ihm auch während der eigentlichen Verkaufsverhandlungen zur Seite stehen sollte. Dieses Treffen endete in einem Fiasko; am Ende lagen sowohl Charles Endicott als auch der Polizist erschossen am Boden, und der Täter entkam unerkannt.

Der Mord an einem Mann wie Charles Endicott schlägt hohe Wellen in Eastern City. Weil er politische Verwicklungen fürchtet und gleichzeitig publizistisches Kapital aus den Ermittlungen schlagen will, übergeht der allzu ehrgeizige Direktor der Staatspolizei sowohl Gus Kay, den Chef der örtlichen Polizei, als auch Inspektor William Parr, der eigentlich zuständig für den Fall wäre. Statt dessen wird dieser Paul Coyne, einer Marionette des Direktors, übertragen, während der ungleich tüchtigere Parr diesem nur beratend zur Seite stehen soll; ein Affront, dem der Inspektor sich beugt, weil der getötete Hallmark sein alter Freund und Mentor war.

Mit der ihm eigenen Tüchtigkeit betritt Parr die kleine, aber wenig feine Welt des Kunsthandels. Seltsame Verbindungen werden offenbar: Charles Endicotts Verlobte Karen Wyman arbeitete bis vor kurzem für den zwielichtigen Galeristen Victor Konstanz. Außerdem unterhält sie wohl ein Verhältnis zum Maler Walter Almieda, der von Endicott finanziert wurde und diesen ordentlich zur Ader ließ.

Oder ist der junge Harold Dane der Mörder. Der Geschäftspartner des schon etwas senilen Trödlers Abner Shapp hatte vor einiger Zeit auf einer Versteigerung in einem Schiffskoffer voller Gerümpel besagtes chinesisches Pferd entdeckt. Den wahren Wert gewaltig unterschätzend, verkaufte er es für ein paar Dollar dem Kunsthändler und Hehler William Lakos. Als Parr diesen ermordet in seiner Wohnung vorfindet, liegt der Verdacht nahe, dass Harold seinen Irrtum recht gewalttätig korrigiert hat. Seitdem ist er verschwunden. Seine Schwester Judy behauptet, Harold schon länger nicht mehr gesehen zu haben. Parr beschattet sie. Dass er eine heiße Spur verfolgt, weiß er spätestens dann, als neben seinem Kopf eine Kugel aus jenem Revolver einschlägt, der nun schon drei Menschen das Leben gekostet hat …

Alter aber lesenwerter Krimi

Und so geht es munter weiter in diesem lange vergessenen Krimi eines weitgehend unbekannten Schriftstellers: gradlinig, schnörkellos, unsentimental. Dazu kommt der Nostalgiefaktor, der einen vor nun mehr als fünf Dekaden entstandenen Roman ähnlich adelt wie die wunderbaren B-Movies aus dem Hollywood der vierziger und fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts, in denen die Männer noch Männer waren, die Frauen lieblich oder verdorben und der lange Arm des Gesetzes jeden Strolch im Finale garantiert zu Boden streckte.

Ganz so einfach (oder dümmlich) ging es freilich schon damals nicht zu, wenn wir die Filme und Romane dieser Zeit ein wenig genauer studieren. Auch «Das chinesische Pferd» überrascht mit unerwarteten Brüchen. Sechs Jahre nach dem zwar gewonnenen, aber trotzdem verlustreichen und harten II. Weltkrieg waren die Erinnerung derer, die daran teilgenommen hatten, noch zu frisch, als dass sie sich durch verlogene Hurra-USA-Verklärungen nachträglich schönreden ließen. William Parr und die meisten seiner Altersgenossen waren im Krieg, und das hat deutliche Spuren hinterlassen, die Autor Benson nicht unter den Tisch kehrt.

Überraschend auch die deutliche Kritik an den Medien, und das zu einer Zeit, da der «rasende Reporter» noch gern als Idol und Streiter für die Wahrheit besungen wurde. Noch verblüffender ist indes die Schärfe, mit der Benson die Polizeibehörden geißelt, die am Spiel um Ruhm und Macht allzu bereitwillig teilnimmt und die eigentliche Ermittlungsarbeit in den Hintergrund abdrängt.

Parr selbst ist natürlich der personifizierte Gegenentwurf – der Polizist, dem nichts über Recht & Ordnung geht, und ganz besonders nicht die eigene Karriere. Auch hier differenziert Benson jedoch feiner: Parrs Eifer hat durchaus etwas Manisches, und er kann auch nicht damit rechnen, für seine Erfolge, die gute, alte, harte Polizeiarbeit ihm beschert, mit einer Beförderung oder auch nur Lob rechnen, weil er sich gar zu strikt weigert, mit den Wölfen zu heulen, wie ihm der alte Captain Springer, sein längst mürbe gewordener Kollege, nüchtern vorwirft, und ihm daher ein Aufstieg verwehrt bleiben wird.

Der Zeitgeist und die Frau in den 1950ern

Weniger erfreut dürften indes die weiblichen Krimileser sein. Benson weicht in diesem Punkt nicht vom weiter oben skizzierten Zeitbild ab. Martha Endicott hält die Fäden ihres Lebens fest in der Hand, aber sie ist Mutter und Witwe und außerdem alt, so dass ihr die Selbstständigkeit gegönnt wird. Judy Dane ist die Jungfrau in Not, deren eigene Versuche, sich und den Bruder aus dem Dreck zu ziehen, nur rührend wirken, aber erfolglos bleiben, bis sich endlich ein kühner Ritter ihrer erbarmt. Und Karen Wyman …wie beschreibt es der brave Dorfpolizist Gus Kay so bildgewaltig: «Eines Tages kam sie in so einem Bikini an den Strand herunter. Ich wusste nicht, ob ich sie wegen unanständigen Auftretens einlochen oder schnell eine Kamera holen sollte. Ich habe weder das eine noch das andere getan. Ich stand bloß mit großen Glotzaugen da.»

Eine Frau, halt: ein «Mädchen», das sein Schicksal selbst in die Hand nimmt, sich dabei aus juristischer Sicht einige Freiheiten erlaubt und mit seinen Reizen nicht geizt, ist in dieser Welt mindestens doppelt so verworfen wie jeder männliche Verbrecher. Schlimmer noch: Frauen wie Karen Wyman verstoßen gegen gesellschaftliche Regeln, die eher Naturgesetzen gleichen. Judy wird dagegen mit der Aufmerksamkeit des nicht ganz so steifen Polizisten Parr «belohnt", die wohl in einer Ehe münden wird, die diesen wie bisher im Dienste der Gerechtigkeit meist aushäusig und Judy an der Herd- und Wiegenfront sehen wird …

Michael Drewniok, Februar 2008

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