Alle haben Angst von Ben Benson

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1955 unter dem Titel The Girl in the Cage, deutsche Ausgabe erstmals 1959 bei Goldmann.

  • New York: William Morrow, 1955 unter dem Titel The Girl in the Cage. 218 Seiten.
  • München: Goldmann, 1959. Übersetzt von Paul Baudisch. 178 Seiten.

'Alle haben Angst' ist erschienen als

In Kürze:

In einer amerikanischen Kleinstadt treibt eine jugendliche Autoknackerbande ihr Unwesen. Ein junger Polizist wird eingeschleust, doch misstrauische Ganovengenossen und unglückliche Zufälle lassen ihn schnell auffliegen und in Lebensgefahr geraten ... – Eine mittelmäßig spannende erzählte, aber als Zeitdokument hochinteressante Geschichte: Im US-Amerika der unmittelbaren Nachkriegszeit führt das Establishment Krieg gegen die aufmüpfige Jugend, die ohne Disziplin und Strenge zu verwildern droht. Die eigentliche Kriminalhandlung dient nur als Aufhänger für moralinsaure Horrorvisionen, welche einen gravierenden Generationskonflikt höchst einseitig »erklären” und unverhohlen autoritäre «Hinweise” zur Beilegung liefern sollen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Wehe wenn sie losgelassen ...« 50°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Carlton ist ein Städtchen irgendwo im US-Staat Massachusetts. Seit einiger Zeit mehren sich hier dreiste Autodiebstähle. Der örtliche Sheriff ist faul und korrupt. Die Staatspolizei nimmt sich deshalb des Falles an. Der junge Beamte Ralph Lindsey wird nach Carlton beordert. Inkognito soll er sich in die Diebesbande einschleichen. Die besteht offenbar aus sehr jungen Strolchen wie dem großmäuligen Scott Cluett, der als Mechaniker in der Werkstatt von Tony Sanders arbeitet. Sanders scheint der Boss der Bande zu sein. Ein Auftragskiller ist er, der nach einem fehlgeschlagenen Anschlag die Großstadt vorerst meiden muss, so wird gemunkelt. Alle haben in Carlton jedenfalls Angst vor Sanders und seinen Handlangern, die in den Bars der Stadt gern für Aufruhr sorgen.

Lindsey gelingt es, Sanders’ Vertrauen zu gewinnen. Aber Cluett misstraut ihm und stellt ihm immer wieder Fallen. Großes Pech hat Lindsey, als sich unter den Automardern ausgerechnet einer findet, den er in seiner Eigenschaft als Polizist schon einmal festgenommen hat. Doch Vincent Pomeroy verspricht den Mund zu halten. Er hat die Nase voll von einem Dasein als Verbrecher und will gegen seinen Boss aussagen. Als Lindsey am verabredeten Treffpunkt ankommt, findet er seinen Kronzeugen allerdings mit einer Kugel im Kopf. Jetzt schwebt er in größter Gefahr: Wissen Sanders und seine Leute, dass er ein doppeltes Spiel treibt? Noch reichen die Beweise nicht aus, die Bande auffliegen zu lassen. Lindsey muss also zurück in die Höhle des Löwen, obwohl er nicht weiß, wer und was ihn dort erwartet. Außerdem rühren sich seine ritterlichen Instinkte, denn es gilt die schöne Lena Bartok zu retten, die als Sanders’ Geliebte ein erbärmliches Dasein fristen muss …

Wer hat Angst vor den bösen Teenagern?

Widmen wir dem kriminalistischen Aspekt der hier erzählten Geschichte nur beiläufig unsere Aufmerksamkeit: Der Plot vom lukrativen Autoknacker-Ring in der US-Provinz funktioniert, so lange man ihn nicht gar zu genau unter die Lupe nimmt und sich vor Augen führt, dass er ein halbes Jahrhundert alt ist; damals mögen Verbrecher mit den beschriebenen Tricks zu Raubgeld gekommen sein und trotzdem als gewitzt gegolten haben …

Der Krimi-Aspekt ist aber nur Mittel zum Zweck; er transportiert ein Anliegen. Glücklicherweise geschieht das so plump und offensichtlich, dass es heutzutage eher amüsiert als ärgert. Das war zum Zeitpunkt der Handlung allerdings anders. Bitterer Ernst trieb den Verfasser an den Schreibtisch, um dort seinen Teil zum Kampf gegen eine schleichende Bedrohung beizutragen. In den 1950er Jahren schienen sich die USA in einem neuen Bürgerkrieg zu befinden. So empfand es jedenfalls die eine Partei: die »Erwachsenen”, die nach zwei Weltkriegen und einer Wirtschaftskrise begriffen zu haben glaubten, was im Leben zählte: Disziplin, Fleiß, Anpassung, Obrigkeitsglaube, Gehorsam.

Ihnen gegenüber stand scheinbar unversöhnlich «die Jugend”, aufgewachsen in einem Land, in dem die Wirtschaft brummte, nur Faulpelze und Dummköpfe arbeitslos waren und alles noch viel besser werden würde, wenn man nur die Kommunisten sowie Bürgerrechtler und sonstige Wirrköpfe in Schach halten konnte. Doch jetzt fielen die eigenen Kinder den braven Bürgern in den Rücken! Sie wandten sich ab von ihren Eltern, von den Lehrern, der Kirche, dem Militär, bestanden partout darauf, eine eigene Kultur zu entwickeln, sträubten sich gegen die Kontrolle derer, die doch nur ihr Bestes wollten! Aber wie musste so etwas enden: »Alle diese Jugendlichen sahen gleich aus, beinahe uniformiert. …Sie rauchten Zigaretten in kurzen, heftigen Zügen. Ihre Gesichter waren voller Gier und Erregung. …Eine gewisse Härte, eine verdorbene, verdrossene, gefährliche Blasiertheit prägte ihr Wesen.” (S. 23)

Ganz anders geht es dagegen dort zu, wo die Kinder noch auf ihre Vorbilder hören: «An [der Milchbar] saßen drei Gymnasiastinnen und tranken durch lange Strohhalme ihre Eiscreme-Sodas. Zwei sechzehnjährige Jungens schwänzelten um sie herum. Die Nischen waren von Halbwüchsigen besetzt, die sich eifrig und gedämpft unterhielten und Eiscreme aßen. …Alle hatten sie frische, fröhliche, strahlende Gesichter.” (S. 20/21) So sollte Amerikas Jugend funktionieren: sexfrei minnehaft, sich mit Zuckerwerk vollstopfend, unauffällig. Nur solche Kids lassen sich lenken: Aus Mädchen werden Bräute, und die »Jungens” lassen sich in diverse Kriege schicken; die Überlebenden gründen Familien und arbeiten für Großkonzerne …

Amerika, was ist bloß schiefgegangen?

Wie konnte dieser Plan bloß schiefgehen? Diese Frage stellt Ben Benson stellvertretend für Millionen ratloser Erziehungsberechtigter und -williger. Aufschlussreich sind folgende Äußerungen, gesprochen von Lindseys Vorgesetzten, der die ältere Generation verkörpert: «Ich weiß nicht, was ich denken soll, mein Junge. Vielleicht greift im ganzen Land ein allgemeiner Sittenverfall um sich. Die Familie ist keine geschlossene Einheit mehr. Die Eltern verbringen nicht mehr so viel Zeit wie früher im eigenen Haus. Zu viele Autos, zu viele Scheidungen. Zu viele Vergnügungen, zu viele Kneipen und Bars. …Von allem zuviel – bis auf Disziplin und Anleitung. Also verwildert die Jugend.” (S. 137) Sein junger Untergebener ist da völlig einer Meinung mit ihm, denn Lindsey ist ein »guter” junger Mann, fleißig, strebsam, mit 23 Jahren kurz vor der Heirat mit einem blitzsauberen Mädel stehend, charakterlich im Kriegsfeuer von Korea gestählt.

Wem diese dreist agitatorische Form der Meinungsbildung aus zeitgenössischen Hollywood-Filmen bekannt vorkommt, liegt richtig: «Alle haben Angst” ist in der Tat das Buch zu einem Film. Abner Biberman, ein von der Kritik sehr geschätzter Regisseur kostengünstig produzierter, rasant erzählter, gern aktuelle Themen aufgreifender B-Movies, inszenierte 1955 »Running Wild” («The Stark Brutal Truth About Today’s Lost Generation!”). Die Rolle des William Campbell (nicht Ralph Lindsey) spielte Ralph Barcley, während Mamie van Doren, die man in unzähligen Autokino-Streifen als Rocker- und Gangsterbraut besetzte, als Irma Bean (Scotty Cluetts dummgeile Freundin) halbseidene Prominenz verstrahlte.

Im Paradies der Reaktionäre

Aus dem bisher Gesagten geht sicherlich bereits hervor, dass sich der Zauber von »Alle haben Angst” wohl nur Steinzeit-Konservativen (die keineswegs ausgestorben sind bzw. wie Schimmelpilze immer wieder nachwachsen), Fundamentalisten oder Nostalgikern erschließen kann. Solche Kritik entzündet sich nicht daran, dass z. B. Ralph Lindsey ein geradliniger oder sogar unbedarfter Zeitgenosse ist. Solche Krimihelden gibt es, und sie tun ihren Job gut.

Doch Lindsey ist wie gesagt keine Figur, sondern ein Marionette. Sie hängt an kurzen Fäden, die dem Betrachter (hier: dem Leser) vor einem halben Jahrhundert offensichtlich unsichtbar blieben. Allerdings ist es möglich, dass «Alle haben Angst” gezielt für jene geschrieben wurde, welche die Jugend nur noch verzerrt und als »Feind” zur Kenntnis nehmen konnten. In dem Fall müsste man den Verfasser zynisch nennen: Er bediente Klischees, an die er womöglich selbst nicht glaubte. (Was freilich schwer vorstellbar ist, wenn man andere Benson-Romane kennt ...)

Auf jeden Fall ist die Mischung aus Niedertracht und Naivität, mit der Benson hier schwere Jungs & leichte Mädchen schildert, kaum erträglich. Wobei sich der Autor zeittypisch nicht einmal traut, diesen echte Verwerflichkeiten vorzuwerfen. «Negermusik”, Alkohol & verbale Unverschämtheiten sollen der Dekadenz ein Gesicht geben. Über freien Sex vor der Ehe wird kein Wort verloren, obwohl er zwischen den Zeilen buchstäblich dampft: Wie zu allen Zeiten zieht genau das, was sie verurteilen, die Tugendwächter an wie das Licht die Motten – sie sind geradezu besessen davon.

Das Grauen der freien Denkens

Der fixen Idee vom Verhängnis des freien Denkens opfert Benson bedenkenlos die Logik. Lena Bartok, das »Mädchen im Käfig” des Originaltitels, wurde vom moralisch verkommenen Tony Sanders zur …ja, wozu eigentlich gemacht? Wir wissen es natürlich alle bzw. können uns genüsslich alle Perversitäten ausmalen, die uns in den Sinn kommen. Es muss aber wirklich schlimm sein, denn Lena hat sich in eine Art Zombie verwandelt, den erst der Tod ihres Meisters aus dem bösen Bann löst. Und siehe: Im Finale lernt Lena einen braven Handwerker kennen und erblüht zu neuem Leben! «Er ist etwas älter, sehr vernünftig und großzügig.” – S. 177)

Überhaupt ist das Ende happy im Sinne des Systems: Die Bande wurde ausgehoben, ihr Chef wie ein toller Hund niedergeschossen. Auch seinen Stellvertreter traf das Gesetz (= die Hand Gottes) mit bleierner Wucht. So liegen sie als vom weichherzigen Staat heillos verwöhnte Zuchthäusler der Gesellschaft zudem nicht auf der Tasche. Polizist Lindsey ist jedenfalls mit sich selbst im Reinen: "Ich hatte Tony Sanders erschossen, aber er war ein Mörder, und sein Tod hatte sich nicht vermeiden lassen. Ich hatte Scott Cluett erschossen, und das fand ich weniger gut. Er war noch zu jung, um unter den Kugeln aus einem Polizeirevolver zu enden. Vor langer, langer Zeit hätte man etwas unternehmen müssen, um ihn zu retten.” (S. 178) So aber hat ihn die gerechte Strafe ereilt. Zieht eure Lehre daraus, junge Leser/innen, und seid auf der Hut, auf dass es euch nicht ebenso ergeht, denn das Gesetz lässt nicht mit sich spaßen!

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Thomas zu »Ben Benson: Alle haben Angst« 20.06.2013
Nur eine wichtige Richtigstellung: hallo, du bezweifelst die Existenz der Massachussetts Staatspolizei. Die gibt es aber wirklich!Lies mal hier in der Wikipedia (Artikel nur auf Englisch verfuegbar), da werden auch die Novellen von Ben Benson erwaehnt: http://en.wikipedia.org/wiki/Massachusetts_State_Police
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