Auf Recherche: Klaus-Peter Wolf

»Wie komme ich aus der Nummer wieder raus und wie werde ich all diese Typen wieder los?«

In einer Zeit, in der Google noch nicht alles wusste und niemand eine sms kannte, waren Recherchen für Autoren noch spannend, greifbar, real, ein Abenteuer. Aber manchmal eben auch gefährlich. Klaus-Peter Wolf teilte seinen Weg zu seinem Roman Traumfrau mit uns.

Mit den Recherchen zu Traumfrau begann ich 1986.

Damals war die Welt noch eine andere. Wenn Schriftsteller sich einem Thema näherten, gaben sie keinen Suchbegriff bei Google ein, sondern sie besuchten Menschen, machten Interviews und schmierten Notizblöcke voll. Das alles war nicht mit einem Mausklick zu erledigen. Es dauerte lange. Sie wurden mit Lügen, Halbwahrheiten oder geschwätzigem Schweigen konfrontiert. Trotzdem hatte es viele Vorteile, denn das alles wurde sinnlich viel erfahrbarer. Ich roch, schmeckte, erlebte meine Geschichte. Als ich mit dem Schreiben begann, war das alles für mich ganz normal. So ging ein Autor eben vor. Nie wäre in meinen Büchern ein Mädchenhändler vorgekommen, wenn ich nicht gewusst hätte, wie die aussehen, sprechen, sich bewegen, also, wenn ich nicht vorher mindestens einen erlebt hätte. In welchen Strudel von Ereignissen ich dann geriet, hätte man, im Nachhinein betrachtet, vielleicht voraussehen können. Doch ich war ein junger Schriftsteller, voller Kraft und Leidenschaft. Ich wollte einen wahrhaftigen Roman schreiben und war bereit, dafür, wie ich es damals ausdrückte, »meinen Arsch zu riskieren«.

 

RTL war ein neuer Sender, den kaum jemand reinbekam. Pro 7 ein Drink zum Fitwerden nach durchzechter Nacht mit vielen Vitaminen und rohen Eiern.

Es war die große Zeit des Umbruchs. Jeder spürte, dass es so nicht weitergehen konnte. Unser Land wurde durch eine Mauer geteilt, die politischen Systeme standen sich feindlich gegenüber und bedrohten sich gegenseitig mit Atomraketen. Damals wurden Talibankrieger noch »Freiheitskämpfer« genannt und von den westlichen Regierungen mit Waffen und Geld unterstützt. RTL war ein neuer Sender, den kaum jemand reinbekam. Pro 7 ein Drink zum Fitwerden nach durchzechter Nacht mit vielen Vitaminen und rohen Eiern. Irgendwie wusste jeder, dass es so mit der Welt nicht weitergehen konnte. Meine Art, an der notwendigen Veränderung mitzuarbeiten, war es, Bücher zu schreiben und dabei wollte ich genau sein.

Man hatte sich damals an viel Irrsinn gewöhnt. Auch an die Kleinanzeigen verschiedener Ehevermittlungsinstitute, die Thaifrauen und Philippinas für heiratswillige Männer anboten, die sich angeblich wohltuend von den deutschen Emanzen unterscheiden sollten. Diese Anzeigen gingen fast unter in der Flut von Zigaretten- und Schnapswerbung, aber sie waren da. So selbstverständlich, dass man sie kaum noch zur Kenntnis nahm.

Ich war durch die Veröffentlichung des Romans Die Abschiebung zu einer öffentlichen Figur geworden, an die sich viele Menschen wendeten, die sich ungerecht behandelt fühlten und vor Gericht nicht weiterkamen oder sich nicht ernst genommen fühlten. Natürlich waren auch viele Spinner darunter, aber zunehmend sprachen Mitarbeiter von Frauenhäusern mich darauf an, dass bei ihnen immer wieder asiatische Frauen, die kaum ein Wort Deutsch sprachen und von Heiratshändlern nach Deutschland gebracht worden seien, Zuflucht suchten.
Ich begann, mich mit der Thematik zu beschäftigen. Damit bewegte ich mich sofort auf Glatteis. Mir war klar, dass ich keinen Roman aus der Perspektive einer asiatischen Frau schreiben konnte, die nach Deutschland verkauft wurde. Mich in sie hinein zu denken und zu fühlen, schien mir ein vermessenes Unterfangen zu sein. Aber es war durchaus möglich, mich den Tätern zu nähern und ich fragte mich: Was sind das für Männer, die sich solche Frauen bei Ehevermittlern aus dem Katalog bestellen? Wie geht das überhaupt? Und was waren die Händler für Figuren?

Wie komme ich aus der Nummer wieder raus und wie werde ich all diese Typen wieder los?

Ich begann die Recherchen blauäugig, ohne große Vorbereitung, legte einfach los und improvisierte dann in der jeweiligen Situation. Das würde ich heute ganz sicher nicht mehr so machen. Ich beschäftigte mich die ganze Zeit mit der Frage: Wie komme ich rein in die Szene und wie schaffe ich es, dort nicht aufzufallen, sondern als einer von ihnen zu gelten.
In meiner anfänglichen Euphorie stellte ich mir überhaupt nicht die Frage: wie komme ich aus der Nummer wieder raus und wie werde ich all diese Typen wieder los?
Ich schrieb also an eines dieser Ehevermittlungsinstitute und bewarb mich dort als Kunde, um mal zu gucken, wie das so geht. Gleichzeitig setzte ich mich mit agisra e.V. in Verbindung, eine Organisation, in der ein paar tapfere Frauen sich dem Menschenhandel entgegenstemmten. Sie waren zwar freundlich zu mir, hielten mich aber zunächst auf Abstand. Sie misstrauten mir im Grunde schon deshalb, weil ich ein Mann war. Im weiteren Verlauf meiner Recherchen fand ich das auch folgerichtig.
In dieser Szene war Schwester Lea Ackermann eine sehr wichtige Person. Wir trafen uns, sie vertraute mir und verstand sehr genau, dass das, was ich vorhatte, überhaupt keine Frau machen konnte.
Das Ehevermittlungsinstitut reagierte prompt. Ich bekam einen Brief, dem gleich zehn Polaroidfotos beilagen. Auf den Fotos schöne, junge Frauen, keineswegs, wie ich schon erwartet hatte, in Dessous, sondern vollständig bekleidet, ja, fast ein bisschen spießig angezogen. Hinten auf den Bildern hatten sie Nummern, dort waren ihr Name, ihre Größe, ihr Gewicht, ihre Religion, ihr Geburtsdatum, ihr Familienstand und ihre Hobbies aufgeführt.
Ich staunte, für wie viele Frauen Haushalt und Kochen ein Hobby war.
Ich wollte näher ran, an die Händler.

Die Recherchen zum Roman dauerten fast zwei Jahre.

Ich wollte die Menschen genau kennen lernen. Ihre Sprache. Ihre Träume und Wünsche.
Mehr als ein Dutzend Ehevermittlungsinstitute führten mich als Menschen, der eine Traumfrau kaufen möchte. Ich bin überall anders aufgetreten. Als einsamer, liebeskranker Junggeselle. Als jemand, der Angst vor den emanzipierten deutschen Frauen hat. Als Barbesitzer, der eine billige Arbeitskraft sucht oder auch als rein sexuell interessierter Rammler.
Ich bewarb mich bei einem »Ehevermittlungsinstitut« als Mitarbeiter. Ich gab an, dass einige Freunde von mir Gastwirte seien, besonders in ländlichen Gegenden, und über ihren Schankräumen noch Zimmer frei hätten. Da die Gastronomie heute ein immer komplizierteres Gewerbe mit immer größerem Konkurrenzdruck geworden sei, hielte ich es für klug, den übernachtenden Geschäftsreisenden zusätzlich zu einem guten Abendbrot auch eine asiatische Schönheit anzubieten. Die Frau im »Ehevermittlungsinstitut« versprach mir sofort tausend Mark für jede Vermittlung. Es gehe für die Gastwirte auch ohne Heirat, gab sie an, es sei aber manchmal schwierig, weil die Aufenthaltsgenehmigungen oft nur für sechs Monate ausgestellt würden. Um eine wirkliche Ab- hängigkeit der Frau zu erreichen, sei eine Heirat sinnvoll.
Ich ließ durchscheinen, dass man mit bei anderen Ehevermittlungs- instituten höhere Provisionen angeboten hätte. Darauf schraubte sie mein Erfolgshonorar auf zweitausend Mark hoch. Die Art, wie die Frau über Menschen redete, machte mich fertig. Ganz so abgebrüht hatte ich mir das alles nicht vorgestellt.

»Wenn die Kleine auch hinter der Theke arbeiten soll, achten Sie genau auf die Größe. Die asiatischen Frauen sind manchmal nur eins fünfundvierzig oder eins fünfzig groß. Da sieht man sie ja gar nicht, wenn sie hinter der Theke stehen, hahaha!«

»Sehen Sie mal diesen erotischen Schmollmund. Da wird doch jeder Mann gleich schwach.«

»Mit den BH-Größen ist das so ein Problem. Unsere Mitarbeiter drüben können höchstens Oberweitenmessungen für Sie durchführen. Die haben da keine vernünftigen Büstenhalter und die Größen stimmen mit unseren nicht überein.«

In einer Kölner Kneipe traf ich einen zwergwüchsigen vierzigjährigen Losverkäufer. Er zeigte mir stolz das Foto seiner Zukünftigen. Ein bildschönes Mädchen, zweiundzwanzig Jahre alt, aus Thailand. Seine Traumfrau. All seine Ersparnisse hatte er für diesen Kauf aufgebraucht.
Insgesamt mehr als dreizehntausend D-Mark. In zwei Wochen sollte sie bei ihm sein und er wusste nicht, wie er die Zwischenzeit überstehen sollte. Er gestand mir, noch nie mit einer Frau intim gewesen zu sein. Selbst bei Huren war er abgeblitzt und verlacht worden. In seinem Gesicht glühte eine geradezu kindliche Vorfreude. Er versprach mir, alles für sie zu tun und sie schon jetzt abgöttisch zu lieben.
Sie hatten Briefe gewechselt (die Übersetzung übernahm das Ehevermittlungsinstitut). Er trug sie bei sich und zeigte sie mir, drängte sie mir geradezu auf. Sie schrieb ihre Briefe in kindlichem Schulenglisch. Er bedauerte, nur Deutsch zu sprechen, glaubte aber, sie würde das schnell lernen. Er hatte sich bereits nach Kursen an der Volkshochschule erkundigt und sagte: »Ich werde mit dorthin gehen. Ich werde sie keine Minute aus den Augen lassen. So schön, wie sie ist, nimmt sie mir bestimmt sonst wieder einer weg. Die hat ja auch Augen im Kopf und sieht, wie andere Männer aussehen. Aber die gebe ich nicht wieder her. Die lasse ich keinen Schritt allein vor die Tür.«

Dann gelang mir der große Schlag: Ein Termin beim größten Mädchenhändler der Bundesrepublik Deutschland. Mehr als hundertdreißig kleine Firmen oder Privatpersonen arbeiteten für ihn. Auch mich wollte er als Mitarbeiter gewinnen.
Natürlich benutzte ich dafür nicht meinen eigenen Namen. Zu groß war die Gefahr, dass er den Schriftsteller Klaus-Peter Wolf kannte und mir dann nur die offizielle Story auftischte. Ein Freund lieh mir seine Papiere.
Er war ein mediengewöhnter Mann. In seinen Werbebroschüren dokumentierte er seine Seriosität und Glaubwürdigkeit auch durch Hinweise auf Fernsehsendungen. Zur besten Sendezeit, um 19.30 Uhr, gab es bereits mehrere Reportagen über ihn. Er wurde dabei nicht bloßgestellt, sondern ihm wurde das Mäntelchen der Seriosität umgehängt. Er sonnte sich in seinem Ruhm.
Noch einmal ging ich meine neue Biografie durch. Ich war jetzt zweiunddreißig Jahre alt, geschieden und als Industriekaufmann in ungekündigter Stellung. Weil meine geschiedene Frau mir so viel von meinem Lohn nahm, sah ich mich nach einer Nebenbeschäftigung um. Für den Mädchenhandel hatte man mir brieflich einen Nebenverdienst von gut achttausend D-Mark im Monat offeriert.

Als Schriftsteller bezahlte ich Einkommenssteuer, als Harold Lohnsteuer.
Scheiße. Welche Steuerklasse hatte ein geschiedener, jetzt allein lebender Industriekaufmann?

Ich nannte mich Harold Kempf. Ich hatte einen Ausweis auf den Namen und Kreditkarten. Ich hatte die Unterschrift geübt und konnte sie schwungvoll nachmachen. Mein Aktenkoffer war gepackt. Ich wollte versuchen, den Kerl ans Reden zu bringen.
Jetzt noch die letzten Feinheiten. Den Ehering nahm ich ab, schließlich war ich in meiner neuen Identität geschieden. Dort, wo der Ring saß, war die Haut noch weiß gefärbt. Mit einem bisschen Puder war das schnell übertüncht.
Ich durchsuchte meinen Aktenkoffer. Nichts durfte auf meine wirkliche Identität hinweisen. Die Zeitung, die ich mir für die Bahnfahrt eingesteckt hatte, nahm ich wieder heraus. Auf dem Streifenband standen mein voller Name und meine Adresse.
Mir kamen Zweifel. Im Grunde war das alles ungeheuer stümperhaft, dachte ich. Von tausend Zufällen abhängig. Irgendwann würde meine Identität klar werden, spätestens bei Erscheinen des Buches. Nicht die Mädchenhändler hatten dann gegen geltendes Recht verstoßen, sondern ich, denn ich musste mit falschem Namen Dokumente unterzeichnen. Ich hatte gelogen und betrogen.
Im Zug schaute ich mir noch einmal meine Akten an, betete meinen neuen Lebenslauf herunter, versuchte, in die neue Identität zu schlüpfen. Da plötzlich fiel mir etwas ein: In welcher Steuerklasse befand ich mich jetzt eigentlich? Ich war geschieden und lohnabhängig. Als Schriftsteller bezahlte ich Einkommenssteuer, als Harold Lohnsteuer.
Scheiße. Welche Steuerklasse hatte ein geschiedener, jetzt allein lebender Industriekaufmann?
Ich wusste es nicht.
Meinen Steuerberater konnte ich aus dem Zug schlecht anrufen. Es war kein Intercity mit Telefon und Handys spielten noch keine Rolle im Leben der Menschen. Eine SMS gab es noch gar nicht. Vielleicht würde dieses winzige Detail mit der Steuerklasse überhaupt keine Rolle spielen. Vielleicht war es der Stein, über den ich stolperte. Der Typ durfte keinen Verdacht schöpfen, wenn ich mit ihm redete, sondern musste sich in völliger Sicherheit wiegen.
Ich sprach im Zug einfach wahllos Leute an und fragte sie nach ihren Steuerklassen. Ein junger Mann, der angeblich in Scheidung lebte, aber noch nicht geschieden war, hatte Steuerklasse Vier. Ich beschloss, diese Klasse zu meiner zu machen.
Dieser kurze Zwischenfall machte mir klar, wie brüchig das Eis wirklich war und ich beschloss – zum wievielten Mal eigentlich? – in Zukunft nur noch Fernsehserien zu schreiben.
Ich hatte mir alles anders, falsch, vorgestellt. Ja, ich wusste: dort wird ein Schweinegeld verdient. Aber trotzdem erwartete ich etwas Schmuddeliges. Einen Hinterhof. Eine Mischung aus Kneipe, Büroraum, Wohnküche und Abstellschuppen. Das Ganze hatte in meiner Phantasie Hafengeruch und war nur schummrig beleuchtet.
Die Zentrale lag aber nicht in einer abbruchreifen Baubude am Hagen, sondern mitten in der Innenstadt, direkt über Burger King, bei dem CC-Buchclub in der Fußgängerzone. Beste Geschäftslage.
Dann stand ich auf mehreren flauschigen Teppichschichten. Die Teppiche waren ebenso dick wie geschmacklos. Hellblau, zartrosa, grellgelb, mit Müsterchen und Ornamenten. Nicht eine Fluse, nicht ein Staubfleck.
Herrjeh, dachte ich, wer hält das sauber?
Ein Mann Mitte Fünfzig, groß, drahtig, der in jedem Wildwestfilm den Guten hätte spielen können, komplimentierte mich hinein. Er hatte gleich einen Scherz auf den Lippen und zeigte mir seine gut gearbeiteten Zähne.
Dieses Zimmer hatte etwas Unwirkliches. So ein Zimmer vermutete man nicht in einer bundesdeutschen Großstadt. Eher in einem Schmachtschinken über das organisierte Verbrechen in Bangkok.
Mindestens dreißig blank gewienerte Schnapsflaschen standen griffbereit. Ingredienzien für karibische Mischgetränke neben russischem Wodka und teurem Whiskey.
Der Typ nahm hinter dem Schreibtisch Platz. Nein, er thronte dahinter. Und das Wort »Schreibtisch« war völlig unpassend: Das Ding hätte als Tanzparkett für mindestens drei Paare herhalten können, war aus edel polierten, rötlich-braunen Hölzern geschnitzt, mit Intarsien aus Elfenbein und Perlmutt verziert. Die Stilrichtung würde ich als pompöses indisch-pakistanisches Rokoko bezeichnen. Aber ich war/bin kein Antiquitätenhändler. Im gleichen Stil waren alle anderen Möbelstücke gehalten.
Ich durfte mich auf einen schweren, geschnitzten Sessel setzen, ein Kissen aus hellblauer Thai-Seide mit goldgestickten Drachen ließ meinen Hintern das Holz nicht spüren.
Neben dem Schreibtisch reckte ein hölzerner Elefant seine Elfenbeinzähne in die Luft. Er war groß wie ein Kalb und suggerierte, dass in ihm etwas verborgen war. Vielleicht ein Fach für eine zusätzliche Schnapsflasche.
Hinter dem Typ schwammen Zierfische in einem veralgten Aquarium. Wie viele Götter und Symbole ich in diesem Raum fand, kann ich nicht schätzen. Das ganze Zimmer wirkte wie eine religiöse Kultstätte. Undenkbar, dass hier gearbeitet wurde. Kein Schreibwerkzeug lag auf dem Schreibtisch. Es schien auch kein Telefon zu geben. Ein Raum, wie gemacht für Hochzeitsfeiern, religiöse Rituale oder Besäufnisse.
Gleich sollte ich in seinen Fotoalben blättern. Mehr als siebentausend Damen, angeblich aus der ganzen Welt, standen zur Verfügung.
Nicht ohne Stolz zeigte mir der Typ ein kleines, wie ein Taschenbuch gebundenes Fotoalbum: »Manche Männer meinen, dass sie überhaupt keine Frau mehr abbekommen können. Aber so etwas gibt es nicht. Sehen Sie hier, diesen fünfundsiebzigjährigen Opa.«
Ich sah ihn mir an. Er hatte eine dicke Weintrinkernase und wirkte auf mich wie die Karikatur eines gebrechlichen Mannes. Im Film hätte ich so einen Opa abgelehnt. Er wäre mir zu klischeehaft »Alter Mann« gewesen. Leidglich seine Augen leuchteten feurig und standen im krassen Gegensatz zu seinem hängenden Gesichtsfleisch.
Auf der nächsten Seite hielt dieser Mann ein bildhübsches Mädchen im Arm. Seine Enkelin? Keineswegs. Seine Frau.
Die weiteren Fotos dokumentierten die Hochzeit in Thailand. Blumen wurden gestreut, man aß kniend aus Reisschalen, rosa gekleidete buddhistische Mönche traten als Statisten auf. In alle Gesichter war ein strahlendes Lächeln gemeißelt.
Obwohl ich mit genau solchen Dingen gerechnet hatte, war ich erstaunt. In Thailand hatte der rüstige Rentner mit seinen Pensionsansprüchen für alle ein paar fröhliche Tage bezahlt. Wie würde das aber jetzt aussehen, zurück in der Bundesrepublik?
Ich konnte es mir schlicht nicht vorstellen.

»Falls Sie für uns arbeiten, stellen wir Ihnen solche Fotos natürlich zur Verfügung. Damit kann man auch den Letzten überzeugen. Das Glück ist noch für jeden käuflich. Mit unserem Rundum-Sorglos-Angebot zum Beispiel …«

Ich bat um eine Tasse Kaffee. Der Typ musste nicht erst mit dem Finger schnippen. Aus den daneben liegenden, europäisch eingerichteten Büroräumen tippelte sofort eine Frau herein und servierte. Ich bat um Milch und Zucker. Alles kein Problem.
Ich sollte eine Verkaufslizenz mit Gebietsschutz für den gesamten Landkreis erhalten. Hundertdreißig andere Lizenznehmer gab es in der Bundesrepublik. Jeder zahlte dafür monatlich dreihundert D-Mark an die Zentrale.
Ich überschlug es schnell im Kopf. Also würde man hier, auch wenn nicht ein einziges Mädchen verkauft wurde, trotzdem monatlich rund vierzigtausend D-Mark kassieren.
Der Typ bot mir einen Fünfjahresvertrag an.
Ich wendete ein, dass ich dann praktisch sein Angestellter würde, aber ich gleichzeitig meinen Arbeitgeber bezahlte. Das fand ich komisch.
Er lachte. In solchen Kategorien dachte er nicht. Diese Zeiten waren vorbei. Heute war jeder ein einzelner Unternehmer. Deswegen nannten sich die Händler vor Ort ja nicht Vertreter, sondern Lizenznehmer. Sie hatten eigene kleine Firmen zu gründen, die im Handelsregister ordnungsgemäß eingetragen werden mussten, worauf er mich gleich energisch hinwies. Ich sollte also nicht nur Mädchenhändler werden, sondern mich auch noch als Firma begreifen.
Während ich meinen Kaffee schlürfte, lauschte ich dem weiteren Angebot.
»Für eine Vermittlung zahlt der Kunde 5.677,20 D-Mark. Davon erhalten Sie – je nach Monatsleistung – gestaffelte Provisionen. Für den ersten Vertrag stehen Ihnen dreißig Prozent zu. Das macht 1.703 Mark und 16 Pfennige. Für den zweiten Vertrag fünfunddreißig Prozent, also 1.987 Mark und 2 Pfennige, für den dritten Vertrag siebenunddreißigeinhalb Prozent, das macht 2.120 Mark, für den vierten Vertrag schon vierzig Prozent, ab dem achten Vertrag bekommen Sie von uns die höchstmögliche Provision von fünfzig Prozent, macht 2.838 Mark 60.«
Er lehnte sich zurück, um in Ruhe zu genießen, wie seine Worte auf mich wirkten. Ich ließ mich auf die Pfennigfuchserei ein und fragte, warum ich denn bitteschön bei so großen Abschlüssen noch eine Lizenzgebühr zu bezahlen hätte. Immerhin müsste ich, um die Frauen zu verkaufen, auch vor Ort in den Lokalzeitungen werben, wendete ich ein.
Gleich gestand er mir zu, ab der zweiten Vermittlung die Lizenzgebühr fallen zu lassen. Dies sei nur nötig, damit keine schwarzen Schafe das Gebiet blockierten und nicht ordentlich arbeiteten. »Heutzutage gibt es Leute, die nur gerade so viel arbeiten, wie sie zum Leben brauchen. Denen reicht es vielleicht, einen Vertrag im Monat zu vermitteln und dann machen sie sich einen lauen Lenz. Und vielleicht arbeiten sie mal einen Monat gar nicht, wenn sie vorher zwei Verträge hatten. Damit so etwas nicht passiert und die Firma keinen Schaden erleidet, erheben wir die Lizenzgebühr.«
Bei den meisten Kunden wäre es in der ersten Euphorie auch möglich, ihnen noch eine Weltreise oder eine Abenteuerreise zu verkaufen. Für so etwas bekäme ich dann Provisionen zwischen 2.290 Mark für eine Hochzeitsreise und 3.170 Mark für eine Weltreise.
Ich hatte genug von den Zahlen und wollte jetzt eigentlich auf die Motivation seiner Kunden zu sprechen kommen. Ich stand auf, ging im Tempel ein wenig auf und ab und zog wie unabsichtlich eine Akte hervor. Sie war vom Lizenznehmer in Landshut. Beim flüchtigen Durchblättern zählte ich zwanzig Verträge, die er im letzten Monat angeschleppt hatte.
Der Typ deutete mein Erstaunen richtig.
»Jaja«, lachte er, »da sehen Sie mal, wie viel Geld man bei uns verdienen kann. Mit den Zusatzprovisionen und Reisen sind das im Fall Landshut gut fünfzigtausend Mark.«
Ich setzte mich wieder.
»Fünfzigtausend Mark«, lachte er, »so viel braucht man nicht, um einen Bundestagsabgeordneten zu bestechen. Wahrscheinlich kann man zwei dafür kaufen!«
Ich merkte, dass mein Mund austrocknete und wollte Kaffee nachgießen, es war aber keiner mehr da. Der Typ bot mir gleich einen seiner diversen Schnäpse an, ich lehnte aber ab, weil ich Angst hatte, jetzt unter dem Einfluss von Alkohol aggressiv zu werden. Ich wollte nicht aus seinem Büro Kleinholz machen, ich wollte Informationen für meinen Roman.

Hielt der mich für so blöd oder glaubte der wirklich, was er erzählte?

Ich zierte mich, den Vertrag zu unterschreiben.
Natürlich kam er gar nicht darauf, dass ich moralische Skrupel haben könnte. Er dachte, dass ich nicht an meinen Erfolg glaubte. Und das Glück noch gar nicht fassen konnte.
»Ja«, versicherte er, »Sie werden mir bald schon dankbar sein. Ich verspreche Ihnen nicht, dass Sie bei mir rasch zum Millionär werden. Aber wenn Sie gut sind …«
»Wenn ich so eine Ehe vermittle«, fragte ich, »dann kann doch viel schief gehen.«
Ungläubig sah er mich an. »Was denn?«
»Nun, zum Beispiel kommt die Frau, die beiden begegnen sich auf dem Flughafen zum ersten Mal und verstehen sich überhaupt nicht. Was dann?«
»So etwas gibt es nicht. Das ist Theorie. In der Praxis ist das alles ganz anders.«
»Warum denn?«
»Wir übersetzen die Briefe. Vorher schreiben sich die beiden natürlich und klären alles ab. Es kommt immer zu einem intensiven Briefwechsel. Manchmal schreiben sie sich zwei- oder gar dreimal. Es geht nie Hals über Kopf. Sechs, sieben Wochen dauert es vom ersten Kontakt bis zur Ehe immer. Denken Sie alleine daran, dass das Aufgebot bestellt werden muss. Meistens dauert es sogar fast drei Monate. Es handelt sich um erwachsene Menschen. Sie werden sich doch in der Zwischenzeit klar darüber, ob sie sich mögen oder nicht.«
Hielt der mich für so blöd oder glaubte der wirklich, was er erzählte?
Ich fragte nach, was denn geschehe, wenn sich die beiden nicht verstehen, wenn es gleich wieder zur Scheidung käme, zu Eheschwierigkeiten.
Lächelnd erklärte er mir, dass man Glück nicht kaufen könne, auch nicht bei ihm. »Sobald die beiden sich haben, ist meine Arbeit erledigt. Jede weitere Verantwortung lehne ich ab.«
Ich fragte, ob es eine Nachbetreuung gäbe. Er lächelte mich an.
Natürlich gab es so etwas nicht. Jetzt verspannte sich mein Rücken. Ich merkte, dass ich allein mit dem Wort Nachbetreuung nahe am Rand war, mich zu verraten. Das war Sozialarbeitervokabular. Das gehörte hier nicht hin. Ich musste mich bemühen, zwischen ihm und mir wieder eine unverkrampfte Atmosphäre zu schaffen, musste ihm zeigen, wie richtig ich seine Ansichten fand, denn ich wollte noch viel mehr von ihm wissen. Was er überhaupt über Menschen dachte. Über Frauen. Über seine Kunden speziell …
Er wurde hinausgebeten. Während er draußen telefonierte, brachte mir eine asiatische Frau lächelnd neuen Kaffee.

Die meisten Menschen glauben, »Menschenhandel« sei in der Bundesrepublik verboten.

Und in der Tat findet sich im Strafgesetzbuch unter dem Stichwort »Menschenhandel« der Paragraf 181.

Wer einen anderen
1. mit Gewalt, durch Drohung mit einem empfindlichen Übel oder durch List dazu bringt, dass er der Prostitution nachgeht oder
2. anwirbt oder wider seinen Willen durch List, Drohung oder Gewalt entführt, um ihn unter Ausnutzung der Hilflosigkeit, die mit seinem Aufenthalt in einem fremden Land verbunden ist, zu sexuellen Handlungen zu bringen, die er an oder vor einem Dritten vornehmen oder von einem Dritten an sich vornehmen lassen soll, wird mit Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren, in minder schweren Fällen mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft.

Dieser Gesetzestext steckt den Rahmen ab, in dem der legale Menschenhandel stattfinden kann. Alle von mir befragten Mädchenhändler zuckten bei der Bezeichnung »Mädchenhändler« zusammen, wollten ganz und gar nicht so genannt werden, sondern bestanden darauf, Ehevermittlungsinstitute zu leiten oder zumindest eine Partnervermittlung zu betreiben. Denn Menschenhandel, so erklärte mir gleich jeder bereitwillig, sei in der Bundesrepublik verboten. Auch unter Mädchenhändlern hat sich diese Meinung breitgemacht. Nur: ich behauptete, es ist legal. Leider. Also machte ich die Probe aufs Exempel und erhielt eine Steuernummer als Mädchen- und Frauenhändler. Ja, für alle ungläubigen Leser: Unter Gewerbe, Punkt 7, ist angegeben: Mädchen- und Frauenhandel.

 

Meine Firma hieß »Hot Pants«. Ich gab Annoncen auf. Schon hatte meine Firma eine eigene Telefonnummer und einen eigenen Briefkopf. Ich inserierte keineswegs in irgendwelchen Schmuddelblättern, sondern in bürgerlichen Zeitungen:

Hübsche Exotinnen anschmiegsam, anspruchslos und treu ergeben, vermittelt PV HOT PANTS

Bei den Alternativen versuchte ich es mit einem etwas längeren Text:

Hübsche Exotinnen anschmiegsam, anspruchslos und treu ergeben, habe ich auf meinen langen Reisen in Asien und Lateinamerika kennengelernt. Kundig in fernöstlichen Massagetechniken, von denen ihr bisher nur geträumt habt. Sie wollen nichts lieber als einen deutschen Mann.
HOT PANTS Agentur Tel.:

Gleich am nächsten Morgen klingelte das Telefon. Eine Frauenstimme:
»Schönen guten Morgen. Sie haben bei uns eine Anzeige schriftlich aufgegeben. Leider geht aus Ihrem Text nicht hervor, wie groß Ihre Anzeige sein soll. Ich würde vorschlagen, zweieinhalb Zentimeter. Sind Sie damit einverstanden?«
»Wie teuer ist das denn?«
»Fünfunddreißig D-Mark plus Mehrwertsteuer.«
»In Ordnung.«
Nicht alle reagierten so. Schon wenige Minuten später klingelte der Apparat in meiner neuen Firma erneut.
»Also, Ihre Annonce können wir so leider nicht annehmen«, flötete eine junge Frau durch den Hörer. »Das klingt so unseriös. So etwas macht unsere Zeitung nicht.«
Ich wies sie darauf hin, dass in der Samstagsausgabe drei Annoncen von Kollegen erschienen waren. Dort wurden Philippininnen angeboten, thailändische Mädchen, Polinnen oder einfach Asiatinnen. Die Frau zeigte sich beeindruckt darüber, wie gut ich informiert war.
»Ja, das stimmt schon, grundsätzlich machen wir so etwas, aber es muss ein bisschen seriöser klingen. Wie hört sich das denn an, hübsche Exotinnen, treu ergeben?! Können Sie das nicht anders formulieren? So bekommt unsere Zeitung einen schlechten Ruf bei den Lesern.«
»Wenn ich die Annonce anders formuliere, werden Sie sie also aufnehmen?«
»Selbstverständlich.«
»Machen Sie einen Vorschlag, vielleicht kann ich ihn ja akzeptieren.«
»Das müssen Sie schon selber tun.«
»Nun helfen Sie mir doch!«
»Naja, Sie könnten zum Beispiel schreiben – also, das ist jetzt wirklich nicht meine Aufgabe – na, halt so etwas Ähnliches, wie die anderen schreiben.«
»Ich will mich aber bewusst von meinen Konkurrenten abheben.«
»Schreiben Sie einfach: Hübsche Frauen aus Asien suchen deutsche Ehemänner.«
»Ich habe aber nicht nur Frauen aus Asien, sondern auch …«
»Sie müssen nicht so genau sagen, worum es geht, es weiß eh jeder Bescheid, wenn Sie Asiatinnen schreiben …«
»So eine Annonce würden Sie dann aufnehmen? Kann ich das schriftlich von Ihnen haben?«
»Ja, ich weiß nicht, da müssten Sie sich schon an unsere zentrale Anzeigenaufnahme wenden. Ich habe auch dort nachgefragt, ob das mit Ihrer Anzeige so richtig ist. Sie sollten sich, wenn Sie mich fragen, ein seriöseres Image zulegen.«
»Jaja, darüber habe ich auch schon nachgedacht.«

Ähnlich lautende Telefonate hinderten mich an diesem Tag an jeglicher anderer Arbeit. Niemand machte mich übel an. Niemand reagierte sauer oder erschrocken. Jeder wusste, was ich trieb. Die Leute empfanden nur als störend, dass ich es beim Namen nannte. Man redete mit Engelszungen auf mich ein, ich sollte meinem Gewerbe einen bunten, sympathischen Anstrich geben. Mit den Inhalten meines Geschäfts schien niemand Probleme zu haben, sondern nur mit der Verpackung.

Wer rechnet schon damit, dass jemand kurz vor sieben Uhr morgens eine Frau kaufen möchte?

In einigen Werbeblättern erschien diese Anzeige einen Tag früher als von mir erwartet.
Es war morgens früh, kurz vor sieben. Das Telefon klingelte. Ich war noch nicht auf die Arbeit eingestellt und schaffte es auch so schnell nicht, umzuschalten. Wer rechnet schon damit, dass jemand kurz vor sieben Uhr morgens eine Frau kaufen möchte? Der Anrufer schoss sofort auf das Ziel los. Er nuschelte seinen Namen und fragte dann:
»Wie teuer ist denn so eine Exotin bei Ihnen?«
»Ja, das kommt ganz darauf an. Was für eine Frau wollen Sie denn? Eine Thailänderin, eine Philippinin, eine …«
»Ich will eine, die alles macht. Sie wissen schon, was ich meine.«
»Nein, weiß ich nicht. Was meinen Sie denn?«
»Ja, ich denke, Sie vermitteln Exotinnen. Sie haben doch inseriert.«
»Klar, hab ich.«
»Und da wissen Sie nicht, was ich meine?«
»Nein.«
Ich ärgerte mich über mich selber. Ich stellte mich an wie ein Idiot. Ich war der Händler. Ich wollte etwas verkaufen. Ich durfte nicht so abweisend, nicht so schroff reagieren. Der Mann am anderen Ende stöhnte laut. So schwierig hatte er sich das mit mir nicht vorgestellt. Ich versuchte jetzt, auf ihn einzugehen.
»Sie suchen eine sexuell erfahrene Frau, ist das richtig?«
»Ich will eine, die alles macht«, beharrte er. »Aber keine aus einem Puff. Also, so eine Exnutte will ich auf gar keinen Fall. Kann ich denn da sicher gehen?«
»Sie suchen also eine Frau, die alles macht, sexuell erfahren ist, aber am besten eine Jungfrau. Ist das richtig?«
»Wollen Sie mich verarschen?«
»Nein. Ich versuche nur herauszufinden, was Sie wirklich wollen.«
»Ich bin kein Perverser! Aber ich kauf bei Ihnen nicht einfach die Katze im Sack.«
»Ich habe nur Fotos von den Frauen. Ausprobiert habe ich sie vorher nicht!«, fauchte ich unwirsch. Ich hatte mich viel zu wenig im Griff. Hoffentlich bist du nach dem Frühstück besser, dachte ich …
»Also, eine Exnutte nähme ich sowieso nicht …«
»Warum nicht? Haben Sie Angst, sie erkennt Sie als ehemaligen Kunden wieder?«
Jetzt legte er auf. Ich hatte dieses erste Gespräch vergeigt. Es folgten noch sehr viele. Ich hatte Zeit, zu lernen.

Kurz nach acht. Mein nächster Kunde. Ich bemühte mich, freundlicher zu sein und den Anliegen meines »Klienten« aufgeschlossener gegenüber zu stehen. Er wollte gleich mal vorbeischauen und fragte, wie viele Mädels ich denn im Haus hätte.
»Die Frauen sind nicht hier«, sagte ich. »Ich habe lediglich die Fotos.«
Er lachte. Es handelte sich um ein Missverständnis.
»Sie sind ein Ehevermittlungsinstitut?«
»Ja, so kann man es nennen.«
»Ich will aber nur ficken und nicht gleich heiraten.«
»Ja, dann sind Sie bei mir falsch.«
»Ich dachte, Sie hätten vielleicht Frauen da … so zum auf den Geschmack kommen …«
»Nein«, sagte ich schon fast stolz. »Wir sind ein seriöses Unternehmen.«

Die Agentur Hot Pants hatte zehn bis zwölf Anrufe von Männern pro Tag. Die immer gleichen Gespräche begannen schon mich zu langweilen. Das erste Erschrecken über die Dreistigkeit mancher Männer war dahin.
Eine lange Diskussion mit Freunden ergab die Frage: Hatten die Männer bei meiner Art der Recherche überhaupt irgendeine Chance, gut wegzukommen? War das nicht völlig unfair? Und gab es ihn nicht auch, den Mann, der es gut und ehrlich meinte und für den das alles nicht mehr war als eine »normale Ehevermittlung«?
Um das auszuprobieren, wollte ich ganz auf seriös machen. Es waren zwei Anzeigen erschienen, nur hier in meiner direkten Umgebung, im Landkreis Altenkirchen. Mehr als eine halbe Stunde Anfahrtsweg wollte ich zu keinem Kunden haben. Ich wollte sie nicht in einem Chinarestaurant treffen und schon gar nicht in meiner Wohnung. Nein, ich wollte versuchen, zu den Männern, in deren Wohnungen zu gelangen.
Da ich damit rechnen musste, hier überall erkannt zu werden, stylte ich mich: Weißer Anzug, goldene Weste. Im Friseurgeschäft in Hamm ließ ich mir den Bart stutzen und die Frisur yuppiemäßig gestalten. Mein Nachbar, ein Augenoptiker, wusste über meine Recherchen Bescheid. Er brachte mir eine Brille mit Fensterglas. Ich war mit meiner neuen Persönlichkeit schon ganz zufrieden. Ich ging sogar anders, bewegte mich anders, sprach anders und bekam vor dem Spiegel dieses gewissenlose Grinsen hin, das ich bei allen Mädchenhändlern bisher gesehen hatte.
All meine Vorbereitungen an diesem Tag waren umsonst. Sieben Männer aus dem Westerwald riefen an. Jedem sagte ich zunächst mein Sprüchlein auf:
»Ich vertrete ein seriöses Partnervermittlungsinstitut. Es gibt viele Haie in diesem Teich, wie Sie sicherlich wissen. Ich mache nur saubere Sachen. Bei mir brauchen Sie erst nach Erhalt der Ware zahlen.«
Alle Männer waren hoch erfreut. Sie lobten meine Geschäftsmethode, priesen meine seriöse Glaubwürdigkeit. Vier von ihnen hatten bereits Kontakt zu anderen Mädchenhändlern und waren über die Preise und Methoden empört, fühlten sich abgezockt.
Um sie einzulullen, ging ich noch weiter. Dabei benutzte ich ständig Worte wie »Ware«, »Liefertermin«, »Rückgabegarantie«, »Umtausch«, ganz so, als würde ich mit Fernsehgeräten handeln.
Dies störte keinen meiner Kunden.

»Sie haben die Ware vierzehn Tage zur Ansicht. Das reicht ja wohl, um sie auszuprobieren, hahaha. Danach wird dann bezahlt, und zwar cash.«
»Und wenn ich sie nach den vierzehn Tagen nicht haben will?«
»Dann bekommen Sie von mir eine Ersatzlieferung. Wie gesagt, bei mir zahlen Sie erst, wenn Sie zufrieden sind. Länger als vierzehn Tage kann ich Ihnen die Ware allerdings nicht zur Ansicht lassen. Was dem einen nicht gefällt, daran findet der andere ja vielleicht Gefallen.«

Alle sieben Männer witterten sofort ein billiges Sondervergnügen. Genau horchten sie mich aus, wie das mit der Rückgabe funktionierte, wie viele Frauen sie zurückgeben durften, und sie hörten nicht auf, meine Geschäftspraktiken zu loben.
Drei boten mir, ohne dass ich es verlangt hatte, auch bei Lieferung der ersten Frau gleich eine Anzahlung an. Ihre belegten Stimmen wurden freier.
Einige wurden durch die Vorfreude geradezu fröhlich, ausgelassen. Es war völlig klar: Keiner von den sieben Männern hatte im Sinn, die erste Frau gleich zu heiraten. Sie freuten sich auf die vierzehn Tage zum Ausprobieren. Sie konnten sich lebhaft vorstellen, unter welchem Druck die Frau während dieser vierzehn Tage stehen musste, solange sie sich noch nicht entschieden hatten.
Darin lag ihr eigentlicher Spaß: Jemanden zu haben, der völlig ihrer Willkür ausgeliefert war. Jemanden, der alles tun würde, damit sie ihn am Ende nicht wegschickten.
Die Männer konnten nicht fassen, wie großzügig mein Institut war und wie locker ich die Geschäftsregeln mit ihnen handhabte. Ich gab zu erkennen, dass ich das nur deswegen konnte, weil ich »genügend Ware auf Lager« hatte, außerdem sei meine Ware im Ursprungsland vorsortiert worden und nur die besten Stücke kämen in mein Angebot.
Alle sieben Männer waren sofort bereit, mich zu treffen, wollten das auch noch am gleichen Tag, am liebsten in den nächsten zehn Minuten. Sie drängten mir am Telefon ihre Wünsche auf, fragten nach intimen Einzelheiten.
Wieder war einer dabei, der unbedingt eine Jungfrau wollte und mir telefonisch bereits schilderte, das er all die Tricks kenne, eine »künstliche Jungfrau zu bauen« und sich nicht hereinlegen lasse. Ich tröstete ihn, dass er sie ja zurückgeben konnte, wenn sie keine wirkliche Jungfrau mehr war. Das beruhigte ihn.

Wie sollte ich auch jemandem bei der Post erklären, dass ich ein Mädchenhändler war, der überhaupt kein Mädchenhändler war, der einen Wahnsinnigen in der Leitung hatte, dessen Apparat festgestellt werden musste, weil er sonst die nächste Frau in die Psychiatrie bringen würde?

Ein anderer, mit merkwürdig hysterischer Stimme, wollte eine »Sklavia« haben. Ich verstand ihn zunächst falsch und dachte, eine »Slawia«, also vielleicht eine slawische Frau. Aber ich hatte mich verhört. Als ich nachhakte, suchte er eine »Schuh- und Fußsklavin, die sich an den Brustwarzen aufhängen lässt«.
Er war jetzt gar nicht mehr zu stoppen, redete sich in Rage. Seine Frau sei ja in der Psychiatrie gelandet. Die deutschen Weiber seien zu zickig und würden schon beim geringsten Schmerz durchdrehen. Diese Asiatinnen seien da viel mehr gewöhnt. Mir wurde klar, dass ich es mit einem gefährlichen Mann zu tun hatte, der vermutlich geisteskrank war, und wenn er bei mir seine »Sklavia« nicht kaufen konnte, würde er sie bei einem anderen Mädchenhändler garantiert bekommen.
Während er redete, versuchte ich über einen zweiten Apparat bei der Post anzurufen, in der Hoffnung, dass sie dort die Leitung zurückverfolgen konnten, um mir zu sagen, von wo der Mann angerufen hatte. Ich scheiterte damit natürlich schon im Versuch. Wie sollte ich auch jemandem bei der Post erklären, dass ich ein Mädchenhändler war, der überhaupt kein Mädchenhändler war, der einen Wahnsinnigen in der Leitung hatte, dessen Apparat festgestellt werden musste, weil er sonst die nächste Frau in die Psychiatrie bringen würde?
Eine Telefonnummer im Display gab es damals noch nicht.
Ich hatte noch ein Telefon mit Drehscheibe.
Ich versuchte, einiges über den Mann in Erfahrung zu bringen. Seinen Namen, seine Telefonnummer, sein Alter, seinen Beruf. Aber da war er wie meine anderen Anrufer auch: Zwar wollte er alles über die Frauen wissen, aber nichts über sich selbst preisgeben.
Wahrscheinlich stellte ich mich auch zu dämlich an, jedenfalls gelang es mir nicht, seinen richtigen Namen und seine Adresse herauszubekommen. Er wich immer wieder aus und legte dann plötzlich auf.
Etwa eine Stunde später war er wieder am Apparat und fragte, ob die Sache mit seiner »Sklavia« funktionieren würde. Ich zeigte mich bereit, ihm so eine Frau zu vermitteln und bat ihn, seine Wünsche schriftlich bei mir einzureichen. Ich bot mich an, dies dann kostenlos übersetzen zu lassen und seine Wunschliste nach Bangkok zu schicken, wo meine Freunde schon das richtige für ihn finden würden.
So hoffte ich, an seine Adresse zu kommen. Aber der Mann spürte vermutlich, dass er hereingelegt werden sollte. Jedenfalls brach er das Gespräch erneut ab und meldete sich nie wieder bei mir.
Die anderen sechs Männer waren harmloser. Oder sie rückten nur nicht so rasch raus mit dem, was sie wirklich wollten.
Sie hingen, begeistert von meinen Geschäftsmethoden, in der Leitung und drängten auf einen raschen Termin. Ich spürte sie an der Angelschnur zucken und schaltete nun um.
Ich versuchte jetzt, wirklich so etwas wie Seriosität an den Tag zu legen. Plötzlich sprach ich nicht mehr von Ware, sondern von Frauen, Mädchen und Menschen und verhielt mich so, wie ich mir vorstellte, dass es vielleicht ein Sozialarbeiter tat, der ein Kind zur Adoption freigab oder nicht.
»Ja, wenn Sie wollen, könnte ich jetzt gleich zu Ihnen in die Wohnung kommen.«
»In meine Wohnung?«
Für alle sechs war der Gedanke, dass ich bei ihnen zuhause auftauchen könnte, so unwirklich, dass sie nachfragten, ob sie es auch richtig verstanden hätten.
»Ja, natürlich in Ihre Wohnung. Ich muss doch sehen, wohin meine Mädchen kommen. Ich will doch einen Eindruck von der Wohnung haben. Hat sie bei Ihnen ein eigenes Zimmer? Wie ist das Zimmer eingerichtet? Gibt es zum Beispiel ein Buchregal mit einheimischer Lektüre? Wenn sie das Fernsehprogramm hier schon nicht versteht, wird sie doch sicherlich zumindest etwas in ihrer Sprache lesen wollen.«
Hier protestierte der erste. Er wollte keine Frau, die lesen konnte.
Aber jetzt blieb ich hart.
Ich wollte die Wohnungen sehen und die Lohnstreifen der Männer.
»Können Sie es sich überhaupt leisten, eine Frau zu ernähren und eine Familie zu gründen?«
Dann erzählte ich von einem deutsch-thailändischen oder deutsch-philippinischen Freundschaftskreis (den es überhaupt nicht gab). Angeblich tagte dieser Kreis wöchentlich in Altenkirchen. Ihm gehörten nach meiner Aussage zahlreiche Familien, aber auch einzelne Frauen an.
Ich erfand sogar eine Mitgliedsgebühr für den Freundschaftsverein und pries ihn in den höchsten Tönen:
»Es ist wichtig, dass die Frauen hier Kontakt zu Frauen in der gleichen Situation bekommen, damit sie sich nicht so einsam und allein fühlen. Wir organisieren Deutschkurse, Kochkurse, die Frauen werden über ihre Rechte in der Bundesrepublik informiert, lernen den Umgang mit Behörden. So versuchen wir, ihre erste Einsamkeit hier gar nicht aufkommen zu lassen. Sie wollen doch sicherlich auch nicht, dass ihre Ehefrau völlig isoliert ist, keine Freunde hat und zuhause in der Wohnung versauert? Wir machen gemeinsame Ausflüge, Kaffeestunden undsoweiter – wie gesagt, ich leite ein seriöses Unternehmen. Bei uns gibt es eine Nachbetreuung. Wir lassen die Frauen dann nicht einfach im Stich wie andere Unternehmen. Wir bemühen uns seit einiger Zeit darum von der Stadt eine Sozialarbeiterin für dieses Projekt zu bekommen. Bisher wird die Nachbetreuung ehrenamtlich gemacht.«
Mein Ansinnen empörte die Männer.
Sie fühlte sich gelinkt, hereingelegt, hintergangen.
Niemand, der eine Sklavin kaufen möchte, will für sie ein soziales Umfeld oder gar eine Nachbetreuung durch Sozialarbeiter.
Zwei Kunden brüllten mich an: »Spinner!«
»Ich lass mich doch nicht verarschen!«
Dann legten sie auf.
Die vier anderen versuchten verdattert, aus dem Gespräch wieder herauszukommen, versprachen, bald wieder anzurufen und versicherten, jetzt im Moment keine Zeit mehr zu haben.
Später ergab die Überprüfung der Namen, dass alle Männer mit falschen Angaben operiert hatten. Es war mir gleich komisch vorgekommen. So viele Müllers, Meiers, Schneiders und Schmidts gab es ja dann doch nicht.
Reichlich deprimiert fragte ich mich nach dem Ergebnis dieses Tages. Versuchte, alle Anrufe zu rekapitulieren, suchte das Gemeinsame in den Wünschen der Männer, aber auch das, was sie voneinander unterschied.
Eine gleichberechtigte Partnerschaft schien diesen Männern unerträglich. Sie dachten in Kategorien von herrschen und beherrscht werden, von Oben und Unten. Sie könnten für das gleiche Geld nach Thailand oder auf die Philippinen fahren, dort eine Frau kennen lernen und ohne zwischengeschaltete Händler heiraten und in der Bundesrepublik mit ihr zusammen leben.
Warum wollten sie das nicht?
Warum waren die Händler so wichtig?
Ich glaube, das Gefühl, die Frau gekauft zu haben, war für die Männer besonders wichtig. Denn nur so entstand ein Besitzverhältnis.
Es klärte, wer der Herr im Haus war.
Einige planten unter Umständen sogar, sich später großzügig zu zeigen, die Frau nicht einzusperren, nicht zu schlagen, ja sogar, sie liebevoll zu behandeln.
Trotzdem war der Akt des Kaufens wichtig für sie, denn von diesem Punkt an ist alles, was sie der Frau zugestehen, eine Gunst, die sie gewähren. Jede liebevolle Geste eine Gnade und kann jederzeit entzogen werden.
Die Männer wollten sich sogar als großzügige, freundliche Ritter in der Not fühlen, als eine Art Entwicklungshelfer, denn sie wussten: Sie kommt aus einem armen Land in ein reiches Land. Die Männer glaubten, die Frau »von der Hölle ins Paradies« geholt zu haben.
Ihr Aufenthaltsrecht in diesem Paradies war an die Ehe gebunden. Im Fall einer Trennung musste die Frau das Paradies verlassen. Ohne diese wichtige Unterstützung der bundesdeutschen Justiz hätte der Sklavenhandel nicht richtig funktioniert.
Um die Frau gleich hier ans Haus zu binden, waren einige Männer geradezu versessen darauf, »ihr sofort ein Kind zu machen«. Damit wurden die Fesseln für die Frau fast unlösbar. Das Kind, meist die einzig ernsthafte Bezugsperson, wird für die Frau zum ganzen Lebensinhalt. Wagt sie es, sich von ihrem Käufer zu trennen, muss sie allein in ihr Herkunftsland zurück, denn bundesdeutsche Gerichte gehen davon aus, »dass eine solche Frau ihre Kinder nicht nach hiesigen Wertmaßstäben erziehen könne«. Das Kind bleibt also beim Mann, somit hat er ein weiteres Druckmittel, um die Frau gefügig zu halten.
Jeder meiner Kunden war sich bewusst, dass er der Frau gegenüber alle Trümpfe auf seiner Seite hatte.
Es war sein Geld.
Es war seine Wohnung.
Es war seine Sprache.
Es war sein Land.
Die Gerichte sprachen sein Recht.
Würde die Frau, einmal hier angekommen, den Kampf gegen ihn aufnehmen, es wäre der Versuch, mit einer Wasserpistole auf einen hochmodernen Panzer zu schießen.

Das Bildungsniveau der meisten meiner Kunden schätze ich als recht niedrig ein.  

Es gab aber immer wieder Ausnahmen. Es kamen auch Akademiker. Ein Zahnarzt suchte eine Buddhistin. Auf meiner Frage hin, ob er etwa auch Buddhist sei, lachte er und erklärte mit dann gleich bereitwillig:
»Die Buddhisten glauben, dass das Leben das Menschen aus einer Kette von verschiedenen Leben besteht. Wenn es einem in diesem Leben schlecht geht, liegt es daran, dass man im vorherigen Leben Schuld auf sich geladen hat. Und dass man zu wenig Verdienste erworben hat.«
Wieder lachte er.
»Auch, ob einer als Mann oder Frau geboren wird, entscheidet das vorherige Leben. Sagen Sie bloß, das wissen Sie nicht?«
»Nein, das wusste ich nicht. Aber was haben Sie davon, wenn Sie selbst kein Buddhist sind?«

»Nun, die richtigen Buddhistinnen fühlen sich von vornherein schuldig. Sie wissen, dass sie in ihrem vorherigen Leben nicht gut waren und jetzt dafür leiden müssen. Sie unterwerfen sich gerne, in der Hoffnung, im nächsten Leben besser davon zu kommen. Diese Buddhistinnen sind das Gegenteil von unseren Emanzen.«

Er lachte erneut und versuchte dann in mein Schweigen hinein einen Scherz:

»Als kritischer Verbraucher sollte man sich eben vorher informieren.«

Im Laufe der Recherche sprach ich mit 120 Männern.

Viele traf ich. Einer hat mich besonders erschreckt und mir wurde eine zusätzliche Dimension des Frauenhandels klar.
Ich traf ihn in einem Chinarestaurant und zeigte ihm Fotos.
Er war mir sympathischer als die anderen Kunden in den letzten Tagen.
Er wollte auch nicht gleich intime Informationen über die sexuellen Qualitäten seiner Zukünftigen, sondern betonte, dass er auch gerne eine geschiedene Frau mit Kind nehmen würde.
Sie dürfe das Kind auch mitbringen.
Der Mann begann mich zu interessieren, denn meine bisherigen Kunden hatten geschiedene Frauen höchstens in die zweite oder dritte Wahl genommen, und wenn sie Kinder hatten, schon gar nicht.
Wenn überhaupt, so gab es für die Kinder folgende Kompromissformel:
Die Frau kommt, das Kind bleibt dort.
Dieser Mann nun betonte, gerne eine Frau mit Kind zu nehmen. Wir sprachen etwa eine halbe Stunde miteinander. Das Gespräch plätscherte dahin. Da setzte sich ein Verdacht in mir fest.
Warum hatte mir dieser Mann noch nicht eine einzige konkrete Frage zu der Frau gestellt, die er von mir kaufen wollte?
Nicht Größe, nicht Haarfarbe, Gewicht oder Brustumfang.
Was ihn zunächst sympathisch machte, brachte mich jetzt gegen ihn auf. Irgendetwas stimmte da nicht. Ich bot ihm eine fünfunddreißigjährige Philippina mit ihrem vierzehnjährigen Sohn an.
Ich wollte gerade von der Frau erzählen, da würgte er sofort ab:
Nein, nein, das interessiere ihn nicht, mit Jungen in dem Alter käme er nicht klar.
Ich zeigte ihm eine Thaifrau mit einer dreizehnjährigen Tochter.
Seine Stimme wurde belegt.
Er wirkte aufgeregt auf mich.
Dann rückte er mit der Sprache heraus.
Das Mädchen sei ihm zu alt.
Langsam witterte ich die Ungeheuerlichkeit, die sich dann auftat.
Es ging ihm gar nicht um die Frau, sondern um die Tochter.
Ich sprach meinen Verdacht aus.
Sofort ließ der Mann einen Wortschwall auf mich los, warum das alles ganz normal sei und wie gut es Frau und Kinder bei ihm haben würden. In anderen Ländern könnte man Kinder in dem Alter schon heiraten, nur bei uns sei das alles noch ein bisschen rückständig und verklemmt.
Zwischen acht und zehn sollte sie sein. Auf keinen Fall älter. In dem Alter könne man Kinder auch noch formen, und er garantierte ihr eine hervorragende Ausbildung, wie sie sie in ihrem Heimatland niemals bekommen könnte.
Er glaubte ja, mit einem Frauenhändler zu sprechen und tat sich keinen Zwang an. Wenn das Mädchen für ihn sexuell uninteressant würde, dann wäre es sowieso Zeit, die Frau loszuwerden, bevor sie durch die Ehe zu viele Rechte erwarb. Nach höchstens zwei Jahren – bevor die noch richtig Deutsch könnten – wären sie wieder zuhause.
»Keine Opfer, keine Täter!«, grinste er.
Leider reagierte ich emotional, brüllte den Mann an und beendete durch meine Unbeherrschtheit das Gespräch. Er floh aus dem Restaurant.

Aus den menschlichen Abgründen, die sich vor mir auftaten und den Erfahrungen mit den Menschen, die ich traf, ist der Roman Traumfrau gemacht.

Stoff hatte ich durch die Gespräche mit Männern wahrlich genug für meinen Roman und konnte so meine Figuren entstehen lassen.
Aber jetzt lief mir das ganze »Geschäft« nach.
Kunden riefen an und fragten nochmal nach, wollten sich nicht damit zufrieden geben, bei mir keine Frau bekommen zu haben. Natürlich habe ich nie eine Frau wirklich verkauft. Ich habe immer nur so getan als ob und dann versucht, die Kunden loszuwerden. Unter ihnen gab es aber ein paar ganz hartnäckige.
Um von denen nicht mehr länger belästigt zu werden, schraubte ich einfach meine Preisvorstellungen hoch. Schließlich konnte ich ihnen nicht meine wahre Identität nennen, ich durfte auf keinen Fall vor Erscheinen des Romans auffliegen, denn noch hatte ich ja auch einen Fuß in der Händlerszene und einige Frauenhändler glaubten, ich sei ihr Freund.
Ich dachte, bei den Männern funktioniere ein ganz einfacher Mechanismus: Wenn das Produkt überteuert wird, kaufen sie es dort, wo es preiswerter ist.
Aber da war ich auf dem Holzweg.
Dadurch, dass ich die Preise in die Höhe schraubte, wurde ich für einige schräge Gestalten erst richtig interessant. Sie glaubten, wer sich leisten kann, seine Frauen so teuer zu machen, der hat auch ganz besondere Ware.

Ich muss aufpassen, wenn ich das aufschreibe und mich an all diese Dinge erinnere, dass ich nicht zynisch werde.

Auch auf der Behördenebene lief das alles weiter. So gab es einen längeren Briefwechsel zwischen mir und dem Finanzamt zu der Frage, ob ich, wenn ich eine Frau verkaufe, sieben oder vierzehn Prozent Mehrwertsteuer zahlen müsse. Da ich als Künstler damals der siebenprozentigen Mehrwertsteuer unterlag, kannte ich das Spiel um die Mehrwertsteuer aus dieser Sicht und argumentierte folgendermaßen: »Einige meiner Frauen gehen ja künstlerischen Berufen nach, z.B. als Stripteasetänzerinnen in Bars. Für die möchte ich nur sieben Prozent Mehrwertsteuer bezahlen, nicht vierzehn.« Aber die Frage, die die Frauenbewegung schon immer interessiert hat, wurde im Finanzamt rasch entschieden. Wenn eine Frau verkauft wird, kostet das den vollen Mehrwertsteuersatz. Ich muss aufpassen, wenn ich das aufschreibe und mich an all diese Dinge erinnere, dass ich nicht zynisch werde.
Damals schwankte ich sehr zwischen Wut und Zynismus.
Natürlich wurde ich auch Mitglied bei der Industrie- und Handelskammer und man bot mir ein Gespräch für eine Existenzgründung an.
Später, als ich mit dieser Behauptung an die Öffentlichkeit ging, drohte mir die Industrie- und Handelskammer mit juristischen Konsequenzen und bezichtigte mich der Lüge. Ich sei dort niemals Mitglied geworden.
Ich kam tatsächlich kurzfristig sogar in Beweisnot, denn in meiner Wohnung war eingebrochen worden und einige der Akten befanden sich nicht mehr in meinem Besitz.
Aber manchmal hat man Glück im Leben.
In dem Fall war es so.
In der EDV-Abteilung der Industrie- und Handelskammer hatte sich das alles noch nicht richtig rumgesprochen und so schickten sie mir eine Mahnung, weil ich meinen Jahresbeitrag schuldig geblieben war.
Damit gab ich hocherfreut eine Pressekonferenz und ab dann zog sich die Industrie- und Handelskammer in peinliches Schweigen zurück.

Dieses Buch konnte nicht einfach so erscheinen.

Ich musste mich aus der Mädchenhändlerclique zurückziehen und befürchtete von dort Sanktionen.
Uns war eins klar: Das einzige, das mich schützte, war eine große Öffentlichkeit.
Ich musste also mit einem Schlag heftig präsent sein.
Ich zählte dann darauf, dass mir niemand etwas tat, wenn die Frauenhändler davon ausgehen müssten, dass jeder normalintelligente Staatsanwalt gleich wissen würde, wer das war, wenn mir etwas passierte.
So bereiteten wir eine Pressekampagne vor. Die erste Fernsehsendung, in der ich auspackte, hieß »Mona Lisa«. Ein Magazin für Frauen, das am Sonntag ausgestrahlt wurde, was mir deswegen besonders lieb war, weil dann in den Ämtern nicht schnell alle Akten beseitigt werden konnten.
Ich gab in den ersten vierzehn Tagen einundvierzig Radio- und Fernsehinterviews. Es gab große Talkshowrunden und auch Krawallshows wie die von Axel Thorer bei RTL, Freitagabend, 90 Minuten.
Außer mir waren noch vier Frauenhändler eingeladen, die ihren Ruf verteidigen wollten. Man hatte es tatsächlich geschafft, für diese Leute und für mich eine gemeinsame Garderobe zu besorgen.
Ich wollte aber keineswegs mit denen zusammen in einem Raum auf die Sendung warten und wurde gerettet von den agisra-Frauen und einigen Betroffenen, die, obwohl sie sicherlich nicht die besten Erfahrungen mit Männern gemacht hatten, mir vorschlugen, doch mit ihnen in eine Garderobe zu gehen, das sei sicherer für mich.
Als die Talkshow begann, hatte ich mit Vielem gerechnet und war bestens vorbereitet, aber ich konnte nicht damit rechnen, dass zwei Frauenhändler begannen, sich zu streiten, weil der eine Brasilianerinnen vermittelte und der andere behauptete, das sei überhaupt nicht in Ordnung, die mit ihrem Temperament könnten sich nicht unterordnen und seien doch noch schlimmer als die deutschen Emanzen. Ein seriöser Frauenhändler würde keine Brasilianerinnen im Programm führen.
Schrille Talkshows, die in ihrer Absurdität kaum zu überbieten waren, aber eben doch bundesdeutsche Wirklichkeit spiegelten, halfen uns letztendlich, ein ruhiges, ja fast stilles Buch in großen Auflagen zu verkaufen.
Wenige Tage nach Erscheinen des Buches kurvten ein paarmal schwarze BMWs und ein schwarzer Porsche durch das Dorf, in dem ich damals wohnte.
Autos, die weder vorher noch nachher jemals dort gesehen worden waren.
Das Ganze sollte mich wohl einschüchtern.
Noch mehr Klischee geht schon kaum noch.
Aber ich hatte inzwischen längst gelernt, dass das Klischee eben oftmals wahrer ist als die Wirklichkeit.
Ich machte mit der Traumfrau 180 Veranstaltungen im ganzen Land.
Manchmal in Büchereien, Bibliotheken, organisiert von Frauengruppen, es gab sogar Lesungen in Frauenhäusern, in die normalerweise überhaupt kein Mann hinein darf.
Aber auch ganz andere Frauengruppen holten mich als Referenten. Frauen von Hydra oder HWG (Huren wehren sich gemeinsam) luden mich zu Veranstaltungen ein.
Angebote, das Buch zu verfilmen, häuften sich und ich war glücklicherweise durch die vielen Leser des Romans finanziell in der Lage, Nein zu sagen, wenn ich spürte, dass man meine Geschichte und meinen Roman nur benutzen wollte, um eine voyeuristische Story mit Frauen in Strapsen zu drehen.
Natürlich wurden im Nachhinein auch die Gerichte aktiv.
Ich hatte einige Dinge getan, die man nicht tun durfte.
So wollte man mir den Prozess machen, u.a. wegen »Vortäuschung einer Gewerbeausübung«. Von diesem originellen Straftatbestand hatte mein Anwalt noch nie etwas gehört und stellte etwas süffisant die Frage, man könne mir natürlich vorwerfen, dass ich keine Frauen verkauft hatte.
Ob es denn besser gewesen wäre, ich hätte meinen »Beruf« wirklich ausgeübt? Und ob das Verfahren gegen mich niedergeschlagen werden könnte, wenn ich nun doch noch rasch ein paar Frauen verkaufen würde? Wir haben darauf niemals eine Antwort erhalten.
Aber ich war mit falschen Namen und falscher Adresse aufgetreten.
Ich hatte mit falschem Namen Urkunden unterschrieben und es spielte vermutlich auch eine Rolle, dass die bundesdeutsche Justiz nicht gerade in glorreichem Licht erschien, als die Ergebnisse meiner Recherchen in einer Öffentlichkeit breit diskutiert wurden.
Im rheinland-pfälzischen Landtag stellte eine Abgeordnete den Finanzminister zur Rede, ob es denn korrekt sei, dass ein Schriftsteller namens Klaus-Peter Wolf für Mädchen- und Frauenhandel eine Steuernummer erhalten hätte und sogar Mehrwertsteuer für verkaufte Frauen zahlen sollte.
Der Minister antwortete mit Zoten, die im Gelächter des Parlaments untergingen.
Das Ganze war später im Radio zu hören. Die Begründung des Ministers sah dann so aus, dass man ja schlecht Waffenschiebern und Mädchen- und Frauenhändlern Steuerfreiheit gewähren könne. Einiges, was damals geschehen ist, war sicherlich so absurd, dass man aus heutiger Sicht auch schon mal gerne ungläubig darüber lacht. Als es geschah, fand ich es aber gar nicht lustig. Man wollte mir also den Prozess machen und mein Verleger schlug in einem Brief ans Gericht vor:

»Wir unterstützen den Prozess gegen Klaus-Peter Wolf. Die Bevölkerung ist durch die Berichterstattung so aufgebracht, irgendjemand muss jetzt eingesperrt werden. Und wenn Sie schon die Frauenhändler laufen lassen, dann wird es Zeit, wenigstens Klaus-Peter Wolf einzulochen. Wir schlagen allerdings vor, den Prozess nicht, wie vorgesehen, im Landgericht stattfinden zu lassen, sondern doch lieber in der Frankfurter Oper, denn es werden viele Journalisten erwartet, auch Kamerateams aus Japan, Thailand und von den Philippinen haben sich bereits angesagt und es könnte voll werden. Außerdem wollen wir im Anschluss an den Prozess zu einer kleinen Cocktailparty einladen, zu der selbstverständlich auch Sie und Ihre Gattin herzlich eingeladen sind.«

Wen wundert es noch, dass der Prozess nicht stattfand und ich im Vorfeld bereits begnadigt wurde. Ich wollte das nicht, aber ich musste erfahren, dass man eine Begnadigung in Deutschland nicht ablehnen kann und kein Recht darauf hat, dass der Prozess gegen einen auch noch eröffnet wird.

Als die Staatsanwaltschaft dann, auch durch öffentlichen Druck, die Ernsthaftigkeit der Lage erkannte, wurden den richtigen Leuten Prozesse gemacht. Dazu aber fehlten die pasenden Gesetze, schließlich standen Ehe und Familie unter besonderem Schutz des Staates und die Händler verfuhren nach drei goldenen Regeln:
Erstens: Zahle immer pünktlich deine Steuern.
Zweitens: Halte dich von Drogentussis fern, die verderben das Geschäft.
Drittens: Schlage niemals eine Frau in der Öffentlichkeit.
Damit waren sie nur schwer zu kriegen. Die, die eingesperrt wurden, holte man über einen anderen Weg, genauso, wie damals Al Capone: Die Steuerfahndung schlug zu.

Was ist also geblieben aus den Wirren dieser Zeit? Haben sich all diese schlaflosen Nächte gelohnt? Die Ängste, die sich auch von Freunden auf mich übertrugen. »Eines Tages packen sie dich, Klaus-Peter, und rächen sich.«

Mit der Angst vor der Rache aus dem Milieu wurde ich fertig. Mit der Angst vor den Veränderungen in mir selber lange Zeit nicht.

 

Die Recherchen hatten mich mehr als 200.000 D-Mark gekostet.

Geld, das man nicht von den Steuern absetzen kann.
Mir war eines erschreckend klar geworden:
Auch ich habe etwas von den Abgründen dieser Männer in mir.
Auch ich kann mich nicht ganz freisprechen.
Das wurde mir klar, als ich mit den Frauenhändlern soff, als ihr Kumpel auftrat und mit ihnen die Abende verbrachte.
Ich bin kein besonders guter Schauspieler. Kein Regisseur konnte diese Rolle vorher mit mir proben. Ich musste es aus mir heraus spielen. Und niemals haben sie Verdacht geschöpft. Sie waren ohne Argwohn und noch nie so sehr hereingelegt worden wie von mir.
Was hatte ich in mir, dass das alles so gut klappte? Als diese Frage mich immer mehr zu quälen begann, brach ich die Recherchen ab. Ich wollte nicht mehr der Frauenhändler sein, der Kunden traf und mit seinen Kumpels auf die Piste ging.
Ich wollte wieder der Schriftsteller Klaus-Peter Wolf sein, der Krimis schrieb und witzige Kinderbücher, manchmal beim Fernsehen sein Geld verdiente und versuchte, seinen Kindern ein guter Vater zu sein.
Mit der Angst vor der Rache aus dem Milieu wurde ich fertig. Mit der Angst vor den Veränderungen in mir selber lange Zeit nicht. Ich bin erstaunlich heil aus all dem herausgekommen. Aber ich war danach nicht mehr Derselbe.

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