Tsotsi von Athol Fugard

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1980 unter dem Titel Tsotsi, deutsche Ausgabe erstmals 1982 bei Klett-Cotta.

  • Johannesburg: Ad. Donker, 1980 unter dem Titel Tsotsi. 168 Seiten.
  • Stuttgart: Klett-Cotta, 1982. Übersetzt von Kurt Heinrich Hansen. ISBN: 3-608-95101-6. 222 Seiten.
  • Zürich: Diogenes, 2006. Übersetzt von Kurt Heinrich Hansen. ISBN: 978-3-257-23565-4. 329 Seiten.

'Tsotsi' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Südafrika in den Zeiten der Apartheid. In den Townships der Schwarzen herrschen Armut, Gewalt und Kriminalität. Kaltblütige Gangs schrecken vor nichts zurück, wenn es darum geht, an Geld zu kommen oder Macht zu demonstrieren. Dazu gehört auch Tsotsi – ein junger Mann ohne Vergangenheit, dessen Zukunft nicht weiter reicht als bis zu seiner nächsten Tat. Doch als ihm eines Tages bei seinen Raubzügen ein Säugling in die Hände fällt, steigen plötzlich auch immer mehr Erinnerungen an seine eigene Kindheit in ihm auf. Erinnerungen, die er bislang erfolgreich verdrängt hat. Und erstmals kommt er ins Nachdenken darüber, wer er ist, was er tut und vor was er davonläuft. Er merkt, dass sein Leben nicht so weitergehen kann wie bisher und daß sein selbstgewählter Name nicht sein Name ist. Denn Tsotsi bedeutet im Ghetto-Slang Gangster. Tsotsi wurde Anfang der 60er Jahre geschrieben, konnte jedoch erst 1980 veröffentlicht werden. Daß seine Thematik aktueller denn je ist, zeigt der gleichnamige Film von 2006, für den das Buch als Vorlage diente (Regie: Gavin Hood, mit Presley Chweneyagae in der Rolle des Tsotsi). Der Film Tsotsi erhielt – in der Kategorie »Bester fremdsprachiger Film« – den Oscar 2006.

Das meint Krimi-Couch.de: »Eingespielte Viererkette mit brutaler Gangart« 40°

Krimi-Rezension von Bernd Neumann

Als »Tsotsi« bezeichnet man in den Slums von Afrika allgemein einen Gangster, Verbrecher, ein Bandenmitglied:

»...Herumtreiber, die an Straßenecken und in Schnapsbuden herumlungern, denen man des nachts besser aus dem Weg ging , weil sie zum Abschaum und zu diesem arbeitsscheuen Gesindel gehörten, die um ein paar Pennys oder ohne jeden Grund Leute umbrachten.«

Davon gibt es am Ort des Geschehens viele, denn die Handlung spielt im Apartheit-Regime von Südafrika in den 60-er Jahren, und der selbsternannte Tsotsi des vorliegenden Buches ist ein besonders Gefürchteter unter ihnen.
Wenn er bei Einbruch der Finsternis durch die Townships, die schwarzafrikanischen Stadtbezirke streunt, treten die Passanten lautlos beiseite, und die Ladenbesitzer verriegeln die Türen, verschalen hastig ihre Fenster mit Brettern. Was er im Laufe der Jahre zu lernen hatte, wurde immer handfester und härter, bis er es schließlich gelernt hatte, wie man sich verhalten musste, um sich lebend von einem Tag zum nächsten Tag durchzubringen.

Tsotsi und seine Kumpanen bedeuten Gefahr, weil sie ähnlich den Wölfen gezielt und organisiert im Rudel jagen:
Tsotsi ist mit seinen zwanzig Jahren der akzeptierte Boss, was er beschließt, ist Gesetz; »Die Arp« ist das Kraftpaket, der mit seinen langen Boa-Armen das Opfer stellt; »Butcher« ist der hinterlistige, brutale Vollstrecker mit der sicheren Hand und dem präzisen Auge.

Fehlt noch »Boston«, der gescheiterte Studierte. Mit dem endlosen Gedröhn seiner Stimme palavert er unablässig Geschichten und verkürzt der Bande in einer Schnapsbude die Zeit der glühend heißen Nachmittage bis zum Abend ihres neuen Einsatzes. Boston ist clever, er kann schreiben, lesen und denken. Er hat sich schon hundertmal bewährt, auch wenn ihm der absolute Killerinstinkt, die skrupellose Härte fehlt, so dass er nach vollendetem Raub und Mord schon mal in den verdreckten Rinnsteig kotzen muss.

Boston hat Anstand und diskutiert darüber. Tsotsi hasst diese Diskussionen und endlosen Fragereien und am meisten macht ihn rasend, wenn die Sprache auf seine Vergangenheit kommt, denn die hat er vollständig bis zur Erinnerungslosigkeit verdrängt.

»Die Strassengang zerbröselt sich Soekies Laden«

Und genau das passiert nach einem erfolgreichen Fischzug, bei dem ein leichtsinniger Farbiger das unschuldige Opfer in dem rappeldicke vollen Vorstadtzug wird. Butcher erledigt das unauffällig im chaotischen Gedränge des Feierabendzuges mit seiner schon so oft erfolgreich praktizierten Fahrradspeichenmethode.

In Soekies Destille wird auf den gelungenen Beutezug erst einmal richtig einer gesoffen.
Alkohol und Drogen peitschen in der Hitze der Nacht den Sexualtrieb an, die betrunkene Rosie ist ein leichtes Opfer. Währenddessen spult der sensible und ständig labernde Boston seine endlos quälende Thematik von Anstand, Größe und Seele ab. Tsotsi, den Boss ohne emotionale Intelligenz und Vergangenheit, geht das so auf die Nerven, dass diese mit ihm durchgehen. Wie von Sinnen schlägt und tritt er seinen vertrauten Freund ein, »haut ihn in Stücke, die das später trocknende Blut gerade noch zusammenhalten« und türmt in die Nacht.

Die Worte von Boston »Eines Tages, eines Tages, da gnade dir Gott, eines Tages, da wirst du nicht wissen, was tun« rattern dabei ständig in seinem Schädel wie eine Gebetsmühle und treiben ihn vorbei an Wellblechzäunen in die Dunkelheit der weißen Vorstädte, die an den Stadtbezirk grenzen.

Bei dieser ziellosen Odyssee geraten Totsies Regeln ins Wanken: den entscheidenden Moment nicht zu verpassen, das Dunkel in sich nicht selbst zu erhellen und keine Fragen zu dulden. Und stets sein geschärftes Messer mit der beruhigenden zehn Zentimeter langen Klinge am Mann zu haben, egal wo, egal wann.
Bisher war das ganz einfach: Tsotsi wählte sich einen Mann aus und blieb diesem an den Fersen, bis es geschehen war …

Diese eisernen Grundregeln werden bei zunehmendem Grübeln und dem ziellosen nächtlichen Herumirren durch die herunter gekommenden Townships durch zwei einschneidende Ereignisse endgültig ins Wanken gebracht.

Der schwierige Weg in die vergessene Welt der Kindheit

Eine wildfremde Farbige drückt bei der zufälligen Begegnung im Hain der Eukalyptusbäume dem völlig überrumpelten Tsotsi verängstigt einen Schuhkarton in die Hand, um danach hastig in der Dunkelheit zu verschwinden.

Im Karton ist ein Baby – was soll er damit tun?

»Und plötzlich, scharf und schmerzhafter, als er es je erlebt hatte, zersprengte Licht die Dunkelheit in ihm, und er erinnerte sich...«

Verstärkt wird diese Erinnerung noch durch ein Erlebnis am kommenden Tag:
Er verfolgt einen schwarzen Krüppel, der in den Goldminen bei einem schweren Unfall beide Beine verloren hat. Erstmals verspürt er Mitleid mit einem von ihm auserkorenen Opfer, denn dieser verkrüppelte Bettler bewegt sich schlurfend durch den unermüdlichen Schwung seiner Arme mühsam vorwärts:

Wie die Hündin mit dem gelben Fell, die irgendwann damals unter großen Schmerzen wimmernd an ihn heran kroch …

Er kann sich unbewusst erinnern, dass nichts je so heftig auf ihn gewirkt hat, kein Schmerz, keine Freude, kein Ereignis in all den vergangenen Jahreszeiten, in denen er sich am Leben gefühlt und in sich das Dunkel wahrgenommen hatte.
Und ganz allmählich wird Verschüttetes freigeschaufelt: der Mann, namens Petha, die Nostalgie, die der Geruch nasser Zeitungen in ihm weckte ebenso wie seine Angst vor Spinnen.

All diese Gedanken schleichen sich wieder und wieder in Tsotsis Unterbewusstsein ein, verlangen nach Klärung. Mehr und mehr entdeckt er, bisher Opfer sein dunklen Impulse gewesen zu sein. Aber das immer stärkere Erinnern an die Vergangenheit hat diesen beherrschenden Mechanismus zum Stocken gebracht und wird sein zukünftiges Leben gravierend verändern.

»Totsi« schildert zwar aus dem Leben von einigen kriminellen Farbigen, ist jedoch kein herkömmlicher Kriminalroman, in dem auf Biegen und Brechen gehauen und gestochen wird. Ebenso wenig gibt es das old school – Prinzip nach der Suche des Täters. »Totsi« ist vielmehr eine sensible und zeitlose Parabel über das Gute und Böse im Menschen, über Schuld und Sühne und über das Prinzip der Hoffnung: »Der Mensch ist gut«.

Wer Spaß hat an großartigen, plastischen Schilderungen fremder Welten in den Hinterhöfen südafrikanischer Randbezirke, dem fremdländischen Fluidum in Bantu-Esslokalen oder einem tropischen Stadtgewitter, dem sei der Roman wärmstens und mit bestem Gewissen empfohlen.

Der Roman wurde schon in den sechziger Jahren geschrieben, jedoch wegen seiner offensichtlichen sozialkritischen Anklänge vom südafrikanischen Apartheidsregime totgeschwiegen. Erstmals veröffentlicht im Jahre 1980 bekam das Buch nachträgliche Anerkennung durch die erfolgreiche Verfilmung, die als »Bester fremdsprachiger Film 2006« mit einem Oscar geehrt wurde.

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