Mimikry von Astrid Paprotta

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1999 bei Eichborn.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland / Frankfurt/Main, 1990 - 2009.
Folge 1 der Ina-Henkel-Serie.

  • Frankfurt am Main: Eichborn, 1999. ISBN: 3-8218-0788-1. 373 Seiten.
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2001. 373 Seiten.

'Mimikry' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Alle Toten lebten einsam und zurückgezogen mitten in der Großstadt, alle Toten hatten psychische Probleme – und alle waren sie in einer beliebten Nachmittags-Talkshow zu Gast. Der aalglatte Talkmaster ist nicht recht zu fassen, seine verschrobene Assistentin stellt Kommissarin Ina Henkel vor immer neue Rätsel. Die dünnhäutige Ermittlerin versucht, ihr Privatleben gegen die Zumutungen ihres Berufs abzuschirmen, doch die bestialischen Morde lassen sie nicht zur Ruhe kommen. Bald stößt sie an ihre Grenzen und ist dabei dem Täter näher, als sie ahnt.

Das meint Krimi-Couch.de: »Mehr Psychogramm als Krimi« 92°Treffer

Krimi-Rezension von Markus Traud

Nachdem ich in letzter Zeit mehrmals von deutschen Krimis positiv überrascht worden bin, greife ich verstärkt auch zu heimischem Spannungslesestoff. Wenn dann auch noch ein hochgelobter Krimi in meiner Heimatstadt Frankfurt am Main spielt, ist das förmlich ein Muss.

Als ich den Namen Astrid Paprotta las, kam er mir sofort sehr bekannt vor. Doch ich konnte ihm auf Anhieb kein Buch zuordnen. Und das ist auch kein Wunder, weil ich in die ganz falsche Richtung gedacht habe. Denn bekannt wurde die studierte Psychologin, die dann als Journalistin gearbeitet hat mit einem Buch namens »Aldidente«; einem Kochbuch für Aldi-Artikel.

Eine junge Frau wird erschlagen in ihrer Wohnung aufgefunden. Im Laufe der Ermittlung finden die junge Kommissarin Ina Henkel und ihr Kollege Stocker heraus, dass die junge Frau sehr zurückgezogen gelebt hat und keine Freunde hatte. Dass sie relativ schnell nach ihrem Tod gefunden wurde, ist eher Zufall, da sie eine entfernte Bekannte gebeten hatte, während ihres Urlaubs die Blumen zu gießen. Einziges Highlight in ihrem Leben war scheinbar der Auftritt in einer nachmittäglichen Fernsehtalkshow namens »Menschen bei Mosebach«. Ihre Tagebucheintragungen erwecken den Eindruck, als ob sie eine Beziehung mit dem Moderator der Sendung hatte. Daher konzentrieren sich die Ermittlungen erst einmal auf ihn. Die Person, die die Leiche gefunden hat, arbeitet außerdem auch noch für die Talkshow.

Kurze Zeit später wird aufgrund eines Hinweises eine weitere Leiche gefunden, die schon mehrere Monate unbemerkt in ihrer Wohnung gelegen hat. Auch dieser Mann lebte sehr zurückgezogen, hatte keine Freunde und scheinbar sehr viele Komplexe. Und auch er war einmal Gast in der besagten Talkshow. Was die Kommissarin nicht bemerkt ist die Tatsache, das auch sie scheinbar ins Visier des Täters gerät …

Ziehen wir doch mal eine Buchkritik komplett anders auf und zählen erst einmal auf, was das Buch nicht ist:

Zuerst einmal ist es kein Frankfurt-Krimi. Es gibt keinerlei Lokalkolorit, keine bekannten Handlungsorte. Der Roman könnte in jeder beliebigen deutschen Großstadt spielen. Somit für mich eine kleine Enttäuschung, da dies ja einer der Gründe war, warum ich das Buch gekauft habe.

Zum Zweiten ist das Buch auch kein Krimi im herkömmlichen Sinne. Zumindest in der Form, in der ich Krimis erwarte. Denn die eigentliche Aufklärung der Morde ist relativ einfach gestrickt und auch nicht Mittelpunkt des Buches. Nach etwa einem Drittel des Buches wusste ich schon, wer der Täter ist.

Worauf hier viel mehr Wert gelegt wird ist das »Warum« der Tat und wie der Weg dort hin geführt hat. Daher empfand ich die fehlende Spannung nach der Auflösung gar nicht als Verlust, weil zum einen genügend andere Spannungsmomente vorhanden waren und weil das Buch eigentlich viel mehr eine spannende Beschreibung der Psyche mehrerer Beteiligter ist.

Dies beginnt schon mit der Person der Ermittlerin. Die Kommissarin Ina Henkel ist vordergründig ein junge, dynamische und modebewusste Frau und unterscheidet sich damit von den Opfern. Doch man bekommt sehr bald ihre Probleme mit ihrem Job mit. Sie kann sich schwer von dem Anblick der Leichen lösen, hat Alpträume, im Beruf klappt auch nicht alles wie sie will, sie hat Problem mit vergangenen Partnerschaften. Und momentan eine »nicht ganz standeshafte« Beziehung zu einem Vorbestraften, den sie schon selbst vernommen hat. Auch die nach außen getragene Selbstsicherheit ist nicht so stark, wie sie scheint. All diese Zwiespälte werden wunderbar einfühlsam und glaubhaft geschildert.

Dem wird immer wieder als Gegenbild die Situation aus Sicht des Täters geschildert. Die Annäherung der beiden tragenden Charaktere des Buches und der unvermeidliche Showdown sind das eigentliche Thema des Buches.

Aber nicht nur diese beiden Figuren sind sehr gut herausgearbeitet, insgesamt vermitteln fast alle Personen, sympathisch oder unsympathisch, einen sehr realistischen Eindruck. Gerade die Polizei wird zum einen nicht als strahlende Helden, aber auch nicht in Schimanski-Manier dargestellt.

Was das Buch besonders macht, aber mir mit meiner Erwartungshandlung »Frankfurt-Krimi« den Einstieg etwas schwer gemacht hat, ist der besondere Stil. Das Buch besteht sehr stark aus Dialogen oder Monologen, die auch nicht schön brav mit » …sagt XY«, »...warf Z ein...« oder Ähnlichem drapiert werden, damit man den jeweiligen Sprecher erkennt. Man muss manchmal sehr aufmerksam lesen. Dazu kommt ein knapper Sprachstil, im Film würde man dies als harte Schnitte bezeichnen. Manchmal wird auch eine Situation mehrmals aus verschiedenen Sichten geschildert; z.B. erst die Kommissarin und dann die gleiche Situation noch einmal aus Sicht des Streifenbeamten, der die Leiche gefunden hat.

Der Schreibstil trägt auch sehr zum Aufbau der Spannung trotz mehr oder weniger leicht zu erratendem Ausgang bei.

Natürlich muss ich auch noch einige Worte zum Thema Talkshows, das ja hier der Aufhänger für die Handlung ist verlieren. Auch hier beweist die Autorin sehr genaue Beobachtungsgabe und zeichnet mit den verschiedenen Ansichten von aalglatten, ehemaligen Theologiestudenten als Talkmaster über den durch die Shows mit allerlei unterschiedlichen Geschichten tingelnden Zeugen, der damit Geld verdient, bis hin zu den Opfern, die ihrer ganze Hoffnung in den Auftritt in der Talkshow gesetzt haben ein sehr treffendes und sarkastisches Bild der Talkshow-Szene ohne es ins Lächerliche oder Witzige zu ziehen.

Mal eine ganz andere Art von Krimi, der mehr Wert auf die Profile der Menschen als auf die Klärung der Tat legt. Vom Stil etwas gewöhnungsbedürftig, aber dann um so faszinierender.

Das meinen andere:

»Schnelles Tempo, harte Schnitte, knappe Sätze, fast ausschließlich Dialoge, treiben die Handlung rasant voran, so daß keinen Moment Langeweile aufkommt.« (Amazon.de)

»Beinahe eine Pflichtlektüre für alle Talkshow-Süchtigen und ein Thriller der ganz besonderen Klasse.« (Westdeutscher Rundfunk)

»Astrid Paprotta hat den Leuten nicht nur aufs Maul – die Dialoge sind so frisch wie lebensnah – sondern auch ziemlich gründlich in die Seele geschaut.« (Frankfurter Rundschau)

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Federfrau zu »Astrid Paprotta: Mimikry« 24.10.2009
es ist mir schwer gefallen, den einstieg in dieses buch zu finden. astrid paprottas schreibstil ist schon etwas ganz besonderes. zum teil telegramm mäßig kurz. nur wenig beschreibungen von personen und umgebung. die handlung entwickelt sich in dialogen und den gedanken der figuren. häufige perspektivwechsel erfordern leserins ständige aufmerksamkeit.
aber ganz plötzlich hat es mich gepackt und ich las uns las, abendessen, alles war vergessen - ich fand mich in die gedanken dieser erdachten figuren wieder und alles erschien mir real, nachvollziehbar, logisch - auch wenn es tatsächlich völlig irrsinnig war. meisterhaft!

die weiteren krimis von ap stehen ganz oben auf meiner einkaufsliste.
Jane Doe zu »Astrid Paprotta: Mimikry« 21.04.2009
Ich kann mich dem Kommentar von Nicole vorbehaltlos anschließen... Mit dem einen Unterschied, dass ich es wenigstens nicht gekauft, sondern nur ausgeborgt hab...
Schlechte Sprache, schlechter Stil.
Ich werde sicher keinen weiteren Krimi dieser Autorin lesen - sollte sie überhaupt noch einen geschrieben haben.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Bio-Fan zu »Astrid Paprotta: Mimikry« 20.02.2009
Na, Gottseidank, kein "Frankfurt-Krimi"!
Astrid Paprottas Roman lebt von seinen Charakteren und könnte somit in jeder größeren Stadt spielen, zumal auch die Thematik, die Vereinsamung des Individuums, ubiquitär ist.
"Mimikry" ist ein Begriff aus der Biologie -verbreitet in Flora und Fauna- in verkürzter Deutung übersetzt: Vortäuschung. Auf den Menschen übertragen könnte man von "mehr Schein als Sein" sprechen.
Ina Henkel, Kommissarin in Frankfurt, macht nach aussen hin einen taffen Eindruck und behauptet sich in ihrem von Männern dominierten Job. Doch ihr "Innenleben" sieht da ganz anders aus. Die Schrecken, die sie tagtäglich mitansehen muß, verfolgen sie in ihren Träumen. Die Enfdeckung zweier grausam zugerichteter Leichen bringen sie an die Grenze ihrer Belastbarkeit. Nichts ahnend ist sie zusätzlich noch vom Täter, der sich in ihr Leben einschleicht, zu einem Duell herausgefordert.
Die trostlose Stimmung der Geschichte hat mich anfangs verschreckt. Über Einsamkeit, Frustration, Aggression mag man nicht so gerne lesen, aber dann erliegt man der subtilen Spannung, die sich langsam, aber stetig aufbaut und in einem dramatischen Finale endet.

88 Grad
Angelo zu »Astrid Paprotta: Mimikry« 01.05.2008
Eine Entdeckung. Ganz grosse Klasse. Ein eindrücklicher und berührender Roman über Einsamkeit. Eine Fallstudie über das, was "Stalking" sein könnte. Dichte, Atmospäre, Sprachkraft, Spannung. Dieses eindrückliche, auch beklemmende Buch als "Krimi" einzustufen wäre ungenau. Dann würde man "Mimikry" auf eine Stufe mit vielen, vielen 08/15 - Büchern stellen. Nichts dagegen, auch solche Bücher sind oft noch viel unterhaltender, als das was täglich aus der Kiste flimmert.
Apropos Fernsehen: Paprotta zeigt ekelhaft genau beschreibend auf, was in einer "Talkshow" der bekannten üblen Sorte abgerichtet wird, wie sie funktioniert.
Die Kommissarin ist schwierig, rüpelhaft, irgendwie in ihrem Job verloren, aber menschlich und verletzlich gleichzeitig. Überhaupt stark: Die Nähe und Präzision wie hier Menschen dargestellt werden. Menschen! Egal, ob Täter, Opfer, Zeugen, Polizisten und -innen... - Sie stehen im Mittelpunkt.
Ich habe viele Genres, auch viel Vielverkauftes, aus vielen Ländern gelesen, vieles von dem was hier auf der Couch thematisiert wird. Paprotta ist neu für mich, und ich wiederhole: Es lohnt sich sie zu lesen!
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
CatWoman55 zu »Astrid Paprotta: Mimikry« 02.11.2007
Was für eine unsympathische Protagonistin. Wahrscheinlich ist sie mir zu jung. Und gleich am Anfang: Katze verwerten??? Hallo??? Weil die Tierheime voll sind??
Das ist wohl der erste und letzte Ina-Henke-Roman, den ich gelesen habe.
0 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
H. Moneta zu »Astrid Paprotta: Mimikry« 17.10.2007
Kurz gesagt: Ich habe noch keinen Thriller gelesen, der mir so zugesetzt hat wie "Mimikry". Natürlich ist das kein Whodunnit, aber die literarische Klasse bewirkt(e), dass ich mich kaum losreißen konnte von der Story. "Mimikry" ist gewöhnungsbedürftig geschrieben, die stakkatohaften Sätze (insb. wenn auch Sicht des Mörders erzählt wird) muss man konzentriert lesen, aber dann wird man mit einer Atmosphäre belohnt, die dichter nicht sein könnte.
Also: Wer wirklich mal lesen will, welche Potentiale im Genre Thriller liegen und wer wirklich mal miterleben will, wie Lesen spannender ist als fernsehen, dem sei "Mimikry" empfohlen!
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
manuela zu »Astrid Paprotta: Mimikry« 01.08.2006
Mimikry ist eines der besten werke von Astrid Paprotta;mit hohem Aktualitätswert und Realitätsgehalt.
Der Titel wurde perfekt gewählt:
MIMIKRY: d.h. Selbstschutz, indem nichtwehrhafte Tiere Aussehen und Verhalten von wehrhaften nachahmen. Und dieses Verhalten trifft nicht nur für Tiere zu.......
zugegeben, ein etwas gewöhnungsbedürftiger Schreibstil, er unterstützt aber den Plot und des Rätsels Lösung! unbedingt lesen
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Frank kreuzer zu »Astrid Paprotta: Mimikry« 12.10.2005
Paprottas "Heldin" Ina Henkel wirkt für mich mit all ihren Fehlern und Selbstzweifeln echter als jede/r Tatort- oder Polizeiruf- oder sonstwelcher Kommissar. Ich habe bisher nur Mimikry gelesen, habe aber gerade Sternentänzer angefangen, Paprotta macht Lust auf mehr.
1 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Nicole zu »Astrid Paprotta: Mimikry« 11.08.2004
Ich habs grad gelesen und fand es weder spannend noch gut geschrieben. Die Autorin bildet in meinen Augen seltsame Satzkonstruktionen, die man manchmal 2-3x lesen muss, damit man versteht, was sie diesmal meint. Im Prinzip hab ichs nur zu Ende gelesen, weil ichs gekauft hab.
Ich würde es aber nicht nochmal kaufen.
1 von 3 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Thomas Vögele zu »Astrid Paprotta: Mimikry« 12.06.2003
Dieses Buch ist ein spannender Genuss von vorne bis hinten!
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