Wer war der zweite Mann? von Arthur W. Upfield

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1962 unter dem Titel The will of the tribe, deutsche Ausgabe erstmals 1963 bei Goldmann.
Ort & Zeit der Handlung: Australien, 1950 - 1969.
Folge 27 der Napoleon-Bony-Bonaparte-Serie.

  • Garden City, N.Y.: Doubleday, 1962 unter dem Titel The will of the tribe. 216 Seiten.
  • München: Goldmann, 1963. Übersetzt von Heinz Otto. 191 Seiten.
  • München; Wollerau: Goldmann, 1974. Übersetzt von Heinz Otto. ISBN: 3-442-01208-2. 186 Seiten.

'Wer war der zweite Mann?' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

In einem Krater am Nordrand der australischen Wüste wird die Leiche eines Mannes gefunden. Als Inspektor Napoleon Bonaparte den geheimnisvollen Fall untersucht, entwickelt er eine ganz eigene Theorie darüber, wie der Tote dorthin geraten sein könnte – und begibt sich damit in Lebensgefahr.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein vielschichtiges Drama, das die Frage nach der Definition von ´Verbrechen´ stellt« 70°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Vor mehr als einem halben Jahrhundert ist er aus dem Himmel gefallen, der große Meteorit, der am glücklicherweise spärlich besiedelten Westrand der großen australischen Wüste einen gewaltigen Krater geschlagen hat. Die Wissenschaft hat ihm den Namen »Wolf-Creek« verliehen, aber die weniger Anwohner nennen ihn »Lucifer´s Couch«.

In diesem Krater wurde nun die Leiche eines Mannes gefunden. Er wurde erschlagen, der oder die Täter ist oder sind unbekannt. Niemand weiß außerdem, wie der Tote eigentlich an diesen Ort geraten ist. Es gibt partout keine Spuren, die zur Leiche hin und wieder weg führen.

Die Leiche im Krater – ein Fall für Bony

Ein kriminalistisches Rätsel, das die örtliche Polizei, verkörpert vom tüchtigen, aber nicht gerade kreativen Wachtmeister Howard, nicht lösen kann. In solchen Fällen ruft man oft den berühmten Inspektor Napoleon Bonaparte zu Hilfe. »Bony«, wie er kurz genannt wird, ist das Kind eines Siedlers und einer einheimischen Frau. Er kennt sich in weißen wie in der schwarzen Welt Australien aus.

Das ist auch dieses Mal von Bedeutung, denn die Aborigines der Gegend scheinen mehr über die Untat zu wissen als die Bewohner der nahe gelegenen Brentner-Farm. Häuptling Gup-Gup und Medizinmann Poppa lassen sich jedoch nur ungern vom weißen Mann verhören, der ihnen immer fremd geblieben ist und der sie in »wilde Austral-Neger« und »halb zivilisierte Abos« einteilt, von denen er erstere am liebsten gar nicht und letztere höchstens in diversen Dienstbotentätigkeiten sieht.

Was wissen die Aborigines?

Bony kennt die komplexe, ganz und gar nicht »primitive« Gesellschaftsstruktur und Glaubenswelt der Aborigines. Er allein kann Zugang zu ihnen finden. Das weiß auch der Mörder, der bald unruhig wird und Maßnahmen ergreift, seiner drohenden Entdeckung zu entgehen …

»Wer war der zweite Mann?« präsentiert uns das vielleicht größte »locked room«-Mordrätsel in der gesamten Geschichte der Kriminalliteratur. Fast eine Meile im Durchmesser misst der Krater, den ein großer Meteorit geschlagen hat – ein natürliches Amphitheater, in dessen Mitte eine Leiche liegt, zu der keine Fuß- oder Radspur führt. Aus einem Flugzeug ist sie auch nicht gefallen. Wie kam sie also hierher?

Eine faszinierende Ausgangssituation

Diese faszinierende Ausgangssituation wird mit der für Arthur W. Upfield typischen Konsequenz spannend entwickelt. Die Zahl der potenziellen Verdächtigen ist überschaubar, sie haben ihre Geheimnisse, die nicht unbedingt mit diesem Mord zu tun haben, aber gehütet werden wollen. Einer weiß mehr als er verraten möchte in dieser seltsamen Landschaft, die viel vom Mond oder einem fernen Planeten hat.

»Lucifer´s Couch« gibt es tatsächlich, und Upfield gehörte zum Team der Geologen, der den Krater in den 1940er Jahren untersuchte. Seine Ortskenntnis spricht aus jedem Satz. Vor dem geistigen Auge des Lesers nimmt die grandiose Kulisse Gestalt an. Hitze, grelles Sonnenlicht, Staub – man meint das alles bei der Lektüre zu spüren.

Ein Gespür um die Bewohner dieser Ode

Dazu kommt Upfields Gespür und Wissen um die Bewohner dieser Öde. Man rühmt ihn heute als frühen Vertreter des »ethnologischen« Kriminalromans. Die Ureinwohner Australiens sind für ihn keine exotischen Statisten, keine tückischen Schurken oder fröhlichen Dummköpfe, sondern integraler Bestandteil des Landes, das sie Jahrtausende vor den weißen Siedlern betraten. Weil Australien wie gesagt ein merkwürdiges und gefährliches Pflaster ist, haben sie sich ihm in einem langen Prozess angepasst. Das lässt sie den neuen Herren des Kontinents fremd und daher verdächtig erscheinen – eine Quelle stetiger Missverständnisse, die Bony aus eigenem Erleben kennt.

Upfield schildert diesen besonders im Grenzland mühsam gewahrten Frieden, ohne ihn zu beschönigen, d. h. die Aborigines pauschal als ausgebeutete, edle Naturkinder hinzustellen. Sie sind auch nur Menschen mit dem üblichen Anteil von Widerlingen und Tröpfen. Über die Beschäftigung mit den Aborigines gerät das Rätsel des unbekannten Toten sogar lange in den Hintergrund; es wird von Upfield schließlich eher beiläufig gelöst. Man merkt, ihm sind in seiner Geschichte andere Aspekte wichtiger. Ob man sich seiner Sicht der Aborigines-Problematik anschließt, ist gar nicht so wichtig; interessant ist, dass sich hier schon früher ein Mann Gedanken um heikle Themen gemacht und begriffen hat, dass sie nicht nur existieren, sondern nur Schritt für Schritt und ohne Erfolgsgarantie zu lösen sind.

Ein »Mischling«, der keinen Respekt einfordern muss

Aus dem gerade Gesagten ergibt sich die interessante Person bzw. Persönlichkeit des Napoleon Bonaparte. 1928 hat ihn Upfield erfunden, ihn bis in die frühen 1960er Jahre Kriminalfälle lösen lassen. Das ist ein Zeitraum, der schwerlich als hohe Zeit der Rassenemanzipation bezeichnet werden kann. Bony ist ein »Mischling«, was ihn eigentlich aus der weißen wie aus der schwarzen Welt ausschließen müsste. Statt dessen bewegt er sich gewandt in beiden: Bony ist ein Mann mit gesundem Selbstvertrauen. Er weiß um sein Können, er geht seine eigenen Wege, er tritt selbstbewusst auf. Selbst eingefleischte Kolonialherren (auf den riesigen Farmen Australiens kann sich der Besitzer leicht als König fühlen) bemerken sofort seine Ausstrahlung und bringen ihm Respekt entgegen, ohne dass dieser eingefordert werden muss.

Dennoch bleibt uns Bony immer ein wenig fremd. Er spricht nicht viel, er denkt ausgiebig und handelt anschließend. Wir müssen schon darauf warten, dass er sich bequemt uns ins Licht zu setzen – oder eben nicht. Eine Vergangenheit hat Bony, ein Privatleben ebenfalls; irgendwo sitzt eine Familie, die ihn nicht gerade oft zu sehen bekommt. Er spricht nur in Andeutungen darüber, das »richtige« Leben scheint für ihn der jeweilige Fall zu sein, in dem er völlig aufgeht. Wie ein Chamäleon verschmilzt er mit der Landschaft, in der er sich aufhält, widmet sich ihr und ihren Bewohner mit voller Aufmerksamkeit.

Nicht moralisierend

Gup-Gup und Poppa bzw. Captain und Tessa repräsentieren die beiden Seiten der modernen Aborigines-Welt. Erstere stehen für die traditionelle Stammeskultur, die Ferne zur weißen Zivilisation, die wenig Gutes über die ursprünglichen Australier gebracht hat. Letztere gehören zur »schwarzweißen« Fraktion der Aborigines, noch eingebunden in ihre Jahrzehntausende alte Kultur, aber andererseits im 20. Jahrhundert (der Roman spielt um 1960) angekommen. Die daraus erwachsenden Schwierigkeiten kennt Bony selbst zur Genüge; sie werden hier ohne politisch korrekte, d. h. moralisierende Beschönigungen im Gewand des Kriminalromans durchgespielt.

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Reiner zu »Arthur W. Upfield: Wer war der zweite Mann?« 28.07.2003
War für mich der bislang schwächste Roman von Arthur W. Upfield. Schwacher Spannungsbogen - schwache Lösung.
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