Der schwarze Brunnen von Arthur W. Upfield

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1954 unter dem Titel Sinister stones, deutsche Ausgabe erstmals 1955 bei William Heinemann.
Ort & Zeit der Handlung: Australien, 1950 - 1969.
Folge 19 der Napoleon-Bony-Bonaparte-Serie.

  • Garden City, N.Y.: Doubleday, 1954 unter dem Titel Sinister stones. 187 Seiten.
  • London; Melbourne: William Heinemann, 1955 Cake in the hat box. 208 Seiten.
  • München: Goldmann, 1957. Übersetzt von Arno Dohm. 190 Seiten.
  • München; Wollerau: Goldmann, 1974. ISBN: 3-442-00224-9. 154 Seiten.

'Der schwarze Brunnen' ist erschienen als Taschenbuch

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein ganzes Wüstengebirge als Tatort« 80°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Ein defektes Flugzeug lässt Kriminalinspektor Napoleon Bonaparte, genannt »Bony«, in der Ödnis des nordwestlichen Australien stranden. Agar’s Lagune  besteht aus zehn Wohnhäusern, einem baufälligen Hotel und einer Kneipe; die einzige Sehenswürdigkeit besteht aus einem Ring leerer Flaschen, den trinkfreudige Viehzüchter, Schafhirten und Goldsucher im Laufe vieler Jahre um das Örtchen aufgeschüttet haben.

Aus Bonapartes unfreiwilligem Zwischenaufenthalt wird ein Kriminalfall, als Fernfahrer Sam Laidlaw 170 km nördlich von Agar’s Lagune den Jeep des Polizeiwachtmeisters Martin Stenhouse findet; der Fahrer hockt mit durchschossenem Herzen am Steuer. Allen Anschein nach hat Jacky Musgrave, Stenhouses Fährtensucher – ein Aborigine -, seinen Chef umgebracht und ist anschließend in die Wüste und eventuell zu seinem Stamm geflüchtet.

Bony übernimmt die Ermittlungen. Er erkennt, dass die Mordszene gestellt wurde. Stenhouse starb an anderer Stelle. Sein Fahrtenbuch hat er gefälscht. Dort gab er an, er wolle eine Erkundungsfahrt in den Süden unternehmen. Was hat er stattdessen im Norden gewollt? Stenhouse war ein Mann mit Geheimnissen. Er kam gut mit den Aborigines aus und war oft bei ihnen in der Wildnis, wo er möglicherweise etwas entdeckte und das Wissen darum mit dem Leben bezahlte.

Die weite Landschaft um Agar’s Lagune ist zwar dünn besiedelt, aber dank Funk und Flugzeug stehen die Bewohner in ständigem Kontakt. Bony muss vorsichtig sein, denn jede seiner Äußerungen wird umgehend verbreitet und warnt womöglich den Mörder. Bony weiß, dass die Aborigines mehr wissen als sie bereit sind auszusagen, denn sie gedenken die Angelegenheit auf archaische Stammesart zu klären. Doch er spielt einen Trumpf aus, mit dem der Mörder nicht rechnen konnte: Bony ist selbst halb Aborigine, und das öffnet ihm Türen, hinter denen diverse Überraschungen warten …

Das Land ist weit aber nie verlassen

Unter freiem Himmel sitzt ein Mann tot in seinem Auto, Reifen- und Fußspuren gibt es nicht; ein perfekter Mord, möchte man annehmen, und er ereignete sich scheinbar am Ende der Welt. Die Kimberley-Region im Nordwesten Australiens umfasst etwa 400.000 qkm und ist bis heute kaum erschlossene Wildnis geblieben. Die Bluttat ist nicht deshalb schwer aufzuklären, weil sie im berühmten »verschlossenen Raum« geschah. Arthur W. Upfield stellt dieses Klischee auf den Kopf: Die Unendlichkeit des Raums behindert die Ermittlungsarbeit.

So denkt zumindest der nicht mit den Vor-Ort-Verhältnissen vertraute Leser, aber auch die meisten ´weißen´ Australier der Handlung teilen diese Auffassung. Obwohl sie zum Teil seit Generationen in Australien leben, haben sie ihre Heimat nie wirklich kennengelernt. Die Neuzeit hat oberflächlich auch das australische Hinterland erreicht. Upfield lässt seine Figuren mehrfach über die Veränderungen sprechen: Es gibt mehr Straßen, die einst isolierten Farmen und Stationen hängen am Funknetz und sind per Flugzeug rasch zu erreichen. Doch das sind nur Nadelstiche an der Oberfläche des»echten« Australien.

Dessen Kenntnis bleibt den Aborigines vorbehalten. sie leben seit Jahrtausenden in dieser angeblich lebensfeindlichen Welt, haben sich ihr perfekt angepasst und nutzen sie, wenn sie die neuen, selbst ernannten Herren zu sehr bedrängen, indem sie in der Weite verschwinden. Dennoch registrieren sie genau, was dort geschieht. Das macht sie zu wertvollen Zeugen, wenn man weiß, wie man mit ihnen kommuniziert, und zu gefährlichen Feinden, wenn man allzu heftig gegen ihre Stammesrechte verstößt.

Der Mann zwischen den Welten

Als Mittler zwischen dem »alten« und dem »neuen« Australien dient Upfield Inspektor Napoleon Bonaparte, der sich wohl nicht grundlos lieber »Bony« nennen lässt. Er ist ein ´»Mischling«, und schon sein pompöser Name zeugt von den Schwierigkeiten zwischen den Rassen: Den Aborigines, die durchaus eigene Namen tragen, wurden »christliche« Namen aufgeprägt, die nicht selten von der – manchmal stillen, oft alltäglichen – Verachtung künden, die ihrer Kultur von den eingewanderten Australier entgegengebracht wird.

Die Bony-Romane thematisieren diese Problematik selten, verschweigen sie aber auch nicht. In der Regel schildert Upfield, wie er die Situation auf seinen vielen Reisen selbst erlebte: »Die armen Geschöpfe. Das wilde Australien hat nicht viel für sie getan. Aber: «´Frisst du mich, dann fress ich dich´, so ist es doch überall in der Welt.» (S. 119) Offenes, d. h. politisch korrektes Wehklagen ist seine Sache nicht; es ist unnötig, denn der Leser begreift selbst, dass von einer echten Integration der Aborigines keine Rede sein kann. Sie werden geduldet im eigenen Land, wobei stets ein Hauch von Unbehagen und Furcht mitschwingt. In diesem Fall richtet sie sich gegen «Plutos Herde», einen Aborigines-Stamm, der sich nicht ´domestizieren´ ließ, sondern nomadisch durch die Kimberley-Region zieht. Dort will er vor allem in Ruhe gelassen werden und lebt die alten Rechte und Riten, die er durchaus selbstbewusst einfordert, werden sie – wie in diesem Fall durch das Verschwinden von Jacky Musgrave – allzu offensichtlich verletzt.

Bony kennt die Welt der Aborigines, zu der er selbst gehört. Man sieht es ihm an; darüber unterhalten sich hinter seinem Rücken die Männer und Frauen, die er im Laufe seiner Ermittlung aufsucht. Nicht nur deshalb ist eine Kluft zwischen Bony und seinen Mitmenschen. Er ist betont zurückhaltend und wirkt sehr diszipliniert. Man bringt ihm eher Hochachtung entgegen als ihn zu mögen. Über Vorschriften setzt er sich hinweg, wenn sie ihm sinnlos oder schädlich erscheinen. Schon mehrfach habe man ihn deshalb gefeuert, erwähnt Bony, aber seine Erfolgsquote als Kriminologe hat stets zur Wiedereinstellung geführt.

Detektivische Feinarbeit auf großer Leinwand

Die Position des Beobachters ist auch Ausdruck eines echten Verständnisses der australischen Welt. Bony erkennt in der angeblichen ´leeren´ Wüste Indizien und vermag sie zu deuten. Das entspricht – ins Gewaltige vergrößert – der Spurensicherung des klassischen Detektivs und wird von Upfield sehr gut nachvollziehbar geschildert, wobei der Verfasser die intime Kenntnis des Outbacks zum Tragen bringt.

Erneut spielt dabei Bonys Wissen um die Denkart der Aborigines eine zentrale Rolle. Wenn ein alter Mann äußert, der verschollene Jacky Musgrave habe sich in ein Pferd verwandelt, so lässt das die weißen Polizeibeamten ratlos zurück. Bony weiß um die zweite Bedeutungsebene, welche die Aborigines in ihre Kommunikation einziehen. Er übt sich in Geduld und kann das Rätsel schließlich lösen. Siehe da, der alte Aborigine traf eine Tatsache exakt auf den Punkt.

Zeitdruck ist ein probates Mittel zum Spannungsaufbau. Hier basiert sie nicht allein auf der Frage, ob der Mörder erneut zuschlagen wird. Im Hintergrund konzentriert sich «Plutos Horde» darauf, das Recht notfalls mit Gewalt in die eigenen Hände zu nehmen. Dies schildert Upfield stets indirekt und durch die Augen Bonys, der allein auch diese Zeichen zu erfassen weiß.

Wie bereits erwähnt ist Bony allerdings ein schweigsamer Geselle. Nicht einmal im Rahmen einer monumentalen Sauforgie, in deren Verlauf er die meisten Bewohner von Agar’s Lagune, die sich inzwischen in Tatverdächtige verwandelt haben, planmäßig unter Alkohol setzt, um sie auszuhorchen – eine überaus «australische" Form des Verhörs -, lässt er sich in die Karten sehen. Wie seine Polizeikollegen muss sich auch der Leser gedulden. Es kommt der Zeitpunkt, an dem Bony bereit ist zu sprechen. Bis es soweit ist, beobachtet man ihn immer wieder gern bei seinen eigenwilligen Ermittlungen in einem schönen aber seltsamen Land.

Michael Drewniok, Januar 2009

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Franz X. R. zu »Arthur W. Upfield: Der schwarze Brunnen« 07.02.2007
Arthur W. Upfield hat 29 "Bony Bücher" geschrieben und mindestens zwei Drittel davon sind faszinierend zu lesen. Upfield Fans wie ich bezweifeln onehin, dass die anderen, "schlechten" Romane, von ihm selbst stammen. (z.B. Der Pfad des Teufels) Der schwarze Brunnen gehört jedoch zu den guten Büchern, die Schilderung der Farmer, Polizisten, Fährtensucher und vor allem der Landschaften in einem kleinen Kaff in der australischen Wüste,die Stimmungen und das Farbenspiel der Tageszeiten in Nordostaustralien sind bester Upfield. Das Buch ist daher auf jeden Fall lesenswert.
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