Hotel Sphinx von
Buchvorstellung
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 2004
unter dem Titel The Egyptologist,
deutsche Ausgabe erstmals 2005
bei Goldmann.
Ort & Zeit der Handlung: Ägypten, 1910 - 1929.
- New York: Random House, 2004 unter dem Titel The Egyptologist. 512 Seiten.
- London: Duckworth, 2005. 512 Seiten.
- München: Goldmann, 2005. Übersetzt von Sigrid Ruschmeier. 512 Seiten.
- München: Goldmann, 2007. Übersetzt von Sigrid Ruschmeier. 507 Seiten.
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ISBN: 3-442-30102-5, 512 Seiten. Copyright © 2005 Verlagsgruppe Random House
Leseprobe
Aus dem Amerikanischen von Sigrid Ruschmeier
31. Dez. Sonnenuntergang. Vor dem Grab Atum-hadus. Auf der Victrola 50 spielt »I’m Sitting on the Back Porch Swing (Won’t You Come Sit by Me, Dear?)«.
Meine liebste Margaret, auf ewig meine Königin, deren Schönheit die Sonne bewundert,
morgen treten Dein Vater und ich die Heimreise an, zurück zu Dir. Zuerst fahren wir gen Norden mit dem luxuriösen Flußschiff nach Kairo, übernachten dort im Hotel Sphinx, dann geht’s mit dem Zug nach Alexandria und von dort im Triumph auf dem italienischen Dampfer Cristoforo Colombo mit Zwischenstationen Malta und London nach New York, wo wir den ersten Zug zu Dir nach Boston nehmen. Spätestens am 20. Januar wirst Du Deinen Verlobten und Deinen Vater in die Arme schließen.
Nach meiner Rückkehr werden wir natürlich als allererstes heiraten. Sodann werde ich mit frischer Kraft eine zweite Expedition hier nach Deir el-Bahari vorbereiten, um eine photographische Bestandsaufnahme der Wandmalereien zu machen und die Grabbeigaben und Juwelen aus dem Grab zu holen. Für heute abend bleibt mir nur, den Eingang des Grabes zu versiegeln und meinen Fund genau so zu verlassen, wie ich ihn entdeckt habe. Und dann, Dir dieses Paket zu schicken. Gleich muß mein Bote da sein.
Nun steht uns nichts mehr im Wege, meine Liebste. Mein Erfolg hier, der erneute Segen Deines Vaters – alles ist nun genau so, wie ich es versprochen habe. Du wirst erleichtert sein, wenn Du hörst, dass Dein Vater und ich wieder gute Freunde sind. (Danke für Dein »Warntelegramm«, aber sein Zorn, schon in Boston völlig fehl am Platze, hätte seinen Aufenthalt hier in meiner Gesellschaft nie überdauert!) Dein Vater gratuliert mir sogar zu meiner Entdeckung (»unsere Entdeckung, Trilipush!« korrigiert er mich immer), schickt Dir viele Grüße und bittet Dich erschöpft und zerknirscht, das dumme Zeug zu vergessen, das er über mich gesagt hat. Er stand unter schrecklichem Druck, war von Neidern und Intriganten umzingelt und ist nun einfach hoch erfreut, weil ich ihm verziehen habe, dass er, wenn auch nur kurz, auf solch zerstörerische Lügen hereingefallen ist. Wir kehren nun also zu Dir zurück, so wie Du zu mir zurückkehren wirst.
Solltest Du diesen Brief allerdings tatsächlich lesen, bin ich, aus Gründen, die ich nur erahnen kann, nicht wohlbehalten nach Boston und in Deine Arme zurückgekehrt. Dann bin ich nicht auf Wolken unsterblichen Ruhms herbeigeeilt und habe Dir nicht die Kette aus weißestem Gold, die ich aus Atum-hadus Grab geholt habe, um den weißen Hals geschlungen. Und ebensowenig habe ich Dich sanft beiseite genommen und Dir unter den hohen Bogenfenstern im Empfangszimmer Deines Vaters die Tränen der Freude über meine wohlbehaltene Rückkehr abgewischt und Dich leise gebeten, mir sofort nach Erhalt ein Paket (dieses Paket!) zu geben, das Du – mit den verlockenden Briefmarken aus dem weit entfernten Ägypten, adressiert an mich unter Deiner Adresse – bald von mir erhalten wirst und nur öffnen sollst, falls ich aus unerklärlichen Gründen für längere Zeit nichts mehr von mir hören lasse.
Doch nein, alles wird so ablaufen, wie ich es gesagt habe, und Du wirst diesen Brief gar nicht lesen. Ich werde vorher ankommen, werde ihn Dir, bevor Du ihn öffnen kannst, sanft aus den Händen nehmen, und all das hier wird ungelesen bleiben, überflüssig sein, eine Vorsichtsmaßnahme, von der nur ich weiß.
Kein Aber, Margaret. Auch Du hast die Niedertracht derer erlebt, die uns scheitern sehen wollen, und man weiß nie, wann einem ein ominöses Unglück oder Schlimmeres widerfährt. Ebendeshalb nehme ich mir die Freiheit, Dir die beiliegenden Tagebücher zu schicken. Lieber Gott, mögen sie alle unversehrt ankommen.
Margaret, wenn meine Feinde ihre Krakenarme noch nicht bis ins ägyptische Postwesen ausgestreckt haben, hältst Du jetzt drei Schachteln mit chronologisch geordnetem Inhalt in Händen. Meine Aufzeichnungen beginnen mit meiner Ankunft in Kairo im Hotel Sphinx am 10. Oktober, als mir vor lauter Gedanken an Dich und unsere Verlobungsfeier noch immer der Kopf schwirrte. Nicht alle diese Eintragungen sind jedoch zur Veröffentlichung gedacht. Das Tagebuch besteht zum Großteil aus einem Brief an Dich, dem Brief, für den ich bis jetzt noch nie den richtigen Absendezeitpunkt gefunden habe. In Boston will ich alles fein säuberlich voneinander trennen. Die Aufzeichnungen in der zweiten Schachtel beginnen an der Stelle, an der ich meinen Vorrat an Hotelschreibpapier aufgebraucht und auf die Großzügigkeit meiner Kollegen in der Antikenverwaltung der Ägyptischen Regierung zurückgegriffen habe. Mehrere Dutzend Seiten sind auf dem Geschäftspapier des Generaldirektors der Behörde geschrieben. Zum Schluß habe ich dann eine sehr hübsche Indian and Colonial Rough-Kladde No 46 von Lett’s vollgeschrieben, es sind die Lieblingskladden der britischen Forscher, die fern der Heimat in Hitze und Sand arbeiten und unter Einsatz von Leib und Leben die Wissenschaft vorantreiben. Keine Bange, die am Ende herausgerissenen Blätter sind weiter nichts als die Seiten dieses Briefs. Zusammen bilden diese Dokumente die Rohfassung meines unanfechtbaren Meisterwerks, Ralph M. Trilipush und die Entdeckung des Grabes von Atum-hadu.
Ich habe auch die Briefe, die Du mir geschickt hast, freundliche und unfreundliche Worte durcheinander, mit hineingepackt. Sieben Briefe, zwei Telegramme und das Telegramm, das ich Dir geschickt hatte und das mir gestern vor die Nase geknallt wurde. Außerdem die Telegramme Deines Vaters an mich. Ich habe eben eine neue Nadel in den Tonarm eingesetzt, meine vorletzte. Ach, das Lied ist wunderschön. Ein Junge dient mir als Postbote. Ich vertraue ihm.
Mit der Zeit, Margaret, erodieren die Dinge. Sand schleift ab, Geröll deckt zu, Papyri zerbröseln, Farben verwittern. Damit wird natürlich einerseits etwas zerstört. Aber manchmal sorgt Erosion auch für Klarheit, denn trügerische Übereinstimmungen, kleinere Fehler, verwirrende, unwesentliche Einzelheiten werden abgerieben. Wenn ich beim Verfassen meiner Notizen hier und dort in die Irre gegangen bin, zum Beispiel etwas, das ich gesehen oder mir eingebildet habe zu sehen, mißverstanden oder schlecht beschrieben habe – nun, in dem Moment selbst denkt man: Macht nichts, das redigiere ich, wenn ich zu Hause bin. Und das werde ich auch. Sollte ich aber totgeprügelt, in den Reisekoffer eines ranken, schlanken Grafen gestopft, zerhackt und dann häppchenweise in aller Ruhe über Bord und den hungrigen Haien zum Fraß vorgeworfen werden, ja, dann ist es jammerschade, dass ich mein Werk nicht redigiert habe, als es noch möglich war. Für den Fall brauche ich eine intelligente, mutige Redakteurin, die den Staub von Spekulationen bläst, damit die nackte Wahrheit zum Vorschein kommt wie Obsidian und Alabaster. Für diesen klärenden Feinschliff wirst Du sorgen.
Damit kommen wir zu der entscheidenden Aufgabe, die ich Dir anvertraue, meine Muse und eventuelle Testamentsvollstreckerin. Du bist nun die Schutzgöttin all dessen, was ich erreicht habe. Das Geschriebene ist die Geschichte meiner Entdeckung, der vernichtenden Niederlage der Zweifler und des Sieges über meine Selbstzweifel. Ich vertraue Dir nichts weniger an als meine Unsterblichkeit. Und ich verlasse mich auf Dich, denn wen habe ich sonst? Wenn mir etwas zustößt, dann bist Du – nach Öffnen des Pakets und Lesen dieser Zeilen – dafür verantwortlich, dass mein Name und der Name Atum-hadus niemals vergessen werden. Das ist das Mindeste, was Du für mich tun kannst, Margaret.
Du wirst die Publikation dieses, meines letzten Werkes überwachen. Bestehe auf einer großen Auflage bei einem renommierten Universitätsverlag. Stell Dich auf Deine hübschen Hinterbeine und verlange nicht nur Platz auf den Regalen aller wichtigen Universitätsbibliotheken, sondern auch der wichtigen Ägyptischen Museen in den USA, Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Italien und in Kairo. Und was die Öffentlichkeit betrifft, Maggie, halt Dir die Ohren zu! Denn wenn die Neuigkeiten publik werden, wird sich ein nie gehörtes Geschrei erheben. Halt sie Dir alle vom Leibe, bis Du fertig bist. Mach Deine Arbeit, wie ich es Dir sage, sieh zu, dass das Buch genau nach meinen Anweisungen gedruckt wird, und gib den Aasgeiern sonst nichts.
Ich habe keine Zeit, es jetzt zu redigieren. Hier überschlagen sich die Ereignisse. Und morgen fahren wir ab. Sollte ich wohlbehalten zu Hause eintreffen, mache ich es selbst, doch für den Fall, dass alles anders kommt, möchte ich Dir gern die notwendigen Anleitungen geben.
Wenn ich mir jetzt beispielsweise die ersten Zeichnungen anschaue, kommt es mir vor, als seien einige doch nicht ganz vollständig. Wenn man in Eile ist, spielen einem die Augen in dem trüben Licht Streiche, und da die Zeichnungen am Schluß auf jeden Fall präzise sind, können die ersten Versuche unberücksichtigt bleiben. Und Du wirst meinen fortlaufenden Brief an Dich, meine hier und dort privaten oder allzu offenherzigen Tagebucheintragungen herausnehmen. Das, was nur für Dich, und das, was für die Allgemeinheit bestimmt ist, läßt sich klar voneinander trennen. Anfangs war ich als Tagebuchschreiber ebenso übereifrig wie als Briefeschreiber. Es besteht keinerlei Notwendigkeit, etwas über Dich und mich, die Geldgeber dieser Unternehmung und die Feste mit ihnen zu veröffentlichen. Ich war zu aufgeregt, Margaret, und wie die Geschichte zeigen wird, aus gutem Grund. Jetzt sehe ich auch, dass meine Überlegungen manchmal in die Irre gehen, dass ich hier und da ein wenig gelehrten Dampf ablasse und meinen Vermutungen reichlich Platz einräume, obwohl sie durch nichts haltbar sind. Lies gründlich, darum bitte ich Dich, lies gründlich erst einmal nur für Dich allein, redigiere sorgfältig und suche dann jemanden zum Abtippen (ruf Vernon Collins an), nimm von meinen Zeichnungen aus den Notizbüchern nur die, die ich zuletzt angefertigt habe, als alle Widersprüchlichkeiten Atum-hadus sich klärten und ich endlich verstand, was ich sah.
Wenn Du meine Witwe sein mußt, M., dann wirst Du auch mein Wind sein. Behutsam wirst Du alles Unwesentliche abtragen. Ich habe eben noch angefangen, einzelne Passagen zu streichen, aber in der Eile könnten wichtige Zusammenhänge verloren gehen. Deshalb paß auf, ich mache Dir die Arbeit so leicht wie möglich. Das relevante Material ordnet sich wie folgt: Kent, Oxford, die Entdeckung von Fragment C mit meinem Freund, dessen tragisches Ende, der Beginn unserer Liebe, die finanzielle Beteiligung Deines Vaters, Atum-hadus Grab in all seiner Pracht, die scharfsinnige Lösung des Dilemmas, vor das er mit seinem Grab gestellt war, das Versiegeln unseres Fundes bis zur späteren Rückkehr, Deines Vaters und meine Heimreise, der unselige Mord an uns. Oder natürlich nicht. Klarer könnte es nicht sein. Verbrenne den Rest, es sind Marginalien der ersten Fassungen einer wissenschaftlichen Arbeit.
Einen solchen Sonnenuntergang wie hier habe ich noch nirgendwo gesehen. Die Farbe, wenn die Sonne mit den changierenden Felswänden in der Wüste verschmilzt – in Boston oder Kent existieren solche Farben nicht. In diese Hügel und Felswände ist die Geschichte meines Lebens unauslöschlich eingebrannt.
Die letzte Nadel. Was ist dieses Lied schön.
Solltest Du, Margaret, wirklich schluchzend und entsetzt über Deinen doppelten Verlust diesen Brief lesen müssen, Dich und Deine Feder aber auch schon für die bedeutsamen Aufgaben, die vor Dir liegen, rüsten, dann zögere ich nicht, von hier aus, vor Ausführung des furchtbaren Verbrechens selbst, den besessenen Howard Carter anzuklagen, dessen Namen Du in den letzten Wochen gehört haben magst, den halbirren Stümper, der immer Glück hat, der über eine Treppenstufe stolpert und in das verdächtig gut erhaltene Grab eines unbedeutenden Knabenkönigs der XVIII. Dynastie fällt – wie er heißt? Tut-nichts-zur-Sache. Neidverzehrt hat Carter mich in den letzten Monaten mehrmals persönlich bedroht, und zwar sowohl nüchtern als auch berauscht vom Inhalieren der verschiedensten ortsüblichen Rauschmittel. Wenn ich es versäumt habe, seine ungebrochen feindselige Haltung und kaum verhohlene Gewaltbereitschaft mir gegenüber in meinen offiziellen Tagebüchern zu erwähnen, so ist diese Zurückhaltung kollegiale Höflichkeit gegenüber einem einstmals großen Entdecker, die schmerzt, aber auch symptomatisch für eine gewisse Unerschrockenheit ist, die ich immer an den Tag gelegt habe und die Du immer bewundert hast. Ich habe Carters wiederholte Drohungen, mich und meinen »edlen Gönner, Mr. Chester Crawford Finneran, auf unerklärliche Weise verschwinden zu lassen«, immer ignoriert. Wenn aber Dein Vater und ich im Hafen von New York nicht von Bord der Cristoforo Colombo gehen, kannst Du sicher sein, dass wir von Carter oder einem seiner Spitzbuben um die Ecke gebracht worden sind – wie zum Beispiel seinem Geldgeber, einem hochaufgeschossenen englischen Grafen, dessen gute Kinderstube kaum noch über sein gewalttätiges Wesen hinwegtäuschen kann, oder von dem gräßlichen Komplizen der beiden, dem Kerl mit den karottenroten Haaren, der Dir nur allzu gut bekannt ist.
Meine allerschönste Margaret, in den letzten Monaten hat es nicht an Mißverständnissen zwischen uns gefehlt. Doch trotz all Deiner barschen Briefe und Deines noch barscheren Schweigens weiß ich, dass Deine Liebe zu mir genauso bestehen bleibt wie meine Liebe zu Dir. In diesem Leben ist mir nichts teurer, als in Deinen Armen zu liegen. Nun hat das Grammophon wieder aufgehört zu spielen und röchelt in den letzten Zügen.
Es war die letzte Nadel von den Hunderten, die ich mithatte. Der Gedanke, dass ich Dich zum letzten Mal gesehen habe, dass ich Dich nie wieder im Arm halten soll, wenn die Gartenfenster in Eurem Ballsaal geöffnet sind und Du in der Zugluft zitterst, dass ich niemals mehr die Blässe Deines Halses und die Farbe Deiner Glieder erblicken werde, ergreift mich nun mit solcher Wucht, dass ich kaum noch zu schreiben vermag. Ich kann den Gedanken, dass ich Dich nie wiedersehe, nicht ertragen. Ich ertrage es nicht. Ich kann auch nicht ertragen, dass Du mich für das hältst, als was Dein Vater mich beschrieben hat, dass du mich nicht so siehst, wie ich wirklich bin und wie Du mich ja am Anfang auch gesehen hast. Bitte behalte mich so in Erinnerung, wie ich war, als wir am glücklichsten waren, als Du so überaus stolz auf mich warst, als Du den Helden gefunden hattest, den Du schon so lange suchtest, den einzigen Mann, den Du Dir vorstellen konntest, als wir darüber redeten, dass uns die Welt zu Füßen lag. Bitte behalte mich so in Erinnerung, meine allerliebste Liebste. Ich liebe Dich mehr, als Du Dir je vorstellen kannst, auf eine Art, die Deine kühnsten Träume übersteigt.
Auf ein baldiges Wiedersehen, meine Liebe,
Dein Ralph
Pflegeheim Küstenblick im Sonnenuntergang
Sydney, Australien,
den 3. Dezember 1954
Lieber Mr. Macy,
ich bestätige den Erhalt Ihres Briefes vom 13. November und bin hocherfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, wenn auch nur brieflich. Tief erschüttert hat mich, dass Ihre reizende Tante Margaret verstorben ist. Wenn sie sich meiner ab und zu freundlich erinnert hätte, täte mir das in der Seele gut. Wir haben uns in schwierigen, hochdramatischen Zeiten kennengelernt. Und die vergißt man nie, das kann ich Ihnen sagen. Sie war eine wunderschöne, temperamentvolle Frau, als ich sie damals, 1922, gerettet habe. Aber nachdem ich den Mann, der ihr soviel Kummer gemacht hat, der Gerechtigkeit überantwortet habe, habe ich sie nie wiedergesehen.
Ihre »kleine Bitte, [meine] gewiß exzellenten Erinnerungen anzuzapfen«, macht mich höchst neugierig. Mein Erinnerungsvermögen ist tatsächlich immer noch exzellent, Sir, und ich werde mich ganz besonders anstrengen, es Ihnen zu beweisen. Als ich jung war, war ich bekannt für mein hervorragendes Gedächtnis.
Hinzufügen möchte ich, dass Sie, junger Mann, selbst eine hervorragende Spürnase bewiesen haben, da Sie mich dreißig Jahre nach den Ereignissen hier in diesem gräßlichen Loch von Seniorenheim, dieser menschlichen Müllkippe, aufgestöbert haben. Sollten Sie sich je beruflich für das Metier des Ermittlers interessieren, halte ich Sie für sehr geeignet, und aus meinem Munde ist das ein großes Lob. Aber vielleicht sind Sie ja auch jemand, der gar nicht zu arbeiten braucht, oder? Die Antwort auf Ihre erste Frage, die Sie vielleicht nur aus Höflichkeit gestellt haben, weil sich das selbst in einem Brief an einen Fremden so geziemt, lautet nichtsdestotrotz: Ich langweile mich. Danke der Nachfrage, aber ich langweile mich zu Tode, was wahrscheinlich Absicht in solchen Heimen ist. Sie verschlingen unsere letzten Ersparnisse und langweilen uns zu Tode, um das schmale, durchgelegene Bett und einen von den wenigen stinkenden Pißpötten wieder freizukriegen, denn der nächste Alte kneift schon die Beine zusammen.
Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie ich mich über Ihre Bitte freue, Ihnen von meinem größten Fall zu erzählen, damit Sie die Lücken in Ihrer Familiengeschichte füllen können. Und Sie haben Glück. Ich habe nur sehr wenig an diesen gottverdammten Ort mitgebracht. Schöne Klamotten oder Besitztümer haben mich nie interessiert, ich bin ein einfacher Mann und mußte ja auch allzeit für alles bereit sein, wenn die Umstände es erforderten, aber als mir klarwurde, dass ich hier hin mußte, hab ich mir gesagt: »Ferrell, du wärst ein ausgewachsener Dummkopf, wenn du deine Unterlagen nicht mitnähmst. Du könntest in deiner vielen freien Zeit all die Fälle von früher aufschreiben. Sie wären eine eindringliche, leuchtende Warnung an alle Verbrecher, wunderbare Lektionen für andere Detektive und spannende Lektüre für den allgemeinen Leser.« Deshalb freue ich mich sehr über Ihren Brief.
