Zorn von Arne Dahl

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2012 unter dem Titel Hela havet stormar, deutsche Ausgabe erstmals 2013 bei Piper.
Folge 2 der Opcop-Serie.

  • Stockholm: Bonnier, 2012 unter dem Titel Hela havet stormar. 479 Seiten.
  • München: Piper, 2013. Übersetzt von Antje Rieck. ISBN: 978-3-492-05306-8. 496 Seiten.

'Zorn' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Nach einer grauenvollen Serie von Morden, die sich scheinbar wahllos in ganz Europa ereignen, schweben die Ermittler selbst in Lebensgefahr. Arne Dahl in Höchstform. Ein renommierter plastischer Chirurg wird erhängt in seinem Haus gefunden. In einer Stockholmer Kneipe stirbt ein albanischer Waffenhändler zusammen mit vier anderen im Kugelhagel eines kühl agierenden Killers. Und auf der ehemaligen italienischen Gefangeneninsel Capraia findet ein hochrangiger Politiker den Tod. Die international ermittelnde Opcop-Gruppe soll das schier Unmögliche möglich machen und die Zusammenhänge zwischen diesen Morden aufdecken – sie stößt auf zwei parallele Serienmörder. Einer von ihnen hat es auf die Mitglieder des Teams abgesehen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Stalin und Dolly sorgen für Gänsehaut« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Andreas Kurth

Eine Reihe von brutalen Morden wird verstreut über ganz Europa begangen, scheinbar ohne Zusammenhang. Ein typischer Fall für die neue Opcop-Gruppe in Den Haag, zu der auch einige Polizisten der früheren A-Gruppe aus Schweden gehören. Die Ermittler kooperieren mit Kollegen in ihren Heimatländern, und doch dauert es lange, bis sich die Taten verknüpfen lassen. Die Mord-Opfer entstammen völlig unterschiedlichen sozialen Schichten, es wurden beispielsweise ein bekannter Chirurg und auch ein tschechischer Europa-Abgeordneter umgebracht. Dramatisch wird es, als die Opcop-Mitglieder feststellen, dass es sich nicht um eine Mordserie handelt, sondern offenbar zwei Täter unterwegs sind, die zufällig ein gemeinsames Opfer hatten. Der eine Killer bringt ehemalige oder noch aktive Kommunisten um, der andere hat es auf Mitglieder einer geheimen Forschungsgruppe unter Regie der NATO abgesehen. Und dann zeigt sich, dass offenbar Arto Söderstedt – ein alter Bekannter aus der A-Gruppe – ebenfalls im Visier eines der Mörder ist. Die Angelegenheit eskaliert und droht außer Kontrolle zu geraten.

Arne Dahl hat seine auf zehn Bände angelegte Reihe um die Stockholmer A-Gruppe mit dem Roman Bußestunde beendet. Während das Buch in Schweden bereits 2007 auf den Markt kam, erscheint es in Deutschland erst im Mai 2013. Der Wechsel zur Opcop-Gruppe, der geheimen multinationalen Ermittlungsgruppe in Den Haag, hat mittlerweile drei Bände hervorgebracht, Zorn ist der zweite davon, der dritte liegt noch nicht auf Deutsch vor. Die neue Reihe hat Publikum und Kritiker – zumindest in Deutschland – offenbar gespalten. Nicht so in Schweden, der Auftakt-Roman Gier wurde immerhin von der Krimi-Akademie zum besten schwedischen Kriminalroman 2011 auserkoren. Die Auszeichnung wird seit 1982 vergeben, zu den bisherigen Preisträgern zählen etwa Henning Mankell, Johan Theorin und Håkan Nesser. In Deutschland ist die neue Serie dagegen auf ein höchst geteiltes Echo gestoßen.

Dahl sieht sich vor allem mit dem Vorwurf konfrontiert, unrealistische und überdimensionierte Szenarien aufzubauen. Und auch die von ihm erfundene Opcop-Gruppe wird in der Luft zerrissen. Es seien »Supercops«, die er da beschreibe, die durch die gesamte Welt eilen »bis die Bonusmeilenkonten explodieren«. Zu viele Leichen, zu viele Ermittler, zu viele Flüge, und überhaupt. Sicherlich hätte Arne Dahl die beiden sich kreuzenden Mordserien, die von den Ermittlern dann auch getrennt gelöst werden, in zwei Romanen verarbeiten können. Und er hätte einen regional begrenzteren Rahmen wählen können, damit seine Ermittler Autos benutzen können – und nicht Helikopter und Flugzeuge. Und es könnte weniger Tote geben. Aber für mich ist diese aufgesetzte Form der Kritik in keiner Weise nachvollziehbar. Wenn ich einen Thriller von Arne Dahl lese, will ich kein Sachbuch. Davon gibt es auch genug, und spannend sind sie leider nur in Ausnahmefällen. Viele Tote und monströse Mordmethoden gibt es in zahlreichen Kriminalromanen. Spannung lebt von verschiedenen Elementen, und der Autor ist ein guter Geschichtenerzähler, das wird durch Übertreibungen bei den Fähigkeiten und Möglichkeiten einer von ihm erdachten europäischen Ermittlergruppe nicht geschmälert. Die Kritik am Plot, an den Motiven und Charakteren der beiden Mörder und an der Ermittlergruppe klingt eher dünkelhaft und passt nach meiner Auffassung besser in literaturwissenschaftliche Oberseminare. Dem Roman Zorn deshalb die Qualität abzusprechen finde ich reichlich überzogen.

Ausgangspunkt der späteren dramatischen Ereignisse ist eine sibirische Gefangenen-Insel, auf der ein Junge namens Deda gemeinsam mit mehreren Hundert anderen Häftlingen vom Hungertod bedroht wird. Es kommt zu extremen Ausbrüchen von Kannibalismus – und Deda bleibt nur knapp am Leben, an Körper und Seele verstümmelt. Leser und Ermittler ahnen am Anfang des Buches jedoch nicht, wie diese Erlebnisse aus der Vergangenheit mit der Mordserie in der Gegenwart zusammen hängen. Arne Dahl baut schrittweise und konsequent die Spannung auf. Richtig zur Sache geht es, als den Opcop-Mitgliedern klar wird, dass sie es hier mit zwei Rachefeldzügen zu tun haben.

Um nicht zu viel zu verraten, kann ich hier nur auf die Grundzüge der Mordmotive eingehen. Der stalinistische Terror in seinen verschiedenen Ausprägungen hat Folgen gehabt, die Rachegelüste in verschiedener Intensität und Konsequenz nach sich zogen. Das diese Rache dann in ihrer brutalen und abstrusen Form vor allem Menschen trifft, die mit Stalin und der besonderen Form seiner Herrschaft nicht wirklich etwas zu tun haben, könnte man als Ironie der Geschichte verbuchen – wenn die Auswirkungen auf die Mordopfer nicht so dramatisch und endgültig wären. Und zum Realitätsgehalt der geheimen NATO-Gruppe lässt sich feststellen, dass die Bestrebungen, Soldaten durch medizinische Versuche zu »optimieren« keinesfalls neu sind, und auch in der Spannungsliteratur wurde das Thema bereits häufiger aufgegriffen. Seit dem Clon-Schaf Dolly wird darüber diskutiert, ob das Clonen von Menschen oder zumindest der gentechnische Eingriff in gewisse Teile ihres Erbguts zulässig, moralisch verwerflich oder eine Frage der Opportunität ist. In meinen Augen ist der gesamte Plot von Arne Dahl zu diesen beiden Themen überaus gelungen, und gerade das Überkreuzen der beiden Mordserien macht das Besondere dieses Romans aus.

Im Gegensatz zu vielen anderen Rezensenten finde ich das neu erdachte Ermittler-Team von Dahl gut »komponiert«. Er hat verschiedene Charaktere mit unterschiedlichen Fähigkeiten zusammen gewürfelt, die in ihrer Mischung für einen guten Fortgang der Handlung sorgen. Sie als »Supercops« zu kritisieren, trifft nicht den Kern. Wie bei vielen Sportmannschaften ist hier das Team der Star – und alle Mitglieder sind dafür wichtig, mit ihren Stärken und ihren menschlichen Schwächen. Die gesamte Geschichte ist gut erzählt, der Autor präsentiert durchaus authentische Figuren und eine nachvollziehbare Handlung – in einem Thriller, der diese Bezeichnung verdient. Wer lieber ein Sachbuch lesen möchte, geht halt ein paar Regale weiter.

Andreas Kurth, Mai 2013

Ihre Meinung zu »Arne Dahl: Zorn«

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B.Bussmann zu »Arne Dahl: Zorn« 14.08.2016
Ich bin sehr enttäuscht vom Buch. Näheres dazu ist ja bereits ausführlichst beschrieben worden. War echte Überwindung den Schrott zu Ende zu lesen. Völlig abstruse Story mit ungeschickt eingeflochtenen historisch-politischen Hintergründen mit teils völlig eigener Logik. Dieses Buch ist ganz sicher keine Empfehlung wert.
zuidduinen zu »Arne Dahl: Zorn« 03.06.2016
Ein Buch zum vergessen. Warum das ein Spiegelbestseller war, erschließt sich mir nicht.
Ein sehr konstruierte Geschichte, an die eine weitere sehr konstruierte Geschichte anschließt. Eine Gruppe von Ermittlern, die einfach alles können! Einige Teammitglieder sind miteinander verheiratet und haben auch Kinder, sind aber gleichzeitig rund um die Uhr verfügbar und können so mir nichts dir nichts auf allen Erdteilen ermitteln. Gehts auch ne Nr. kleiner?
Das war das erste Buch, das ich von diesem Autor gelesen haben, weitere werde ich bestimmt nicht lesen.
Roman zu »Arne Dahl: Zorn« 25.05.2016
was ich nicht verstehe, betrifft das Kapitel "Einzelzelle". Ich zitiere Seite 262 - 2. Absatz: Sie buchten kurzfristig ein weiteres Zimmer- der naechste Raum war allerdings zwi Zellen entfernt - und installierten eine Miniaturkamera mit einem Sender an der Decke der "Einzelzelle". Frage: warum i allter Wlt war es den beiden Frauen Holm und Svenhagen nicht moeglich, in das darauffolgende Geschehen einzugreifen? Darauf wird in keinster Form eingegangen.
Carolina zu »Arne Dahl: Zorn« 25.03.2015
Ich habe alle 10 Bücher über das A-Team gelesen und wollte - b evor ich die neuen Bände kaufe - die Kritiken darüber lesen.
Diese haben mir insofern geholfen, als ich auf den Kauf von Gier und Zorn verzichten werde.

Das Angebot an Krimis ist ja reichlich, da kann ich locker auf die rezensierten 2 Dahls verzichten!
Danke.
anne zu »Arne Dahl: Zorn« 20.10.2014
Leider muss/kann ich allen Vorgängern nur zustimmen. Man hofft immer, dass es mit der Zeit besser wird, aber dem ist nicht so. Zwar bin ich nach wie vor Ake-Edwardson-Fan, aber leider hat er ja seinen Erik Winter in den Ruhestand geschickt. Die ersten Arne-Dahl-Krimis habe ich mit Begeisterung gelesen, aber nun scheint es fast so, dass er unter Schreibzwang steht; denn oft wirkt alles etwas hingeschludert.
Gereon zu »Arne Dahl: Zorn« 21.08.2013
Der Arne ist bestimmt auf Drogen . . . anders läßt sich so eine Wandlung vom einigermaßen lesbaren Autoren zum - ja was? - nicht erklären. Nö nie mehr . . . der stieg hat schluss gemacht nach drei romanen - wär dem arne auch angeraten gewesen . . .
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Edgar Steiger zu »Arne Dahl: Zorn« 20.06.2013
Nach 188 Seiten war Schluss. Buch weg. Der sogenannte Thriller hat mich nicht gefesselt. Langweilig. Wenn man das Buch nicht in einem Stück liest, verliert man völlig den Überblick. Ein Sammelsurium von Namen, Geschichtchen, Ereignissen. Total überladen - man könnte auch noch eine Mondlandung einbauen. Bei diesem Slalom von Hirnrissigkeiten - Beispiel: mit dem Hubschrauber von Holland nach Italien fliegen - fädelt man irgendwann ein und fliegt raus. Und dann noch dieser dumme, arrogante Hinweis, dass es keine allein agierenden Polizisten mehr gibt, sondern quasi nur noch Teams fähig sind Fälle zu lösen. Da kommt bei mir Zorn hoch.
1 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Endric Kletzsch zu »Arne Dahl: Zorn« 18.06.2013
Ich kann die Rezension nicht nachvollziehen. Ich bin seit langen Jahren ein großer Dahl Fan, aber dieser Roman gehört doch eher in die Ecke James Bond. Ein genmanipulierter Bösewicht, eine gigantische Ansammlung von Zufällen, einzig das Bondgirl und der trockene Martini fehlen.
Schade, dass wahrscheinlich der Zwang der Verlage jedes Jahr ein Buch zu produzieren zu solchen Auswücjsen führt und den Author beschädigt.
1 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Ch. M. Wagner zu »Arne Dahl: Zorn« 25.05.2013
Leider, leider: Ich stimme zu! Der Roman ist furchtbar konstruiert und teilweise haarsträubend. Man kann ihn als leichte Kost lesen, aber anspruchsvoll ist das Buch nicht, eher anstrengend. Vom Plot, der durchaus Reize hat (nur in der Summe nicht funktioniert) abgesehen, finde ich die Entwicklung der Personen enttäuschend. In der A-Gruppe gab es Menschen, hier gibt es Oberfläche (und wie schon erwähnt: Übelste Verletzungen mit splitternden Schädelknochen sind in kürzester Zeit vergessen). Schade, der Autor kann das besser...
Marius zu »Arne Dahl: Zorn« 29.04.2013
Mörderisches Europa

Bereits zum zweiten Mal schickt Arne Dahl sein Europol-Superteam Opcop quer durch den europäischen Kontinent (und diesmal noch viel weiter), um die Zusammenhänge zwischen mysteriösen Morden zu ergründen.

Ähnlich wie im ersten Band braucht der Leser ein gutes Gedächtnis, um den Überblick über zahllose Charaktere, Handlungsstränge und Orte zu behalten. Wem dies gelingt wird mit einem Thriller der Ausnahmeklasse belohnt. Zwar muss sich Arne Dahl immer den Vorwurf der konstruierten Handlungen gefallen lassen – auch dieses Buch macht in dieser Hinsicht keine Ausnahmen – doch das Ergebnis überzeugte mich vollkommen. Schnelle Handlungsstränge, ein äußerst hinterhältiger Mörder und dazu eine Sprache, die sich vom Gros der Thrillerautoren abhebt. Wie bereits bei der zehnbändigen A-Team-Reihe stattet er jeden der internationalen Polizisten mit eigenen Persönlichkeiten und Stimmen aus, lässt in Zwischensequenzen den Leser lange im Dunkeln tappen und überrascht schlussendlich mit einigen Twists.

Dies kann dem einen oder anderen Leser durchaus zu viel werden oder man könnte sich an manchen Formulierungen des Schwedens (respektive der etwas lieblosen Übersetzung durch Antje Rieck-Blankenburg) stören. Doch das Bild, das am Ende von „Zorn“ steht, ist mit dem Adjektiv komplex wahrlich noch untertrieben. Arne Dahl schafft es erneut, ein Abbild der heutigen länderübergreifenden Kriminalität zu zeichnen, dass sowohl anspruchsvoll als auch höchst spannend ist. Wer Lektüre sucht, die endlich einmal komplexer als die übliche Krimi-Dutzendware mit Pathologe oder Regio-Krimi-Schnüffler ist, der dürfte mit „Zorn“ glücklich werden. So müssen Thriller des 21. Jahrhunderts geschrieben sein!

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