Dunkelziffer von
Buchvorstellung und Rezension
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 2005
unter dem Titel Mörkertal,
deutsche Ausgabe erstmals 2010
bei Piper.
Ort & Zeit der Handlung: Stockholm, Ångermanland in Nordschweden, 1990 - heute.
Folge 8 der Paul-Hjelm-Serie.
- Stockholm: Bonnier, 2005 unter dem Titel Mörkertal. 415 Seiten.
-
München: Piper, 2010.
Übersetzt von Wolfgang Butt.
ISBN:
978-3-492-05350-1. 415 Seiten.
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[Hörbuch] Schwäbisch Hall: steinbach sprechende bücher, 2010.
Gesprochen von Till Hagen.
ISBN:
386974006X. 6 CDs.
'Dunkelziffer' ist erschienen als
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In Kürze:
In den Wäldern des nordschwedischen Ångermanlands verschwindet die 14-jährige Emily. Einzige Hinweise für Kerstin Holm vom Stockholmer A-Team sind Fahrzeuge mit baltischen Kennzeichen – und die Information, dass drei verurteilte Pädophile ganz in der Nähe des Tatorts leben. Der Fall gewinnt an Brisanz, als ein Mann mit durchtrennter Kehle aufgefunden wird. Das Mordinstrument: eine Klaviersaite. Bald gibt es in Stockholm eine zweite Leiche mit ähnlichen Schnittwunden. Die Spuren führen ins Internet, mitten hinein in einen perfiden Kampf zwischen Gut und Böse, in dem die junge Emily ihre ganz eigene Rolle spielt. »Dunkelziffer« entführt in die finstersten Winkel der menschlichen Seele und präsentiert einen Racheengel der raffiniertesten Art.
Ångermanland in Nordschweden. Dunkle Wälder, tiefe, reißende Flüsse. Hierher zieht es gelangweilte Großstädter aus der schwedischen Hauptstadt auf Abenteuerurlaub, oder Touristen aus Mitteleuropa auf Survival-Tour. Unglücklicherweise wohnen hier auch verurteilte Pädophile, die untertauchen möchten. Nicht gerade der prächtigste Ort für eine Klassenfahrt, und doch mietet sich eine siebte Klasse aus Stockholm in einem ehemaligen Bauernhof ein. Es kommt wie es kommen muss: die 14-jährige Emily verschwindet, die anschließende Suchaktion von Eltern und Schülern bleibt ergebnislos.
Der Fall wird Kerstin Holm und der Stockholmer A-Gruppe übertragen, Spezialisten für Kriminalfälle mit internationaler Dimension. Denn es wurden Fahrzeuge mit baltischen Kennzeichen gesichtet – und es ist bekannt, dass drei verurteilte Kinderschänder ganz in der Nähe des Tatorts leben.
Und an dieser Stelle geht es los, das dumpfe Unbehagen. Man muss nicht selbst Kinder haben, damit sich beim Thema Pädophilie die Nackenhaare sträuben. Arne Dahl packt das heikle Thema virtuos an, denn er verzichtet auf billige Effekte. Statt dessen gestattet er seinen Lesern Einblicke in die Seelen und abgründigen Gedanken seiner Ermittler. So ist eine Kommissarin aus der Pädophilie-Abteilung zur A-Gruppe gewechselt, weil sie die Gräuel dort nicht mehr aushielt – und erlebt nun das gleiche von Neuem.
Der vermeintliche Mord- oder Entführungsfall gewinnt an Brisanz, als in Stockholm ein Mann mit durchtrennter Kehle aufgefunden wird – obwohl der Zusammenhang zunächst nicht klar erkennbar ist. Das Mordinstrument war eine Klaviersaite – und das Opfer scheint ebenfalls der Pädophilen-Szene zu entstammen. Bald gibt es eine zweite Leiche mit ähnlichen Schnittwunden. Arne Dahl steigert kunstfertig die Schlagzahl. Die Ereignisse folgen immer schneller aufeinander, und so sehr die Erkenntnisgeschwindigkeit der Ermittler wächst, so sehr nimmt auch die Brutalität der Verbrechen zu.
Der Fall eines verschwundenen Handwerkers, der offenbar einen Leichendiebstahl begangen hat, scheint zunächst eher belanglos zu sein. Immerhin beschuldigt die Frau des Verschwundenen einen Polizisten der sexuellen Belästigung, was umgehend zu internen Ermittlungen führt. Der Beschuldigte ist der derzeitige Freund von Kerstin Holm, der Chefin der A-Gruppe. Und der interne Ermittler ist einer ihrer Ex-Partner. Dennoch einigen sich die beiden auf gemeinsame Ermittlungen, was sie – unabhängig voneinander – ebenfalls auf die Spur des Pädophilen-Netzwerks bringt. Das furiose, überraschende und brutale Finale des Buches kommt nahezu aus heiterem Himmel – und haut richtig vom Hocker.
Dunkelziffer ist ein Volltreffer, weil Arne Dahl von Beginn an auf mehreren Klaviaturen spielt, und damit seine Leser auf höchst nachdrückliche Weise fesselt. Die ausgelegten Spuren werden vom Leser begierig aufgegriffen – um dann als Seifenblase zu platzen. So hat die verschwundene Emily im Internet Nacktfotos von sich und ihren Klassenkameradinnen verkauft. Einer der Pädophilen aus Angermanland hat offenbar Kontakt zu ihr aufgenommen. Hat er sie vergewaltigt und ermordet? Oder wurde sie entführt und muss jetzt unvorstellbar leiden? So viel sei verraten: Emily lebt – und spielt später eine zwiespältige Rolle.
Die Ausflüge in die Gedankenwelt der Ermittler lassen tief blicken. Einige können ihre Aggressionen bei Verhören mit Pädophilen kaum unterdrücken. Eine Kommissarin muss ab und zu mit ihrem Partner in den Sado-Maso-Keller, damit es ihr wieder gut geht. Ein Paar unter den Ermittlern hat seit der Geburt des gemeinsamen Kindes keinen Sex mehr miteinander. Und bei allen wechseln sich Wut, Frustration und Resignation munter miteinander ab.
So ist es fast Zufall, dass es bei den Ermittlungen in Angermanlad zu keiner Katastrophe kommt: Die Stockholmer Polizisten werden zu einem einsamen Haus im Wald gerufen. Dort stehen Fahrzeuge mit baltischen Kennzeichen, hinter dem Haus sind dumpfe Schläge und Urschreie sowie viel Gelächter zu hören. Mit gezogenen Waffen stürmen die Polizisten um die Ecke – und finden illegale Bauarbeiter aus dem Baltikum, die in der Pause Äxte auf Baustämme werfen. Um ein Haar wäre einer von ihnen erschossen worden, aber die mit ihren Aggressionen kämpfende Polizistin krümmt den Abzugsfinger um Haaresbreite nicht.
Beeindruckend gerät der Ausflug in die Vergangenheit, der den Hintergrund der aktuellen Pädophilen-Jäger ausgezeichnet erklärt. Die Protagonisten auf der dunklen Seite werden vom Erzähler durchaus freundlich dargestellt, weil der Bad Guy eben noch ekliger ist. Auch wenn Dunkelziffer am Anfang ohne allzu blutige Szenen auskommt, ist es dennoch kein Werk für zarte Gemüter. Langsam, aber überaus deutlich wird die Gedankenwelt der Pädophilen schrittweise erläutert. Arne Dahl lässt sie in einigen Rechtfertigungsversuchen zu Wort kommen, er schüttelt den Leser richtig durch. Es handelt sich bei diesem Buch um keine leichte Strand-Lektüre, sondern Dahl provoziert seine Leser kräftig, als wolle er austesten, was man dem Publikum zumuten kann. Das Buch macht nachdenklich, man hält mehrfach inne und reflektiert den Inhalt. Und dennoch bleibt es ein hochspannender Thriller, von dem man sich nur wünschen kann, dass er komplette Fiktion ist.
Andreas Kurth, Mai 2010
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