Todeshauch von
Buchvorstellung
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 2001
unter dem Titel Grafarþögn,
deutsche Ausgabe erstmals 2004
bei Lübbe.
Ort & Zeit der Handlung: Island / Reykjavik, 1990 - 2009.
Folge 4 der Kommissar-Erlendur-Serie.
- Reykjavík: Vaka-Helgafell, 2001 unter dem Titel Grafarþögn. 320 Seiten.
- Bergisch Gladbach: Lübbe, 2004. Übersetzt von Coletta Bürling. 320 Seiten.
- Augsburg: Weltbild, 2004. Übersetzt von Coletta Bürling. 364 Seiten.
- Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2005. Übersetzt von Coletta Bürling. 364 Seiten.
- München: Süddeutsche Zeitung, 2006. Übersetzt von Coletta Bürling. 266 Seiten.
- [Hörbuch] Bergisch Gladbach: Lübbe Audio, 2006. Gesprochen von Frank Glaubrecht. gekürzt. 4 CDs.
- [Hörbuch] Köln: Lübbe Audio, 2011. Gesprochen von Frank Glaubrecht. gekürzt. 4 CDs.
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ISBN 3-404-15103-8, 320 Seiten. Copyright © Verlagsgruppe Lübbe
Leseprobe
Aus dem Isländischen von Coletta Bürling
Kapitel 1
Die Kleine krabbelte vergnügt auf dem Boden herum. Als er ihr endlich das Teil, an dem sie zufrieden herumkaute, aus der Hand nehmen konnte, sah er gleich, dass es sich um einen menschlichen Knochen handelte.
Kurz zuvor hatte die Geburtstagsfeier unter wildem Krakeelen ihren Höhepunkt erreicht. Der Pizzalieferant war gekommen, und die Jungs hatten sich mit Pizza voll gestopft, dazu Sprudel getrunken und dabei um die Wette gerülpst. Dann waren sie wie auf Kommando hochgesprungen und sausten jetzt wieder durch die Gegend; einige waren mit Maschinengewehren und Pistolen bewaffnet, aber die Kleineren hatten Autos oder Gummidinosaurier in den Händen. Er wusste eigentlich überhaupt nicht, was hier gespielt wurde. Es ging anscheinend nur darum, soviel Krach wie möglich zu machen.
Die Mutter des Geburtstagskinds hatte angefangen, in der Mikrowelle Popcorn zu machen. Sie erklärte ihm, dass sie versuchen wolle, etwas Ruhe in die Rasselbande zu kriegen, indem sie den Fernseher einschaltete und ein Video einlegte. Falls das nichts nutzte, würden sie vor die Tür gesetzt. Der achte Geburtstag ihres Sohnes wurde jetzt bereits zum dritten Mal gefeiert, und so langsam ging sie auf dem Zahnfleisch. Die dritte Feier hintereinander. Zuerst war die ganze Familie in einem nicht ganz billigen Fastfood-Lokal essen gegangen. Dann kam die Einladung für Verwandte und Freunde, und das war schon fast wie bei einer Konfirmation gewesen. Und heute hatte der Junge seine Mitschüler und Freunde aus dem Viertel einladen dürfen.
Sie öffnete die Tür der Mikrowelle, holte die prallvolle Tüte mit Popcorn heraus und gab eine neue hinein, und sie dachte bei sich, dass sie sich das nächste Mal die Sache etwas einfacher machen würde. Nur eine einzige Einladung und damit basta. Genau wie früher, als sie klein gewesen war.
Es machte die Sache auch keineswegs besser, dass der junge Mann auf dem Sofa im Wohnzimmer keinen Ton von sich gab. Sie hatte versucht, sich mit ihm zu unterhalten, hatte das aber bald drangegeben und es machte sie einfach nervös, dass er da in ihrem Wohnzimmer herumhing. Es wäre allerdings angesichts der lärmenden und tobenden Jungen auch nicht einfach gewesen, ein Gespräch aufrechtzuerhalten. Er hatte ihr nicht angeboten, behilflich zu sein. Saß nur rum, starrte vor sich hin und schwieg. Der krepiert wohl vor Schüchternheit, dachte sie bei sich.
Sie hatte ihn nie zuvor gesehen. Der Mann war um die fünfundzwanzig. Der große Bruder eines der Jungen, die ihr Sohn zur Geburtstagsparty eingeladen hatte. Fast zwanzig Jahre Altersunterschied zwischen den Brüdern. Er war sehr schlank und hatte ihr im Eingang eine feuchte Hand mit langen Fingern gereicht. Er war äußerst zurückhaltend, wollte nur seinen kleinen Bruder abholen, doch der Junge war nicht dazu zu bewegen, die Party zu verlassen, die noch in vollem Gange war. Sie hatte ihn gebeten hereinzukommen, weil es wohl nicht mehr lange dauern würde, wie sie sagte. Er erklärte ihr, dass seine Eltern, die in einem Reihenhaus etwas weiter unten in der Straße wohnten, im Ausland seien und deswegen müsse er auf den kleinen Bruder aufpassen; normalerweise lebte er in einer Mietwohnung im Zentrum. Trat in der Tür verlegen von einem Fuß auf den anderen. Der kleine Bruder war inzwischen wieder ins Gewühl entwischt.
Jetzt saß der junge Mann auf dem Sofa und schaute zu, wie das einjährige Schwesterchen des Geburtstagskinds im Gang vor den Kinderzimmern über den Fußboden kroch. Sie hatte ein weißes Rüschenkleidchen an und eine Schleife im Haar. Sie quietschte vergnügt vor sich hin, während er seinen kleinen Bruder verwünschte. Ihm war es unangenehm, in diesem fremden Haus zu sein. Er überlegte, ob er seine Hilfe anbieten sollte. Die Frau hatte ihm gesagt, dass der Vater des Jungen bis spät in die Nacht hinein arbeiten musste. Er hatte genickt und versucht zu lächeln. Und sowohl Cola als auch Pizza dankend abgelehnt.
Er bemerkte, dass das kleine Mädchen irgendein Spielzeug fest umklammert hielt, und als es sich auf den Popo setzte, fing es an, daran herumzunagen und sabberte dabei gehörig. Wahrscheinlich zahnte sie und biss deswegen auf den Kiefern herum.
Mit diesem Spielzeug im Mund krabbelte die Kleine näher zu ihm hin, und er begann zu überlegen, was sie da wohl in der Hand hatte. Sie hörte auf zu kauen, schob sich auf dem Popo in Richtung Sofa und starrte ihn mit offenem Mund an. Vor lauter Aufregung lief ihr der Sabber schon bis auf das Lätzchen herunter. Dann steckte sie sich das Ding wieder in den Mund und kroch auf allen vieren zu ihm hin. Sie streckte sich vor, verzog dabei das Gesicht und quietschte so, dass ihr das Teil aus dem Mund fiel. Mit einiger Anstrengung bekam sie es wieder zu fassen, und da war sie schon direkt neben ihm, zog sich an der Sofalehne hoch und stand stolz auf unsicheren krummen Beinchen da.
Er konnte ihr das Ding wegnehmen und betrachtete es. Die Kleine schaute ihn erst an, als würde sie ihren Augen nicht trauen, und dann brüllte sie aus Leibeskräften los. Er brauchte nicht lange um festzustellen, dass es sich um einen menschlichen Knochen handelte, ein etwa zehn Zentimeter langes Endstück einer Rippe. Gelblich-weiß, länglich, und an der Bruchstelle abgeschliffen, so dass es keine scharfen Spitzen mehr gab, und innen an der Bruchstelle waren dunkle Flecken wie von Erde.
Er vermutete, dass er den vorderen Teil einer Rippe in Händen hielt, und gleichzeitig war ihm klar, dass dieser Knochen nicht mehr der jüngste war..
Die Mutter hörte, dass das Mädchen wie am Spieß brüllte, und als sie ins Wohnzimmer schaute, sah sie es bei dem Unbekannten neben dem Sofa stehen. Sie stellte die Schüssel mit dem Popcorn ab, ging zu ihrer Tochter und nahm sie auf den Arm. Sie schaute auf den Mann herunter, der weder ihr noch dem plärrenden Kind Beachtung schenkte.
»Was ist denn hier los?” fragte die Mutter besorgt und versuchte, ihr Kind zu trösten. Sie sprach laut, um den Lärm der Kindergesellschaft zu übertönen.
Der Mann schaute zu ihnen hoch, stand langsam auf und reichte der Mutter den Knochen.
«Wo hat sie das her?” fragte er.
»Was?” sagte sie.
«Den Knochen”, sagte er. »Wo hat sie diesen Knochen her?”
«Was für einen Knochen?” fragte sie. Das Gebrüll des Kindes ließ etwas nach, als es den Knochen wieder erblickte. Es versuchte, nach ihm zu grapschen, und vor lauter Konzentration schielte sie, während ihr der Sabber aus dem weit geöffneten Mund träufelte. Das Kind bekam den Knochen zu fassen und betrachtete ihn fasziniert.
»Ich glaube, das ist ein Knochen”, sagte der Mann.
Das Kind steckte ihn in den Mund und war wieder friedlich geworden.
«Was redest du da von einem Knochen?” fragte die Mutter.
»Sie nagt daran herum”, sagte er. «Ich glaube, es ist ein menschlicher Knochen.”
Die Mutter hielt ihr Kind fest, das wieder an dem Knochen herumkaute.
»Das Ding hab ich noch nie gesehen. Was meinst du eigentlich damit, was für ein Menschenknochen?”
«Meiner Meinung nach ist das ein Stück aus einer menschlichen Rippe”, sagte er. »Ich studiere Medizin”, fügte er wie zur Erklärung hinzu, «fünftes Studienjahr.”
»Rippe? Was soll denn der Quatsch? Hast du das mitgebracht?”
«Ich? Nein. Weißt du nicht, woher das Ding kommt?”
Die Mutter blickte auf ihr Kind, dann durchfuhr sie ein Ruck und sie riß ihm den Knochen aus dem Mund und schleuderte ihn auf den Boden.
»Vielleicht weiß ihr Bruder ...”
Er sah die Mutter an, die ihn ungläubig anstarrte. Dann blickte sie auf ihre Tochter, die wieder angefangen hatte zu brüllen. Dann auf den Knochen, und als nächstes zum Fenster hinaus, wo man die halbfertigen Häuser ringsum sehen konnte, wieder auf den Knochen und den Unbekannten, und schließlich auf ihren Sohn, der aus einem der Kinderzimmer gelaufen kam.
«Tóti!”, rief sie, aber der Junge schenkte ihr keine Beachtung. Daraufhin stürzte sie sich mitten ins Gewühl und unter einigen Mühen gelang es ihr, ihren Tóti ins Wohnzimmer zu schleifen. Sie standen vor dem Medizinstudenten.
»Gehört das dir?”, fragte sie den Jungen, als der Mann ihm den Knochen reichte.
«Den hab ich gefunden”, sagte Tóti und wollte wieder weg, um nichts auf seiner Geburtstagsparty zu verpassen.
»Wo?”, fragte seine Mutter. Sie setzte das Kind auf dem Boden ab, die Kleine starrte zu ihr hoch und war sich nicht ganz sicher, ob sie erneut eine Brüllsalve starten sollte.
«Draußen”, sagte der Junge. »Das ist ein klasse Stein. Ich hab ihn saubergemacht.” Der Junge rang nach Atem. Ein Schweißtropfen lief ihm an der Backe hinunter.
«Wo draußen?”, fragte seine Mutter. »Wann? Was hast du gemacht?”
Der Junge blickte auf seine Mutter. Er war sich nicht bewusst, etwas angestellt zu haben, aber so, wie sie dreinschaute, war es ganz bestimmt der Fall. Er überlegte angestrengt, was es nun schon wieder war.
«Gestern, glaube ich”, sagte er. »Auf dem Grundstück da hinten am Hügel. Ist was nicht in Ordnung?”
Seine Mutter und der Unbekannte schauten einander in die Augen.
«Kannst du mir genau zeigen, wo du das gefunden hast?”, fragte sie.
»Och Mensch, und was ist dann mit der Party”, maulte er.
«Los!”, sagte seine Mutter. »Zeig uns das!”
Sie schnappte sich das kleine Mädchen vom Fußboden und schob den Jungen in Richtung Verandatür vor sich her. Der junge Mann folgte ihnen auf dem Fuße. Die Rasselbande verstummte, als das Geburtstagskind quasi abgeführt wurde, und die Jungs schauten zu, wie Tótis Mama mit dem kleinen Schwesterchen auf dem Arm ihn mit strenger Miene aus dem Haus bugsierte. Sie schauten einander an und marschierten in gebührendem Abstand hinterher.
Das hatte sich in dem neuen Viertel oberhalb der Straße zum Reynisvatn-See ereignet. Diese neue Wohngegend lief unter dem Namen Milleniumsviertel. Es entstand an einem Höhenrücken, auf dem ganz oben die Speichertanks der der städtischen Heißwasserversorgung thronten, braun gestrichene Ungetüme, die die neue Siedlung wie eine Zwingburg überragten. Straßen waren überall am Hang angelegt worden, ein Haus nach dem anderen schoss empor, einige hatten sogar schon den Garten rings um ihr Haus in Angriff genommen, hatten Rasensoden ausgelegt und kleine Bäume gepflanzt, von denen man sich erhoffte, dass sie gedeihen und ihren Besitzern irgendwann einmal Windschutz bieten würden.
Im Laufschritt folgte die Schar der kleinen Gäste dem Geburtstagskind in östlicher Richtung die oberste Straße direkt unterhalb der Tanks entlang. Dort waren lauter Reihenhäuser, und etwas weiter weg in nördlicher und östlicher Richtung schlossen sich alte, verstreut liegende Sommerhäuser an. Wie in allen Neubauvierteln dieser Art fanden die Kinder es herrlich, auf den Baustellen in halbfertigen Häusern zu spielen, Gerüste hochzuklettern, zwischen nackten Wänden Versteck zu spielen oder in neu ausgehobene Baugruben herunterzurutschen, um in dem Wasser, was sich dort ansammelte, herumzuplanschen.
Zu einer solchen Ausschachtung führte das Geburtstagskind und seine Mutter mit samt dem Unbekannten und der ganzen Gästeschar. Er deutete auf die Stelle, wo er den komischen weißen Stein gefunden hatte, der so leicht und glatt war, dass er ihn in die Tasche steckte, weil er ihn behalten wollte. Er konnte sich ganz genau erinnern, wo er ihn gefunden hatte, sprang vor ihnen in die Grube hinunter und ging schnurstracks dorthin, wo er den Stein gefunden hatte. Seine Mutter verbot den anderen Jungen, näher zu kommen, und mit Hilfe des jungen Mannes schaffte sie den Abstieg in die Baugrube. Dort nahm Tóti ihr den Knochen ab und legte ihn auf die Erde.
«So hat er dagelegen”, sagte er. Der Knochen war immer noch ein schöner Stein für ihn.
Es war am späten Freitagnachmittag, und deswegen arbeitete niemand mehr auf der Baustelle. Die Verschalungen für zwei Seiten des Fundaments standen bereits, aber da, wo sich noch keine Wände befanden, waren deutlich die verschiedenen Schichten im Boden zu erkennen. Der junge Mann ging näher an diese Erdwand heran und betrachtete sie eingehend oberhalb der Stelle, wo der Junge den Knochen gefunden hatte. Er kratzte ein wenig mit den Fingern herum und legte etwa frei, das ihm wie ein Oberarmknochen vorkam.
Die Mutter sah, wie der junge Mann die Erdwand anstarrte. Als sie seinen Blicken folgte, erblickte sie den Knochen. Als sie näher hinzutrat, glaubte sie sogar, einen Kieferknochen und einen oder zwei Zähne zu sehen.
Sie schreckte hoch, blickte erst auf den jungen Mann und dann auf ihre Tochter, und wie in einem Reflex begann sie, ihr den Mund abzuwischen.
Sie begriff es eigentlich erst, als sie den Schmerz an der Schläfe verspürte. Er schlug ihr ohne jegliche Vorwarnung mit der geballten Faust an den Kopf, so blitzschnell, dass sie überhaupt nicht sah, was passierte. Oder vielleicht wollte sie nicht wahrhaben, dass er sie geschlagen hatte. Das war der erste Schlag, und sie sollte in den folgenden Jahren noch viel darüber nachdenken müssen, ob ihr Leben ein anderes geworden wäre, wenn sie sie damals sofort die Flucht ergriffen hätte.
Falls er es zugelassen hätte.
Ihr war überhaupt nicht klar, weswegen er auf einmal zugeschlagen hatte, und sie schaute ihn fassungslos an.
»Hast du mich geschlagen?«, fragte sie und fasste sich mit der Hand an die Schläfe.
»Glaubst du, ich habe nicht gesehen, wie du ihn angeschaut hast?«, schnaubte er.
»Ihn? Wen mei ...? Meinst du etwa Snorri? Wie ich Snorri angeschaut habe?«
»Glaubst du, ich habe nicht gesehen, wie geil du warst?”
Diese Seite von ihm hatte sie nie zuvor kennen gelernt. Hatte ihn nie dieses Wort verwenden gehört. Geil. Worüber redete er eigentlich? Sie hatte an der Kellertür einen Moment lang ein paar Worte mit Snorri gewechselt, um sich bei ihm zu bedanken, dass er ihr etwas gebracht hatte, was sie in ihrer letzten Stellung vergessen hatte. Sie wollte ihn nicht in die Wohnung bitten, weil ihr Mann den ganzen Tag schon ziemlich abweisend gewesen war und erklärt hatte, dass er keine Lust hätte, diesen Snorri zu treffen. Snorri hatte ihr irgendetwas Witziges über den Kaufmann erzählt, bei dem sie in Stellung gewesen war, und sie hatten gelacht und sich dann verabschiedet.
«Das war doch nur Snorri. Jetzt hab dich doch nicht so. Warum bist du den ganzen Tag so scheußlicher Laune gewesen?”
»Bezweifelst du etwa das, was ich sage?”, fuhr er auf und ging auf sie zu. Ich habe dich vom Fenster aus beobachtet. Hab gesehen, wie du um ihn herumscharwenzelt bist. Wie eine Hure!
Er schlug ihr wieder mit der geballten Faust ins Gesicht, und sie wurde an den Geschirrschrank in der Küche geschleudert. Das geschah so blitzschnell, dass sie keine Zeit fand, sich schützend die Hände vors Gesicht zu halten.
«Untersteh dich, mir was vorzulügen!”, brüllte er. »Ich hab gesehen, wie du ihm schöne Augen gemacht hast. Ich habe gesehen, wie du mit ihm geschäkert hast. Hab’s mit eigenen Augen gesehen! Flittchen!”
Noch ein Wort, das er zum ersten Mal verwendete.
«Gott im Himmel”, stöhnte sie. Die Oberlippe war geplatzt, Blut strömte ihr in den Mund, und der Geschmack von Blut vermischte sich mit dem salzigen Geschmack der Tränen, die ihr über das Gesicht strömten. »Warum tust du das? Was hab ich dir getan?”
Er lauerte über ihr und es hatte den Anschein, als sei er drauf und dran, weiter auf sie einzuschlagen. Der lodernde Zorn stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er knirschte mit den Zähnen und stampfte mit dem Fuß auf, bevor er sich umdrehte und eilends die Wohnung im Keller verließ. Sie blieb zurück und konnte nicht fassen, was vorgefallen war.
Später musste sie oft an diese Stunde zurückdenken, und daran, ob es irgendetwas geändert hätte, wenn sie gleich auf die Misshandlungen reagiert hätte, versucht hätte, ihn zu verlassen. Davonzulaufen, um nie wiederzukehren. Stattdessen unternahm sie nichts, außer sich selbst Vorwürfe zu machen. Irgendetwas mußte sie wohl getan haben, wenn er so reagierte. Etwas, was ihr selber vielleicht nicht klar war, was er aber sah, und dass sie darüber mit ihm sprechen könnte, wenn er zurückkäme, versprechen könnte, sich zu bessern, und dass dann wieder alles wie früher würde.
Sie hatte ihn nie zuvor so erlebt, nie hatte er sich ihr oder anderen gegenüber so benommen. Er war ein ruhiger Mensch, der zu Ernsthaftigkeit neigte. Das wußte sie an seinem Benehmen sehr zu schätzen, als sie sich kennenlernten. Manchmal war er sogar missmutig oder verdrossen. Er hatte sich beim Bruder des Kaufmanns, bei dem sie angestellt war, als Knecht verdingt, und er brachte diverse Sachen vom Bauernhof vorbei. So hatten sie sich vor fast anderthalb Jahren kennengelernt. Sie waren etwa gleichaltrig und er sprach darüber, mit der Landarbeit aufzuhören und vielleicht zur See zu fahren. Damit könnte man Geld machen. Er wollte sich ein eigenes Haus kaufen können. Sein eigener Herr sein. Für andere schuften, machte einen kaputt, war altmodisch und brachte kein Geld.
Sie erzählte ihm, dass sie sich in der Stellung beim Kaufmann nicht wohl fühlte. . Er war nicht nur über die Maßen geizig, sondern machte sich auch dauernd an die drei Dienstmädchen heran, und seine Frau, die die Mädchen mit harter Hand schikanierte, war ein fürchterlicher Drachen. Sie hatte eigentlich keine Pläne, was sie machen wollte. Hatte nie so recht über die Zukunft nachgedacht. Hatte von Kindesbeinen an nichts als harte Arbeit gekannt. Das Leben war nichts anderes in ihren Augen.
Immer öfter ließ er sich auf irgendwelchen Botengängen beim Kaufmann blicken und besuchte sie häufig in der Küche. Eines führte zum anderen, und bald erzählte sie ihm von dem Kind, das sie hatte. Er wusste aber schon, dass sie ein Kind hatte. Er hatte Auskünfte über sie eingeholt. Damals stellte sich zum ersten Mal heraus, dass er Interesse hatte, sie näher kennenzulernen. Sie erzählte ihm, dass das Mädchen bald drei Jahre alt sei, und dann eilte sie in den Garten hinter dem Haus, um ihre Tochter zu holen, die mit den Kindern des Kaufmanns spielte.
Als sie mit ihr in die Küche zurückkam, fragte er sie danach, mit wievielen Männern sie sich herumgetrieben hätte. Dabei lächelte er aber so, als wäre es einfach nur ein nettgemeinter Witz. Später aber warf er ihr liederlichen Lebenswandel vor und war immer erbarmungslos darauf eingestellt, sie zu erniedrigen. Ihre Tochter nannte er nie beim Namen, sondern verwendete Schimpfnamen und bezeichnete sie als Hurenbalg oder Kretin.
Sie hatte sich nie mit Männern herumgetrieben. Sie hatte ihm vom Vater ihres Kindes erzählt, der auf einem kleinen Fischkutter arbeitete und auf See umgekommen war. Er war nur zweiundzwanzig Jahre alt gewesen, als sie zum Fischen ausfuhren, in Seenot gerieten und zu viert mit dem Boot untergingen. Zur gleichen Zeit stellte sich heraus, dass sie schwanger war. Sie waren nicht verheiratet gewesen, so dass sie sich kaum als Witwe bezeichnen konnte. Sie hatten vorgehabt zu heiraten, aber dann war er umgekommen und hatte sie mit einem unehelichen Kind zurückgelassen.
Er saß in der Küche und hörte ihr zu, und sie bemerkte, dass ihr kleines Mädchen nichts mit ihm zu tun haben wollte. Normalerweise fremdelte sie nie, aber jetzt klammerte sie sich fest an den Rocksaum der Mutter und traute sich nicht, ihn loszulassen, als er sie zu sich locken wollte. Er nahm ein Stückchen Kandis aus der Jackentasche und reichte es ihr, aber sie vergrub ihr Gesicht in den Rockfalten, fing an zu weinen und wollte wieder hinaus zu den Kindern. Obwohl sie sich nichts Herrlicheres als Kandis vorstellen konnte.
Zwei Monate später machte er ihr einen Heiratsantrag. Von Romantik wie in Büchern, die sie gelesen hatte, konnte keine Rede sein. Sie hatten sich ein paarmal abends und an Wochenenden getroffen, waren durch die Stadt spaziert oder hatten sich im Kino einen Chaplin-Film angesehen. Sie konnte herzlich über den kleinen Vagabunden lachen, aber wenn sie zu ihm hinüberschaute, lächelte er nicht einmal. Eines abends, als sie aus dem Kino kamen und sie mit ihm an der Haltestelle wartete, fragte er sie, ob sie nicht heiraten sollten. Er zog sie an sich.
«Ich will, dass wir heiraten”, sagte er.
Sie war so überrascht, trotz allem, dass sie sich erst sehr viel später daran erinnerte, und eigentlich erst, als alles schon über die Bühne gegangen war, dass das gar kein richtiger Heiratsantrag gewesen war und sich überhaupt nicht darum gedreht hatte, was ihre Vorstellungen waren.
Ich will, dass wir heiraten.
Sie hatte sich schon Gedanken darüber gemacht, ob er um ihre Hand anhalten würde. Ihre Verbindung war eigentlich das Stadium erreicht, und dem kleinen Mädchen fehlte ein Zuhause. Und selbst wollte sie sich auch gern um ein eigenes Heim kümmern. Kinder bekommen. Nur wenige Männer hatten ihr Aufmerksamkeit geschenkt. Möglicherweise wegen des Mädchens. Sie war vielleicht auch keine sonderlich attraktive Frau, ziemlich klein und etwas mollig, das Gesicht hatte etwas grobe Züge und die Zähne standen vor. Aber ihre kleinen geschickten Hände rasteten nie. Vielleicht würde sie nie einen besseren Antrag bekommen.
»Was sagst du dazu?”, fragte er.
Sie nickte mit dem Kopf. Er küßte sie und sie umarmten sich. Kurze Zeit später wurde Hochzeit in der Kirche von Mosfell gehalten. Die Hochzeitsgesellschaft war klein, sie bestand nur aus ihnen beiden, seinen Freunden vom Land und zwei ihrer Freundinnen aus Reykjavík. Der Pfarrer lud sie nach der Zeremonie zum Kaffee ein. Sie hatte sich nach seiner Familie erkundigt, aber er hatte sich dazu kaum äußern wollen. Hatte erklärt, dass er keine Geschwister besäße, sein Vater sei gestorben, als er noch ein Säugling war, und seine Mutter hätte ihn nicht bei sich behalten können; hatte ihn in Pflege gegeben. Er war auf verschiedenen Bauernhöfen gewesen und hatte sich schließlich beim Bruder des Kaufmanns verdingt. Er schien kein Interesse daran zu haben, sie nach ihrer Familie auszufragen. Schien kaum Interesse an der Vergangenheit zu haben. Sie erklärte ihm aber, dass ihre Verhältnisse ganz ähnlich waren; sie wüßte nicht, wer ihre Eltern waren. Auch sie war als Pflegekind von einer Familie zur anderen weitergereicht worden, bis sie schließlich in der Stellung bei dem Kaufmann gelandet war. Er nickte verständnisvoll.
«Jetzt beginnen wir ganz von vorne”, sagte er. Vergessen die Vergangenheit, sagte er.
Sie mieteten eine kleine Kellerwohnung an der Lindargata, die praktisch nur aus einem Zimmer und einer Küche bestand. Das Plumpsklo war hinter dem Haus. Sie kündigte beim Kaufmann. Er sagte, sie bräuchte jetzt nicht länger für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten. Er würde für sie sorgen. Er bekam für den Anfang Arbeit am Hafen, aber er wartete auf die nächste Gelegenheit, um auf einem Boot anzuheuern. Träumte davon, zur See zu fahren.
Sie stand am Küchentisch und legte die Hände über den Bauch. Sie hatte ihm noch nichts davon gesagt, dass sie schwanger war, aber sie war sich ziemlich sicher. Und eigentlich war ja auch nichts anderes zu erwarten gewesen. Sie hatten über Kinder geredet, aber wusste trotzdem nicht genau, wie er dazu stand, so verschlossen wie er war. Sie hatte schon schon einen Namen für das Kind, wenn es ein Junge würde. Sie wollte einen Jungen bekommen. Er sollte Símon heißen.
Sie hatte von brutalen Männern gehört, die Hand an ihre Frauen legten. Hatte von Frauen gehört, die damit leben mussten, dass der Ehemann gewalttätig war. Geschichten gehört. Sie glaubte nicht, dass er zu denen gehörte. Glaubte nicht, dass sie zu denen gehörte. Glaubte nicht, dass er zu so etwas imstande sei. Dies hier musste etwas Außergewöhnliches sein, eine Ausnahme, sagte sie zu sich selbst. Er hat geglaubt, dass ich mit Snorri geflirtet habe, dachte sie. Ich muß aufpassen, dass sich das nicht wiederholt.
Sie strich sich über das Gesicht und zog die Nase hoch. In was für eine Wut er sich hineingesteigert hatte. Er war davongestürzt, aber er würde bestimmt bald zurückkommen und sie um Verzeihung bitten. So konnte er sich nicht ihr gegenüber nicht verhalten. Konnte er einfach nicht. Durfte er nicht. Sie ging verstört ins Schlafzimmer, um sich um ihre Tochter zu kümmern. Das Mädchen, das Mikkelína hieß, war morgens mit Fieber aufgewacht, hatte fast den ganzen Tag geschlafen und schlief immer noch. Sie nahm das Mädchen in die Arme und spürte, wie heiß es war. Sie setzte sich mit ihr zurecht und fing an, ihr Kinderreime vorzusagen, immer noch schockiert und ganz durcheinander nach der brutalen Attacke.
Das ist der Daumen,
der schüttelt die Pflaumen,
der ist in den Brunnen gefallen,
der hat ihn wieder rausgeholt,
der hat ihn ins Bett gelegt,
der hat ihn zugedeckt,
und der kleine Schelm da,
der hat ihn wieder aufgeweckt.
Das Kind atmete schnell. Der kleine Brustkasten hob und senkte sich, und durch die Nase ertönte beim Atmen ein zischendes Pfeifen. Das Gesicht glühte. Sie versuchte, Mikkelína zu wecken, aber sie wollte nicht aufwachen.
Sie jammerte laut.
Das Mädchen war schwerkrank.
