Nordermoor von
Buchvorstellung
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 2000
unter dem Titel Mýrin,
deutsche Ausgabe erstmals 2003
bei Bastei Lübbe.
Ort & Zeit der Handlung: Island / Reykjavik, 1990 - 2009.
Folge 3 der Kommissar-Erlendur-Serie.
- Reykjavík: Vaka-Helgafell, 2000 unter dem Titel Mýrin. 320 Seiten.
- Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2003. Übersetzt von Coletta Bürling. 320 Seiten.
- Augsburg: Weltbild, 2005. Übersetzt von Coletta Bürling. 318 Seiten.
- Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2005. Übersetzt von Coletta Bürling. 318 Seiten.
- Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2006. Übersetzt von Coletta Bürling. 318 Seiten.
- [Hörbuch] Bergisch Gladbach: Lübbe Audio, 2004. Gesprochen von Frank Glaubrecht. 4 CDs.
- [Hörbuch] Köln: Lübbe Audio, 2011. Gesprochen von Frank Glaubrecht. 4 CDs.
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ISBN 3-404-14857-6, 320 Seiten. Copyright © Verlagsgruppe Lübbe
Leseprobe
Aus dem Isländischen von Coletta Bürling
Reykjavík 2001
Kapitel 1
Die Worte waren mit Bleistift auf ein Blatt Papier geschrieben, das auf die Leiche gelegt worden war. Drei Worte, die Erlendur nicht verstand.
Die Leiche war ein Mann, der um die siebzig sein musste. Vor dem Sofa in einem kleinen Wohnzimmer lag er auf der rechten Seite auf dem Boden, bekleidet mit einem blauen Hemd und hellbraunen Cordhosen. Er hatte Pantoffeln an. Das Haar war schütter, fast vollkommen ergraut und rot vom Blut aus einer großen Wunde am Kopf. Auf dem Fußboden neben der Leiche lag ein großer gläserner Aschenbecher mit spitzen Kanten und Ecken. Er war ebenfalls blutbeschmiert. Der Wohnzimmertisch war umgestürzt.
Die Wohnung lag im Souterrain eines zweistöckigen Hauses in Nordermoor. Das Haus war umgeben von einem kleinen Garten, mit einer Steinmauer zu drei Seiten. Die Bäume hatten das Laub abgeworfen, das jetzt so dicht lag, dass man im Garten nirgends ein Fleckchen Erde sah, und sie reckten ihre krüppligen Äste in den dunklen Himmel. Eine Einfahrt mit Schotterbelag führte zu einer Garage. Immer noch fuhren Mitarbeiter der Kriminalpolizei vor. Sie bewegten sich ohne Hast, wirkten in diesem alten Haus geisterhaft. Man wartete auf den Amtsarzt, der den Totenschein ausstellen würde. Der Leichenfund war vor etwa einer Viertelstunde gemeldet worden. Erlendur war einer der Ersten am Tatort, sein Kollege Sigurður Óli musste jeden Moment eintreffen.
Schummriges Oktoberlicht legte sich über die Stadt, und der Herbststurm peitschte den Regen gegen das Haus. Jemand hatte eine Lampe angemacht, die auf einem Tisch im Wohnzimmer stand und eine trübe Helligkeit verbreitete. Ansonsten war am Tatort nichts verändert worden. Die Techniker stellten ein Stativ mit einem starken Neonscheinwerfer auf, um die Wohnung auszuleuchten. Erlendur registrierte einen Bücherschrank und eine zerschlissene Polstergarnitur, einen Esstisch, einen alten Schreibtisch in der Ecke, Teppichboden und auf dem Teppichboden Blut. Aus dem Wohnzimmer gelangte man in die Küche, eine andere Tür führte in den Flur und einen kleinen Korridor, an dem zwei Zimmer und das Badezimmer lagen.
Der Mann aus der oberen Wohnung hatte die Polizei verständigt. Er war an diesem Spätnachmittag nach Hause gekommen, nachdem er seine beiden Söhne aus der Schule abgeholt hatte, und ihm war aufgefallen, dass die Eingangstür zur Wohnung im Souterrain offen stand. Er hatte in die Wohnung des Hausgenossen hineinsehen können und seinen Namen gerufen, er war sich nicht sicher, ob er zu Hause war. Er erhielt keine Antwort. Dann spähte er in die Wohnung hinein, rief wieder den Namen, und wieder kam keine Reaktion. Sie hatten schon einige Jahre in der Wohnung oben gewohnt, kannten aber den alten Mann im Souterrain kaum. Der ältere Sohn, der neun Jahre alt und nicht so zurückhaltend war wie der Vater, lief schnurstracks ins Wohnzimmer. Einen Augenblick später kam der Junge wieder heraus und erklärte, dass da ein Toter in der Wohnung wäre, was er nicht besonders aufregend zu finden schien. – Du guckst dir zu viele Filme an, hatte der Vater gesagt und vorsichtig die Wohnung betreten und den Wohnungsinhaber in einer Blutlache auf dem Boden liegen sehen.
Erlendur kannte den Namen des Toten. Er stand an der Klingel. Um aber ganz sicher zu gehen und sich keine Blöße zu geben, zog er sich dünne Gummihandschuhe an und fischte aus einem Jackett, das im Korridor an einem Haken hing, eine Brieftasche heraus. Auf einer Kreditkarte fand er ein Foto von ihm. Holberg hieß er, neunundsechzig Jahre alt. Gestorben in der eigenen Wohnung. Wahrscheinlich ermordet.
Erlendur ging durch die Wohnung und ging im Kopf die einfachsten Fragen durch. Das war sein Job. Das zu untersuchen, was offenkundig war. Die Leute von der Spurensicherung kümmerten sich um das Verborgene. Er bemerkte keine Anzeichen dafür, dass eingebrochen worden war, weder an den Fenstern noch an der Tür. Auf den ersten Blick hatte es den Anschein, als habe der Mann seinen Angreifer selber in die Wohnung gelassen. Die Mitbewohner des Hauses hatten im Korridor und auf dem Teppichboden im Wohnzimmer Spuren hinterlassen, als sie aus dem Regen hereinkamen, und das hatte der Angreifer vermutlich auch getan. Es sei denn, er hätte sich an der Eingangstür die Schuhe ausgezogen. Erlendur kam es so vor, als habe er es etwas zu eilig gehabt, als dass er es sich hätte erlauben können, die Schuhe auszuziehen. Die Mitarbeiter von der Spurensicherung hatten Staubsauger dabei, um auch die kleinsten Partikelchen und Staubkörnchen aufzusammeln, die möglicherweise irgendwelche Hinweise geben könnten. Sie suchten nach Fingerabdrücken und Dreck von Schuhen, der nicht in dieses Haus gehörte. Sie suchten nach etwas, das von außen kam. Und Vernichtung hinterlassen hatte.
Erlendur konnte nicht sehen, dass der Mann seinen Besucher mit besonderer Gastfreundlichkeit empfangen hätte. Er hatte keinen Kaffee gemacht. Die Kaffeemaschine in der Küche schien in den letzten Stunden nicht benutzt worden zu sein. Es gab auch keine Anzeichen, dass Tee getrunken worden wäre, und im Schrank fehlten keine Tassen. Gläser standen unangerührt an Ort und Stelle. Der Ermordete war ein ordnungsliebender Mensch gewesen. Hier war alles akkurat und aufgeräumt. Vielleicht hatte er den Eindringling nicht gut gekannt. Vielleicht hatte der Besucher ihn ohne Umschweife angegriffen, direkt nachdem ihm die Tür geöffnet wurde. Ohne die Schuhe auszuziehen.
Begeht man auf Socken einen Mord?
Erlendur blickte sich um und dachte bei sich, dass er versuchen sollte, seine Gedanken etwas besser auf die Reihe zu kriegen.
Jedenfalls hatte der Besucher es eilig gehabt. Er hatte sich nicht die Mühe gemacht, die Tür hinter sich zu schließen. Auch der Angriff selbst zeugte von Eile, als sei er urplötzlich und ohne Vorwarnung erfolgt. Es gab keinerlei Anzeichen für einen Kampf. Der Mann schien direkt zu Boden gegangen zu sein, war dabei an den Tisch gestoßen und hatte ihn umgeworfen. Auf den ersten Blick war nichts anderes in der Wohnung angerührt worden. Erlendur konnte nicht feststellen, dass irgendetwas gestohlen worden wäre. Alle Schränke waren sorgfältig verschlossen, die Schubladen ebenso, ein ziemlich neuer Computer und eine alte Stereoanlage waren an ihrem Platz, die Brieftasche des Mannes befand sich in der Jacke am Haken im Flur, mit einem Zweitausendkronenschein und zwei Karten, Scheckkarte und Kreditkarte.
Es hatte den Anschein, als hätte der Angreifer den nächstbesten Gegenstand gepackt und ihn dem Mann an den Kopf geschleudert. Der Aschenbecher war aus dickem, grünlichem Glas und wog nach Einschätzung von Erlendur nicht unter anderthalb Kilo. Eine Mordwaffe für den, der es darauf abgesehen hatte. Der Angreifer hatte ihn wohl kaum mitgebracht, um ihn dann blutbeschmiert auf dem Fußboden liegen zu lassen.
Das waren die offen zu Tage liegenden Indizien: Der Mann hatte die Tür geöffnet und den Besucher hereingebeten oder war zumindest mit ihm ins Wohnzimmer gegangen. Wahrscheinlich hatte er seinen Gast gekannt, aber das musste nicht sein. Er wurde mit dem Aschenbecher attackiert, ein schwerer Hieb, und dann war der Angreifer hinausgeeilt und hatte die Tür hinter sich offen gelassen. Klarer Fall.
Bis auf die Mitteilung.
Sie war auf ein liniertes din-a4-Blatt geschrieben, das aus einem Spiralheft herausgerissen zu sein schien. Der einzige Hinweis darauf, dass das Verbrechen geplant gewesen war; daraus war zu schließen, dass der Besucher eigens zu dem Zweck gekommen war, den Mann zu töten. Der Besucher hatte nicht etwa einen plötzlichen Anfall von Mordlust bekommen, als er im Wohnzimmer stand. Er war mit dem festen Vorsatz, einen Mord zu begehen, in das Haus gekommen. Er hatte eine Nachricht hinterlassen. Drei Worte, auf die sich Erlendur keinen Reim machen konnte. Hatte er diese Worte auf das Blatt geschrieben, bevor er das Haus betrat? Eine weitere relevante Frage, die beantwortet werden wollte. Erlendur ging in die Ecke, wo der Schreibtisch des Mannes stand. Auf dem Schreibtisch lagen ein Haufen Papiere, Rechnungen, Umschläge, Zeitungen. Ganz zuoberst ein Spiralheft. Er suchte nach einem Bleistift, sah aber keinen auf dem Tisch. Er schaute genauer nach und fand einen unter dem Schreibtisch. Er fasste nichts an. Schaute nur und dachte nach.
»Ist das nicht ein typisch isländischer Mord?«, fragte Sigurður Óli, der in die Souterrainwohnung hereingekommen war, ohne dass Erlendur es bemerkt hatte. Er stand neben der Leiche.
»Was?«, fragte Erlendur gedankenverloren.
»Schlampig, sinnlos – und ausgeführt ohne den geringsten Versuch, etwas zu kaschieren, die Tatumstände zu verschleiern oder Beweismaterial zu vernichten.«
»Ja«, sagte Erlendur. »Ein schäbiger isländischer Mord.«
»Es sei denn, er wäre auf den Tisch gefallen und mit dem Kopf auf dem Aschenbecher gelandet«, sagte Sigurður Óli. Elinborg war mit ihm hereingekommen. Erlendur hatte versucht, die Geschäftigkeit der Polizisten, der Spurensicherung und des Krankenwagenpersonals ein wenig zu reduzieren, während er vornübergebeugt mit dem Hut auf dem Kopf durch die Wohnung ging.
»Und hätte im Fallen eine unverständliche Nachricht hinterlassen?«
»Vielleicht hat er sie in der Hand gehabt.«
»Kapierst du diese Nachricht?«
»Vielleicht soll das Gott sein«, sagte Sigurður Óli. »Oder der Mörder, ich weiß es nicht. Die Betonung auf dem letzten Wort ist ganz interessant. ER in Großbuchstaben.«
»Das ist meines Erachtens keine flüchtige Schrift. Das letzte Wort ist in Blockbuchstaben geschrieben, die anderen zwei in Schreibschrift. Der Besucher hat sich offenbar Zeit für seine Schreibarbeiten genommen. Macht aber trotzdem die Tür nicht hinter sich zu. Was bedeutet das? Attackiert den Mann, rennt dann hinaus und hinterlässt unverständlichen Quatsch auf einem Zettel, wobei er das letzte Wort sorgfältig betont.«
»Er muss doch ihn damit gemeint haben«, sagte Sigurður Óli. »Die Leiche, meine ich. Das kann sich auf niemand anderen beziehen.«
»Ich weiß nicht«, sagte Erlendur. »Was hat das für einen Zweck, eine solche Nachricht zu schreiben und bei der Leiche zu hinterlassen? Wer macht so etwas? Was will er damit sagen? Will er uns damit etwas sagen? Spricht der Mörder mit sich selbst? Spricht er mit der Leiche?«
»Ein durchgeknallter Typ«, sagte Elinborg und wollte sich nach dem Blatt bücken. Erlendur hinderte sie daran.
»Vielleicht waren es mehr als einer«, sagte Sigurður Óli. »Die ihn angegriffen haben.«
»Denk an die Handschuhe, meine liebe Elinborg«, sagte Erlendur und redete mit ihr wie mit einem Kind. »Nicht die Beweismaterialien ruinieren. Die Nachricht wurde auf dem Schreibtisch da geschrieben«, fügte er hinzu und deutete in die Ecke. »Das Blatt wurde aus einem Spiralheft herausgerissen, das dem Opfer gehörte.«
»Vielleicht waren es mehr als einer«, wiederholte Sigurður Óli. Er fand, dass er da einen interessanten Punkt berührt hatte.
»Ja, ja«, sagte Erlendur. »Vielleicht.«
»Ziemlich kaltblütig«, sagte Sigurður Óli. »Erst bringst du einen alten Mann um, und dann setzt du dich hin und schreibst einen Zettel. Braucht man dazu nicht Nerven wie Drahtseile? So etwas macht doch nur ein richtiges Scheusal.«
»Oder ein ganz Abgebrühter«, sagte Elinborg.
»Oder einer mit Messiaskomplex«, sagte Erlendur.
Er bückte sich und las die Nachricht auf dem Blatt noch einmal durch.
Ein reichlich ausgeprägter Messiaskomplex, dachte er bei sich.
