Nacht über Reykjavík von Arnaldur Indriðason

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2012 unter dem Titel Reykjavikur naetur, deutsche Ausgabe erstmals 2014 bei Lübbe.
Folge 13 der Kommissar-Erlendur-Serie.

  • Reykjavík: Vaka-Helgafell, 2012 unter dem Titel Reykjavikur naetur. 384 Seiten.
  • Köln: Lübbe, 2014. Übersetzt von Coletta Bürling. ISBN: 978-3-431-03907-8. 384 Seiten.

'Nacht über Reykjavík' ist erschienen als Hardcover E-Book

In Kürze:

Der junge, grüblerisch veranlagte Erlendur Sveinsson hat vor Kurzem seine Tätigkeit als Streifenpolizist in Reykjavík aufgenommen. In den Nachtschichten lernt er die dunklen Seiten der isländischen Hauptstadt kennen: betrunkene Autofahrer, häusliche Gewalt, Einbrüche, Drogenhandel. Ihn bewegt das Schicksal von Randfiguren der Gesellschaft. An einem Wochenende wird ein Obdachloser in einem Tümpel am Stadtrand ertrunken aufgefunden, und eine junge Frau verschwindet spurlos. Beide Fälle lassen Erlendur keine Ruhe, und er beginnt auf eigene Faust zu ermitteln …

Das meint Krimi-Couch.de: »Der erste «Fall» für Streifenpolizist Erlendur« 70°

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Erlendur Sveinsson ist als junger Streifenpolizist in der Nachtschicht eingesetzt. Verkehrsunfälle, Schlägereien sowie häusliche Gewalttaten sind die Regel. Doch ein Fall lässt ihm keine Ruhe. Als er als Polizist anfing hatte er öfters mit einem Obdachlosen namens Hannibal zu tun, der vor einem Jahr in einem ehemaligen Torfstich, heute ein Gelände bestehend aus mehreren Tümpeln, ertrank. Da Hannibal stark alkoholisiert war sprach alles für einen tragischen Unfall, der Fall wanderte schnell ins Archiv. Vielleicht auch deswegen, weil nahezu zeitgleich eine junge Frau spurlos verschwand, die man noch lebend zu finden hoffte. Aber die 34-jährige wurde bis heute nicht mehr gesehen, so dass die Ermittler längst von einem Selbstmord ausgehen und den Fall nur noch sporadisch verfolgen.

Erlendur macht sich in seiner Freizeit auf Spurensuche und erhält somit zahlreiche, bewegende Eindrücke in die Obdachlosenszene. Doch wem kann er glauben und wer kann sich nach rund einem Jahr überhaupt noch erinnern?

Einblicke in das harte Leben der Obdachlosen sollten einen interessieren.

Der neue Roman des isländischen Erfolgsautors Arnaldur Indridason Nacht über Reykjavik ist anfangs ein wenig gewöhnungsbedürftig. Zunächst lernen wir den jungen Streifenpolizisten Erlendur kennen, der den Fans von Indridason als ermittelnder Kommissar durch zahlreiche Romane bereits bestens bekannt ist. Hier nun also eine Zeitreise zurück zu dessen Anfängen bei der Polizei. Dabei lernen wir Erlendurs Familiengeschichte näher kennen und begleiten den introvertierten Einzelgänger bei seinen nächtlichen Einsätzen. Warum sich Erlendur aber für den Todesfall von Hannibal interessiert (ein Unfall durch Trunkenheit scheint offensichtlich, Erlendur hat zudem keinerlei Befugnisse zu ermitteln und Leute zu befragen), erschließt sich nicht auf Anhieb. So gibt es zunächst einige Längen, die aus den nächtlichen Einsätzen mit den Kollegen Gardar und Marteinn, zwei Hilfskräften der Verkehrspolizei, bestehen. Verkehrsunfälle (meist unter Alkoholeinfluss), häusliche Gewalt (meist unter Alkoholeinfluss), Schlägereien (meist unter Alkoholeinfluss) und so weiter. Ja, so mag das Alltagsleben eines Polizisten aussehen, hat aber mit dem eigentlichen Plot herzlich wenig gemein. Nicht uninteressant, manche werden das Wort »atmosphärisch« bemühen, aber irgendwie eben auch Seitenschinderei.

Krimiplot mit einigen Längen.

Überhaupt ist Nacht über Reykjavik eher eine Art Familien- und Gesellschaftsroman, der sich neben den Familiengeschichten von Erlendur und Hannibal, vor allem mit dem Leben am unteren Ende der Gesellschaft befasst. Detailliert und mitunter schockierend zeigt Indridason auf, wie das Leben auf der Straße abläuft. Immer auf der Suche nach Alkohol und wenn man sich diesen nicht mehr leisten kann geht es zur Apotheke, wo es – immerhin – Brennspiritus gibt.

»Er sah, wie sie in den Bus stieg und sich einen Platz am Fenster suchte, um weiter ziellos durch die Stadt zu gondeln. Ohne auszusteigen, ohne dass es eine Rolle spielte, wohin der Bus fuhr. Ihr Leben war eine Reise ohne Ziel. Erlendur sah dem Wagen nach, der langsam davonfuhr, und es hatte fast den Anschein, als sähe er sich selbst dort, allein im ewigen Kreislauf des Daseins, auf einer Reise ohne Ziel.«

Es entsteht ein äußerst düsteres Bild von Islands Hauptstadt, in der (gefühlt) die eine Hälfte der Bewohner aus obdachlosen Alkoholikern zu bestehen scheint und die andere Hälfte aus Alkoholikern mit Job und festem Wohnsitz. Die Figuren sind detailliert gezeichnt und vielleicht interessiert sich Erlendur besonders deshalb für Hannibal, weil er glaubt, einen Fehler seiner eigenen Vergangenheit wieder gutmachen zu können. Nach ungefähr der Hälfte des Romans beginnt sich Erlendur verstärkt für das Verschwinden der Frau zu interessieren, die am gleichen Wochenende verschwand als Hannibal zu Tode kam. Es dürfte kaum überraschen, dass die beiden Fälle letztlich zusammenhängen, doch wie Indridason die Spuren hier zusammenführt ist durchaus lesenswert.

Jörg Kijanski, Mai 2015

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Eva zu »Arnaldur Indriðason: Nacht über Reykjavík« 09.12.2017
Man braucht etwas, um in das Buch hineinzukommen. Aber dann liest es sich sehr spannend.

Interessanterweise weiß man anfangs gar nicht, dass das Buch nicht in der jetzt-Zeit spielt. Dann aber häufen sich Dinge wie Telefone mit Wählscheibe und seltsame Berufe so dass man merkt, dass es in einem anderen Jahrzehnt spielt.

In welchem, bleibt bis zuletzt unklar: nein, es spielt nicht in den 50er Jahren wie jemand hier anmerkte. Damals war der Roman "Endstation für neun", den einer der Polizisten im Buch liest, noch gar nicht geschrieben: das Buch ist aus den 70ern. Vermutlich spielt das Buch von Indridasson 1970 - zumindest käme das mit der 1100-Jahr Feier der Besiedelung Islands hin. Dennoch würde man sich wünschen, es wären die 50er Jahre: bei so viel männlicher Gewalt gegen Frau, die im Buch zur Sprache kommt, kann man kaum glauben, dass es bereits die 70er Jahre sein sollen.
Tom52 zu »Arnaldur Indriðason: Nacht über Reykjavík« 30.12.2016
Auf der Suche nach einer Weihnachtslektüre habe ich dieses Buch Heiligabend im dörflichen Lottoladen entdeckt. Es ist nicht sehr spannend aber ein einfaches Plädoyer für ruhige Beharrlichkeit und "Eigensinn" samt dem Versuch, ganz alleine zu Erkenntnissen zu kommen. Dazu Aufgeschlossenheit und die Fähigkeit und den Mut, andere Menschen ohne Gewalt, Drohungen oder amtsmäßig zum Sprechen zu bringen.

Dem Herrn Kijanski möchte ich ein wenig widersprechen. Die Beschreibung der Polizeiarbeit zeigt ja gerade den Normalfall (ohne dabei zu werten). Was geht uns ein toter Obdachloser an. Für mich ein weiteres Highlight von Indridason, dessen Bücher ich "liebe".
Helmut Scheuplein zu »Arnaldur Indriðason: Nacht über Reykjavík« 23.02.2016
Der Roman "Nacht über Reykjavik" ist weniger ein Kriminalroman als eine Stadt- und Gesellschaftsbeschreibung in den 50ern. Insofern ist der Roman nicht sehr spannend, aber interessant. Allemal ist er gut zu lesen, in einem ruhigen Stil, der von Indriðason bekannt ist.
Mir hat der Roman gut gefallen, weil er auch lehrreich über die isländische Gesellschaft ist. Die Karten über Island und über Reykjavik sind hilfreich, um sich zurechtzufinden.
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