Menschensöhne von Arnaldur Indriðason

Buchvorstellung

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1997 unter dem Titel Synir duftsins, deutsche Ausgabe erstmals 2005 bei Edition Lübbe.
Ort & Zeit der Handlung: Island / Reykjavik, 1990 - 2009.
Folge 1 der Kommissar-Erlendur-Serie.

  • Reykjavík: Vaka-Helgafell, 1997 unter dem Titel Synir duftsins. 294 Seiten.
  • Bergisch Gladbach: Edition Lübbe, 2005. Übersetzt von Coletta Bürling. 347 Seiten.
  • Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2006. Übersetzt von Coletta Bürling. Vollständige Taschenbuchausgabe. 347 Seiten.
  • [Hörbuch] Bergisch Gladbach: Lübbe Audio, 2005. Gesprochen von Frank Glaubrecht. 4 CDs.

'Leseprobe' ist erschienen als Hörbuch

ISBN 3-7857-1556-0, 347 Seiten. Copyright © Verlagsgruppe Lübbe

Leseprobe

Aus dem Isländischen von Coletta Bürling

Eins

Aus der Ferne sah das Gebäude wie ein Gefängnis aus. Es war über Jahre hinweg nicht instand gehalten worden. Mittelkürzungen im Gesundheitsbereich wurde so etwas genannt, und Kliniken wie diese waren immer am schlimmsten davon betroffen. Das monumentale Gebäude machte einen heruntergekommenen Eindruck. Es stand unten am Meer, umgeben von einer großen dunklen Parkanlage mit hohen Bäumen. Aus allen Fenstern drang gelbliches Licht in die winterliche Dunkelheit des frostkalten Januars hinaus.

Pálmi ging von der Haltestelle zur Klinik und stellte fest, dass weitere Gitter an den Fenstern im zweiten Stock hinzugekommen waren. Solange er zurückdenken konnte, war er jede Woche einmal hierher gekommen, um seinen Bruder zu besuchen. Die Behandlung der Patienten hatte sich parallel zum Zustand des Hauses verschlechtert, und mittlerweile war es nur noch so etwas wie ein Verwahrungsort für psychisch Kranke, die mit Medikamenten ruhig gestellt wurden. Für Pálmi hatte dieses Gebäude immer eine Bedrohung dargestellt, und als kleiner Junge hatte er sich oft geweigert, mit seiner Mutter hineinzugehen. Stattdessen hatte er draußen gewartet, bis die Besuchszeit vorbei war. Aber jetzt konnte er nicht mehr draußen bleiben. Seine Mutter war tot, und außer ihm gab es niemanden mehr, der den Bruder besuchte.

Durch eine schmale Seitentür gelangte er direkt auf den Korridor, den die Patienten als Raucherzone benutzten. Das war nicht der Haupteingang, aber der kürzeste Weg zum Zimmer seines Bruders. Er spürte sofort, dass etwas nicht in Ordnung war. Bei diesem Eingang standen normalerweise immer einige Patienten und rauchten. Sie wurden in kleinen Gruppen nach unten gelassen, und dort lungerten sie dann herum und starrten auf ihre gelben Finger. Alle kannten Pálmi, der darauf achtete, jedes Mal, wenn er zu Besuch kam, eine Schachtel Zigaretten für sie dabeizuhaben. Einige bedankten sich, andere starrten nur teilnahmslos vor sich hin. Diesmal war jedoch niemand auf dem Korridor. Pálmi hörte von irgendwoher Gebrüll, und in der Ferne schrillten Alarmglocken.

Der lange, enge und schlecht beleuchtete Korridor war vor langer Zeit vom Boden bis zur Decke mit dicker grüner Schiffsfarbe gestrichen worden. Ganz am Ende lag das Zimmer von Pálmis Bruder, aber es war niemand darin. Sonst war es immer ordentlich aufgeräumt, doch heute hatte es den Anschein, als hätte in diesem engen Raum ein Berserker gewütet. Der Kleiderschrank war kurz und klein geschlagen worden und das Bett umgekippt. Daníels Habseligkeiten lagen über das ganze Zimmer verstreut. Pálmi drehte sich um und ging rasch wieder den Gang zurück, um jemanden vom Personal zu finden. Er kam zu einer Nische, wo sich zwei Aufzüge befanden, und drückte auf beide Knöpfe. Als sich beim linken die Türen öffneten, stürzten zwei Aufseher mit einem Patienten zwischen sich heraus. Er war geknebelt.

»Wo ist Daníel?«, fragte Pálmi. Er blickte erschrocken in die panisch aufgerissenen Augen des Patienten, der wild um sich schlug. Er hieß Natan, so viel wusste Pálmi, und war erst vor kurzem in die Klinik eingeliefert worden. Die Dreiergruppe hastete an ihm vorbei, und einer der Aufseher rief ihm zu:
»Danni macht hier alle total verrückt. Er ist im obersten Stock und will sich umbringen. Vielleicht kannst du ihm gut zureden.«
Dann waren sie verschwunden. Pálmi stürzte in den Aufzug und drückte auf den Knopf für den fünften Stock. Der Aufzug öffnete sich in einen geräumigen Gemeinschaftsbereich hinein. Tische und Stühle lagen wild durcheinander, die Einrichtung war demoliert, und in einer kleinen Küche brannte es. Die Angestellten kämpften mit dem Feuer und versuchten, es mit Handfeuerlöschern einzudämmen. Weiter hinten hatte es den Anschein, als wären die Pa-tien-ten unter Kontrolle gebracht worden, indem man sie in einer Ecke des Raums zusammendrängte und so in Schach hielt. Von dort wurden sie einer nach dem anderen geholt und zu den Aufzügen gebracht. In einer anderen Ecke des Gemeinschaftsraums befanden sich ein paar mannshohe nebeneinander liegende Fenster. Eines von ihnen hatte eine zerbrochene Scheibe. Dort stand Pálmis Bruder und hatte dem Winterdunkel den Rücken zugekehrt.

»Pálmi«, rief Daníel, als er seinen Bruder näher kommen sah. »Sag ihnen, dass sie sich verpissen sollen. Sie wollen mir was antun, diese verfluchten Scheißkerle.«
»Kannst du nicht versuchen, ihn zur Raison zu bringen?«, fragte ein offensichtlich aufgebrachter Aufseher, der auf Pálmi zukam. »Er hat hier alles in Aufruhr gebracht und droht jetzt damit, sich umzubringen. Wenn wir es schaffen, ihn zu beruhigen, kriegen wir die Situation wieder unter Kontrolle.«
»Kommt bloß nicht in meine Nähe, ihr Scheißkerle«, schrie Daníel die Aufseher an, die einen Halbkreis um ihn gebildet hatten und darauf achteten, gebührenden Abstand zu halten. Pálmi beachtete sie aber nicht, sondern ging zu seinem Bruder hinüber.

Er machte keinen Versuch, sich auf ihn zu stürzen und ihn vom Fenster wegzuziehen, sondern er stellte sich neben ihn ans Fenster und blickte hinunter. Fünf Stockwerke tiefer sah man den Park, der hinter der Anstalt lag. Früher einmal war er großzügig beleuchtet gewesen, aber jetzt schimmerte nur noch ein kümmerliches Licht irgendwo in der Ferne.
»Weißt du, was sie mir angetan haben, diese verdammten Schweine?«, fragte Daníel. Pálmi hatte ihn nie zuvor so erregt gesehen. Daníel war knapp über vierzig, eher klein gewachsen, trug Jeans und ein weißes Hemd und hatte kurz geschorenes Haar. Er hatte ein Faible für weiße Hemden, wusch sie selbst und bügelte sie sorgfältig, oft stundenlang. Er war barfuß.
»Haben sie dich schlecht behandelt?«
»Diese Scheißkerle. Können wir nicht nach Hause gehen, Pálmi? Warum kannst du nicht einfach für mich sorgen?«
»Sollen wir nicht lieber auf dein Zimmer gehen und darüber reden?«
»Nein, lass uns hier reden. Ich komm mit dir nach Hause, Pálmi, und dann wohnen wir zusammen, und ich brauch diese verdammten Schweine nie wieder zu sehen. Bitte, Pálmi, bitte. Ich halte es hier nicht mehr aus, und Mama hat immer gesagt, dass du für mich sorgen würdest. Warum tust du das nicht?«
»Komm doch erst mal vom Fenster weg.«
»Warum nicht, Pálmi?«
»Los, Daníel, komm, wir gehen nach unten.«
»Sie haben mir Gift eingetrichtert, Pálmi. Diese verdammten Arschlöcher. Uns allen. Das sind Unmenschen. Mörder.«
»Lass uns doch unten darüber reden, Daníel. Komm vom Fenster weg.«

Es hatte den Anschein, als hätte die Spannung etwas nachgelassen. Die letzten Patienten wurden aus dem Gemeinschaftsbereich weggeführt, und auch die Aufseher bei den Brüdern wirkten etwas gelassener. Man hatte das Feuer in der Küche gelöscht. Das Gebrüll war verstummt, und die Alarmglocken schrillten nicht mehr. Daníel schien sich beim Anblick seines Bruders ebenfalls etwas beruhigt zu haben.

»Pálmi, kannst du dich erinnern, als ich das erste Mal krank wurde und ihr mich hierher gebracht habt? Ich habe gesagt, dass ich mit einer Sternschnuppe aus dem Paradies auf die Erde gekommen bin. Man hat mich rausgeworfen, weil ich aufgehört hatte zu glauben. Habe ich dir von all den anderen erzählt?«
Daníel hatte seinem Bruder den Arm um die Schultern gelegt. Die Aufseher waren fast alle verschwunden. Daníel flüsterte seinem Bruder ins Ohr.
»Frag danach, woher die anderen gekommen sind.«
»Was für andere, Daníel?«
»Die anderen aus der Schule, Pálmi. Frag, ob sie auch aus dem Paradies vertrieben worden sind.«
Er umklammerte Pálmis Schulter.
»Wen soll ich fragen?«
»Sie wissen ganz genau, was sie verbrochen haben, diese Schweine.«
»Wovon redest du, Daníel? Komm doch jetzt vom Fenster weg. Tu mir den Gefallen und komm runter auf dein Zimmer. Dort können wir in aller Ruhe darüber reden, ob du nicht wieder nach Hause kommen kannst.«
»Weißt du, jetzt sind wir der Sonne am nächsten, mein lieber Pálmi«, sagte Daníel und schien wieder völlig ruhig zu sein. Er küsste seinen Bruder behutsam auf die Stirn, und als sich sein Antlitz entfernte, wurde Pálmi klar, was er vorhatte. Er sah es, aber er begriff es einen Sekundenbruchteil zu spät. Er sah es in den Augen. Der Lebensfunken erlosch. Daníel drehte sich schweigend um und sprang aus dem Fenster. Eine Ewigkeit verging, bevor Pálmi den Aufprall hörte.

Fassungslos näherte er sich dem Fenster und blickte hinunter. Daníel lag rücklings mit ausgebreiteten Armen und Beinen auf den harten, steilen Treppen, die in den Keller des Hauses führten. Es hatte angefangen, zu schneien. Als der Krankenwagen endlich kam, hatten die weißen Flocken Daníel mit einem hauchdünnen Leichentuch bedeckt.

Zwei

In einem anderen Stadtteil stand ein kleines, einstöckiges über hundert Jahre altes Holzhaus, das von außen mit Wellblech verkleidet und schwarz angestrichen war. Es war von einem ungepflegten und nicht eingezäunten Gärtchen umgeben. In einer Ecke stand eine große Kiefer. Auf dem gefrorenen Rasen lag ein Benzinkanister. Er hatte keinen Verschluss mehr.
Die Haustür stand offen. Drinnen war die Luft stickig. Von einem alten Herd, auf dem Haferbrei übergekocht war, stieg schwarzer Rauch hoch. Der Gestank vermischte sich mit dem üblen Geruch, der schon vorher da gewesen war. Die Küche und das ganze Haus waren völlig verdreckt. Überall stapelten sich Zeitungen auf dem Fußboden. Schmutziges Geschirr stand herum, und schäbige Kleidungsstücke hingen entweder an irgendwelchen Haken oder lagen auf den Möbeln. Bis auf den Schein der Straßenlaternen, der zu den Fenstern hereindrang, und ein schwaches Licht, das durch die Tür aus einem kleinen Nebenzimmer ins Wohnzimmer fiel, war das Haus dunkel.

Dieses Zimmer war mit allem möglichen Kram voll gestopft. Es hatte keine Fenster, und von der Decke hing eine nackte Glühbirne. Auf dem Schreibtisch stand eine alte grüne Lampe, die sich über die Schreibfläche zu beugen schien, als hätte sie Angst, hochzublicken. Von ihr kam der Lichtschein. Auf dem Schreibtisch lagen Stapel von Büchern und Zeitschriften neben Tintenfässchen und teuren Füllfederhaltern. Aus einem alten Plattenspieler drang Musik, Dvo¡rák. Die Neue Welt.

Am Schreibtisch saß ein alter Mann in einem dicken roten Hausmantel, der zwar verschlissen war, aber warm aussah. An den Füßen trug er Filzpantoffeln. Die Hände mit den schmalen Fingern und überlangen Nägeln waren totenbleich. Seine Halbglatze war von farblosen Haarbüscheln umrahmt, die bis auf die Schultern hinunterhingen. Die Augen waren klein. Ein einige Tage alter Bart verhüllte einen Teil des Gesichts. Der Mann war auf dem Stuhl festgebunden und klatschnass. Er roch nach Benzin.
Eine kleine Benzinlache hatte sich unter ihm gebildet. Und von ihr führte eine Spur bis ins Wohnzimmer hinein. Die entzündliche Flüssigkeit war offenbar über Wände, Möbel und Kleiderhaufen gekippt worden. Auch in der Küche und in der Diele war Benzin. Der Mann auf dem Stuhl rührte sich nicht. Er gab keinen Laut von sich und machte keinen Versuch, sich zu befreien. Er schien ruhig abzuwarten, was da auf ihn zukam, so, als hätte er sich damit abgefunden, dass er das, was ihm bevorstand, verdient hätte. Er schien auf eine merkwürdige Weise mit der Welt im Reinen zu sein.

Mit leisem Zischen flammte das Streichholz auf. Der Mann auf dem Stuhl blickte starr vor sich hin. Nun liefen Tränen über seine Wangen, aber er bäumte sich nicht auf. Er wiegte sich nur vor und zurück, und seine Lippen bewegten sich zu der Melodie eines Kinderlieds, das er vor sich hin summte, wie um sich zu beruhigen.

Das brennende Streichholz wurde dem alten Mann zwischen die Finger geschoben, er hielt es eine Weile fest, bevor er es zu Boden fallen ließ. Das Feuer flammte sofort auf und umhüllte den Mann, den Stuhl und den Schreibtisch. Es züngelte blitzschnell über den Fußboden ins Wohnzimmer und die Wände hinauf. Im Handumdrehen brannte das Haus lichterloh. Die Fensterscheiben zersprangen, und die Flammen schlugen in die Nacht hinaus. Der Mann versuchte aufzustehen, kippte aber nach hinten durch die Tür in das lodernde Flammenmeer im Wohnzimmer.

Die Wände des Wohnzimmers waren vom Boden bis zur Decke mit eingerahmten Fotografien bedeckt, die sorgfältig in Reihen angeordnet waren. Sie schienen das Einzige zu sein, was in diesem Haus pfleglich behandelt worden war. In den ältesten Rahmen befanden sich ovale, schwarzweiße Porträtfotos von Jugendlichen, deren Namen in geschwungener Schrift unter den Fotos eingetragen worden waren. In der Mitte hing das Foto eines Schulgebäudes. Diese Art von Erinnerungsfotos war irgendwann aus der Mode gekommen und Gruppenfotos an ihre Stelle getreten. Auf ihnen waren die Schüler in zwei oder drei Reihen aufgestellt, und der Klassenlehrer stand neben ihnen. Auf den älteren Bildern hatten die Kinder Sonntagskleider an und sahen geschniegelt und gestriegelt aus, die Jungen mit glatt gekämmten Haaren und die Mädchen mit Zöpfen. Auf den älteren Bildern hatten die Fotografen versucht, eine gewisse Harmonie zu erzielen, und die Schüler nach Geschlecht und Größe aufgestellt. Die erste Reihe saß auf dem Boden, die mittlere auf Stühlen, die dritte Reihe stand dahinter.

Auf den neueren Bildern hatten sich die Schüler aufgestellt, wie es der Zufall ergab, und für die Klassenaufnahme zog man sich nicht mehr extra fein an. Auf den Bildern wurde viel gelächelt, kleine Lächeln, breite Lächeln, schüchterne Lächeln, und einige lachten sogar. Man konnte nicht nur die Veränderungen der Mode aus den Bildern ablesen, sie zeugten auch von einer anderen Einstellung. Auf den älteren Bildern schauten die Kinder erwartungsvoll in die Zukunft; sie standen diszipliniert, ordentlich und ein wenig schüchtern vor der Kamera. Auf den jüngsten Bildern aber ging es lockerer und weniger diszipliniert zu, man schien keine Ehrfurcht mehr vor diesem Augenblick zu haben, vielleicht auch nicht mehr vor der Tradition oder dem Schulgeist. Auf allen Bildern, die jetzt eins nach dem anderen den Flammen zum Opfer fielen, war derselbe Lehrer zu sehen. An ihm waren ähnliche Veränderungen festzustellen wie an seinen Schülern. Die ältesten waren Klassenfotos aus der Zeit, als er selbst noch zur Schule gegangen war, und dann kamen die B ilder, auf denen er als Lehrer bei seiner ersten Klasse stand, im Anzug mit schmaler Krawatte, und das dünne Haar war zur Seite gekämmt. Hornbrille. Die Zukunft lag vor ihm. Später trug er eine abgewetzte Strickjacke, sah mitgenommen aus, und die Haare hatten sich stark gelichtet. Auf einem von den älteren Bildern stand er über einem Schüler, der nicht in die Kamera blickte, sondern zu seinem Lehrer aufschaute. Dieser Junge war Daníel.

An den Stuhl festgebunden lag der alte Lehrer auf dem Boden und spürte, wie sein Leben in Flammen aufging.

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