Gletschergrab von
Buchvorstellung
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 1999
unter dem Titel Napóleonsskjölin,
deutsche Ausgabe erstmals 2005
bei Lübbe.
Ort & Zeit der Handlung: Island, 1950 - 1969.
- Reykjavík: Mál og menning, 1999 unter dem Titel Napóleonsskjölin. 365 Seiten.
- Bergisch Gladbach: Lübbe, 2005. Übersetzt von Coletta Bürling & Kerstin Bürling. 365 Seiten.
- Augsburg: Weltbild, 2006. Übersetzt von Coletta Bürling & Kerstin Bürling. 365 Seiten.
- Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2006. Übersetzt von Coletta Bürling & Kerstin Bürling. 365 Seiten.
- [Hörbuch] Bergisch Gladbach: Lübbe Audio, 2006. Gesprochen von Ulrich Pleitgen. gekürzt. 4 CDs.
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ISBN 3-404-15262-X, 365 Seiten. Copyright © Verlagsgruppe Lübbe
Leseprobe
Aus dem Isländischen von Coletta Bürling und Kerstin Bürling
Auf dem Gletscher tobte ein Orkan.
Er konnte die Hand nicht vor Augen sehen. Er konnte kaum den Kompass erkennen, den er in der Hand hielt. Umkehren war unmöglich, selbst wenn er gewollt hätte. Es gab auch nichts, wohin er sich hätte wenden können. Der Sturm biss ihn, peitschte ihm ins Gesicht und fegte ihm aus allen Richtungen harten und kalten Schnee entgegen. Der Schnee blieb in seiner Kleidung hängen, und bei jedem Schritt sank er bis übers Knie ein. Er hatte jegliches Zeitgefühl verloren und wusste nicht, wie lange er schon gelaufen war. Er konnte keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht ausmachen; dieselbe schwere Dunkelheit hatte ihn eingehüllt, seitdem er losgegangen war. Er wusste nur, dass er am Ende seiner Kräfte war. Er machte jeweils ein paar Schritte hintereinander, ruhte sich aus und ging dann weiter. Ein paar Schritte. Pause. Schritt. Pause. Schritt. Pause. Schritt.
Den Absturz hatte er fast unverletzt überstanden. Andere hatten nicht so viel Glück gehabt. Das Flugzeug war plötzlich mit ohrenbetäubendem Lärm über den Gletscher geschlittert. Für kurze Zeit hatte er Flammen aus einem der beiden Propeller schlagen sehen, bis plötzlich die ganze Tragfläche abriss und in der Dunkelheit und dem tosenden Sturm verschwand. Kurze Zeit später riss auch der andere Flügel unter Funkensprühen ab, und der flügellose Flugzeugtorso schoss wie ein Torpedo über den Gletscher.
Er selbst, der Pilot und drei andere waren bei der Bruchlandung angeschnallt gewesen, aber zwei aus der Gruppe hatten die Nerven verloren, als die Situation kritisch wurde. Sie waren in ihrer Panik von den Sitzen aufgesprungen und zur Pilotenkabine gestürmt. Beim Aufprall auf den Gletscher schossen sie wie Gewehrkugeln durch die Maschine und waren auf der Stelle tot. Er hatte sich geduckt, sah sie erst gegen die Decke, dann gegen die Seitenwand des Flugzeugs prallen, bis sie an ihm vorbei in den hinteren Teil des Flugzeugs geschleudert wurden, wo ihre Schreie erstarben.
Der Torso schabte über den Gletscher und pflügte durch Eis und Schnee, bis er allmählich an Geschwindigkeit verlor und schließlich zum Stehen kam. Dann war auf einmal alles still, bis auf das Heulen des Sturms.
Er war der Einzige, der gleich hinaus in das Unwetter wollte, um zu versuchen, bewohnte Gebiete zu erreichen. Die anderen wollten abwarten, denn sie hofften darauf, dass sich der Sturm legen würde. Sie wollten zusammenbleiben. Er war nicht zu halten. Er wollte nicht Gefahr laufen, im Flugzeug eingeschlossen zu werden. Wollte nicht, dass es zu seinem Sarg wurde. Mit ihrer Hilfe rüstete er sich so gut wie möglich für den Marsch. Er war noch nicht lange in dem unablässig wütenden Schneesturm unterwegs gewesen, als er begriff, dass er besser bei den anderen im Flugzeug geblieben wäre. Nun war es zu spät.
Er versuchte, Kurs nach Südosten zu halten. Vor der Bruchlandung hatte er für einen Moment ein Licht wie von einer menschlichen Ansiedlung gesehen und war der Meinung, in die richtige Richtung zu gehen. Er fror, seine Schritte wurden immer schwerer, und der Orkan schien eher noch an Stärke zu gewinnen als nachzulassen. Er kämpfte sich weiter durch den Schnee, aber seine Kräfte schwanden zusehends.
Er dachte an das Schicksal, das die anderen erwartete, die in der Maschine zurückgeblieben waren. Als er sie verließ, verschwand das Flugzeug schon unter Schnee, und die Furche, die es auf dem Gletscher gezogen hatte, wehte bereits wieder zu. Sie hatten Petroleumlampen dabei, aber das Petroleum würde nicht lange vorhalten, und die Kälte auf dem Gletscher war mörderisch. Die Tür des Flugzeugs durfte nicht offen bleiben, weil es sich sonst mit Schnee füllen würde. Wahrscheinlich waren sie jetzt schon im Flugzeug eingeschlossen. Sie wussten, dass sie auf jeden Fall erfrieren würden, ob sie im Flugzeug blieben oder hinaus auf den Gletscher gingen. Die wenigen Möglichkeiten, die ihnen blieben, hatten sie durchgesprochen. Er hatte ihnen gesagt, dass er nicht still dasitzen und auf seinen Tod warten würde.
Er hatte ihnen gesagt, dass er nicht im Flugzeug eingeschlossen werden wollte.
Die Kette rasselte. Die Tasche zog an seinem Arm. Sie war mit Handschellen an seinem Handgelenk befestigt. Er hatte den Griff schon lange losgelassen und schleifte die Tasche an der Kette hinter sich her. Die Handschellen schnitten in sein Handgelenk, aber das war ihm gleichgültig.
Ihm war alles gleichgültig.
Sie hörten das Flugzeug, lange bevor es in westlicher Richtung über sie hinwegflog. Sie hörten durch das Gebrüll des Orkans, wie es sich näherte, aber als sie zum Himmel schauten, war da nichts als winterliche Dunkelheit und peitschende Schneeböen. Es ging auf elf Uhr abends zu. Sie hatten sofort an ein Flugzeug gedacht. Wegen des Flughafens der Briten im Hornafjörður hatte all die Kriegsjahre hindurch in diesem Gebiet ein ziemlich reger Flugverkehr geherrscht, sodass sie inzwischen die meisten britischen und amerikanischen Flugzeuge am Geräusch erkannten. Dieses Geräusch hatten sie noch nie zuvor gehört. Und noch nie war das Dröhnen so nah gewesen. Es schien, als hielte das Flugzeug direkt auf ihren Hof zu.
Sie waren nach draußen gegangen und hatten schon eine Weile auf der Treppe gestanden, als das dröhnende Motorengeräusch seinen Höhepunkt erreichte. Sie hielten sich die Ohren zu und verfolgten das Geräusch in Richtung Gletscher. Für einen Augenblick sahen sie über sich einen dunklen Schatten, der sofort wieder in der kohlrabenschwarzen Nacht verschwand. Sie hatten den Eindruck, dass das Flugzeug zu steigen versuchte. Das Geräusch entfernte sich langsam, bis es schließlich über dem Gletscher verstummte. Sie dachten beide dasselbe. Das konnte nicht gut gehen. Das Flugzeug flog zu niedrig. Wegen des Unwetters war die Sicht gleich null, und die Maschine würde in wenigen Minuten zur Beute des Gletschers werden. Selbst wenn das Flugzeug noch an Höhe gewinnen würde, wäre es zu spät. Der Gletscher war zu nah.
Nachdem das Dröhnen erstarb, standen sie noch ein paar Minuten auf der Treppe, starrten in den Schneesturm und horchten. Es war nichts zu hören. Dann gingen sie wieder ins Haus. Sie konnten niemanden anrufen, um ihre Beobachtung zu melden, da die Telefonverbindung vor kurzem durch ein anderes Unwetter unterbrochen worden war. Bei dem Wetter war es unmöglich gewesen, die Leitung zu reparieren. Das waren sie gewohnt. Jetzt war wieder ein Unwetter über sie hereingebrochen und tobte fast noch heftiger als das vorige. Als sie zu Bett gingen, sprachen sie darüber, dass sie versuchen wollten, auf Pferden den nächsten größeren Ort, Höfn im Hornafjörður, zu erreichen. Dort wollten sie das Flugzeug melden, sobald der Sturm nachgelassen hatte.
Das Wetter beruhigte sich vier Tage später, und sie brachen auf, um nach Höfn zu reiten. Durch den tiefen Neuschnee kamen sie nur langsam vorwärts. Die beiden waren Brüder und wohnten allein auf dem Hof. Ihre Eltern lebten nicht mehr, und keiner von beiden hatte geheiratet. Auf dem Weg machten sie auf zwei Höfen Rast und übernachteten auf dem zweiten. Sie berichteten vom Flugzeug und ihrer Befürchtung, dass es vermutlich abgestürzt war. Die Leute auf den anderen Höfen hatten das Flugzeug nicht bemerkt.
Als die Brüder nach Höfn kamen, erstatteten sie Meldung über den Zwischenfall. Die Nachricht über die Sichtung des Flugzeugs südlich des Gletschers Vatnajökull und die Vermutung, dass es über dem Gletscher abgestürzt sei, wurden direkt telefonisch nach Reykjavík übermittelt. Der Flugsicherung der amerikanischen Besatzungsmacht in Reykjavík, die den gesamten Flugverkehr über Island und dem Nordatlantik koordinierte, waren keine Flugbewegungen zur angegebenen Zeit in der besagten Region bekannt. Angesichts der gefährlichen Großwetterlage war der Flugverkehr auf ein Minimum reduziert gewesen.
Etwas später am gleichen Tag erreichte den Landrat in Höfn ein Telegramm von der obersten Heeresleitung. Die amerikanischen Streitkräfte übernähmen von nun an die Untersuchung des Falles und würden Rettungsmannschaften auf den Gletscher entsenden. Damit sei die Angelegenheit für die örtlichen Behörden abgeschlossen. Allen Unbefugten sei es untersagt, sich der vermutlichen Absturzstelle auf dem Gletscher zu nähern. Erklärungen dazu wurden nicht abgegeben.
Vier Tage später trafen zwölf Militärtransporter mit ungefähr zweihundert Mann in Höfn ein. Während der dunkelsten Wintermonate war der Flughafen bei Höfn gesperrt, und die großen Gletscherflüsse im Süden Islands waren unpassierbar. Die Militärfahrzeuge hatten jeweils sechs Räder und waren mit Schneeketten ausgerüstet. Sie hatten im Konvoi Nordisland durchquert und waren an den Fjorden der Ostküste entlang zum Vatnajökull gefahren. Auch die Strecke durch Nordisland, die fast um die ganze Insel herumführte, war nahezu unpassierbar. Die Hauptstraße, die die Landesteile miteinander verband, war kaum etwas anderes als eine tief verschneite Piste, und im Hochland von Möðrudalur im Nordosten Islands hatten sie sich mühsam den Weg freischaufeln müssen.
Die Kompanie setzte sich aus Soldaten des 10. Infanterie- und des 46. Artillerieregiments zusammen, die von General Cortlandt Parker befehligt wurden, dem Oberkommandierenden der auf Island stationierten amerikanischen Streitkräfte. Einige der Soldaten hatten im Winter zuvor an einer Militärübung auf dem Gletscher Eiríksjökull teilgenommen, aber die meisten von ihnen waren noch nicht einmal im Umgang mit Skiern trainiert oder verfügten über andere Erfahrungen mit Eis und Schnee.
Ein Offizier namens Miller leitete den Einsatz. Die Soldaten schlugen ein Camp in der Nähe von Höfn auf, wo es bereits ein paar Baracken gab, die die britischen Streitkräfte zu Kriegsbeginn dort errichtet hatten. Von dort aus stießen sie weiter in Richtung Gletscher vor. Als die Soldaten bei den beiden Brüdern eintrafen, waren fast zehn Tage vergangen, seit diese das Flugzeug gesichtet hatten. Seitdem hatte es fast ununterbrochen geschneit. Die Soldaten richteten neben dem Hof ihr Basiscamp ein, und die beiden Brüder wiesen ihnen den Weg auf den Gletscher. Sie sprachen kein Englisch, aber mit Gestik und Zeichensprache konnten sie Miller die Flugbahn der Maschine anzeigen und ihm zugleich bedeuten, dass wenig Aussicht bestand, mitten im Winter auf dem Gletscher oder in der näheren Umgebung ein Flugzeug zu finden. »Der Vatnajökull ist der größte Gletscher Europas«, sagten sie und schüttelten die Köpfe. »Genauso gut könnte man eine Nadel in einem Heuhaufen suchen.« Die Lage wurde noch dadurch erschwert, dass inzwischen vermutlich alle Spuren der Bruchlandung unter dem Schnee verschwunden waren.
Captain Miller verstand ihre Hinweise, schenkte ihnen aber keine Beachtung. Obwohl alles tief verschneit war, konnte der Gletscher vom Hof der Brüder aus bestiegen werden, und sie kamen trotz der widrigen Umstände relativ zügig voran. Die Tage waren kurz. Hell war es nur zwischen zehn Uhr morgens und halb fünf Uhr nachmittags, sodass nicht viel Zeit zum Suchen blieb. Miller hatte seine Leute gut im Griff. Die Brüder kamen schnell dahinter, dass die meisten der Soldaten noch nie im Leben ihren Fuß auf einen Gletscher gesetzt und wenig Erfahrung mit einer winterlichen Mission wie dieser hatten. Die Brüder führten sie ohne weitere Zwischenfälle an allen Spalten und Abbrüchen vorbei. In einer Mulde am Rand des Gletschers schlugen die Soldaten in elfhundert Meter Höhe ihre Zelte auf.
Drei Wochen lang suchte Millers Kompanie die Gletscherzungen und ein fünf Quadratkilometer großes Gebiet auf dem Zentralgletscher ab. In dieser Zeit blieb das Wetter stabil, und die Soldaten gingen die Suche äußerst planvoll an. Sie teilten sich in zwei Suchtrupps auf; der eine durchkämmte das Gelände vom Basiscamp am Hof der Brüder hangaufwärts, der andere suchte den Gletscher vom oberen Camp aus ab, solange es hell war. Wenn es dunkel wurde, versammelten sich die Soldaten in ihren Zelten, aßen, schliefen und sangen Lieder, die die Brüder aus dem Radio kannten. Sie übernachteten in britischen Expeditionszelten aus doppeltem Nylon und wärmten sich an Primuskochern und Petroleumlampen. Gekleidet waren sie in dicke Pelzjacken, die bis über die Knie reichten und eine pelzgefütterte Kapuze hatten. Ihre Hände steckten in dicken, groben Handschuhen aus isländischer Wolle.
Bei dieser ersten Suchaktion wurde vom Flugzeug außer der Felge des Bugrads nichts gefunden. Die Brüder entdeckten sie oben auf dem Gletscher, zwei Kilometer vom Gletscherrand entfernt, und Miller nahm sie sofort in Verwahrung. Der Gletscher war an dieser Stelle ganz eben, und es fanden sich keinerlei Hinweise darauf, dass hier eine Maschine zerschellt oder notgelandet war. Selbst wenn das Flugzeug an dieser Stelle abgestürzt sein sollte, wäre das Wrack sicherlich schon unter Schnee und Eis verschwunden, sagten die Brüder. Der Gletscher hätte es verschlungen.
Captain Miller war bei der Suche nach dem Flugzeug unermüdlich und gewann schnell die Achtung der Brüder, die ihm mit großer Herzlichkeit und Respekt begegneten und bereit waren, alles für ihn zu tun. Miller fragte die beiden wegen ihrer guten Ortskenntnisse oft um Rat, sodass sich zwischen ihnen bald freundschaftliche Bande entwickelten. Als die Expedition auf dem Gletscher zum zweiten Mal von schlechtem Wetter überrascht wurde, war Miller schließlich gezwungen aufzugeben. Beim zweiten Wetterumschwung verschwanden ein Zelt sowie andere Ausrüstungsgegenstände unter dem Schnee und waren nicht mehr aufzufinden.
Zweierlei erstaunte die Brüder während dieser Suchaktion.
Eines Tages trafen sie Miller allein im Pferdestall des Hofes an. Der Pferdestall war direkt mit dem Kuhstall und der Scheune verbunden. Sie waren durch den Kuhstall hereingekommen und hatten Miller überrascht, wie er bei einem der Pferde in der Box stand und ihm über den Kopf strich. Es schien, als hätte sich der Offizier, der sich durch seine energische Art und seinen konsequenten Führungsstil die Bewunderung der Brüder erworben hatte, zurückgezogen und wäre in Tränen ausgebrochen. Er hatte seine Arme um den Hals des Pferdes gelegt, und seine Schultern zuckten leicht. Als einer der beiden sich räusperte, schrak Miller hoch. Er schaute sie an, und sie sahen, dass die Tränen eine feuchte Spur in seinem schmutzigen Gesicht hinterlassen hatten. Miller bekam sich rasch wieder in den Griff, nachdem er die beiden Brüder bemerkt hatte, wischte sich über das Gesicht und verhielt sich, als sei nichts vorgefallen. Die Brüder hatten miteinander schon öfter über Miller gesprochen. Sie hatten ihn nie nach seinem Alter gefragt, aber er wirkte nicht älter als fünfundzwanzig.
»Was für ein schönes Tier«, sagte Miller in seiner Muttersprache, aber die Brüder verstanden ihn nicht. Wahrscheinlich hat er Heimweh, dachten sie. Der Zwischenfall blieb ihnen im Gedächtnis haften.
Das andere, was die beiden Brüder merkwürdig fanden, war die Felge des Bugrads. Sie hatten Zeit genug , sie zu untersuchen, bevor Miller hinzukam und die Felge in Verwahrung nahm. Der Reifen hatte sich gelöst, sodass nur noch die nackte Felge an der gebrochenen Aufhängung hing. Sie sprachen anschließend noch lange darüber, dass in die Felge ein Wort in einer Sprache eingraviert war, die sie noch weniger verstanden als Englisch.
Kruppstahl.
1999
1
Das Gebäude lag in der Nähe des Weißen Hauses in der Hauptstadt Washington. Früher hatte es als Lagerhaus gedient, bevor es dann für etliche Milliarden umgebaut wurde, um darin eine der vielen geheimen Organisationen in dieser Stadt unterzubringen. Dabei war an nichts gespart worden, weder außen noch innen. Riesige Computer surrten dort den ganzen Tag und werteten Informationen aus dem Weltall aus. In der alten Lagerhalle wurden die Satellitenbilder des amerikanischen Militärgeheimdienstes in Datenbanken gesammelt. Dort wertete man sie aus, sortierte sie und schlug Alarm, sobald irgendetwas Ungewöhnliches zum Vorschein kam.
Offiziell hieß das Lagerhaus nur Gebäude 312. Die Organisation, die es beherbergte, war einer der Grundpfeiler des amerikanischen Verteidigungssystems während des Kalten Krieges gewesen. Sie wurde Anfang der sechziger Jahre gegründet, als der Kalte Krieg auf dem Höhepunkt war. Hauptsächlich war sie damit betraut, die Aufklärungsbilder auszuwerten, die über der Sowjetunion, China, Kuba und anderen Ländern aufgenommen wurden, die der usa als feindlich gesinnt galten. Seit dem Ende des Kalten Krieges bestand ihre Aufgabe unter anderem darin, die Terroristencamps in den Ländern östlich des Mittelmeers zu beobachten und die Kämpfe auf dem Balkan zu verfolgen. Die Organisation verfügte insgesamt über acht Satelliten auf Erdumlaufbahnen von achthundert bis fünfzehnhundert km Höhe.
An der Spitze des militärischen Geheimdienstes stand ein General namens Vytautas Carr. Im Augenblick betrachtete er die Monitore, die im Kontrollraum in der oberen Etage eine ganze Wand einnahmen, und studierte aufmerksam die Aufnahmen, deretwegen er gerufen worden war. Wegen der zwölf enormen Computeranlagen, die ohne Unterlass in einem abgetrennten Teil des Raumes surrten, wurden die Temperaturen im Haus niedrig gehalten. Zwei bewaffnete Posten bewachten die Tür. Über die ganze Breite des Saales standen vier Reihen mit flimmernden Computerbildschirmen.
Carr war um die siebzig und eigentlich längst im Pensionsalter, aber in seinem Fall hatte die Organisation eine Ausnahme gemacht. Er war fast zwei Meter groß, und das Alter hatte ihm noch nichts anhaben können. Sein ganzes Leben hatte er beim Militär gedient; er hatte in Korea gekämpft und war eine der dynamischsten Führungspersönlichkeiten des Geheimdienstes, der die Organisation mit aufgebaut und geprägt hatte. Er trug keine Uniform, sondern einen zweireihigen Anzug. Die Bildschirmwand spiegelte sich in seiner Brille. Hinter ihr verbargen sich kleine, stechende Augen, die auf zwei Bildschirme in der linken oberen Ecke starrten.
Einer der beiden Monitore zeigte Bilder aus dem Archiv der Organisation, das viele Millionen Satellitenbilder aus den vergangenen vier Jahrzehnten umfasste. Auf dem anderen Schirm waren neue Aufnahmen zu sehen. Die Bilder, die Vytautas Carr betrachtete, waren über Island aufgenommen worden, über einem kleinen Gebiet im Südosten des Vatnajökull. Das ältere Bild stammte aus dem vorherigen Jahr, das jüngere war erst wenige Stunden alt. Auf dem älteren Bild war nichts Ungewöhnliches zu erkennen, nur die schneeweiße Eisfläche des Gletschers und vereinzelte Spalten, aber auf dem neuen Bild konnte man in der unteren linken Ecke einen kleinen Fleck ausmachen. Die Aufnahmen waren grobkörnig und hatten einen Grauschleier, aber mit einiger Nachbearbeitung zeigten sie ein präzises und detailgenaues Bild. Carr bat darum, den Fleck zu vergrößern, und das Bild veränderte seine Auflösung, bis der schwarze Punkt den ganzen Schirm ausfüllte.
»Wen haben wir in Keflavík?«, fragte Carr den Mann am Kontrollpult, der die Bilder zeigte.
»Wir haben niemanden in Keflavík«, erwiderte der.
Carr dachte nach.
»Holen Sie mir Ratoff ans Telefon«, sagte er dann. »Hoffentlich ist das nicht wieder ein Phantom wie damals ’67«, fügte er hinzu.
»Wir haben bessere Satelliten als damals«, sagte der Mann, den Telefonhörer schon in der Hand.
»Wir haben noch nie ein so klares Bild vom Gletscher gehabt. Wie viele wissen über diese neuen Aufnahmen Bescheid?«
»Nur der Rest der Acht-Uhr-Schicht, das sind drei Leute, abgesehen von mir und Ihnen natürlich.«
»Wissen sie, worum es geht?«
»Sie haben keine Ahnung. Ihnen sind die Bilder noch nicht einmal aufgefallen.«
»Belassen wir es dabei«, sagte Carr und verließ den Raum. Er folgte einem langen Gang, bis er zu seinem Büro gelangte und die Tür hinter sich schloss. Das Telefon blinkte.
»Ratoff auf Leitung zwei«, ertönte eine Stimme aus dem Hörer. Carr zog eine Grimasse und drückte die Taste.
»Wie lange brauchen Sie, um nach Keflavík zu kommen?«, fragte Carr unvermittelt.
»Was ist Keflavík?«, fragte die Stimme im Telefon.
»Unser militärischer Stützpunkt in Island«, antwortete Carr.
»Island? Morgen Abend könnte ich dort sein. Was ist los?«
»Wir haben eine äußerst klare Aufnahme vom größten Gletscher des Landes. Er scheint uns jetzt endlich etwas wiedergeben zu wollen, was wir vor vielen Jahren dort oben verloren haben. Wir brauchen einen Mann in Keflavík, der dort bei unserer Operation alle Fäden in der Hand hält. Zwei Spezialeinheiten werden Sie dorthin begleiten, die Ausrüstung können Sie sich selbst zusammenstellen. Sagen Sie, dass es sich um eine Routineaktion handelt. Verweisen Sie auf den Verteidigungsminister, falls die Isländer Probleme machen sollten. Ich spreche mit ihm. Ich werde auch dafür sorgen, dass die zuständigen isländischen Behörden in Kenntnis gesetzt werden und eine Erklärung bekommen. Die Isländer reagieren sehr empfindlich auf alles, was unseren Militärstützpunkt dort betrifft. Immanuel Wesson wird unsere Botschaft in Island übernehmen und dort als unser Sprecher fungieren. Alle weiteren Informationen bekommen Sie auf der Hinreise.«
»Ich nehme an, dass es sich um eine geheime Operation handelt?«
»Sonst hätte ich Sie nicht hinzugezogen.«
»Keflavík. Jetzt erinnere ich mich. Gab es nicht 1967 irgendeinen Zwischenfall da oben auf dem Gletscher?«
»Wir haben jetzt bessere Satelliten als damals.«
»Sind es dieselben Koordinaten wie damals?«
»Nein. Die Position hat sich geändert. Dieser verdammte Gletscher ist ständig in Bewegung«, sagte Carr und unterbrach die Verbindung ohne ein Wort des Abschieds. Er mochte Ratoff nicht. Er stand auf, öffnete einen großen Glasschrank und entnahm ihm zwei kleine Schlüssel, die er in der Hand wog. Der eine war etwas größer als der andere, aber beide waren sehr schmal und gehörten offenbar zu einem kleinen Schloss. Er legte sie wieder zurück in den Schrank.
Es war schon viele Jahre her, dass Carr die Felge betrachtet hatte. Er holte sie aus dem Schrank und wog sie in der Hand. Er las die Aufschrift: Kruppstahl. Das war die Bestätigung für den Absturz. Das Fabrikat passte zu Typ und Größe der Maschine, zu Baujahr und Tragfähigkeit. Die Felge war der Beweis, dass das Flugzeug oben auf dem Gletscher war.
Und jetzt war es endlich gefunden.
Nach all den Jahren.
