Frostnacht von Arnaldur Indridason

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2005 unter dem Titel Vetrarborgin, deutsche Ausgabe erstmals 2007 bei Edition Lübbe.
Ort & Zeit der Handlung: Island / Reykjavik, 1990 - 2009.
Folge 7 der Kommissar-Erlendur-Serie.

  • Reykjavík: Vaka-Helgafell, 2005 unter dem Titel Vetrarborgin.
  • Bergisch Gladbach: Edition Lübbe, 2007. Übersetzt von Coletta Bürling. ISBN: 978-3-7857-1593-2.
  • Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2009. Übersetzt von Coletta Bürling. ISBN: 978-3-404-15980-2. 395 Seiten.
  • [Hörbuch] Bergisch Gladbach: Lübbe Audio, 2007. Gesprochen von Frank Glaubrecht. gekürzt. ISBN: 3-7857-3290-2. 4 CDs.
  • [Hörbuch] Köln: Lübbe Audio, 2011. Gesprochen von Frank Glaubrecht. gekürzt. ISBN: 3-7857-4579-6. 4 CDs.

'Frostnacht' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuchE-Book

In Kürze:

Ein offenbar kaltblütig ausgeführter Mord lässt den Menschen in Island das Blut in den Adern gefrieren – mehr noch als die eisigen Stürme, die in diesem ungewöhnlich kalten Winter über die Insel im Nordatlantik hinwegfegen: Ein kleiner Junge isländisch-thailändischer Abstammung wird erstochen aufgefunden. Im eigenen Blut am Boden festgefroren. Wie kann es zu einem derart grausamen Mord kommen? Wer bringt so etwas fertig? Die Ermittlungen von Erlendur, Sigurður Óli und Elinborg von der Kripo Reykjavík konzentrieren sich zunächst auf das direkte Umfeld des Kindes: die Lehrer, die Mitschüler und die Angehörigen. Je mehr sie dabei in Erfahrung bringen, desto tragischer erscheint der Tod des kleinen Jungen. Kommissar Erlendur Sveinsson ermittelt in seinem siebten Fall, der ihm auch aus persönlichen Gründen schwer zu schaffen macht …

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein Roman, der sich in einer Fülle von Ansätzen verliert« 68°

Krimi-Rezension von Thomas Kürten

Juni 2007 in Deutschland: Während hierzulande schon im Mai die Menschen ins Schwitzen kamen, weiß das Wetter inzwischen nicht mehr so recht was es will. Regen oder Sonnenschein, alles bei durchweg hohen Temperaturen von 20°C und deutlich mehr. Deutschland ächzt! Was liegt näher, als genau zu diesem Zeitpunkt einen Roman mit dem Titel »Frostnacht« zu veröffentlichen? Ein Roman, der im kühlen, winterlichen und düsteren Island spielt: Lesefutter für eine lauwarme Sommernacht?

Es ist inzwischen Indridassons siebter Roman um den kauzigen Kommissar Erlendur und leider konnte der isländische Autor das hohe Niveau aus den vorangegangenen Romanen diesmal nicht halten. Dabei lässt sich schwer beschreiben, warum das diesmal so ist, denn alle Elemente, die die Klasse der Vorgänger ausgemacht haben, sind auch diesmal vorhanden. Nur zünden sie nicht so gut, haben leicht Ladehemmung: sind sie in klirrender Frostnacht eingefroren?

Mord an einem Kind

Es ist Winter in Island. Und als ob es nicht reichen würde, dass dieser Winter besonders kalt ist, ist es im Januar in Island für gewöhnlich auch sehr lange dunkel. Nur zwischen spätem Vormittag und frühem Nachmittag ist für ein paar Stündchen die Sonne am Himmel. In dieser Zeit hat jemand dem zehnjährigen Elias, einem Sohn eines isländischen Vaters und einer thailändischen Mutter, ein Messer in den Bauch gestochen. In dem großen Wohnblock hat es anscheinend niemanden gekümmert, dass vor dem Haus die Leiche eines Jungen im eigenen Blut am Boden festfriert. Erlendur, Elinborg und Sigurdur Oli nehmen die dünnen Fährten auf, die sie zum Mörder des Jungen führen könnten.

Eine Spur führt zur geschiedenen, alleinerziehenden Mutter, dem älteren Bruder, dem Vater des Jungen. Eine andere in die Schule. Oder gab es in dem Viertel aktenkundige Gewalttäter, die erst kürzlich freigelassen wurden? Man kann es der isländischen Polizei nicht vorwerfen, allen Eventualitäten nachzugehen, aber auch noch ein anderer Fall will gelöst werden: Eine schon seit Wochen vermisste Frau, gesucht von ihrem Gatten, einem notorischen Fremdgeher. Außerdem liegt Erlendurs Lehrmeister bei der Polizei, Marian Briem, im sterben und Erlendurs Kinder wollen von ihrem Vater die Wahrheit über dessen Kindheit in den Ostfjorden wissen.

Isländer sind einsam

So dunkel wie ein isländischer Wintertag, so düster ist auch die Stimmung in Arnaldurs Romanen. Wie immer sind die beherrschenden Themen die Einsamkeit, Verlassen werden und mehr als bisher auch der Tod. Die Handlung wird auf einem Kindermord aufgebaut, der die Ermittler mit verschiedenen Arten von Rassismus und Ablehnung von allem Fremden konfrontiert. Die Isolation der Zuwanderer in der Gesellschaft und die Anonymität des Wohnblocks, Sprachbarrieren und der sogenannte »zweite Arbeitsmarkt« sind da noch die subtilsten Probleme, die angesprochen werden. Hier ist der Autor gewohnt stark, hier bringt er seine Botschaft kraftvoll rüber. Im zweiten Fall können Enttäuschung und Verbitterung der vermissten Frau ebenso gut nachempfunden werden, wenn Erlendur mit dem verlassenen Ehemann spricht. Hier stimmt also die gewohnte Qualität des Isländers.

Aber anders als bei allen Vorgängern muss Erlendur diesmal nicht so tief in der Vergangenheit graben. Wir haben es mit einer ziemlich gewöhnlichen Ermittlung zu tun. Erlendur, Elinborg und Sigurdur Oli suchen nach Ermittlungsansätzen, befragen hier ein paar Lehrer, da ein paar Schüler, Nachbarn, Eltern – aber es passiert nicht wirklich was. Und dann beginnt der Autor, sich zu wiederholen. Die Geschichte vom verschollenen Bruder des Kommissars kennt der Leser schon aus »Kältezone«, so dass der Autor nur unter seitenlanger Anstrengung noch einen Hauch eines halbwegs interessanten, neuen Ansatzes aus der bekannten Geschichte herausholt. Währenddessen bekommen zusehends auch Elinborg und Sigurdur Oli ein Privatleben, doch auch hier reicht es weitestgehend über Ansätze (noch) nicht hinaus.

Ein bisschen Faszination hat jedoch auch Frostnacht aufzuweisen. Es ist meisterhaft, wie Indridasson die Anonymität des Individuums als Wesensmerkmal der Isländischen Gesellschaft herausstellt. Der trostlose Tod Marian Briems und die offenbar vielfältigen Möglichkeiten, in einer relativ kleinen Bevölkerung spurlos zu verschwinden. Ist es Ignoranz, ist es mangelndes Interesse am Nachbarn? Soziales Desinteresse scheint in der Mentalität der Isländer tief verwurzelt. Wie steht es darum in unserer eigenen Gesellschaft? Hier gibt der Roman wertvollen Denkanstoß, während er ansonsten leider weitgehend nicht über Ansätze hinauskommt.

Thomas Kürten, Juli 2007

Ihre Meinung zu »Arnaldur Indridason: Frostnacht«

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vjeverica zu »Arnaldur Indridason: Frostnacht« 25.12.2013
Frostnacht hat mir ausgesprochen gut gefallen. War der erste Krimi dieses Autors, den ich kennenlernen durfte - als HB genossen.
Mich faszinierte speziell die Beschreibung der Isländer und ihrer Mentalität.

Mir gefiel das Buch sosehr, dass ich mir nun in der Leihbücherei Kälteschlaf auslieh - ich hoffe, dass dieses HB genauso gut ist.
Rokat zu »Arnaldur Indridason: Frostnacht« 12.09.2013
Ein weiterer Erlendur-Roman, und wie immer spannend, berührend, fesselnd und auch auf eine Art düster und kalt, wie sie für mich die Indridasson-Romane ausmachen. Wer nordische Krimis mag, wird auch diesen mögen. Wer aber auf Tempo, Action und "Dolce Vita" in Krimis steht, sollte wohl die Finger davon lassen.
tedesca zu »Arnaldur Indridason: Frostnacht« 17.12.2012
Teil 7 der Erlendur-Reihe hat mich besonders berührt. Es geht um den Mord an einem kleinen Buben, das Motiv ist und bleibt bis zum Schluss rätselhaft. Und ist letztendlich so bezeichnend für die Zeit, in der wir leben. Eine wirklich traurige (und auch spannende) Geschichte, die überall und jederzeit passieren könnte. Einmal mehr wunderbar gelesen von Frank Glaubrecht.
mylo zu »Arnaldur Indridason: Frostnacht« 11.08.2011
Wieder ein durchaus lesenswerter Island-Krimi mit der mir inzwischen ans Herz gewachsenen Figur des Erlendur.
Es mag nicht das stärkste Buch der Reihe sein aber sprachlich, von der Geschichte, den Personen und die Beleuchtung der sozialen Ängste im Zusammenhang mit fremden ein Buch was sich aus Masse heraushebt, spannend und unterhaltend wie erwartet.
80 Punkte und Lust auf mehr
3 von 3 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
hallgrimsson zu »Arnaldur Indridason: Frostnacht« 13.01.2011
"Frostnacht" war der erster Erlendur-Krimi den ich gelesen habe und ich bin total begeistert... und irgendwie richtig traurig, dass ich jetzt keinen Lesestoff mehr habe
(lese fast ausschließlich Skandinavien-Krimis, weil ich die einfach liebe). Also muss der nächste Erlendur-Fall her!

Zurück nochmals zur "Frostnacht": Atmosphärisch ist das ein Glanzstück, nicht zu toppen! (bin im Besonden Wallander-Fan, aber selbst dem steht Erlendur in nichts nach). Begeistert hat mich die raue nordische Landschaft mit ihrer eisigen Kälte unter Einfluss beißender Nordwinde sowie ein unglaublich sympathischer und melancholischer Kommissar Erlendur mit seinem traumatischen Kindheitserlebnis. Auch der Fall an sich ist an Tragik kaum zu überbieten, obwohl er sich phasenweise etwas in die Länge gezogen hat, so dass ich manchmal nicht wusste, wie lange der Mord nun zurückliegt. Alles in allem aber super spannend, entsetzlich tragisch und ganz oben drein die verzweifelte Suche Erlendurs nach dem Sinn des Seins
-> ein Krimi ganz nach meinem Geschmack! 90/100°
TinT79 zu »Arnaldur Indridason: Frostnacht« 12.11.2010
Grandios, anders kann ich es nicht beschreiben. Frostnacht ist für mich bis jetzt der beste Erlendur. In seinem siebenten Fall für den Kommissar der Kripo Reykjavik zeigt Arnaldur Indridason das er den „CWA Gold Dagger“, den „Nordic Crime Novel´s Award“ und den „Prix Mytere de la Critique“ nicht durch Zufall erhalten hat. Bei diesem Krimi überkommt einem das Gefühl selbst zu ermitteln.
Als ein kleiner asiatischer Junge erstochen und an seinem eigenen Blut festgefroren vor einem Wohnblock aufgefunden wird lenken nicht wenige ihre Gedanken hin zu einem fremdenfeindlichen Hintergrund. Als der große Bruder des Opfers am selben Tag spurlos verschwindet keimt ein unfassbarer Gedanke in den Ermittlern auf.
Packend, spannend und undurchschaubar bis zum Schluss.
detno zu »Arnaldur Indridason: Frostnacht« 18.10.2010
Das Hörbuch "Frostnacht", hervorragend von Frank Glaubrecht vorgetragen, reicht von der Klasse her nicht an die Vorgänger wie "Todesrosen", "Engelsstimme" oder "Nordermoor" heran.

Zähflüssig und zum Teil langatmig ziehen sich die polizeilichen Ermittlungen durch die nordische Kälte hin. Auch die Auflösung des Falls ist ziemlich holterdipolter, zumal man mit so einem Ende rechnen musste.

Andererseits ist die sozialkritische Auseinandersetzung mit dem Alltagsleben in Island großartig gelungen. Die Angst der Isländer vor der Überfremdung zeigt deutliche Parallelen zu der augenblicklichen Multikulti-Diskussion in Deutschland.

Schwächen im Krimiteil werden von den gesellschaftlichen Problemen und deren Beschreibung aufgefangen.

83° spendiere ich da schon.
manni zu »Arnaldur Indridason: Frostnacht« 31.08.2010
Ich habe die ganze Erlendur Serie mit Wonne gelesen. Einfach toll! Der Autor
nimmt den Leser mit nach Island und man taucht ganz schnell in die traurige Welt des Protagonisten ein und ist mittendrin und leidet förmlich mit. Was mir besonders gefällt , Indridason schreibt unaufdringlich,
entspannt, er biedert sich dem Leser nicht an, keine Effekthascherei. Ich bleibe weiter am Ball und freue mich schon auf "Kälteschlaf" .
Lesemaus zu »Arnaldur Indridason: Frostnacht« 22.01.2010
Ich bin wie immer gefangen von der Schreibweise von Indriðason. "Frostnacht" gefällt mir sehr gut. Konnte es schlecht aus der Hand legen.

Und trotzdem verstehe ich die Einwände einiger meiner Vorredner!

Besonders gefallen hat mir, auch mal von den anderen beiden mehr zu erfahren!

Ich freu mich aufjeden Fall schon auf den nächsten Indriðason.
Kasia zu »Arnaldur Indridason: Frostnacht« 30.11.2008
Arnaldur Indridadson zählt zu meinen Lieblingsschriftstellern. Nachdem ich aber schon einiges von ihm gelesen habe, kann ich guten Gewissens sagen, dass "Frostnacht", trotz einer guten Geschichte nicht zu seinen "Wunderwerken" zählt. Habe micht schon mehr von einem Buch in den Bann gezogen gefühlt, als bei der "Frostnacht". Die Geschichte ist interessant, die Hauptpersonen ebenfalls. Der Erzählstil ist ausführlich und melancholisch - typisch für Indridatson.
Bis zum Ende blieb es spannend, wer der Mörder des Kindes sein könnte. Es gab einige Verdächtige, aber am Ende kam es doch anders...
70% von mir.
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