Engelsstimme von

Buchvorstellung

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2002 unter dem Titel Röddin, deutsche Ausgabe erstmals 2004 bei Edition Lübbe.
Ort & Zeit der Handlung: Island, 1990 - 2009.
Folge 5 der Kommissar-Erlendur-Serie.

  • Reykjavík: Vaka-Helgafell, 2002 unter dem Titel Röddin. 379 Seiten.
  • Bergisch Gladbach: Edition Lübbe, 2004. Übersetzt von Coletta Bürling. ISBN: 3-7857-1551-X. 379 Seiten.
  • Augsburg: Weltbild, 2005. Übersetzt von Coletta Bürling. ISBN: 382897791X. 379 Seiten.
  • Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2006. Übersetzt von Coletta Bürling. ISBN: 978-3-404-15440-1. 379 Seiten.
  • Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2009. Übersetzt von Coletta Bürling. ISBN: 978-3-404-26960-0. 379 Seiten.
  • [Hörbuch] Bergisch Gladbach: Lübbe Audio, 2004. Gesprochen von Frank Glaubrecht. Gekürzte Romanfassung. Regie und Produktion: Marc Sieper. ISBN: 3-7857-1428-9. 4 CDs.
  • [Hörbuch] München: audio media, 2007. Gesprochen von Frank Glaubrecht. gekürzt. ISBN: 3939606480. 4 CDs.
  • [Hörbuch] Köln: Lübbe Audio, 2011. Gesprochen von Frank Glaubrecht. gekürzt. ISBN: 3-7857-4577-X. 4 CDs.

'Leseprobe' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

ISBN 3-7857-1551-X, 379 Seiten. Copyright © Verlagsgruppe Lübbe

Leseprobe

Aus dem Isländischen von Coletta Bürling

Endlich war der Augenblick gekommen. Der Vorhang ging hoch, der Saal lag vor ihm. Es war ein wunderbares Gefühl, von all diesen Leuten angeblickt zu werden, und seine Schüchternheit verflog im Nu. Er sah einige seiner Schulkameraden und Lehrer, und sogar der Rektor war anwesend, der ihm wohlwollend zuzunicken schien. Aber sonst kannte er nur wenige. All diese Leute hatten sich eingefunden, um ihn zu hören, seine schöne Stimme zu hören, die auch im Ausland bereits Aufsehen erregt hatte.
Das Summen im Saal verstummte allmählich, und aller Augen waren in schweigender Erwartung auf ihn gerichtet.

Er sah seinen Vater in der Mitte der ersten Reihe mit über-ein-ander geschlagenen Beinen sitzen, sah seine dicke, schwarze Hornbrille und auf dem Knie den Hut liegen. Er sah, dass er das Opernglas auf ihn gerichtet hatte und ihm aufmunternd zulächelte, das hier war für sie beide die große Stunde in ihrem Leben. Von jetzt an würde nichts mehr so sein wie früher.
Der Chordirigent hob die Hände. Schweigen senkte sich über den Saal.

Und er begann zu singen, mit dieser reinen, schönen Stimme, von der sein Vater sagte, es sei eine Engelsstimme.

Erster Tag
Eins

Elínborg wartete im Hotel auf sie.
Ein großer Weihnachtsbaum stand im Foyer, und die Halle war mit Tannenzweigen und glitzernden Kugeln weihnachtlich geschmückt. Holder Knabe im lockigen Haar erklang aus einer unsichtbaren Lautsprecheranlage. Große Reisebusse standen vor dem Eingang, und die Menschen strömten in die Rezeption. Ausländer, die Weihnachten und Neujahr in Island verbringen wollten, weil in ihren Augen Island Abenteuer und Spannung versprach. Sie waren gerade erst gelandet, aber trotzdem hatten sich einige bereits die typischen Islandpullover gekauft. Man trug sich eifrig als Gast in diesem fremden Winterland ein. Erlendur klopfte sich den nassen Schnee vom Mantel. Sigurður Óli ließ die Blicke über das Foyer schweifen und entdeckte Elínborg bei den Aufzügen. Er stieß Erlendur an, und sie gingen zu ihr hinüber. Sie hatte den Schauplatz bereits in Augenschein genommen. Die Polizisten, die zuerst eingetroffen waren, hatten dafür gesorgt, dass nichts angerührt wurde.

Der Hotelmanager bat händeringend darum, nicht überzureagieren. Das Wort hatte er verwendet, als er anrief. Dies war ein Hotel, und Hotels lebten von ihrer Reputation, und er bat sie, Rücksicht darauf zu nehmen. Deswegen gab es draußen keine Sirenen, und es gab auch keine uniformierten Polizisten, die durch die Halle stürmten und Leute anrempelten. Der Hotelmanager erklärte, dass die Gäste des Hotels unter gar keinen Umständen in irgendeiner Weise beunruhigt werden dürften.
Island durfte nicht zu spannend und abenteuerlich sein.

Jetzt stand der Hotelmanager an der Seite von Elínborg und gab Erlendur und Sigurður Óli die Hand. Der Mann war so fett, dass er kaum in seinen Anzug passte. Das Jackett war über dem Bauch mit einem Knopf zugeknöpft, der sicher nicht mehr lange halten würde. Der Hosenbund verschwand unter dem enormen Bauch, der aus dem Jackett quoll, und der Mann schwitzte so stark, dass er das große, weiße Taschentuch, mit dem er sich in regelmäßigen Abständen Stirn und Nacken abwischte, kaum wegstecken konnte. Der weiße Hemdkragen war schon schweißnass. Erlendur drückte seine feuchte Hand.
»Vielen Dank«, erklärte der Hotelmanager und blies vor lauter Besorgnis wie ein Wal. Er hatte das Hotel fast zwanzig Jahre lang geleitet, aber so etwas war ihm noch nie untergekommen.

»Und das mitten im Weihnachtsbetrieb«, stöhnte er. »Ich begreife nicht, wie so etwas passieren kann. Wie kann so etwas passieren?«, wiederholte er, und ihnen entging nicht, dass ihn die Situation völlig überforderte.
»Ist er unten oder oben?«, fragte Erlendur.
»Unten oder oben?«, schnaufte der fette Hotelmanager. »Meinst du etwa, ob er zum Himmel gefahren ist?«
»Tja«, sagte Erlendur. »Das müssen wir wohl unbedingt in Erfahrung bringen.«
»Nehmen wir den Aufzug nach oben?«, fragte Sigurður Óli.
»Nein«, erwiderte der Hotelmanager, der sich auf den Arm genommen fühlte und Erlendur anstarrte. »Er ist hier unten im Keller. Hat da ein kleines Zimmer. Wir haben ihn nicht rauswerfen mögen. Und das ist dann der Dank dafür.«
»Warum wolltet ihr ihn denn rauswerfen?«, fragte Elínborg.
Der Hotelmanager sah sie an, ohne zu antworten.

Sie begaben sich langsam auf der Treppe neben dem Aufzug nach unten. Der Hotelmanager ging voran. Sogar treppabwärts waren die Stufen eine Anstrengung für ihn, und Erlendur überlegte, wie er da wohl wieder hochkommen würde.
Sie hatten sich damit einverstanden erklärt, möglichst rücksichtsvoll vorzugehen, nur Erlendur hatte nichts gesagt. Sie wollten wenigstens versuchen, so diskret wie möglich zu arbeiten. Drei Polizeiautos und ein Krankenwagen standen hinter dem Hotel. Polizei und Krankenwagenbesatzung waren zum Hintereingang hereingekommen. Der Amtsarzt war unterwegs. Er würde den Totenschein ausstellen und den Leichenwagen anfordern.

Sie gingen einen langen Gang entlang, Schritt für Schritt hinter dem schnaufenden Wal her. Uniformierte Polizisten grüßten sie. Je weiter sie nach hinten kamen, desto dunkler wurde der Gang, weil die Birnen an der Decke den Geist aufgegeben hatten und sich offenbar niemand die Mühe gemacht hatte, sie auszuwechseln. Schließlich kamen sie in der Finsternis an eine Tür, die halb offen stand und den Blick in einen kleinen Raum freigab. Der glich eher einer Abstellkammer als einer menschlichen Behausung, aber enthielt immerhin ein schmales Bett und einen kleinen Schreibtisch. Auf den dreckigen Fliesen lag ein abgewetzter Bettvorleger, oben, knapp unterhalb der Decke, war ein kleines Fenster.

Der Mann saß mit dem Rücken an die Wand gelehnt im Bett. Er trug ein knallrotes Weihnachtsmannkostüm mit entsprechender Mütze, die ihm ins Gesicht gerutscht war. Der weiße Weihnachtsmann-Rauschebart verdeckte den Rest des Gesichts. Die Schnalle des breiten Gürtels war über dem Bauch gelöst worden, und die Jacke war aufgeknöpft. Darunter trug er nichts weiter als ein weißes Unterhemd. Über dem Herzen war eine tödliche Stichwunde. Am Bauch waren noch weitere Verletzungen, aber der Stich ins Herz war der tödliche gewesen. Seine Hände wiesen ebenfalls Stichwunden auf, als hätte er versucht, den Angriff abzuwehren.
Die Hosen waren heruntergelassen. An seinem Glied hing ein Kondom.
»Morgen kommt der Weihnachtsmann«, trällerte Sigurður Óli und schaute auf die Leiche hinunter.
Elínborg brachte ihn mit einem »Psst« zum Schweigen.

Im Zimmer gab es noch einen kleinen Kleiderschrank. Der stand offen, und man sah zusammengefaltete Hosen und Pullover, gebügelte Hemden und Socken. Die Livree hing auf einem Bügel, dunkelblau mit goldenen Epauletten und glänzenden Messingknöpfen. Neben dem Schrank standen blank geputzte Lederschuhe.
Zeitungen und Zeitschriften stapelten sich auf dem Fußboden. Neben dem schmalen Bett stand ein Nachttisch mit einer Lampe. Auf dem Nachttisch lag ein Buch: A History of the Vienna Boys’ Choir.

»Hat dieser Mann hier gewohnt?«, fragte Erlendur und blickte sich um. Elínborg und er hatten sich in das Zimmer hineingezwängt, Sigurður Óli und der Hotelmanager standen draußen. Für alle war drinnen kein Platz.
»Wir haben ihm gestattet, sich hier einzurichten«, sagte der Hotelmanager verlegen und wischte sich erneut den Schweiß von der Stirn. »Er arbeitete schon seit langem bei uns, war schon da, als ich kam. Er war Portier.«
»Stand die Tür offen, als man ihn gefunden hat?«, fragte Sigurður Óli und versuchte amtlich zu klingen, um den Ausrutscher von vorhin wieder wettzumachen.
»Ich habe sie gebeten, auf euch zu warten«, erklärte der Hotelmanager. »Das Mädchen, das ihn gefunden hat. Sie ist in der Kantine für die Hotelangestellten. Das arme Ding steht unter Schock, das könnt ihr euch sicher vorstellen.« Der Hotelmanager vermied es, in das Zimmer zu blicken.

Erlendur trat zu der Leiche und untersuchte die Herzwunde. Er konnte sich nicht vorstellen, mit was für einem Messer der Mann getötet worden war. Er blickte hoch. Über dem Bett hing ein altes, vergilbtes Kinoplakat mit Shirley Temple, das an den Ecken mit Tesafilm angeklebt worden war. Erlendur kannte den Film nicht. Er hieß The Little Princess. Das Plakat war der einzige Schmuck, den es im Zimmer gab.
»Wer ist denn das?«, fragte Sigurður Óli, der an der Tür stand und das Plakat betrachtete.
»Das steht doch da«, sagte Erlendur. »Shirley Temple.«
»Wer war das noch? Lebt sie noch?«
»Wer war Shirley Temple?«, wiederholte Elínborg. »Weißt du wirklich nicht, wer sie war? Du hast doch angeblich in Amerika studiert.«
»War sie ein Hollywoodstar?«, fragte Sigurður Óli und schaute immer noch auf das Plakat.
»Sie war ein Kinderstar«, sagte Erlendur mürrisch. »So gesehen ist sie also schon lange tot, ob sie nun noch am Leben ist oder nicht.«
»Aha«, gab Sigurður Óli von sich, der mit dem Gesagten rein gar nichts anzufangen wusste.
»Ein Kinderstar«, sagte Elínborg. »Wenn ich mich nicht täusche, lebt sie noch. Ich erinnere mich nicht so genau. Ich glaube, sie arbeitet im Auftrag der Vereinten Nationen.«

Erlendur fiel auf, dass es keine weiteren persönlichen Gegenstände in dem Zimmer gab. Er sah sich um, nirgends ein Buchregal oder Cds, kein Computer, kein Radio und kein Fernseher. Nur ein Schreibtisch, ein Stuhl neben dem Bett und eben das Bett mit einem zerwühlten Kopfkissen und einem schmutzigen Bettbezug. Der winzige Raum erinnerte ihn an eine Gefängniszelle.
Er trat auf den Gang hinaus und spähte in die Dunkelheit. Er glaubte, einen schwachen Rauchgeruch wahrzunehmen, so als hätte jemand mit Streichhölzern herumhantiert, um sich Licht zu verschaffen.
»Was gibt es da hinten sonst noch?«, wandte er sich an den Hotelmanager.
»Nichts«, erwiderte der und schaute zur Decke. »Nur das Ende des Gangs. Da fehlen ein paar Birnen, ich lass das in Ordnung bringen.«
»Wie lange hat der Mann hier gelebt?«, fragte Erlendur und ging in das Zimmer zurück.
»Ich weiß es nicht, das war vor meiner Zeit.«
»War er schon hier, als du Hotelmanager wurdest?«
»Ja.«
»Willst du mir damit sagen, dass er in diesem Kabuff mehr als zwanzig Jahre gelebt hat?«
»Ja.«
Elínborg betrachtete das Kondom.
»Auf jeden Fall hat er sich an Safersex gehalten«, erklärte sie.
»Nicht safe genug«, meinte Sigurður Óli.

In diesem Augenblick erschien der Amtsarzt im Gefolge eines Hotelangestellten, der sofort wieder Richtung Treppe verschwand. Der Arzt war ziemlich korpulent, konnte es aber keinesfalls mit dem Hotelmanager aufnehmen. Als er sich in das Zimmer zwängte, wurde es Elínborg zu eng und sie schlüpfte rasch hinaus.

»Hallo Erlendur«, sagte der Amtsarzt.
»Na, was meinst du dazu?«, fragte Erlendur.
»Herzstillstand? Aber ich muss mir das noch näher anschauen«, erklärte der Amtsarzt, der für seinen merkwürdigen Humor bekannt war.
Erlendur schaute Elínborg und Sigurður Óli an, die breit grinsten.
»Hast du eine Ahnung, wann das passiert sein könnte?«, fragte Erlendur.
»Lange kann es nicht her sein. Irgendwann in den letzten zwei Stunden. Er ist noch warm. Was ist mit den Rentieren, habt ihr die auch gefunden?«
Erlendur stöhnte.
Der Amtsarzt nahm die eine Hand von der Leiche.
»Ich stelle euch den Wisch aus«, sagte der Arzt. »Ihr schickt ihn dann ins Leichenschauhaus, und die öffnen ihn da. Ich habe gehört, dass ein Orgasmus Ähnlichkeit mit dem Sterben haben soll«, fügte er hinzu und schaute auf die Leiche herunter. »Er hat’s also doppelt bekommen.«
»Doppelt bekommen?« Erlendur begriff ihn nicht.
»Einen doppelten Orgasmus«, sagte der Arzt. »Ihr fotografiert das alles, nicht wahr?«
»Natürlich«, sagte Erlendur.
»Die Fotos werden sich prima in seinem Familienalbum machen.«
»Ich habe nicht den Eindruck, dass er Familie hat«, entgegnete Erlendur und blickte sich um. »Bist du dann einstweilen fertig?«, fragte er, langsam hatte er genug von dieser Art von Humor.
Der Amtsarzt nickte, zwängte sich wieder auf den Gang und verschwand.
»Müssen wir nicht das Hotel schließen?«, fragte Elínborg und sah, wie der Hotelmanager nach Luft schnappte. »Damit hier niemand raus- oder reinkommen kann. Alle Gäste verhören und alle Angestellten? Den Flugplatz dichtmachen. Den internationalen Schiffsverkehr ...«
»Um Himmels willen«, stöhnte der Hotelmanager, knüllte sein Taschentuch zusammen und schaute beschwörend auf Erlendur. »Das ist doch bloß ein Portier!«
Maria und Josef hätten hier nie eine Herberge bekommen, dachte Erlendur.
»Diese …diese ekelhafte Angelegenheit hat nichts mit meinen Gästen zu tun«, rief der Hotelmanager und bekam vor Empörung kaum Luft. »Das sind zum größten Teil ausländische Touristen oder Isländer aus anderen Landesteilen, vermögende Leute, die Reedereien und dergleichen besitzen. Keiner von denen hat irgendwas mit diesem Portier zu tun. Keiner! Dies ist das zweitgrößte Hotel in Reykjavík, und über die Feiertage ist es voll bis unters Dach. Ihr könnt mir hier nicht dichtmachen! Das könnt ihr einfach nicht machen!«
»Wir könnten schon, aber wir werden es nicht tun«, sagte Erlendur beschwichtigend. »Wir müssen vielleicht den einen oder anderen Hotelgast vernehmen, und den größten Teil des Personals, denke ich.«
»Gott sei Dank«, stöhnte der Hotelmanager und schien sich wieder zu beruhigen.
»Wie hieß der Mann?«
»Guðlaugur«, sagte der Hotelmanager. »Ich glaube, er ist so um die fünfzig. Und du hast wohl Recht, was seine Familie angeht. Ich glaube, er hat keine.«
»Wer hat ihn hier besucht?«
»Ich habe keine Ahnung«, schnaufte der Hotelmanager.
»Ist hier im Hotel vielleicht irgendetwas Ungewöhnliches vorgefallen, was mit diesem Mann in Verbindung stand?«
»Nein.«
»Diebstahl?«
»Nein, hier ist gar nichts vorgefallen.«
»Beschwerden?«
»Nein.«
»Er war nicht in irgendwas verwickelt, was das hier erklären könnte?«
»Nicht, dass ich wüsste.«
»Gibt es jemanden im Hotel, mit dem er nicht gut auskam?«
»Mir ist nichts dergleichen bekannt.«
»Vielleicht außerhalb des Hotels?«
»Ich weiß von nichts, aber ich kenne ihn auch nicht besonders gut. Kannte ...«, korrigierte sich der Hotelmanager.
»Nicht einmal nach zwanzig Jahren?«
»Nein, eigentlich nicht. Er hatte nicht viel für andere Menschen übrig, glaube ich. Er lebte ziemlich für sich.«
»Glaubst du, dass ein Hotel der richtige Ort für solche Menschen ist?«
»Ich? Ich weiß ni …Er war immer äußerst höflich, und es hat sich nie jemand über ihn beschwert. So gesehen.«
»So gesehen?«
»Nein, es hat sich nie jemand über ihn beschwert. Er war im Grunde genommen ganz gut in seinem Job.«
»Wo ist die Kantine, von der du gesprochen hast?«, fragte Erlendur.
»Ich bringe dich hin.« Der Hotelmanager wischte sich den Schweiß von der Stirn und war offensichtlich erleichtert, dass sie das Hotel nicht schließen wollten.
»Hat er häufig Besuch gehabt?«
»Was?«, sagte der Hotelmanager.
»Besuch«, wiederholte Erlendur. »Hier muss doch jemand bei ihm gewesen sein, den er gekannt hat. Hast du nicht den Eindruck?«

Der Hotelmanager schaute auf die Leiche, und sein Blick blieb an dem Kondom hängen.
»Ich habe keine Ahnung, was er für Freundinnen hatte.«
»Du weißt nicht gerade viel über diesen Mann«, sagte Erlendur.
»Er ist Portier hier«, sagte der Hotelmanager. Er war offensichtlich der Meinung, dass Erlendur sich mit dieser Erklärung zufrieden geben könnte.

Sie verließen den Raum. Die Leute von der Spurensicherung rückten mit ihren Geräten und Apparaten an, und ihnen folgten weitere Polizisten. Es war nicht ganz einfach, sich an dem Hotelmanager vorbeizuzwängen. Erlendur trug ihnen auf, auch den Gang und die dunkle Ecke hinter dem Zimmer genau zu untersuchen. Sigurður Óli und Elínborg blieben noch kurz in dem Raum stehen und betrachteten die Leiche.

»Also ich möchte nicht so gefunden werden«, sagte Sigurður Óli.
»Ihn juckt das doch nicht mehr«, erwiderte Elínborg.
»Nee, wahrscheinlich nicht«, sagte Sigurður Óli.
»Ist da was drin?«, fragte Elínborg und zog eine kleine Tüte mit Erdnüssen hervor. Sie hatte immer etwas zu knabbern in der Tasche. Sigurður Óli hielt das für ein Zeichen von Nervosität.
»Was drin?«, fragte er.

Sie nickte in Richtung der Leiche. Sigurður Óli schaute sie einen Augenblick an und begriff dann, worauf sie hinauswollte. Er zögerte etwas, kniete sich dann aber hin und beäugte das Kondom.
»Nein«, sagte er. »Nichts. Das Ding ist leer.«
»Die hat ihn dann umgebracht, bevor er seinen Orgasmus hatte«, sagte Elínborg. »Der Arzt glaubte ...«
»Die?«, echote Sigurður Óli.
»Ja, liegt das nicht auf der Hand?«, sagte Elínborg und stopfte sich eine Hand voll Erdnüsse in den Mund. Sie hielt Sigurður Óli die Tüte hin, der aber dankend ablehnte. »Kommt dir das Ganze nicht irgendwie nuttig vor? Er ist hier mit einer Frau zusammen gewesen«, erklärte sie. »Oder?«
»Das ist die nahe liegendste Erklärung«, sagte Sigurður Óli und erhob sich.
»Du glaubst aber nicht daran?«, fragte Elínborg.
»Ich weiß es nicht. Ich habe keinen blassen Schimmer.«

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