Abgründe von Arnaldur Indriðason

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2009 unter dem Titel Svörtuloft, deutsche Ausgabe erstmals 2011 bei Bastei Lübbe.
Ort & Zeit der Handlung: Island / Reykjavik, 1990 - 2009.
Folge 10 der Kommissar-Erlendur-Serie.

  • Reykjavik: Vaka Helgafell, 2009 unter dem Titel Svörtuloft. 326 Seiten.
  • Köln: Bastei Lübbe, 2011. Übersetzt von Coletta Bürling. ISBN: 978-3-7857-2419-4. 432 Seiten.
  • [Hörbuch] Köln: Lübbe Audio, 2011. Gesprochen von Walter Kreye. ISBN: 3-7857-4458-7. 4 CDs.

'Abgründe' ist erschienen als Hardcover Hörbuch

In Kürze:

Island 2005 – die Wirtschaft boomt in nie gekanntem Ausmaß. Ehrgeizige junge Unternehmer machen durch clevere Finanzgeschäfte weltweit von sich reden. Ganz Island bewundert seine Expansionswikinger. In dieser Zeit des unbegrenzten Wachstums stürzt ein Banker von einer Steilklippe in den Tod. Ein Unfall? Kurz darauf wird eine junge Frau von einem Schuldeneintreiber zu Tode geprügelt. Beide Ereignisse scheinen zunächst nichts miteinander zu tun zu haben. Nur eines ist sicher, Geld spielt in beiden Fällen die entscheidende Rolle.

Das meint Krimi-Couch.de: »Nur für Indridason-Fans empfehlenswert.« 65°

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Auf der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt ist Island als Ehrengast vertreten. Was liegt für die Krimi-Couch da näher als sich mit dem neuen Roman Abgründe des isländischen Top-Autors Arnaldur Indridason zu beschäftigen. Um es vorweg zu nehmen, der neue »Island Krimi« ist nur etwas für eingefleischte Fans des Autors, der seinen bisherigen Protagonisten Kommissar Erlendur zunächst einmal in Urlaub geschickt hat, so dass dieser gar nicht erst in Erscheinung tritt.

Folglich muss sich Sigurdir Oli mit einem Fall beschäftigen, in dem er persönlich involviert ist. Sein bester Freund Patrekur bittet ihn um Hilfe, da dessen Freund Hermann mit seiner Frau offenbar bei einer Swingerparty fotografiert wurde und nunmehr erpresst wird. Verantwortlich dafür sind angeblich Lina und Ebeneser, ein hochverschuldetes Paar. Doch als Sigurdir Oli diese zur Rede stellen will, findet er Lina schwer verletzt in ihrer Wohnung vor. Zu spät bemerkt er, dass sich der Täter, offenbar ein Schuldeneintreiber, noch am Tatort aufhält. Dem Täter gelingt die Flucht und Lina wird in ein Krankenhaus eingeliefert, wo sie kurz darauf ihren Verletzungen erliegt. Da Sigurdir Oli eigentlich gar nicht an den Ermittlungen teilnehmen dürfte, kommt es zu Spannungen mit seinem Kollegen Finnur.

Dennoch ermittelt Sigurdir Oli weiter und findet heraus, dass relativ exakt vor einem Jahr bei einem Ausflug ein Banker von einer Klippe in den Tod stürzte. Veranstalter der Tour waren Lina und Ebeneser, der jedoch jegliche Zusammenarbeit mit der Polizei ablehnt. Sigurdir Oli ermittelt weitgehend auf eigene Faust und gerät bald in höchste Bankenkreise, die in abenteuerlichsten Geschäften immer mehr Gewinne scheffeln…

Abgründe ist ein typischer skandinavischer Krimi, bei dem es auch, aber eben nicht nur, um den Krimiplot geht. Genau hier liegt die Stärke (oder Schwäche) des Romans. Natürlich kann Arnaldur Indridason großartig erzählen, aber im vorliegenden Fall übertreibt er es zu sehr mit seinen ausführlichen Handlungssträngen abseits des eigentlichen Falles. Dass sich Kommissar Erlendur im Urlaub befindet ist geschenkt, so kann sein Mitarbeiter Sigurdir Oli einmal intensiver betrachtet werden. Dass aber dieser Erzählstrang, also das Privatleben Olis, gefühlt locker ein Drittel des Romans ausmacht, ist dann doch »ein wenig« übertrieben. Will man wirklich in exzessivem Ausmaß erfahren, dass Oli gerne amerikanische Sportarten im Fernsehen anschaut, keinen Bock auf Bücher hat, sein Verhältnis mit seiner Frau Bergpora am Ende ist und er sich intensiver als bisher mit seinen Eltern beschäftigt, deren Beziehung auch schon seit längerer Zeit dahin ist? Würde er sich wenigstens bei seinen Ermittlungen nicht wie der berühmte Elefant im Porzellanladen aufführen, es wäre vielleicht ja noch erträglich.

Ebenfalls ein Drittel des Plots nimmt – gefühlt – eine Side-Story ein, die mit dem eigentlichen Fall nahezu nichts zu tun hat und somit (streng genommen) weitestgehend überflüssig ist. Ein Penner wurde als Kind von seinem Stiefvater misshandelt und sinnt nun auf Rache. Ja, auch so lassen sich die Seiten füllen, wobei nochmals erwähnt sei, dass Indridason das keineswegs uninteressant schreibt.

Was bleibt vom eigentlichen Krimi-Plot? Leider sehr wenig, denn wer Lina erschlagen hat ist relativ schnell geklärt und so dreht sich letztlich der Fall nur noch um die Frage nach dem vermeintlichen Motiv. Hier nutzt Indridason die Gelegenheit, die herrschende Finanzkrise in Island einfließen zu lassen und am Verhalten der Banker ordentlich Kritik zu üben. Dies mag der aktuellen Lage an den Finanzmärkten gerecht werden und verkauft sich sicher gut, macht aus einem mittelmäßigen Krimi mit ordentlichen Längen, aber auch kein Meisterwerk, da der Plot erst im letzten Drittel richtig Fahrt aufnimmt. Es sei denn, man interessiert sich für das Privatleben des Protagonisten.

Jörg Kijanski, Oktober 2011

Ihre Meinung zu »Arnaldur Indriðason: Abgründe«

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samson zu »Arnaldur Indriðason: Abgründe« 25.12.2014
Enttäuschend in jeder Beziehung!
Ein Polizist der ohne jegliche Hemmung und Auftrag in Wohnungen und Häuser einbricht.
Ein Polizist, dessen "Wohl und Wehe "Gedanken sich der Leser durch das ganze Buch hindurch aussetzen muss.
Ein Polizist, der im Gegensatz zu allen anderen Figuren ausnahmslos mit Vor- und Familiennamen bezeichnet wird und das sogar mehrmals in einem Absatz.
Das dauernde Abtriften auf Nebenschauplätze in der sich ohnehin schon mehr als zäh hinziehenden Handlung!
Für mich war es eine Zumutung und alles in mir sträubte sich dieses Machwerk zu Ende zu lesen.
Nie wieder dieser Autor!
Heilssohn zu »Arnaldur Indriðason: Abgründe« 01.06.2014
Ich bin da anderer Meinung. Ich fand gerade, dass der Täter realtiv schnell ermittelt war und sich eine andere Geschichte so ganz nebenbei auftat interessant. Ich will hier jetzt nicht auch noch eine Roman verfassen

Aber die Probleme und das private Leben des Protagonisten und dessen Gedankengänge hoben, für mich, diesen Roman aus den Aktion und Suchen dominierten Stories vieler typischer Krimis positiv ab.

Besonders gur hat mir gefallen, dass der Held so seine Probleme mit der neuen Zeit hat. Das machte den Roman für mich sehr menschlich und nachvollziebar. Es tun sich Abgründe auf. Nicht so fetzig, aber interessanter als die ständgige Suche nach dem Bösewicht.
Herr Lazaro zu »Arnaldur Indriðason: Abgründe« 26.09.2013
Der Beurteilung von KC-Rezensent Jörg Kijanski kann ich mich nur anschließen. Diese Folge der Erlendur-Krimis ist enttäuschend und eigentlich nur für Indridason-Fans ein Muss.
Dem Roman fehlen zwei wesentliche Eigenschaften, die die bisherigen Folgen der Reihe (fast) durchweg auszeichneten: Eine stimmige, in sich schlüssige Geschichte und das für mich ganz besondere der früheren Romane, nämlich die Faszination, ohne dass eigentlich irgendetwas wesentliches während der gesamten Handlung passiert, der Roman dennoch fesselnd bleibt. Dieser inhärente Widerspruch aus nahezu völlig fehlender Dramatik und gleichzeitig starker Fesselung des Lesers an die Geschichte ist für mich bisher ein wesentlicher Teil der Faszination Arnaldur Indridasons gewesen. Beides fehlt hier weitgehend.Die Geschichte selbst macht den Eindruck, als habe A.I. eigentlich einen Roman mit dem Themenschwerpunkt Kindesmissbrauch schreiben wollen, dann aber, noch während der Roman in Arbeit war (2008-09), die internationale Finanzkrise und insbesondere der damit verbundene beinahe völlige Zusammenbruch der isländischen Volkswirtschaft, verursacht durch den Kollaps der isländsichen "Gross"-banken, ihn dazu bewegt, das Thema Casino-Kapitalismus und Finanzspekulationen in den Vordergrund zu stellen. Das dürfte aus Sicht eines Isländers absolut verständlich sein, denn die Menschen dort dürften lange kaum etwas dramatischeres als den Zusammenbruch der isländischen Finanzwirtschaft erlebt haben. Gleichwohl wird der Autor dem Thema nicht annähernd gerecht, da er es einzig auf den Aspekt Geldwäsche reduziert. Was Islands "Expansionswikinger" aber in den Jahren vor dem Zusammenbruch alles verbrochen haben, geht weit über simple Geldwäsche hinaus.So bleibt also auch das zweite Hauptthema des Romans seltsam an der Oberfläche und da man schon nach etwa zwei Dritteln den Täter kennt, dümpelt der Rest des Textes dann ziemlioch seicht vor sich hin, irgendwie bemüht, irgendwie halbwegs anständing zu einem Ende zu kommen.Insgesamt ein Roman, der weit unter Arnaldur Indridasons gewohntem Standard bleibt.
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Schneeglöckchen zu »Arnaldur Indriðason: Abgründe« 07.09.2013
Auch mir hat dieses Buch gefallen. Sicher, es ist kein atemraubender Krimi, den man am liebsten in einem durch lesen möchte. Doch regt er tatsächlich über vieles zum Nachdenken an.
Wenn der Krimi-Couch Rezensent schreibt, daß die Side-Story weitestgehend überflüssig ist, so bin ich anderer Meinung. Zeigt sie doch sehr eindrücklich, welch Verbrechen es ist, Kinder zu mißbrauchen. Und damit verdienen dann andere noch ihre Millionen, was ja durchaus mit dem früheren Fall zu tun hat. Irgendwie hängt alles zusammen in dieser Geschichte, die zu Recht "Abgründe" als Titel hat.
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
tedesca zu »Arnaldur Indriðason: Abgründe« 19.03.2013
Kommissar Erlendur ist auf Urlaub, an seine Stelle tritt Sigurdur Oli, der sich sofort auf einen Fall einlässt, der ihn persönlich befangen macht und somit eigentich von den Ermittlungen ausschließt. Natürlich wirft er die Flinte nicht ins Korn, sondern versucht weiterhin, den Zusammenhang zwischen dem Mord an einer jungen Frau und einem Selbstmord in den Bergen zu klären.
Es ist nicht das beste Buch der Serie, das muss man schon sagen. Es hat viele Längen, schleppt sich dahin, mit den Figuren wird man nicht wirklich warm... Irgendwie fehlt der schrullige Erlendur, und ich hoffe, dass dies nicht der Anfang vom Ende einer guten Serie ist!
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Manuela Bombis zu »Arnaldur Indriðason: Abgründe« 10.09.2012
Ich kann mich den Kommentaren meiner Vorgänger anschließen. Zuerst dachte ich aber, weil Erlendur in dem Buch nicht ermittelt, lohnt es sich nicht zu lesen. Aber das ist ja Quatsch. Das Buch selbst ist doch deswegen nicht schlechter. Im Gegenteil. Der Leser lernt diesen bisher etwas unsympathischen Sigurdur Oli kennen und das ist doch eigentlich fair. Mir gefällt an A. I. Romanen so gut, dass die Grenze zwischen Gut und Böse sehr große Risse hat und dass dies immer zum Nachdenken anregt. Ich habe schon einige Romane aus Island gelesen, aber A.I. ist mit Abstand für mich der Beste. Er ist immer Einzigartig, niemals klischeehaft.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Mezzebill zu »Arnaldur Indriðason: Abgründe« 18.08.2012
Auch ich kann mich meiner Vorgängerin nur anschließen. Ein Buch, welches es "in sich hat" - in jeder Beziehung! Am Anfang liest es sich ganz leicht daher - und dann kommt man nicht unbedingt ins Stocken - aber zum Nachdenken - zumindest ging es mir so! Eigene Überlegungen und Erfahrungen zu den angeschnittenen Themen kamen hoch. Und was will man denn von einem Buch mehr? Nicht nur unterhalten sondern auch angeregt zu werden ist doch der Anspruch vieler Schriftsteller. Meiner zumindest wäre es!
Charlotte Graf zu »Arnaldur Indriðason: Abgründe« 01.01.2012
Ja, das kann man schon so sehen - ich fand den Krimi aber grade so, wie er ist, ganz ausgezeichnet. Die Spannung hält sich zwar wirklich in Grenzen und "Abgründe" ist kein Thriller - aber das Buch hält, was der Titel verspricht: Abgründe sind es, die hier beschrieben werden. Sigurdur Oli bekommt mehr Facetten und einige Risse - und wird dadurch wesentlich interessanter. Die side-story nimmt ein wichtiges, aber recht kurz zur Sprache gebrachtes Thema auf und gibt ihm eine menschliche Dimension und Tiefe, die bewegend ist. Abgründe überall...
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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