Die sieben Leben des Arthur Bowman von Antonin Varenne

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2014 unter dem Titel Trois mille chevaux vapeur, deutsche Ausgabe erstmals 2015 bei C. Bertelsmann.

  • Paris : Édition Albin Michel, 2014 unter dem Titel Trois mille chevaux vapeur. 560 Seiten.
  • München: C. Bertelsmann, 2015. Übersetzt von Anne Spielmann. ISBN: 978-3-570-10235-0. 560 Seiten.

'Die sieben Leben des Arthur Bowman' ist erschienen als Hardcover E-Book

In Kürze:

Ein großer historischer Thriller und Abenteuerroman 1852: Arthur Bowman, einer der härtesten Söldner der Ostindienkompanie in Birma, hat eine gefährliche Expedition tief in indigenes Gebiet geführt; ein Himmelfahrtskommando, das mit der Gefangensetzung der zehn Überlebenden endet. Sechs Jahre später ist er ein gebrochener Mann im viktorianischen London während der Jahrhunderthitze. Alkohol- und opiumsüchtig verdingt er sich als Polizist. Da wird in der Kanalisation eine verstümmelte Leiche entdeckt – und Bowman des Mordes verdächtigt. Denn der Tote trägt Narben wie er – Folge der Folter in Birma. Also bricht er auf, die neun Mitinhaftierten zu finden. Die Suche führt ihn in den Wilden Westen, wo weitere bestialische Morde geschehen. Bis er den Mörder findet, hat er sich durch seine Erlebnisse und die Liebe einer Frau zu einem geläuterten Menschen gewandelt …

Das meint Krimi-Couch.de: »Aus dem Leben eines Söldners« 83°

Krimi-Rezension von Jürgen Priester

»Trois Mille Chevaux Vapeur« (3000 Pferdestärken) ist der fünfte Roman des französischen Schriftstellers Antonin Varenne, nach Fakire der zweite, der ins Deutsche übertragen wurde. Bei uns erschient er beim Verlag C. Bertelsmann mit dem Titel: Die sieben Leben des Arthur Bowmann. Die französische Presse feierte Varennes umfangreiches Werk als »Die Rückkehr des Abenteuerromans«. Bei diesem Begriff denken wir vielleicht an Karl May, Jack London oder B. Traven, an Figuren wie der »Seewolf« oder an einen »Indiana Jones« – Helden, die das Gute verkörpern, die sich gegen widrige Umstände und mächtige Feinde behaupten müssen. Da ist Varennes Figur Arthur Bowman ganz anderen Kalibers. Er besitzt alle Charakteristika eines Antihelden, zu dem man als Leser nur schwer Zugang findet, geschweige denn sich mit ihm identifizieren könnte.

Die Handlung des Romans beginnt Mitte des 19. Jahrhunderts auf der indischen Seite des Golfs von Bengalen. Dort hat die britische East India Company, weit mehr als nur eine große Handelsgesellschaft, alles unter ihrer Kontrolle. Ihre Privatarmee beschützt nicht nur die auszubeutenden Territorien, sondern begleitet auch die Suche nach weiteren Rohstoffmärkten. Während einer Expedition ins benachbarte Birma gerät Sergeant Arthur Bowman, ein von seinen Vorgesetzten geschätzter, von seinen Untergebenen aber gefürchteter Soldat, mit seiner wild zusammengewürfelten Mannschaft in Gefangenschaft. Nach einem Jahr der Entbehrung und Folter kommen Bowman und neun seiner Kameraden, an Körper und Seele lebenslang gezeichnet, wieder frei.

Jahre später, während einer extremen Trockenperiode, sieht man Bowman durch die Straßen Londons ziehen. Er fristet sein Gnadenbrot als Hilfspolizist. Sein Alltag ist von Drogen und Alkohol bestimmt. Als er eines Tages zu der Leiche eines Ermordeten gerufen wird, muss er mit Entsetzen feststellen, dass diese Wundmale aufweist, wie sie ihm und seinen Mitgefangenen in Birma zugefügt worden waren. Die drastische Erinnerung an die Torturen der Folter ist für ihn wie ein Weckruf. Er beschließt, seine damaligen Kameraden zu suchen, weil einer von ihnen ein gefährlicher Mörder sein könnte. Bis auf zwei, die unabhängig voneinander in die USA ausgewandert sein sollen, kann er alle anderen in England ausfindig machen. Doch deren körperlicher und/oder geistiger Zustand ist so desolat, als dass sie für eine solche Bluttat in Frage kämen.

Vom Jagdfieber gepackt, aber auch in der Hoffnung, seinem öden, umnebelten Dasein in London entfliehen zu können, setzt Bowman mit voller Kraft voraus (Dampfschiff, 3000 PS) in die Neue Welt über. Amerika begrüßt ihn nicht gerade freundlich. Schon in New York gerät er in eine Schießerei zwischen Polizeikräften und streikenden Arbeiterinnen. Dass Männer hier auf Frauen – fast noch Kinder – schießen, verstört den einst so hartgesottenen Söldner, dessen folgende Odyssee durch das Land geprägt wird durch Begegnungen und Ereignisse, die sein erschüttertes Menschenbild noch weiter verändern werden. Bowman folgt den Spuren seiner ehemaligen Kameraden, erlebt ein Amerika in den Wirren des ausgehenden Bürgerkriegs. Versteckter und offener Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Selbstjustiz bestimmen den Alltag der einfachen Menschen. In all dem Chaos treibt der Serienmörder sein Unwesen. Bowman kommt ihm immer näher, aber er scheint ungreifbar wie ein Phantom.

Die sieben Leben des Arthur Bowman ist ein faszinierender Roman, ganz besonders wegen der atmosphärischen Dichte des Settings auf drei verschiedenen Kontinenten. In diesem Sinne ist eine Klassifizierung als Abenteuerroman sicher gerechtfertigt, Aber eigentlich strömt Bowmans Lebensgeschichte mehr Realismus als Fiktion aus, so dass man sie durchaus als Historischen Roman, gespickt mit Elementen des klassischen Spannungsromans, einordnen könnte.

Bowmans langer Weg ist nicht nur die äußerliche Suche nach einem Mörder, sondern auch ein Pfad der inneren Wandlung, einer Quest nicht unähnlich. Aus dem Jungen aus prekären Verhältnissen, dem brutalen Söldner, dem halbtoten Wrack entwickelt sich wider Erwarten ein empathischer Mann, der auch für seine Durchhaltekraft letztendlich belohnt wird.

Jürgen Priester, September 2015

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Simon Poylett zu »Antonin Varenne: Die sieben Leben des Arthur Bowman« 24.08.2015
Da ich die 560 Seiten des Romans nur mit Mühe zu Ende gelesen habe, verstehe ich die hohen Wertungen und guten Kritiken nicht. Das Problem: Das Buch kann als Spannungsroman nicht überzeugen, ist aber als Abenteuerreiseroman und von mir aus auch als Selbstfindungsroman passabel. Dem Autor fehlt für die Ausmalung des Grauens, dass der Held durchleben muss, die Lust, wahrscheinlich aber auch die Sprache. So wird das in der Kriegsgefangenschaft Erlittene nicht beschrieben, sondern nur angedeutet und behauptet. Leser/in soll es glauben und sich vorstellen. Bowman und seine Leidensgenossen erfuhren in Birma: Haltung in Käfigen, Folter, die markante Narben am Oberkörper zurückliess, bleibende Traumatisierung mit Anfällen und Albträumen. Diese Narben, die wir nur erahnen können, entlocken einem sich bekreuzigenden Priester den Kommentar: "eine Riesenschweinerei"!! Aus Folterspuren, die eine Leiche in London trug, folgert Bowman, dass einer seiner Mitgefangenen der Mörder sein muss!? Er sucht sie auf; alle die er findet, haben ein Alibi. Einer hat sich nach Amerika abgesetzt, eigentlich zwei - oder doch drei? Aha: die zehn kleinen Täterlein. Der angebliche Verdacht, der auf Bowman fällt, motiviert nicht wirklich seine Verfolgungsreise nach Amerika. Die Geschichte wimmelt von Stereotypen, Zufällen und Unwahrscheinlichkeiten. Einzelne Episoden im Wilden Westen, wo auch die Landschaft Profil gewinnt, können jedoch gefallen: Die Sache mit den Pferden, die Schilderung von Freundschaften, die Liebesgeschichte. Wiederum der Zufall, ein Foto in der Zeitung, bringt Bowman am Schluss dann doch noch auf die Spur des richtigen Täters - man will es aber eigentlich gar nicht mehr wissen. - Die Übersetzerin, Anne Spielmann, hat den Roman in ein gediegenes, schnell lesbares Deutsch übersetzt.
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