Die Pendragon-Legende von Antal Szerb

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1927 unter dem Titel A Pendragon legenda, deutsche Ausgabe erstmals 1966 bei Corvina.
Ort & Zeit der Handlung: Großbritannien / Wales, 1930 - 1949.

  • Budapest: Franklin Társulat, 1927 unter dem Titel A Pendragon legenda. 283 Seiten.
  • Budapest: Corvina, 1966. Übersetzt von Henriette Schade-Engl. 283 Seiten.
  • München: dtv, 2004. Übersetzt von Susanna Großmann-Vendrey. 311 Seiten.
  • München: dtv, 2008. Übersetzt von Susanna Großmann-Vendrey. 311 Seiten.
  • [Hörbuch] Hamburg: Hörbuch Hamburg, 2005. Gesprochen von Heikko Deutschmann. gekürzt. 5 CDs.

'Die Pendragon-Legende' ist erschienen als Hörbuch

In Kürze:

In einem walisischen Schloss geht womöglich ein Geist um. Es könnten allerdings auch Erbschleicher sein, die dem derzeitigen Schlossherrn den Zugriff auf ein gewaltiges Vermögen entwinden wollen. Gespukt & gemordet wird jedenfalls tüchtig, während ein weltfremder Historiker, ein hochnäsiger Adliger, die schöne Nichte des Hauses und andere kuriose Zeitgenossen das seltsame Treiben aufklären möchten …Wunderbar spannende und witzige Mischung aus Krimi und Phantastik. Erstaunlich modern liest sich das Werk, die Figuren sind zwar überzeichnet aber höchst lebendig: keine Spur von Staub, Muff oder verklemmter Prüderie.

Das meint Krimi-Couch.de: Gangster- & Geistergetümmel im tiefsten Wales 90°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

János Báthoy, ein primär in der Welt alter Bücher lebender Historiker, hat seine Zelte in London aufgeschlagen. Der Zufall bringt ihn in Kontakt mit Owen Pendragon, Earl of Gwynedd, einem walisischen Hochadligen, der als Mäzen der Künste und nobler Menschen berühmt aber als Nachfahre des Alchimisten und Hexenmeisters Asaph Pendragon auch berüchtigt ist. Die beiden Männer freunden sich an, der Earl lädt Báthoy auf sein Schloss Llanvygan ein, was dieser freudig annimmt.

Damit gerät er unwissentlich in ein Komplott, das bereits seit Monaten das Haus Pendragon bedroht. Drei Mordanschläge wurden auf den Earl verübt. Verantwortlich ist wohl eine Gruppe, die sich um das Erbe eines unerhört reichen Mannes sorgt. Der hatte sein Vermögen mit Hilfe des Earls gemacht. Es sollte ihm gehören, wenn sich herausstellte, dass es bei seinem Tod nicht mit rechten Dingen zugegangen sei. Diese Möglichkeit besteht durchaus und obwohl der Earl vorgibt nicht an dem Geld interessiert zu sein, wird er scharf beobachtet und ausspioniert. Auch Báthoy wird anonym gewarnt sich nach Llanvygan zu begeben. Er reist trotzdem, begleitet von Osborne Pendragon, dem Neffen des Earls, sowie vom undurchsichtigen Abenteurer Maloney, den man noch in London kennen gelernt hat.

Das Reiseziel stellt sich als einsamer, unheimlicher Ort dar. Des Nachts schleichen merkwürdig gewandete Gestalten durch die Gänge. Ein Ritter in voller Rüstung galoppiert um das Schloss. Geheimgänge werden offenbar. Maloney übt sich als nächtlicher Fassadenkletterer. An einem See wird ein riesenhafter, altmodisch gekleideter Greis gesichtet. Geht etwa der alte Asaph um? Er heißt, er sei im Besitz okkulter Geheimnisse der Rosenkreuzer gewesen. Ein Elixier dieses mysteriösen Ordens soll ihm das ewige Leben verliehen haben. Sein Grab ist jedenfalls leer, wie unsere drei Freunde feststellen. Sie geraten gleich doppelt in Bedrängnis, als sich sehr diesseitige Gangster auf Schloß Llanvygan zu tummeln beginnen. Bis zum ersten Mord dauert es nicht mehr lange …

Das Buch, das Dan Brown vermutlich zu schreiben versucht …

Viel Bockmist wird derzeit in den Buchläden der westlichen Welt verstreut; der Fahrer auf dem Traktor heißt Dan Brown. Er kann nicht plotten, kann nicht schreiben, ist aber immens erfolgreich und hat einer Unzahl noch erbärmlicherer Kopisten nach sich gezogen, die das Grundkonzept – ein historisches Rätsel wird mit viel Thriller und einem Hauch Phantastik verquirlt – treulich aufgreifen.

Nun ist diese Konstellation beileibe nicht neu, sondern in der Unterhaltungsliteratur schon seit Urzeiten in Verwendung. Der Erfolg der gegenwärtigen Schreibautomaten hat zumindest den einen Vorteil, dass sich dies am praktischen Beispiel überprüfen lässt: Auf der Suche nach ihrem Stück vom Kuchen suchen Buchverlage verzweifelt nach Titeln, die sich irgendwie in den Hype einschleusen lassen. Es kann nicht ausbleiben, dass unter dem ganzen Schutt, der dabei aufgewühlt wird, hier und da ein Goldkorn zu Tage tritt. »Die Pendragon-Legende” ist kein Korn, sondern ein richtiger Nugget. Bereits 1934 entstanden zeigt hier ein echter Schriftsteller, wie man aus den genannten Einzelelementen eine stimmungsvolle, durchgängig spannende, immer überraschende Geschichte spinnt. Der Grundton ist überaus heiter bzw. ironisch, was keinen Deut daran ändert, dass der Leser sehr Ernst genommen wird.

Gibt es für ein solches klassisches Garn einen stimmigeren Hintergrund als das `alte’ England mit seinen von Geistern heimgesuchten Burgen und Schlössern? Kunstvoll wie sein Zeitgenosse John Dickson Carr treibt es Szerb auf die Spitze, verstärkt die altertümlichen Besonderheiten des Schauplatzes, verwandelt Schloß Llanvygan und Umgebung in eine von der realen Gegenwart (des Jahres 1933) isolierte Enklave, in der viel ältere Zeiten lebendig sind. Dies kommt der Story durchaus entgegen aber vor allem verleiht es ihr jene nostalgische Patina, die bereits zu Szerbs Zeiten bei der Leserschaft gut ankam.

Völlig unaufdringlich und deshalb um so wirksamer konstruiert der Verfasser das historische Fundament, auf dem seine Geschichte bombenfest steht. Dieses Mal sind es nicht die üblichen Verdächtigen – totgeschwiegene Evangelisten, Templer, Nazis usw. -, die im Hintergrund ihr Unwesen treiben. Die Rosenkreuzer gab es tatsächlich, sie hielten sich wie alle «geheimen” Orden – schon wegen der stets misstrauischen Staatsgewalt – sorgsam im Verborgenen und trieben okkulte »Studien”.

Die Geschichte erfährt ein den Leser zufriedenstellendes Ende, doch die Rätsel bleiben ungelöst, denn die «Pendragon-Legende” mündet – zumindest soviel sei verraten – in einem Finale, der real sein kann aber nicht sein muss. Die Sehnsucht nach und die Furcht vor dem Wunder stellte eine immer wieder literarisch aufgegriffene Konstante im Leben des Antal Szerb dar, wie sein Landsmann György Poszler in einem nicht gerade leicht verständlichen aber dennoch sehr informativen Nachwort deutlich macht. Nur selten gelingt es so gut wie in diesem Fall das »Reale” mit dem «Irrealen” zu verknüpfen. Der Leser bleibt leicht ratlos und trotzdem sehr zufrieden zurück. Die sorgsam aufgebaute Spannung verpufft nicht durch ein allzu profanes Ende. Darüber hinaus hat Szerb dafür Sorge getragen, dass wir auch am Schicksal der auftretenden Figuren interessiert sind.

Ein Bücherwurm versucht das Abenteuer

Der unbedarfte Bücherwurm als Held wider Willen, begabt mit einschlägigem Fachwissen und erfüllt vom heimlichen Wunsch nach einem zünftigen Abenteuer: Diese Figur verkörpert János Báthoy nahezu perfekt. Doch da ist vieles, das ihn vor dem drohenden Klischee rettet: Von der ansonsten vor allem in Hollywood kultivierten Frauenfurcht des Helden gibt es beispielsweise keine Spur. Báthoy nutzt die Chancen, die sich ihm eröffnen. Die aufkeimende Liebe zur hübschen Earlsnichte ist da kein Hindernis. Der aufgestörte Büchernarr zeigt sich in der Krise zwar in der Regel hilflos aber nie ohne Ideen. Vor allem ist da sein Fachwissen, das sich nicht als Hindernis, sondern als nützliches Instrument im Ringen um das Rätsel von Schloß Llanvygan erweist. Schließlich ist da Báthoys Herkunft, die ihn die Hürden einer hierarchisch gegliederten Gesellschaft quasi »überspringen” lässt und ihm die Absurditäten derselben im Auftrag der Leserschaft um so deutlicher vor Augen führt.

Auch sonst ist der Leser vor Überraschungen nie sicher. Szerbs Personal scheint sich aus der Klamottenkiste klassischer Kriminalromane zu bedienen. Doch stets gibt es Brüche, die aus Klischeegestalten echte Figuren werden lassen. Dabei löst die Gestaltung der weiblichen Darsteller besonderes Erstaunen aus: Sie sind mindestens ebenso selbstständig wie ihre männlichen «Kollegen”, denken und handeln ohne deren »Schutz” und im positiven Sinn «modern”. Von allen auftretenden Figuren zeigt sich eine Frau, Lene Kretzsch, als praktische Gefährtin der Geister- und Gangsterjäger, der immer noch ein ungewöhnlicher Ausweg aus allen Krisen einfällt, wenn die anderen schon verzagen. Diese »Gleichberechtigung” im eigentlichen Sinn des Wortes vor allem ist es, welche «Die Pendragon-Legende” uneingeschränkt lesenswert bleiben ließ.

Ihre Meinung zu »Antal Szerb: Die Pendragon-Legende«

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Torsten zu »Antal Szerb: Die Pendragon-Legende« 20.03.2012
Ein Krimi ist dies natürlich nicht, sondern wie György Poszler in seinem Nachwort richtig schreibt, ein Essayroman als Fundament einer Detektivgeschichte aus der dann eine Gespenstergeschichte erwächst.
In diesem äusserst trocken und theoretisch angelegten Nachwort versucht György Poszler nicht nur den vorangegangenen Roman, sondern das Gesamtwerk Szerbs zu würdigen und zu erklären. So erfahren wir, dass auch in diesem Roman ein treibendes Motiv die Verbindungen und Beziehungen zwischen Alltag und Wunder seien. Umgesetzt mit diversen Arten von Ironie als Stilmittel.
In der Tat muss man das Buch natürlich ironisch sehen - so überzeichnet und abgehoben wie die Protagonisten und deren Handlungen beschrieben sind, ist das Buch von einer annähernd realistischen Darstellung eines Geschehens weit entfernt.
Obwohl es sich über weite Teile äusserst locker und beschwingt liest und wie ein leicht mystisches Detektivmärchen daherkommt, frage ich mich nun nach Ende der Lektüre doch, was der Autor überhaupt wollte. Die Erklärungen im Nachwort sind für mich auch grösstenteils viel zu sehr literaturwissenschaftliche Theorie um wirklich fassbar zu sein. Dabei stört mich gar nicht so sehr das angesprochene möglicherweise reale oder eben auch nicht reale Ende der Geschichte, sondern dass die gesamte Geschichte an sich nicht sehr substantiell ist. Da scheint tatsächlich über grosse Teile der Weg das Ziel gewesen zu sein, also die Art des Schreibens und wie Szerb die Gedanken und Ansichten besonders seines "Helden" Batky (in meiner Ausgabe jedenfalls heisst er so und nicht Bathoy wie Michael Drewniok schreibt) entwickelt, wichtiger gewesen zu sein als der klassische Plot.
Insgesamt war ich auch aufgrund des vielen Lobes was ich nicht nur hier über dies Buch gehört habe doch ziemlich enttäuscht.
Harald Sack zu »Antal Szerb: Die Pendragon-Legende« 06.10.2008
Mit der Lobhudelei für Antal Szerb ist man schnell dabei, da er sich doch in vielerlei Hinsicht wohltuend von der heute alltäglichen Thriller-Kost abhebt. Dennoch halte ich seine Figuren für blass gezeichnet und stereotyp. Der unnahbare geheimnisvolle Earl, der irische Draufgänger, der Bücherwurm, die Femme fatale und die ur-deutsche Walküre...Das Ettiket des "ungarischen Umberto Eco" trifft es dagegen ganz gut, nur dass es sich bei der Pendragon-Legende vielmehr um einen "Eco für Anfänger" handelt...

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heinrich zu »Antal Szerb: Die Pendragon-Legende« 18.07.2007
Ein Buch von Antal Szerb auf der Krimi-Couch – ohne Warnhinweis auf dem Cover: Vorsicht Weltliteratur!
Nachdem ich Gabriele Wittkops „Witwer“ gelesen hatte, war ich von sogen. literarisch Hochwertigem abgeschreckt. Die Rezension von Dr. Drewniok war aber so überzeugend, das ich mich an das Buch gewagt habe, zumal mir die Thematik zusagte.
Was der Literaturprofessor Szerb geschrieben hat, ist kein Massenfutter für Krimifans, sondern eine gelungene Mischung aus Essay, Detektivgeschichte und Gruselroman. Intelligent geschrieben, klar und locker im Ausdruck, einfach nur gut!
Alexander_Engel zu »Antal Szerb: Die Pendragon-Legende« 30.06.2007
Durch Zufall (Buchtipp einer Buchhändlerin) gelang dieses Meisterwerk in miene Hände und ich habe es verschlungen, habe mich an Szerbs herrlich- altertümlicher, aber dennoch klarer Sprache erfreut, und habe mich mit Faszination in seine schauerliche, düstere teilweise absurde Welt begeben und hineinziehen lassen. Ein Muss für Liebhaber von Edgar Allen Poe, Lovecraft, und alle anderen, die noch gute Literatur zu schätzen wissen.
Leider ist Szerb in Vergessenheit geraten, doch Hoffnung besteht, da auch seine anderen Bücher nach und nach neu übersetzt wieder in die Buchhandlungen wandern.
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