Die Wurzel des Bösen von Anna Grue

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2012 unter dem Titel Et spørgsmål om penge, deutsche Ausgabe erstmals 2015 bei Atrium.
Folge 5 der Dan-Sommerdahl-Serie.

  • Kopenhagen: Politikens Forlagshus, 2012 unter dem Titel Et spørgsmål om penge. 480 Seiten.
  • Zürich: Atrium, 2015. Übersetzt von Ulrich Sonnenberg. ISBN: 978-3855352043. 480 Seiten.

'Die Wurzel des Bösen' ist erschienen als Hardcover E-Book

In Kürze:

Christianssund, eine Woche vor Weihnachten: Während die Bewohner der beschaulichen Küstenstadt letzte Geschenke besorgen, wird der erfolgreiche Bauunternehmer Peter Münster-Smith erstochen in seiner Firma aufgefunden. An Verdächtigen besteht kein Mangel: Die Liste der Menschen, die von Münster-Smith abhängig waren, ist lang. Der Unternehmer hatte viel Geld, von dem er sich Freunde und Geliebte kaufte. Als Privatermittler Dan Sommerdahl von dem Fall erfährt, winkt er zunächst ab, denn er hat mit der Ordnung seines turbulenten Privatlebens genug zu tun. Doch schnell wird klar, dass die Polizei nicht weiterkommt. Notgedrungen begibt sich Dan auf Spurensuche, die bei ihm selbst beginnt – denn er war einer der Letzten, denen Münster-Smith lebend begegnet ist …

Das meint Krimi-Couch.de: »Aufregend – wie die Möbel eines schwedischen Unternehmens« 75°

Krimi-Rezension von Sabine Bongenberg

Zur Einleitung soll hier einmal die Frage beantwortet werden: Was fesselt eigentlich an einem Krimi? Laut Einschätzung dieser Autorin ist es der Einblick in menschliche Abgründe, das Miterfahren von erlittenem Unrecht oder Verletzungen und das Mitleid am Schicksal der Opfer. Der Wunsch nach Gerechtigkeit führt letztendlich dazu, dass der Leser am Ball bleibt mitfiebert oder mitleidet und sich die Bestrafung des Unholdes wünscht. Am liebsten mit allem Zipp und Zapp, als da wären: Stellen des Täters, Geständnis, Handschellen an und ab in den Knast. Warum befriedigt das? Der Mörder hat einem anderen etwas unermesslich Grausames zugefügt, hat ihm das Leben genommen, aus Gründen des Mitleidens und der Sympathie verlangt auch der Leser Genugtuung. Jetzt kann sich jeder natürlich fragen: Woher kommt dieses Gefühl? Die Antwort dazu führt nach längerer Internet-Recherche zum Philosophen Aristoteles: Denn – so sagt Wikipedia – »Zentrale Voraussetzung, um Mitleid zu empfinden, ist nach Aristoteles eine zumindest partielle Identifikation mit demjenigen, mit dem man Mitleid empfindet.«

Sicherlich ist das jetzt ein langer und möglicherweise überkandidelter Einstieg in die Besprechung leichter Unterhaltungslektüre, die Anna Grue in ihrem fünften Buch über die Ermittlungen des Detektivs Dan Sommerdahl präsentiert. Dennoch soll aber mit diesem Einstieg auch direkt die Frage geklärt werden, warum eine gut erzählte Geschichte vorgelegt wird, der es aber schwer fällt, den Hund der Spannung an einem regnerischen Tag hinter dem Ofen hervorzulocken.

Grundsätzlich bietet Grues Geschichte alle Voraussetzungen für solide und fesselnde Unterhaltung: Da ist der schillernde Bauunternehmer Peter Münster-Smith, der eines Tages erstochen in seiner Firma aufgefunden wird. Natürlich will es mal wieder keiner gewesen sein und so arbeitet sich die Polizei durch eine steigende Anzahl potentieller Verdächtiger, zeigt sich doch bei weiteren Untersuchungen, das Münster-Smith seine Geschäfte offensichtlich nicht nur nach den Buchstaben der Gesetzte verhandelte und auch in seinem Privatleben eigenartige Verhaltensweisen an den Tag legte. Als potentiellen Täter favorisieren die Ermittler den ebenfalls verschwundenen Zahnarzt Peter Johnstrupp, musste dieser doch davon ausgehen, dass das Mordopfer ein Verhältnis mit Johnstrupps Ehefrau Benedicte unterhielt. Hier kommt dann schließlich und endlich Sommerdahl ins Spiel, denn als Johnstrupp allen Bemühungen der Polizei zum Trotz nicht wieder auftauchen will, wird er von dessen Ehefrau mit der Suche nach dem Verschwundenen beauftragt.

Trotz dieses Plots will sich aber dennoch kein nennenswertes Spannungsgefühl aufbauen und das kann auf das eingangs beschriebene Phänomen des »Mitleidens« zurück geführt werden. Anna Grue katapultiert ihre Leser regelrecht in die Ermittlungen um den Mord an dem Unternehmer hinein und gibt nur schrittweise Informationen über sein Leben preis. Das hat aber den Effekt, dass ein Mensch beseitigt wurde, über den so gut wie keine Informationen vorliegen und dessen Wohl und Wehe daher kaum interessieren können. Genauso verhält es sich mit den Fragen, die sich um den verschwundenen Peter Johnstrupp ranken. Er taucht im ersten Part der Geschichte nur als Randfigur auf. Seine Ehefrau vergnügt sich mit einem anderen, die Ehe ist mehr oder weniger festgefahren und belanglos – also warum ein Drama draus machen, wenn er letztendlich verschwindet? Das Salz in der Suppe dieses glatten Romans bilden daher nur die Personen, deren Leben anschaulich und miterlebbar geschildert wird: Nämlich die Irrungen und Wirrungen im Leben Dan Sommerdahls und seiner Familie und Freunde. Deren Leben schildert die Autorin mit Freude am Detail und Wärme und schafft damit einen erfreulichen Kontrast zum teilweise unterkühlten Hergang ihres eigentlichen Krimis.

Erst im weiteren Verlauf der Geschichte treten die besonderen Eigenheiten der betroffenen Personen ans Licht und mit steigender Sympathie oder auch Abneigung, kann sich der Leser auch persönlich in die Geschichte eindenken und interessiert am Leben der Protagonisten teilnehmen. Bis zu diesem Punkt ist es aber in diesem Buch ein weiter Weg und es sind längere Durststrecken zu überwinden, bei denen dem Leser auch abschnittsweise schon klar ist, womit zu rechnen ist, er sich aber gleichzeitig auch die Frage stellt, warum das eigentlich interessieren sollte.

Insgesamt hat Anna Grue mit der Wurzel des Bösen einen handwerklich gut gemachten Krimi vorgelegt, der aber sicher nicht zu den Büchern gehört, bei denen »man vergisst an der richtigen Bushaltestelle auszusteigen« – um einen Satz aus dessen Werbung aufzugreifen. Eine handwerklich gut gemachte und geschreinerte Kommode bleibt ein solides und brauchbares Möbelstück, dennoch würde sie niemand als exotischen Blickfang bezeichnen.

Sabine Bongenberg, November 2015

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