Eine Messe für die Toten von Andrew Taylor

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1999 unter dem Titel The Office of the Dead, deutsche Ausgabe erstmals 2002 bei Zsolnay.
Ort & Zeit der Handlung: Großbritannien / England, 1950 - 1969.

  • London: Collins, 1999 unter dem Titel The Office of the Dead. 420 Seiten.
  • Wien: Zsolnay, 2002. Übersetzt von Renate Orth-Guttmann. ISBN: 3-552-05174-0. 396 Seiten.
  • München: Goldmann, 2005. Übersetzt von Renate Orth-Guttmann. ISBN: 3-442-45065-9. 379 Seiten.

'Eine Messe für die Toten' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Die Schatten der Vergangenheit, die bis in die Gegenwart reichen und Unheil stiften: Das ist das Grundmotiv dieses englischen Kriminalromans, der mit großem psychologischen Scharfsinn die scheinbare Idylle – eine sehr englische Idylle, wo das Feuer im Kamin prasselt und jedes Mitglied der Pfarrgemeinde die lieben Brüder und Schwestern bespitzelt – als Brutstätte des Bösen entlarvt.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein Page-Turner im negativen Sinn« 40°

Krimi-Rezension von Lars Schafft

Eigenartig, diese Konstruktion. »Eine Messe für die Toten« ist der dritte Teil einer Serie und doch ihr Anfang. Autor Andrew Taylor, hochgelobt für seinen »psychologischen Scharfsinn«, zäumt das Pferd von hinten auf und erzählt eine Serie eben chronologisch rückwärts. Insofern beunruhigte es mich auch nicht, den letzten bzw. ersten Teil dieser Reihe als meinen ersten Taylor zu lesen. Hoch waren meine Erwartungen an den Briten, »ein exzellenter Kriminalroman« urteilte Donna Leon. Allein dieses Zitat hätte mich schon stutzig machen sollen – aber das ist eine andere Geschichte.

Die Geschichte, die Andrew Taylor erzählt, beginnt vor dem 2. Weltkrieg mit der Mädchen-Freundschaft von Janet Byfield geborene Treevor und Wendy Appleyard schon im Internat und geht weiter und weiter und weiter. Janet heiratet David, Wendy heiratet Henry. Henry betrügt Wendy. Wendy flüchtet zu Janet, die mittlerweile Mutter von Rosie ist. Was dies alles mit einem »exzellenten Kriminalroman« zu tun hat? Ich weiß es nicht, es passiert auf den ersten zweihundert Seiten nämlich nichts, was sich nicht in diesen Paar Sätzen wiedergeben lässt. Wer sich in »Eine Messe für die Toten« vertiefen will, kann also getrost mit Kapitel 27 anfangen.

Folgendes hilft dem Späteinsteiger vielleicht noch weiter: David ist Geistlicher und wohnt mit seinen zwei Frauen auf der Domfreiheit in Rosington. Ach ja, Janets Vater, der an Altersdemenz leidende Mr. Treevor, wohnt nach dem Tod seiner Frau auch dort. Und Wendy, aus deren Perspektive Andrew Taylor die Geschichte rückblickend erzählt, arbeitet teils zum Zeitvertreib, teils zum Geldverdienen in der Dombibliothek, wo sie die Bücher katalogisiert.

Das war´s bis dahin an Plot. »Eine Messe für die Toten« ist ein »Page-Turner« der schlechten Art. Ich habe einige Absätze überlesen – nicht, weil ich es vor Spannung nicht aushalten konnte. Sondern ständig mit dem Gedanken: Jetzt muss doch endlich mal etwas passieren. Tut es aber nicht. Nicht wirklich.

Wendy stößt bei Ihrer Arbeit auf den verstorbenen Domherrn und Ex-Bibliothekar Francis Youlgreave, der damals eigenartige Ansätze (Frauen vor die Kanzel) vertrat und mit derart ketzerischen Aussagen und merkwürdigen Tiersezierungen für einen handfesten Skandal sorgte. Irgendwie hat der »Rote Domherr« (der an einer Stelle im Buch fälschlicherweise als »Roter Chorherr« bezeichnet wird) auch noch mit dem Verschwinden einer kleinen Nancy zu tun, deren Bruder behauptet, dass sie mit ihm nach Kanada ausgewandert ist. Diese Ungereimten und das Buch Francis Youlgreaves, »Engelszungen«, machen Wendy neugierig und zur Detektivin.

Im Vordergrund steht jedoch weiterhin das Familienleben der Byfields, das immer schwieriger wird. Mr. Treevor benimmt sich äußerst eigenartig, kuschelt mit der minderjährigen Rosie, sieht schwarze Männer und Engel im Garten, Janet hat eine Fehlgeburt und dann: ja dann ist Mr. Treevor tot. Mit durchgeschlitzter Kehle hat er der Welt Lebewohl gesagt. Wenige Zeit später ist Janet auch tot. Überdosis Tabletten.

Wer jetzt als verwöhnter Leser knisternden Nervenkitzel und fein herausgearbeitete Psychogramme erwartet, wird enttäuscht. Die Ursache für den Tod Janets und ihres Vaters ist schnell erklärt und schnell erzählt. Bleibt noch die Sache um den unseligen Domherrn Youlgreaves. Der war beileibe kein unbeschriebenes Blatt und die Bezeichnung »rot« bekommt hinterher nicht nur eine politische Bedeutung.

Dass Andrew Taylor es schafft, diesen mageren Plot auf fast 400 Seiten zu strecken, ist bewunderswert. 150 hätten gereicht und selbst dann wäre das zuwenig Handlung für einen Krimi. So ist »Eine Messe für die Toten« eine durchaus gelungene und flüssig zu lesende Beschreibung des erzgläubigen Lebens auf dem englischen Land, gewürzt mit einer Familientragödie in der Neuzeit und einem brutalen, unmenschlichen Verbrechen um 1900. Mehr nicht. Eigentlich schade. Denn die Ansätze für einen Mystery-Psycho-Thriller waren gegeben. Leider hat es Andrew Taylor vorgezogen, daraus eine zwar tragische, letztlich aber doch ziemlich gemütliche Story um zwei Frauen zu machen. Eine verpasste Chance.

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Josefine Hemzal zu »Andrew Taylor: Eine Messe für die Toten« 19.04.2006
Ich habe die Trilogie von hinten "gefressen" in nur einer Woche. Danach habe ich mich beglückwünscht nicht die Bände in richtiger Reihenfolge gelesen zu haben, so hat man immer das Gefühl schon mehr zu wissen als David Byfield und Konsorten.
Also wer keine Rückblicke mag, der liest in absteigender Reihenfolge ihm wird keine Quentchen Spannung verlorengehen!
Bernd Buescher zu »Andrew Taylor: Eine Messe für die Toten« 15.01.2004
Ihr rezensent ist zu bedauern. Taylors Roth-Trilogie ist das Beste, was im Bereich Krimoinalroman in letzter Zeit erschienen ist - man muss allerdings alle drei Bände lesen, um die Finesse, die Spannung und das Grauen ganz genießen zu können. Die einzelnen Bücher werfen Das Licht auf die jeweils anderen, der Leser selbst wird zum Detektiv, und am Ende bleibt manches offen - Schrecken, die nur die Phantasie des Lesers selbst sich ausmalen kann. So habe ich auch die ersten "gemächlichen" Kapitel von "Eine Messe für die Toten" mit Gänsehaut gelesen, denn jeder Satz, ja jedes Wort ist kann von Bedeutung sein. Am besten: alle drei Bände besorgen und lesen, lesen, lesen!
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