Last Drinks von Andrew McGahan

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2000 unter dem Titel Last Drinks, deutsche Ausgabe erstmals 2008 bei Kunstmann.

  • St. Leonards: Allen & Unwin, 2000 unter dem Titel Last Drinks. 461 Seiten.
  • München: Kunstmann, 2008. Übersetzt von Uda Strätling. ISBN: 978-3888975097. 461 Seiten.

'Last Drinks' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Zehn Jahre ist es her, seit George Verney sich in das Kaff Highwood verkrochen hat, nur noch für die Lokalzeitung schreibt und kein Glas Alkohol mehr anrührt. Da reißt ihn ein Anruf aus dem Schlaf: Er soll eine Leiche identifizieren. Sein Freund Charlie, den er seit den wilden Tagen von Brisbane nicht mehr gesehen hat, seit dem großen Korruptionsprozess, der die Regierung stürzte und in den sie alle verwickelt waren Charlie ist auf grausamste Weise zu Tode gekommen.
Charlie wollte zu ihm. Musste er deshalb sterben? Wer kann ein Interesse haben, einen heruntergekommenen Alkoholiker so spektakulär hinzurichten? Die Vergangenheit holt George ein, die Trink­gelage und riskanten Geschäfte, die heimliche Liebe zu Maybellene, Charlies Frau. Etiny_mce_marker muss nach Brisbane zurück, um zu verstehen, zu klären, was er all die Jahre so erfolgreich verdrängt hat.
Sie sind alle noch da, in neuen Rollen: Marvin, der charismatische Politiker, die zwielichtigen Bar­besit­zer und korrupten Polizisten, der große Lindsay, der im Hintergrund immer noch die Strippen zieht, und schließlich May­bel­lene …Beschattet von der Polizei, die den Mord aufklären will, macht sich George auf eine hochgefährliche Spurensuche, auf den Wegen einer alten Schuld und einer großen Liebe.
Mit nie nachlassender Spannung erzählt Andrew McGahan von einer Höllenfahrt in die Vergangenheit, ins Innerste eines korrupten politischen Systems.

Das meint Krimi-Couch.de: »Viel gewollt ,wenig bekommen« 62°

Krimi-Rezension von Jochen König

1989 erschüttert ein Skandal Brisbane: Korruption, Miss- und Vetternwirtschaft, Missbrauch von Alkohol und Privilegien. Ein unabhängiger Ausschuss wird eingesetzt, entlarvt die Sünder, bringt die Regierung zum Wanken und sorgt letztendlich für deren Sturz. Mittendrin der Hofberichterstatter George Verney und sein bester Freund, der Kneipier Charles Monahan, dessen Name dummerweise unter einer Hand voll Verträge steht, die ihn u.a. als Betreiber illegaler Bordelle und Spielhallen ausweisen. Freund George mischt als eine Art Hofberichterstatter zwar nur am Rande mit, kann – zumindest strafrechtlich – unbehelligt entkommen und sich in einem kleinen Kaff namens Highwood verkriechen. Charles muss nach einem missglückten Selbstmordversuch für Jahre ins Gefängnis. Er sitzt seine Zeit ab, körperlich und vor allem seelisch beschädigt, hat er doch kurz vor seinem Knastaufenthalt Freund George Intimitäten mit seiner Ehefrau Maybelline austauschen sehen. Das bedeutete gleichzeitig das Ende der Freundschaft zwischen den drei Beteiligten, das Ende jeglicher Kommunikation. Bis zehn Jahre später Charlie, offensichtlich auf dem Weg nach Highwood einen grausigen Tod stirbt und die Vergangenheit für George wieder lebendig wird. Quasi als Nachlassverwalter seines ehemals besten Kumpels macht er sich auf den Weg nach Brisbane, dass sich in den Jahren nach dem Korruptionsskandal merklich verändert hat.

Last Drinks ist ein Polit-Thriller, wobei Politik ganz groß geschrieben wird und der »Thrill« eher klein. Eigentlich geht es um Politik und Alkohol, die beiden Stützpfeiler Georges wilder Jahre in Brisbane. McGahan lässt seinen Protagonisten George eine Bestandsaufnahme vornehmen, in ausgiebigen Rückbetrachtungen gedenkt er der wilden Tage in Brisbane, die geprägt waren von durchzechten Nächten, wilden Parties innerhalb einer Clique, die sich als eines der unantastbaren Machtzentren Queenslands betrachtete. McGahan analysiert eine Gesellschaft, die von Lobbyisten installiert wurde und aufrecht erhalten wird, bis das passiert, was unweigerlich kommen muss, wenn Hemmungslosigkeit zum Maßstab des öffentlichen Lebens und vor allem seiner Ausgrenzungen wird: das Gefüge kollabiert und reißt vor allem Sündenböcke und naive Mittäter mit sich, während die Männer im Hintergrund mit leichten Blessuren das rettende Ufer erreichen. Oder so bedeutungslos sind, wie der willfährige Journalist George, dass sich die Strafverfolgung kaum für sie interessiert. Die Frage, ob die scheinbar lichtere Gesellschaft, die aus dem Kollaps hervorgeht, tatsächlich eine bessere ist, stellt McGahan zwar, gibt aber keine Antwort darauf.

George, der im Laufe des Buches entdecken muss, dass er lediglich ein simpler Narr am Hof verderbter Könige war, steht mit der Asche seines Freundes inmitten der Trümmer seiner Vergangenheit und versucht herauszufinden, was tatsächlich passiert ist, während er meist zu betrunken war, um auch nur den geringsten Überblick zu behalten. Es wird ihm geflissentlich zugetragen in erschöpfenden Zwiesprachen mit ehemaligen Verbündeten und Saufbrüdern. Im letzten Drittel begegnet er gar seiner großen Liebe wieder, Todesfälle klären sich auf und neue geschehen. Am Ende vermischt sich Charlies Asche mit der Gischt eines Wasserfalls. Was sich nach einer spannenden Reise »in die dunkelsten Winkel der Seele« anhört, wie’s der Sydney Morning Herald schreibt, entpuppt sich beim genaueren Hinsehen als recht langatmige Nabelschau eines geschwätzigen Naivlings. Andrew McGahan hat ein Konzept – an sich nichts schlechtes, das aber Last Drinks zu einem zähflüssigen Cocktail werden lässt.

In dem Roman passiert wenig bis gar nichts, es herrscht Stillstand, abgesehen von ein paar Fahrten und Spaziergängen durch das australische Queensland, das nicht gerade in rosigen Farben geschildert wird. Der Protagonist des Romans ist ein bloßer Zuschauer, der in weitschweifigen Rückblicken seine Vergangenheit zusammensetzt, über ihre Hintergründe aber erst im Nachhinein von Weg- und Trinkgenossen aufgeklärt wird. Die wenige Action, die die Handlung vorsieht, vollzieht sich außerhalb seines Gesichtsfelds und damit auch außerhalb des für den Leser Sichtbaren. Dieser konsequenten Verweigerung einer traditionellen Spannungsdramaturgie könnte man ja Anerkennung zollen, wenn das gewählte Thema und seine Umsetzung selbst für Brisanz und Spannung sorgen würden. Doch dem ist nicht so. Zwar besitzt das Buch durchaus Momente, in denen der Rausch, den Macht und Trunkenheit auslösen, nachvollziehbar wird; doch werden diese Momente so oft wiederholt, gedoppelt und verdreifacht, bis sich schleichende Langeweile breit macht. Das Wort »Korruptionsausschuss«, das wie ein Menetekel über allen Beteiligten prangt, nutzt sich ab durch den ständigen Gebrauch, und selbst der uneinsichtigste Leser wird irgendwann nur noch gelangweilt abnicken, dass er verstanden hat, wie wild und übel dieser Ritt durch den Korruptionssumpf war.

McGahan fehlen die sprachlichen Mittel, diesen Zustand des permanenten Exzesses verbal zu illuminieren. Er ist ein routinierter Autor, der eine klare Sprache spricht, die aber das Faszinierende an diesem Tanz auf dem Vulkan zu kaum einem Zeitpunkt erfasst. Zudem wird der Handlungsstrang, der sich mit dem Mord an Charlie befasst mit einem unglaublichen Desinteresse abgespult. Der Mörder und Drahtzieher wird während eines Gesprächs in der Mitte des Romans aus dem Hut gezogen, die Motivation für seine Taten ist wenig plausibel; der politische Aspekt fällt sogar komplett unter den Tisch. Mag sein, dass die These vom Privaten, das jederzeit politisch ist, zum Tragen kommt. Das ist aber egal und tangiert am Ende so wenig, wie das Schicksal der Figuren, die zu flatterigen Thesenpapieren verkommen sind.

Bleibt als Fazit: viel gewollt und wenig bekommen. Wer wissen will, wie man eine derartige Thematik wesentlich spannender, eindrucksvoller und sprachlich adäquat umsetzt, sollte lieber zu den späten Büchern James Ellroys, insbesondere Ein Amerikanischer Thriller greifen.

Jochen König, Mai 2008

Ihre Meinung zu »Andrew McGahan: Last Drinks«

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hans Wurst zu »Andrew McGahan: Last Drinks« 13.10.2012
Mir gefällt das Buch sehr gut.Der Plot überrascht, die Figuren gefallen und unterzogen, als roter Faden, spielt der Alkohol eine Rolle in der Geschichte.
Die Erzählperspektive mit den vielen Rückblenden ist vielleicht nicht jedermanns sache und lockt den Leser von der eigentlichen Auflösung der Geschichte weg, doch um diese geht es hier nicht explizit.
Es ist ein ruhiger Roman mit einer guten Brise kleinstadflair. Der Ausfluck nach Brisbane ist geglückt.EIn gutes Buch
bosporus zu »Andrew McGahan: Last Drinks« 15.02.2012
was habt ihr nur, ihr beiden? vermutlich einfach keinen zugang zum buch gefunden.

ich habe last drinks ganz anders gelesen, es fühlte sich an wie ein strudel, der mich als leser ergriff, immer mehr in seinen mittelpunkt, diese verzweifelte liebesgeschichte, zog und bis zum bitteren ende nicht mehr los liess.
spannend, interessant und voller wahrheiten über politik und korruption, wie sie sich gegenseitig bedingen, nachzulesen in fast jeder zeitung, fast jeden tag.

ein sehr gutes buch!
Dana zu »Andrew McGahan: Last Drinks« 26.08.2009
Hilfe! Seite 311 und mein Kopf liegt auf der Tischplatte.Langatmig, dieser "Thriller" und ansonsten schließe ich mich allem Gesagten von Jochen König an. Dabei hätte es wirklich gut sein können, wenn Herrn McGahan nicht ab Seite 200 die Puste ausgegangen wäre. So vorhersehbar war lange nichts mehr. Wer mal was ganz ruhiges braucht. Und nach Queensland will ich auch nicht mehr.
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