Hänschen Klein von Andreas Winkelmann

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2010 bei Goldmann.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland / Hannover und Umgebung, 1990 - 2009.

  • München: Goldmann, 2010. ISBN: 978-3-442-47125-6. 410 Seiten.
  • [Hörbuch] München: audio media, 2010. Gesprochen von Simon Jäger. ISBN: 3868045570. 6 CDs.

'Hänschen Klein' ist erschienen als TaschenbuchHörbuchE-Book

In Kürze:

Der junge Anwalt Sebastian Schneider bekommt eines Tages einen seltsamen Brief: die erste Strophe des Liedes »Hänschen klein« und das innige Versprechen einer Frau, dass sie und ihr Hans bald wieder vereint sein werden. Sebastian glaubt an einen Irrtum. Er ahnt nicht, dass er einen Liebesbrief in den Händen hält, der sein Leben zerstören wird: den Brief einer Mutter, die – totgeschwiegen, totgeglaubt, dem Wahnsinn verfallen – auf der Jagd nach ihrem Sohn ist. Und bereit, für ihr Hänschen klein über mehr als eine Leiche zu gehen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Kinderreime begleiten das Böse« 37°

Krimi-Rezension von Eva Bergschneider

Nicht länger ein Ort des Friedens

Sebastian Schneider hatte bisher überwiegend Glück in seinem Leben. Nach seinem Jura-Studium erhielt er eine gute Stellung in einer Anwaltskanzlei in Hannover, konnte aber auf dem abgelegenen elterlichen Hof wohnen bleiben. Für ihn ist das Hannoveraner-Gestüt nahe des Dorfes Bentlage ein Ort des Friedens, fernab vom Stress der Großstadt.

Das Glück bleibt auch bei einem Autounfall auf seiner Seite, denn Sebastian trifft Saskia, die Liebe seines Lebens. Alles könnte perfekt sein, gäbe es da nicht Lügen und eine Vergangenheit, die das Familienidyll unaufhaltsam zu zerstören sucht. Zunächst beachtet Sebastian die Hänschen klein Zeilen auf violettem Briefpapier nicht, die Post muss wohl Briefe geöffnet und verwechselt haben.

Doch auch seine Asthma-Anfälle kommen nun häufiger. Nicht mehr nachts und die Beschwerden sind anders, als wenn etwas in seinen Körper eindringt, um seinen Geist zu lenken. Der Wachhund Taifun wird von einer Forke aufgespießt, tot im Wald gefunden. Und schließlich sucht der Riese aus Sebastians Träumen den einst so friedlichen Schneiderhof heim und verwandelt ihn in einen Ort des Grauens.

 Psycho, Mystik und viele Ungereimtheiten

Überwiegend lobende Kritiken hat Andreas Winkelmann für seinen ersten Thriller Tief im Wald und unter der Erde bekommen; Prädikat: »außergewöhnlich« war zu lesen. Also darf man an Hänschen klein mit hohen Erwartungen heran gehen.

In einem zweiteilig angelegten Prolog bietet uns der Autor gleich zwei Schauergeschichten. Die eine wird aus der Perspektive eines Mordopfers erzählt, die andere aus der verzerrten Sicht eines dreijährigen Kindes, das Todesangst angesichts eines herannahenden Infernos erlebt. Nachdem der Leser von dem Grusel, welches ihn in Hänschen klein erwartet, einen Vorgeschmack erhalten hat, lernt er die Hauptprotagonisten und den Ort des Geschehens kennen.

Ein erfolgreicher Typ ist er, der Sebastian Schneider; Verteidiger eines überführten Vatermörders, fest verankert in der Überzeugung, das auch der grausamste Killer das Recht auf einen Verteidiger hat. Doch ein Yuppie-Leben in den Lichtern der Großstadt ist nicht Sebastians Ding. Lieber fährt er nach der Arbeit auf den Hof seiner Eltern, hilft bei der Landarbeit und reitet am frühen Morgen über die Felder. Es verwundert nicht, dass dieser Sympathieträger mit natürlichem Charme auch das Herz seiner hübschen Unfallgegnerin im Sturm erobert. Wer kann so einem netten Kerl schon etwas Böses wollen?

Authentisch kommen auch Sebastians Eltern, Edgar und Anna herüber. Bodenständig, rustikal, herzlich, manchmal etwas engstirnig und naiv wirkt dieser Menschenschlag vom Land. Gern verdrängen sie die alten Geschichten über Sebastians Adoption. Das ist schließlich Jahre her. Und doch legen sich die Schatten der Vergangenheit über ihr Leben, wie die herannahenden Gewitterwolken am Ende eines Sommertages über die Wald – und Wiesenlandschaft.

In der ersten Hälfte des Romans punktet Andreas Winkelmann mit Identifikationsfiguren und stimmungsvollen Bildern. Wirkliche Spannungsmomente sind selten, aber akzentuiert platziert. Dazwischen inszeniert der Autor eine Lovestory, stilvoll, sorgsam Kitsch und Plattitüden vermeidend, aber einen Tick zu dominierend. Und endlich, in mitreißenden Szenenwechseln zwischen Liebesnacht und Massaker auf dem Hof erzählt, ein Höhepunkt in der Mitte des Buches, der viel kommenden Nervenkitzel verspricht. Und leider nicht hält.

Die Aktionen der Ermittler offenbaren sich als ein Sammelsurium an Ungereimtheiten. Unbeantwortete Fragen, die halt nicht mehr zu klären sind, zunächst hoffnungsvolle Ansätze, die aus dramaturgischen Gründen nicht weiter verfolgt werden (warum bemüht Polizeiobermeister Hötzner den ehemaligen Anstaltsleiter, wenn er die heiße Spur dann doch nicht untersucht?) und Grausamkeiten, um des Effektes willen (an Tieren scheint sich das gut zu machen die entsprechenden Emotionen zu provozieren), die die Handlung nicht oder viel zu spät beeinflussen.

Vollkommen abstrus wirkt allerdings das Täterprofil. Selbst wenn man hinnähme, dass ein okkultes Ritual übernatürliche Kräfte entfesseln könnte, wirkt der magiekundige Bösewicht unglaubwürdig  bis zur Lächerlichkeit.  Die simple Charakterisierung lässt psychologische Tiefe vermissen, ein bisschen Voodoo, Wahnsinn und massives Übergewicht – fertig ist der Killerriese aus dem Horrormärchen. Leider nicht mehr, und viel zu grotesk, um beklemmend zu wirken. Zum Schluss setzt der Autor an Absurdität noch eines drauf und hinterlässt so bei dem zu Beginn enthusiastisch empfangenen Hänschen klein-Leser nicht viel mehr als ein Kopfschütteln.

Eva Bergschneider, März 2010

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lesebrille zu »Andreas Winkelmann: Hänschen Klein« 15.11.2011
Normalerweise lese ich ein Buch bis zum - bitteren - Ende. Das habe ich bei Hänschen klein nicht geschafft, es wurde nach einem Drittel zum Altpapier entsorgt. Ich habe das Buch mit großer Erwartung begonnen, musste aber bald feststellen, dass ich mich mit dem Schreibstil und der Art die Handlungsstränge aufzubauen nicht anfreunden kann. Schade, vielleicht wars einfach der "falsche Winkelmann".
HeJe zu »Andreas Winkelmann: Hänschen Klein« 10.07.2011
Hm... ich verstehe die viele schlechte Kritik nicht. Mir hat das Buch wieder mal sehr gut gefallen. Winkelmann eben.

Die Story war mal was Neues, der Schreibstil angenehm flüssig und die Charaktere toll dargestellt, sodass gleich zu Anfang die Sympathiepunkte verteilt werden konnten. Zwar war dieser Thriller nicht so spannend wie sein Vorgänger, aber dennoch wieder mal ein gutes Buch!

Als Winkelmann-Fan: 90 Grad.
Axel zu »Andreas Winkelmann: Hänschen Klein« 09.03.2011
Ich vergass bei meinem ersten Statement zu diesem Buch zu erwähnen, dass ich es zu diesem Zeitpunkt nur zu dreiviertel gelesen hatte. Und so gab ich mir die vergangenen Tage einen Ruck und habe es dann doch noch zu Ende gebracht. Und was soll ich euch sagen? Es ist noch schlimmer geworden, als man es sich vorstellen kann. Zu guter letzt noch ein bisschen Vodoo. Man möge mir meine Ausdrucksweise verzeihen, aber was dieser Mist dann noch sollte, das mag wirklich nur der Autor wissen. Wie bereits erwähnt, es wird mein letztes Buch von Andreas Winkelmann gewesen sein, mehr tue ich mir nicht an. Vertane Zeit. Auch gebe ich eine neue Bewertung ab: 5°
Axel zu »Andreas Winkelmann: Hänschen Klein« 04.03.2011
GÄHN! Das ist mit Abstand das langweiligste Buch, was ich seit langem gelesen habe. Es wird zu keiner Zeit wirklich spannend, an keiner Stelle fragt man sich, wie es denn wohl weitergehen mag. Die Figuren sind sowas von blass, man entwickelt für keinen weder Sympathie noch Antipathie. Jede (aber wirklich jede) Situation ist vorhersehbar. Ich frage mich ernsthaft, wie der Velag dieses Buch in Druck hat geben können. Es ist das erste und das letzte Buch, was ich von Herrn Winkelmann gelesen habe und ehe ich nicht irgendwo eine Kritik gelesen habe, worin steht, das er den Thriller des Jahrhunderts geschrieben hat, wird es auch das Letzte gewesen sein. Schade, das man keine Minusgrade vergeben kann. Von mir dann doch noch 10° (für die generelle Idee)
JaneM. zu »Andreas Winkelmann: Hänschen Klein« 06.12.2010
Zu viele Handlungsstränge zwischen Krimi, Mystery und Voodoo. Eigentlich ist das alles völlig unnötig, denn der Hintergrund ist doch schnell klar. Ich glaube ich verrate nicht zuviel: Sebastians heile Welt bricht zusammen, als seine leibliche Mutter nach ihm zu suchen beginnt. Diese ist eben ein bisschen anders, als man sich sorgende Mütter gemeinhin vorstellt. Soweit so gut- daraus lässt sich noch immer ein spannendes Buch schreiben. Ganz ohne Spannung ist "Hänschen klein" ja nun auch nicht. Leider kann sich Winkelmann nicht so recht für ein Genre entscheiden. So richtig traut er sich ans Mystery nicht heran (warum muss man sich auf den Hof schleichen, wenn man doch zaubern kann?). Und manche zunächst unerklärlichen Phänomene (wie z.B. die Asthmaanfälle) haben dann doch einen konkreten Grund. Für einen Krimi fehlt das Handfeste, da die Spannung zu sehr vom Gefühl des "Beobachtet- werdens", "da draußen ist doch was" lebt. Insgesamt blieb bei mir Irritation über ganz banale Dinge: warum erzählen Edgar und Anna nicht einfach ihrem (immerhin erwachsenen Juristen-) Sohn die Geschichte seiner Herkunft? Warum das Mysterium um den "Riesen"? Das Romanende- ein wenig schräg, aber nicht ganz überraschend. Möglicherweise macht sich die Handlung verfilmt besser, als in Romanform.
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