Das Netz der großen Fische von Andrea Camilleri

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2009 unter dem Titel La rizzagliata, deutsche Ausgabe erstmals 2011 bei Bastei Lübbe.
Ort & Zeit der Handlung: Italien / Sizilien, 1990 - 2009.

  • Palermo: Sellerio, 2009 unter dem Titel La rizzagliata. 210 Seiten.
  • Köln: Bastei Lübbe, 2011. Übersetzt von Moshe Kahn. ISBN: 978-3-7857-2418-7. 240 Seiten.
  • Köln: Bastei Lübbe, 2012. Übersetzt von Moshe Kahn. ISBN: 978-3-404-16749-4. 218 Seiten.
  • [Hörbuch] Köln: Bastei Lübbe, 2011. Gesprochen von Rolf Berg. ISBN: 3-7857-4456-0. 4 CDs.

'Das Netz der großen Fische' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuchE-Book

In Kürze:

Der Sohn eines führenden Mitglieds einer sizilianischen Linkspartei wird des Mordes an seiner Verlobten angeklagt. Die wiederum die Tochter eines mächtigen Abgeordneten der gegnerischen Partei war. Als die Nachricht beim Fernsehsender RAI in Palermo eingeht, weigert sich Programmdirektor Michele Caruso, die Meldung sofort zu senden. Vielmehr werde er sie in den Spätnachrichten melden. Denn Caruso braucht Zeit. Zeit, in der er auf weitere Informationen wartet. Dabei geht es nicht um größtmögliche Sachlichkeit. Schon gar nicht um Wahrheit. Es geht darum, keine Fehler zu begehen innerhalb eines perfiden Machtspiels von im Verborgenen agierenden Herrschern der Insel, denen der mysteriöse Todesfall gerade recht kommt, um ihre politischen Interessen durchzusetzen – mittels der verbalen Raffinesse der Medien.

Das meint Krimi-Couch.de: »Klüngel auf sizilianisch« 75°

Krimi-Rezension von Eva Bergschneider

Kein Montalbano? Alle sind Montalbano!

Der Lübbe Verlag zitiert auf dem Cover Libertá und mag damit diejenigen Leser zum Kauf motivieren, die den beliebten zynischen Commissario aus Sizilien nicht missen wollen. Der Titel Das Netz der grossen Fische lässt vermuten, das sich der Autor hier auf das konzentriert, was stets auch in den Montalbano Krimis, mal mehr mal weniger deutlich, mitschwingt: Der schonungslose Blick auf die kleinen Schwächen und großen Sünden der italienischen Gesellschaft.

Im Nachwort schreibt der Autor, das dieser Geschichte ein realer Mordfall zugrunde liegt, der Fall Galasco, der in Italien für beträchtliches Aufsehen in den Medien sorgte. Die Ausgangssituation in der Geschichte ist exakt die gleiche. Eine Studentin, gerade mit dem Staatsexamen fertig, wird ermordet, ihr Verlobter von Ermittlungen gegen ihn in Kenntnis gesetzt und schließlich verhaftet. Der Haftrichter bestätigt die Haftgründe nicht. Das Übrige in Das Netz der grossen Fische, so versichert Camilleri, sei frei erfunden. Das Übrige sind die Winkelzüge mit denen der Chef der Lokalnachrichten den ins Rollen gebrachten Rädern ausweicht, die unvorsichtigere Glücksritter unter sich begraben. Die Treffen mit Mittelsmännern und Informanten, das Abservieren unliebsamer Mitarbeiter und das geschickte Eingreifen in das Geschehen zum richtigen Zeitpunkt.

Nicht mit Montalbano-Krimis zu verwechseln

Erzählt wird die Story aus der Sicht dieses Nachrichtenchefs der RAI in Palermo. Michele Caruso deckt die Verschwörung um den inhaftierten Manlio Caputo, den angeblichen Mörder seiner Verlobten auf. Pikanterweise ist Caputo der Sohn eines führenden Mitglieds einer Linkspartei Siziliens. Und so kommt über Parteien- und Lobbygrenzen hinweg ein wahres Intrigenkarussel in Fahrt. Es geht um die korrupten Machenschaften und Manipulationen, nicht um die Täterermittlung. Es wird zwar ausgiebig gegessen, aber sizilianische Kochrezepte sucht man ebenfalls vergeblich. Dafür kommt die Liebe oder vielmehr der Sex nicht zu kurz. Denn Machtgier und Lust ist die Triebfeder der Protagonisten und beides miteinander verbunden, denn die Befriedigung des letzteren kommt zumeist auch dem ersten zugute.

Polit-Krimi, -Satire oder gar Historie?

Satirischen Spott finden wir vor allem in den Zwischentönen der Dialoge und dem rührseligen Finale. Seine Figuren überzeichnet Camilleri gnadenlos. Da fehlt weder der windige Reporter, noch der schmierige Informant, der skrupellose Mafiosi oder ein mit der Allmacht eines Paten agierender Senator. Auch wenn jegliches Identifikationspotential fehlt, gleitet die Verzerrung nicht ins Abstruse ab. Wie in einer guten Satire eben. Die Liste der Dramatis personae am Anfang des Buches ist allerdings unentbehrlich. Allzu oft verliert man den Überblick, wer jetzt mit wem in welcher Beziehung steht. Gemessen an der recht geringen Seitenzahl, habe ich wohl noch nie so häufig nachgeschaut, von wem gerade die Rede ist. Spannung zieht der Roman aus der Ungewissheit, welches Spielchen wohl welche Konsequenzen haben mag. Man kommt sich vor, als beobachte man eine Pokerrunde, bei der jeder gezinkte Karten oder noch ein Ass im Ärmel hat. Die ganz große Überraschung bleibt zwar aus, aber hier und da ist man doch verblüfft, wie all die kleinen Verwicklungen den Lauf der Dinge voran treiben. Im Endeffekt weiß man, wie alles enden muss. Und man vermisst ihn vielleicht doch, den Commissario mit seiner eigenwilligen Moral. »Alle sind Montalbano?« – Nein, alle sind korrupt, so einfach ist das  vielleicht zu einfach.

Spaß machen in Das Netz der grossen Fische wie immer die emotionalen Dialoge und die Bildhaftigkeit der Worte, die der Autor so treffsicher zu wählen versteht. Schwarzhumorig sicherlich und im besten Sinne hintersinnig, denn zwischen den Zeilen der gerade 219 Seiten erfährt man bei Camilleri mehr, als in manchem umfassenderen Roman. Darin liegt die wahre Stärke des Autors und die spielt er in diesem satirischen Polit-Krimi aus.

Eva Bergschneider, August 2011

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kritikaster zu »Andrea Camilleri: Das Netz der großen Fische« 22.10.2017
mehr mut zur kritik, leute.
dieses machwerk kann sich nicht entscheiden, ob es eine aufgewärmte liebesgeschichte, ein krimi, eine gesellschaftskritik oder ein bericht über die strukturen der mafia ist. und so ist es garnichts. in jedem zweiten satz wirft der autor neue namen ins spiel, beständig wird telefoniert, die essgewohnheiten des informanten von caruso werden mehrfach im detail beschrieben, die weiblichen figuren bestehen aus dämlicher reicher tochter, klatschsüchtiger sekretärin und irgendwelchen flennenden zeuginnen... einfach bloß ein wirres durcheinander. und zu allem überfluss macht man dann noch den opa glücklich mit einem enkelkind! heilige mutter gottes! verschone uns mit diesem sizilianischen kaas.
Null Punkte.Aber der Sprecher des Hörbuches ist Klasse.
pele zu »Andrea Camilleri: Das Netz der großen Fische« 31.10.2015
Für mich als passioniertem Camillieri-Fan war diese spannungslose Geschichte mit so vielen verwirrenden Akteuren leider eine glatte Enttäuschung. Mag sein, dass ich einfach zu faul war, um immer wieder im "who is who?" nachzublättern, wer denn jetzt eigentlich mit oder gegen wen agierte. Die Montalbano-
Krimis sind und waren auf jeden Fall um Welten lesenswerter und geben weitaus mehr Einblick in die sizilianische Lebensart, die ich so schätze.
Kblitz zu »Andrea Camilleri: Das Netz der großen Fische« 09.10.2011
Nachdem ich alle Montalbano Krimis gelesen habe, teilweise auch im TV gesehen
war ich auf dieses Buch gespannt. Leider musste ich nach ein Viertel des Buches feststellen, dass es eigentlich kein Krimi ist.
Es ist mehr eine Sartire über Macht, Intrigen
Tricks usw. Daher fehlt mir die Spannung.
Natürlich ist es wie gewohnt bei Cmilleri gut geschrieben.
Aber für mich kein Krimi und daher fällt die Bewertung nicht hoch aus.
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