Abschied ohne Küsse von Allan Guthrie

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2006 unter dem Titel Kiss her goodbye, deutsche Ausgabe erstmals 2008 bei Rotbuch.
Ort & Zeit der Handlung: , 1990 - 2009.

  • New York: Dorchester, 2005 unter dem Titel Kiss her goodbye. 223 Seiten.
  • Edinburgh: Polygon, 2006. 236 Seiten.
  • Berlin: Rotbuch, 2008. Übersetzt von Gerold Hens. ISBN: 978-3867890243. 256 Seiten.
  • [Hörbuch] Berlin: Argon, 2008. Gesprochen von Reiner Schöne. ISBN: 3866104545. 4 CDs.

'Abschied ohne Küsse' ist erschienen als TaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Als seine Tochter tot aufgefunden wird, ist der Geldeintreiber Joe Hope nicht mehr aufzuhalten. Er wird den Mörder finden und ihn stellen Doch die Polizei verhaftet Joe. Wegen Mordes. Aber dieses eine Mal ist er wirklich unschuldig. Gnade demjenigen, der ihn ans Messer geliefert hat!

Das meint Krimi-Couch.de: »Schlagetot in der Klemme« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Cooper ist als Kredithai im schottischen Edinburgh bekannt und gefürchtet: Wer mit seinen Rückzahlungen allzu weit in Rückstand gerät, den besucht er mit seinem »Assistenten« Joe Hope, der mit dem Baseballschläger dafür sorgt, dass der Schuldner spurt, sobald er das Krankenhaus verlassen kann. Hope verdient gut, sein Boss ist auch sein bester Freund, in seinem Haus ist Joe öfter anzutreffen als daheim, wo nur seine ihm gründlich entfremdete Gattin Ruth haust.

Hopes kleine Welt gerät aus der Bahn, als ihn die Nachricht vom Tod seiner Tochter erreicht: Gemma, neunzehn Jahre jung, war in eine Schriftstellerkolonie auf den Orkney-Inseln gezogen; dort hat sie sich Tabletten vergiftet. Ihr Vater reist außer sich in den Norden; als er racheschnaubend besagte Kolonie erreicht, erwartet ihn die Polizei: In Hopes Wagen wurde in Edinburgh die Leiche von Ruth entdeckt; die Leiche weist zahlreiche Schlagmale eines Baseballschlägers auf. Damit ist Hope der Hauptverdächtige, zumal alle Indizien auf ihn weisen.

Aber ausnahmsweise ist Hope unschuldig. Man hat ihn in eine Falle gelockt. Dies muss mit Gemmas Tod zusammenhängen, reimt Hope sich zusammen. Er muss aus dem Gefängnis heraus, um selbst für Gerechtigkeit zu sorgen. Cooper besorgt ihm ein falsches Alibi. Der Trick funktioniert, Hope kommt frei. Sofort setzt er sich auf die Spur seiner unsichtbaren Feinde. Die erfahren indes von seinem Plan und forcieren nunmehr mit gewaltträchtigem Nachdruck für seinen endgültigen Untergang – es bleibt ihnen gar nichts anderes übrig, denn Joe Hope ist den Verschwörern härter auf den Fersen als diesen lieb sein kann, und die grausame Wahrheit über das Ende seiner Familie wird ihn jegliche Rücksicht vergessen lassen …

Harte Krimis für frustrierte Fans

»Hard Case Crime«: Hier hatten Charles Ardai und Max Phillips 2005 eine richtig gute Idee. Vergiss die üblichen Möchtegern-Krimis, die ein bisschen Verbrechen mit exzessivem Beziehungskisten-Geschiebe kombinieren, genialische Serienkiller in immer bizarrer werdende Metzel-Orgien verwickeln oder in Schurkereien aus lange vergangenen Zeiten schwelgen. Hier geht es beinhart zur Sache – die wunderbar trashigen, eigens für diese Reihe entstandenen und politisch absolut unkorrekten Titelbilder erinnern an die Pulps der 1950er und 60er Jahre, als Krimis noch grob, schmutzig oder »aus dem Leben gegriffen« – noir halt – sein und sogar aus der Perspektive unbelehrbarer Gangster geschrieben sein durften.

Zwar erwischte es die zynischen, vom Pech verfolgten und unmoralischen Anti-Helden in der Regel im Finale, doch das war kein Sieg der Gerechtigkeit, sondern das Ergebnis erbitterter Auseinandersetzungen, die in einer Art Vakuum erbittert und gewaltreich ausgetragen wurden: Die »große Welt« blieb ahnungslos, die Handlung konzentrierte sich auf die wenigen Beteiligten, die in diesem Spiel des Verderbens ihre festen Rollen hatten.

Abschied ohne Küsse ist ein vorzügliches Beispiel für dieses Konzept: Die Geschichte ist rau und ruppig, sie wird ohne das sprichwörtliche Blatt vor dem Mund erzählt. Der Stil ist ohne Rücksicht auf literarische Qualität in den Dienst der Story gestellt: Allan Guthrie erzählt (jederzeit maßgeblich unterstützt durch seinen deutschen Übersetzer) geradlinig und ökonomisch. Abschied ohne Küsse ist kein Roman, der auf Ziegelsteindicke aufgeblasen wird (das »Elizabeth-George-Syndrom«). Nach nicht einmal 300 Seiten ist der Spuk vorüber, die Handlung an ihr natürliches Ende gekommen. Es gibt keinen »überraschenden« Finaltwist oder ähnlichen modischen Schnickschnack. Guthrie bleibt konsequent; der Leser rechnet damit, dass das Ende brutal ausfallen wird, und so kommt es auch.

Gewalt und die Angst vor dem, was sie tarnt

Der feine Unterschied zum Mainstream-Metzel-Thriller im Schatten schweigender Lämmer liegt in der Tatsache, dass diese Gewalt nicht selbstzweckhaft inszeniert wird, sondern integrales Element der Welt ist, in der wir für 286 Seiten ebenso fasziniert wie angeekelt Guthries Gäste sind. Heutzutage ist es schon als mutige Entscheidung zu werten, dass ein Autor eine Hauptfigur erschafft, die es völlig in Ordnung findet, Menschen für (und wegen) Geld krankenhausreif zu schlagen. Guthrie drückt Joe Hope dafür einen Baseballschläger in die Hand – der Bat ist als Instrument des Sports mindestens so bekannt wie als Waffe der Unterwelt. Mit ihr lassen sich schreckliche Verletzungen verursachen.

Wie können wir eine Hauptfigur ertragen, die so ihren Lebensunterhalt verdient? Ganz einfach, teuflisch einfach: Diese Abgestumpftheit ist nur ein Aspekt des Wesens, das insgesamt Joe Hope ergibt. Der Mann ist kein Psychopath, er hat moralische Grundsätze, leidet unter emotionalem Hunger. Als Leser ertappt man sich mehr als einmal dabei, diesen Hope, einen Gesellen, den man im wahren Leben zu Recht meiden würde, zu bemitleiden. Er lässt sich treiben und flüchtet vor seinen privaten Problemen. Als Gemma stirbt, kann Hope sich ihnen nicht mehr entziehen. Erwartungsgemäß reagiert er mit dem einzigen Gefühl, das er zu beherrschen meint – mit Zorn oder besser: mit blinder Wut, die ihm das Nachdenken oder Trauern erspart. Hope weiß sehr genau, dass es zu spät ist und er Initiative zu Gemmas Lebzeiten hätte zeigen müssen. Hopes desolates, dem »normalen« Zeitgenossen kaum oder gar nicht verständliches Wesen und die daraus Konflikte und Reaktionen wird von Guthrie sehr präzise und spannend beschrieben.

Freundschaft und Verrat

Der Plot von Abschied ohne Küsse lebt nicht von seiner Raffinesse. Wesentlich früher als der allerdings von den Umständen gehandicapte Hope ahnt der Leser, welches Drama dem mörderischen Geschehen zu Grunde liegt. Diese Welt ist gleichzeitig schlecht und banal; kein Wunder, dass man sich als Leser immer wieder an den Film Pulp Fiction erinnert.

Um Hope zu vernichten, bedarf es nicht des Gesetzes oder einer Moral Majority. Man könnte ihn erneut bedauern, denn obwohl er im kriminellen Kosmos seiner Heimatstadt zu Hause ist, glaubt er offenbar persönlich immun gegen dessen skrupelfreie Regellosigkeit zu sein. Die Gewalt, die Hope so selbstverständlich verbreitet, wendet sich schließlich gegen ihn – so einfach ist das, doch der naive Schläger ist trotzdem überrascht.

Und naiv ist Hope, wie er endlich erkennt. Die wenigen Menschen, denen er vertraute, haben ihn seit vielen Jahren betrogen und benutzt. Das ist die eigentliche Strafe, die ihn härter trifft als Verfolgung, Haft oder Polizeibrutalität. An seiner Seite findet er stattdessen Personen, die er bisher nie für voll genommen hätte. Sie halten zu ihm, aber lange ist Hope außer Stande dies zu begreifen. Auch dieser Aspekt der Handlung ist interessanter als der Versuch, die Auflösung des Geschehens so langfristig wie möglich im Verborgenen zu halten.

Die ohnehin kleine Schatzkiste, in der die Muse Kalliope denkbare Thriller-Plots hortete, ist längst bis auf den Boden geleert. Die Variation bestimmt nicht nur den unterhaltungsliterarischen Alltag. In dieser Hinsicht gelingt Guthrie eine solide Arbeit mit hübsch-hässlichen Einfällen: Tina, die Nutte mit dem gar nicht goldenen Herzen, setzt den Baseballschläger gegen Kerle, die ihr frech kommen, sogar noch lieber ein als Hope gegen Schuldpreller.

Das Ende ist weniger leichenträchtig oder tragisch als erwartet, sondern in seiner Künstlichkeit eher ironisch – und interessant: Wie wird Joe Hope sein Leben fortsetzen? Er fängt bei Null an. Einen kleinen Lichtstrahl gönnt ihm Verfasser Guthrie aber doch: Hope kauft einen Anzug, um seine Tochter zu beerdigen und Abschied zu nehmen. Für einen Noir-Krimi ist das beinahe ein Happy-End …

Michael Drewniok, Juli 2008

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tassieteufel zu »Allan Guthrie: Abschied ohne Küsse« 28.07.2009
Joe Hope ist Geldeintreiber für seinen Freund den Kredithai Cooper, als innerhalb weniger Tage seine Tochter Selbstmord begeht, seine Frau ermordet wird und er als Hauptverdächtiger
von der Polizei vehaftet wird, gerät sein Leben aus den Fugen, denn natürlich will er wissen, wer ihn da rein geritten hat und warum.
Ein Überflieger an Spannung ist das Buch nicht gerade, doch hat man erst einmal mit lesen angefangen, kann man sich der Dynamik der Geschichte nur schwer entziehen und will wissen wie es aus-geht. Dabei ist Joe Hope keine besonders sympathische Figur, eher ein Art Antiheld der plötzlich zwischen den Scherben seines eh nicht besonderen Lebens steht. Die Anzahl der Personen ist recht überschaubar, so das man als Leser eigentlich schon weiß, wer der
Bösewicht ist, so viele kommen da nicht in Frage, es sei denn am Ende würde noch der große Unbekannte auftauchen. Von daher ist die Geschichte also recht vorhersehbar, denn das Ganze zeichnet sich schon vor der Mitte ab, der Leser kommt da allerdings schneller drauf
als Joe und ist ihm so einen Schritt voraus. Flüssig zu Lesen war die Geschichte aber trotzdem, was vermutlich auch an den knappen Seitenzahl lag, mehr hätte die Story dann aber auch nicht hergegeben ohne langatmig zu werden.
Als besonders hart würde ich das Buch jetzt nicht bezeichen, aber die Sprache ist schnörkellos und recht direkt, besonders gut haben mir die Dialoge bei den Polizeiverhören von Joe gefallen, da konnte ich mir ab und an ein Schmunzeln nicht verkneifen.
Die Charaktere passen zum Buch, sind kurz und prägnat geschildert ohne großen Tiefgang aber gut vorstellbar.

Fazit: kein Überflieger an Spannung aber unterhaltsam, da die Story doch etwas vorhersehbar ist, war das Buch für mich nichts überragendes, hat bei mir aber auf jeden Fall Lust auf mehr von der Hard Case Krimi Reihe gemacht.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
koepper zu »Allan Guthrie: Abschied ohne Küsse« 01.05.2009
"Abschied ohne Küsse" ist unterhaltend, besonders bemerkenswert fand ich das Buch nicht.
Die Geschichte ist ab Mitte des Buches sehr vorhersehbar, das Warten auf den show down gestaltet sich dann doch etwas zäh. Es nehmen nur wenige Personen an der Geschichte teil, das empfand ich als angenehm. Der Autor schreibt nichts Überflüssiges, es gibt nur die Story und keine "Nebenkriegsschauplätze" . Guthrie schreibt sehr direkt, die Dialoge wirken glaubwürdig, das Tempo ist hoch. Die Story ist jedoch dünn, das Ende absehbar. Das Buch bietet wenig Überraschendes. Dadurch ersehnte ich das Ende und die Auflösung der Geschichte zunehmend herbei.
Ich habe ein nettes Buch gelesen, das ich wohl schnell vergessen werde.
Bio-Fan zu »Allan Guthrie: Abschied ohne Küsse« 21.12.2008
Was schreibt man zu einer Geschichte, in der mir nicht eine Person sonderlich sympathisch war, in der der Autor krampfhaft versucht, die Düsternis eines Noir-Romans zu erzeugen, die anfangs langweilig ist, nach einem Zwischenspurt wieder in Vorhersehbarkeit und Banalität zurückfällt?
Joe Hope und sein Freund Cooper, zwei Studienabbrecher, versuchen sich als "Möchte-Gern" -Ganoven -sprich Geldeintreiber und Kredithai. Was ihnen an "echter" Härte und Stallgeruch fehlt, soll ihre vordergründige Brutalität cachieren. Konflikte, zwischen wem auch immer, werden bevorzugt mit dem Baseballschläger ausgetragen.
Joes Tochter begeht Selbstmord. Joes Frau wird ermordet. Wer steckt dahinter?
Das ist leider keine Frage, die besondere Spannung erzeugt. Die Antwort gleicht einer Schablone, die wir schon tausendmal gelesen haben.
Bierernste Dialoge, Figuren ohne Tiefe, ein kontourloser Schauplatz und eine zu offensichtliche Lösung erzeugten bei mir nur lauwarme Temperaturen von 50 Grad.
Da hatte ich echt mehr erwartet.
mase zu »Allan Guthrie: Abschied ohne Küsse« 08.10.2008
Grossartige Unterhaltung. Das Buch ist zwar im Hard Case Crime erschienen, aber es ist meiner Meinung nach ein richtiger Thriller, dem nur die ausführlich beschreibenden Elemente fehlen.

Das Buch strotzt vor Dynamik und Geschwindigkeit. Ohne es genau zu wissen, würde ich sagen, dass sich die komplette Geschichte innert 3 Tagen abspielt und dadurch, dass Guthrie alle Nebensächlichkeiten beiseite lässt, flutsch man nur so durch das Buch.

Auch die Charaktere finde ich sehr ansprechend. Ein brutaler Geldeintreiber mit wenig Skrupel, der um seine Tochter weint, ein milchgesichtiger Anwalt, der sich am Rande der Legalität bewegt, eine Hure, die mit einem Baseballschläger umzugehen weiss und gemeine Bullen. Dazu noch jede Menge witzige und coole Sprüche, die wie so oft das ganze Geschehen abrunden.

Sehr gut geschrieben finde ich die Polizeiverhöre und die Dialoge zwischen Mandant und Anwalt. Die klangen für mich sehr realistisch.

Der Plot ist meiner Meinung nach nicht das Highlight dieses Buches, aber es ist schon eines Lobes wert, wie Guthrie scheinbar ohne Stilmittel, ausser den bereits erwähnten, mich als Leser fesseln konnte.

Klasse Buch.
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Schrodo zu »Allan Guthrie: Abschied ohne Küsse« 03.09.2008
Wer in Edinburgh Geld braucht, geht zu Cooper, wer das Geld nicht zurückzahlt, bekommt Besuch von Joe Hope (was für ein Name!) und seinem Baseballschläger. Joe ist cool, emotionslos, impotent und gnadenlos. Als seine 19 jährige Tochter Selbstmord begeht und anschließend auch noch seine Frau getötet wird, ist Joe plötzlich der Hauptverdächtige. Um nicht in den Knast zu kommen verpisst er sich natürlich und macht sich auf die Suche nach dem wahren Mörder. In einem filmreifen Showdown in einer Kirche endet der Krimi. Ganz so spannend ist das Buch ja nicht und Herzklopfen bekommt man davon auch nicht, dafür ist Joe einfach zu cool. Aber man liest Seite um Seite und möchte einfach wissen was der gute Joe als nächstes anstellt.
Mein erster Rotbuch Krimi der Hard Case Crime Reihe und gewiss nicht mein Letztes.
Ach ja, eins noch: Sonderlich brutal ist der Krimi nicht, außer einigen geprellten Rippen, eingeschlagenen Nasen, gebrochenen Armen und Beinen, sowie mehreren Beulen am Kopf ist das Buch ganz angenehm zu lesen.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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