Hercule Poirots Weihnachten von Agatha Christie

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1938 unter dem Titel Hercule Poirot´s christmas, deutsche Ausgabe erstmals 1961 bei Scherz.
Folge 19 der Hercule-Poirot-Serie.

  • London: Collins, 1938 unter dem Titel Hercule Poirot´s christmas. 251 Seiten.
  • New York: Dodd, Mead & Company, 1939. 272 Seiten.
  • New York: Dodd, Mead & Company, 1947. 255 Seiten.
  • Bern; Stuttgart; Wien: Scherz, 1961. Übersetzt von Gertrud Müller. 192 Seiten.
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1977. Übersetzt von Gertrud Müller. ISBN: 3-502-50627-2. 191 Seiten.
  • Genf: Edito-Service, 1983. Übersetzt von Gertrud Müller. 188 Seiten.
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1993. Übersetzt von Gertrud Müller. ISBN: 3-502-51431-3. 195 Seiten.
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1994. Übersetzt von Gertrud Müller. ISBN: 3-502-55165-0. 195 Seiten.
  • Bern; München; Wien: Scherz, 2002. Übersetzt von Gertrud Müller. ISBN: 3-502-51863-7. 222 Seiten.
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2007. Übersetzt von Gertrud Müller. ISBN: 978-3-596-17770-7. 222 Seiten.
  • Hildesheim: Gerstenberg, 2011. Übersetzt von Gertrud Müller. ISBN: 978-3836926584. 256 Seiten.
  • [Hörbuch] Marburg: Verl. und Studio für Hörbuchproduktionen, 2006. Gesprochen von Martin Maria Schwarz. ungekürzt. ISBN: 3896143743. 6 CDs.
  • [Hörbuch] München: Der Hörverlag, 2009. Gesprochen von Klaus Dittmann. gekürzt. ISBN: 978-3867175043. 3 CDs.

'Hercule Poirots Weihnachten' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Eine Leiche zum Heiligen Abend, das ist nicht die feine englische Art …Der Alte war reich – und ein Ekel, das die ganze Familie tyrannisierte. Ein Motiv, ihn umzubringen, hätte also jeder aus dem Clan gehabt. Poirots kleine graue Zellen müssen ganz schön arbeiten, bis klar ist, wer dafür gesorgt hat, dass der Alte den Weg zur Erbschaft freigab.

 

Das meint Krimi-Couch.de: »Nicht das Christkind, sondern der Mörder steht vor der Tür« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Über Gorston Hall in der englischen Grafschaft Middleshire herrscht Simeon Lee. Auf den Diamantenfeldern Südafrikas hat er sein Vermögen auf die harte Tour gemacht. Schwäche ist ihm verhasst, seine Gattin hat er durch ständige Affären früh ins Grab gebracht, die meisten seiner zahlreichen Kinder sind im Streit gegangen. Nur der gutmütige Alfred ist mit Ehefrau Lydia beim Vater geblieben, der ihnen das Leben mit boshaftem Vergnügen zur Hölle macht.

Zum diesjährigen Weihnachtsfest lädt Simeon zum allerseits großen Erstaunen seine sämtlichen Nachkommen ein. Nicht nur der Maler David Lee und Gattin Hilda sowie der Abgeordnete George Lee und seine deutlich jüngere Ehefrau Magdalena reisen an, sondern sogar Harry, der vor Jahren den Vater bestahl und ins Ausland verbannt wurde. Erstmals gekommen ist Pilar Estravados, Tochter von Jennifer, der verstorbenen einzigen Tochter des alten Lee. Ein Zufallsgast wird der junge Stephen Farr aus Südafrika, mit dessen Vater Simeon einst in Südafrika geschürft hat.

Schon kurz nach ihrer Ankunft wird den Lees bewusst, dass Simeon sie keineswegs eingeladen hat, um sich mit ihnen zu versöhnen. Stattdessen verhöhnt der alte Mann am Heiligen Abend seine Familie und kündigt ein neues Testament an. Kurz darauf wird Simeon in seinem von innen verschlossenen Schlafzimmer die Kehle durchgeschnitten.

Polizeichef Colonel Johnson überträgt Inspektor Sugden den Fall. Da er den Beamten für etwas fantasiearm hält, bittet er einen alten Freund um beratende Unterstützung: Meisterdetektiv Hercule Poirot sagt zu – und gerät in ein Wespennest: Auf Gorston Hall belauern die Familienangehörigen einander. Sie wissen so gut wie die Polizei, dass einer der ihren den Mord begangen haben muss. Poirot beschäftigt weniger der klassische ´unmögliche´ Mord. Er sieht den Schlüssel zur Lösung des Falls in der psychologisch kruden Familiengeschichte der Lees …

Friede auf Erden, Krieg auf Gorston Hall

Böse, alte Familientyrannen sind im klassischen Rätselkrimi eine Institution. Sie lassen ihre Launen an denen aus, die ihnen ausgeliefert sind. Die Strukturen einer vergangenen Ära verschaffen ihnen das notwendige Werkzeug: ein großes Vermögen sowie die alleinige Verfügungsgewalt darüber. Wer wie Simeon Lee seinen Reichtum mit harter Arbeit und auf krummen Wegen erwarb, hockt mit besonderer Intensität auf seinem Schatz. Der Sozialkodex ist auf seiner Seite: Für seine Kinder sorgt man, aber wenn dies geschieht, herrscht man auch über sie und jene Unglücklichen, die durch Heirat in die Familie geraten sind.

Simeon Lee hat seine Kinder charakterlich gewogen und sämtlich für zu leicht befunden. Er ist ein Raubritter und ein Rabenvater; er weiß es und kann ausgezeichnet damit leben. Die Enttäuschung über eine Brut, die ihm trotz ihrer Kopfstärke keine Enkel bescherte, schürt seine Wut, die er vor allem an Alfred auslässt, der doch nur ein guter Sohn sein will und nicht versteht, dass Simeon sich einen vor allem starken Sohn wünscht.

Das Weihnachtsfest auf Gorston Hall wird so zum weiteren Glied in einer langen Kette von Familienstreitigkeiten, die in Wut, Demütigung und Streit enden. Simeon genießt das, aber dieses Mal hat er den Bogen überspannt. Endlich findet er ein Familienmitglied, das ihm Paroli bietet. Da Vernunft oder Mäßigung nie zum Verhaltensrepertoire der Lees gehörten, überlebt Simeon seinen Triumph nicht.

Krimi-Mysterium und Familien-Psychologie

Scheinbar legt Agatha Christie einen typischen »Whodunit« vor. Simeon wird der Hals in einem von innen verschlossenen Raum durchgeschnitten. Es gibt nur eine Tür, das Fenster fällt als Fluchtweg des Mörders ebenfalls aus, und Geheimgänge existieren selbstverständlich nicht; Christie hat solche faulen Tricks nicht nötig.

Zum Mysterium eines ´unmöglichen´ Mordes kommen Indizien, die nicht einmal Poirot einordnen kann. Trotz intensiver Bemühungen misslingt eine Kartierung der in der Tatnacht im Haus Anwesenden, von denen eine/r ein/e Mörder/in sein muss. Normalerweise würde Poirot den gordischen Knoten dennoch durchschlagen und im Finale mit einer unerwarteten aber genialen Entschlüsselung der seltsamen und lückenhaften Beweise und Spuren aufwarten. Stattdessen wartet Christie mit einer wesentlich wirkungsvolleren Auflösung auf: Poirot arbeitet nicht mit den Indizien, sondern ignoriert sie irgendwann, um zu einer effektiveren Methode überzugehen: Der Detektiv wird zum Psychologen.

Mord ist ein zutiefst menschliches Verbrechen. Es wurzelt im Hirn des Täters, und es wird ausgelöst durch Handlungen und Äußerungen des Opfers. Diese können verschwiegen aber nicht getilgt werden. Indizien lassen sich dagegen fälschen. Ein Sherlock Holmes ließe sich auf diese Weise wahrscheinlich täuschen. Hercule Poirot hat sich dagegen als Detektiv weiterentwickelt. In seinem 19. Fall stellt er den menschlichen Faktor über den Beweis.

Familie plus Weihnachten: eine teuflische Mischung

Jene sachte aber präsente Spannung, die der Freund des Rätselkrimis sucht, leidet darunter erstaunlicherweise nicht. Christie ergänzt den klassischen »Whodunit«, indem sie ihn über die üblichen Ermittlungsroutinen bzw. -mechanismen erhebt, ohne zu langweilen und damit jenen Schritt zu viel zu machen, den allzu viele Autoren für erforderlich halten, um einen profanen Krimi zu ´richtiger´ Literatur zu adeln.

Natürlich überspitzt sie. Die Lees von Gorston Hall sind eine allzu vorbildlich schreckliche Sippe. Jedes Mitglied repräsentiert exemplarisch aber sorgfältig herausgearbeitet menschliche Schwächen. Auf diese Weise wird das Versagen als Familie umso deutlicher. Geschickt und – wie aus dem Geschehen eindeutig hervorgeht – keineswegs zufällig gewählt ist das Datum der unheilvollen Zusammenkunft: Weihnachten, das Fest der Liebe, ist dort gefürchtet, wo es keineswegs versöhnungsfreudige Zeitgenossen zusammenführt. Dennoch gehen die jüngeren Lees dem alten Simeon in die Festtags-Falle.

Allerdings hat der diabolische Alte die Temperatur in dem Kessel unterschätzt, unter dem er das Feuer kräftig angeheizt hat. Unterdrückte Emotionen suchen sich ihren Weg. Gibt es kein Ventil, bahnen sie ihn sich gewaltsam. Christie beschreibt kein geniales Verbrechen, sondern eine geschickt eingefädelte Rache. Letztlich geht es auf Gorston Hall nicht um Geld, sondern um verletzte Gefühle.

Ein Ende mit vielen Überraschungen

Christie lässt es ihrer Geschichte an Spannung niemals fehlen, Leerlauf gibt es nicht. Der Leser wird immer neugieriger, je eindeutiger wird, dass sich die Indizien beim besten Willen nicht zu einer Rekonstruktion der Mordnacht fügen. Gleichzeitig sorgt Christie dafür, dass sich unter den zahlreichen Verdächtigen niemand als Täter herauszukristallisieren beginnt. Im Gegenteil: Sie reiht der Schar weitere potenzielle Mörder ein – den undurchsichtigen Kammerdiener, die spanische Schönheit, den ´zufälligen´ Besucher aus Südafrika.

Das große Finale stellt sich zunächst als übliche Versammlung sämtlicher Beteiligter dar, vor denen sich Poirot aufbaut, um den Anwesenden = dem Leser zu berichten, was sich tatsächlich ereignet hat, um dies dramatisch mit der Entlarvung des Mörders zu krönen. Der Leser erwartet Überraschungen, doch er wird mit einem wahren Wechselbad erstaunlicher Enthüllungen konfrontiert. In rascher Folge werden falsche Identitäten gelüftet, unter denen sich weitere Lügen verbergen.

Schließlich gelingt es Christie, mit dem wahren Täter ein weiteres As aus dem Ärmel zu zaubern. Diese Auflösung überrascht wirklich. Der Leser mag sich zwar stärker als sonst manipuliert fühlen, muss aber nachträglich zugeben, dass Christie genrekonform entsprechende Hinweise in die Handlung eingestreut hat. Man hat sie wie üblich nicht entdeckt oder verstanden.

Schon die zeitgenössische Kritik reagierte positiv auf eine Agatha Christie in Bestform. Hercule Poirots Weihnachten zählt im angelsächsischen Sprachraum zu den Meisterwerken der Autorin. In Deutschland genießt dieser Roman dagegen nicht die Wertschätzung wie Mord im Orient-Express, Der Tod auf dem Nil oder Die Morde des Herrn ABC u. a. Poirot-Krimis, was sich auch daran erkennen lässt, dass er erst 1961 übersetzt wurde. Die (Wieder-) Entdeckung ist überfällig und für den Leser ein Erlebnis: Nicht viele Klassiker haben gleichzeitig eine nostalgische Patina angenommen und sind darunter so frisch geblieben.

Hercule Poirots Weihnachten im Film

Zwar wurde der Roman nie für das Kino verfilmt, fand aber selbstverständlich Aufnahme in die BBC-Serie »Agatha Christie’s Poirot«, in der David Suchet in der Rolle seines Lebens seit 1989 (!) den belgischen Meisterdetektiv spielt. Hercule Poirot’s christmas wurde als spielfilmlange Doppelfolge im Januar 1995 ausgestrahlt. Schauspiel-Veteran Vernon Dobtcheff gab wunderbar widerlich den alten Simeon Lee. Für diese TV-Version wurden einige Figuren gestrichen und andere verändert; so steht Poirot nicht Colonel Johnson, sondern der den Zuschauern aus anderen »Poirot«-Fällen bekanntere Inspektor Japp zur Seite.

2006 entstand für den französischen Sender »France 2« die vierteilige Mini-Serie »Petits Meurtres en Famille«. Das Geschehen wurde in die Bretagne verlegt, wo 1939 der intrigante Patriarch Simon Le Tescou (Robert Hossein) zu seinem 70. (und letzten) Geburtstag einlädt. Poirot wurde durch das Polizei-Duo Commissaire Jean Larosière (Antoine Duléry) und Inspecteur Émile Lampion (Marius Colucci) ersetzt, die in ihren Rollen so erfolgreich waren, dass »France 2« 2009 sie in zwölf weiteren Fällen nach Agatha Christie ermitteln ließ.

Michael Drewniok, Dezember 2012

Ihre Meinung zu »Agatha Christie: Hercule Poirots Weihnachten«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

Hercule Poirot 2002 zu »Agatha Christie: Hercule Poirots Weihnachten« 28.06.2016
Es ist schon eine längere Zeit her, dass ich dieses Buch gelesen habe. Zufälligerweise war gerade Weihnachtszeit. Das Buch mit dem hervorragenden Detektiv Hercule Poirot von der Grand-Crime-Dame Christie hat mich zuerst gelangweilt. Doch der Roman entwickelte sich zu einem amüsanten Weihnachtskrimi.
Fazit: Guter Poirot-Krimi !
Igelmanu66 zu »Agatha Christie: Hercule Poirots Weihnachten« 18.12.2015
»Ihr seid doch keinen Penny wert, keiner von euch! Ich habe von euch allen die Nase gestrichen voll! Ihr seid doch keine richtigen Männer! Ihr seid Schwächlinge, ein Haufen verhätschelter Schwächlinge. … Ich schwöre Stein und Bein, dass ich irgendwo auf der Welt einen Sohn habe, der besser ist, als ihr es seid, selbst wenn ihr im richtigen Bett geboren wurdet!«

Wer so spricht, macht sich nicht gerade beliebt. Und der alte Simeon Lee ist nicht nur an Weihnachten so herzlich zu seinen Familienangehörigen, sondern ganzjährig. Als er wenig später tot aufgefunden wird, ist sofort klar, dass die Todesursache keine natürliche ist. Verdächtige gibt es reichlich, aber keiner von denen kann die Tat begangen haben. Alles erscheint reichlich mysteriös – ein Fall für Hercule Poirot!

An diesem schönen, alten Krimi hatte ich viel Spaß! Es wird kombiniert und nachgedacht, eine Theorie nach der anderen aufgestellt und überprüft. Stückchen für Stückchen scheint sich das Puzzle zusammenzusetzen, aber ständig passt ein Teil nicht. Es bleibt daher spannend bis zum Schluss.

An Charakteren gibt es einige interessante, auch der alte Simeon Lee gefiel mir (solange er noch agierte ;-) Ein richtiger Fiesling, aber eindeutig mit Charisma! Beim weihnachtlichen Familientreffen kommen eine ganze Anzahl klassischer Mordmotive zusammen, zudem ergeben sich die gewöhnlichen „Weihnachtskrisen“, die daraus resultieren, dass sich Familienangehörige treffen, die sich oft das ganze Jahr über nicht gesehen haben, die unterschiedlichste Lebenseinstellungen und Ansichten haben und langgehegte Feindschaften und Eifersüchteleien pflegen – und die dann auf einmal in völliger Harmonie miteinander umgehen sollen.

Fazit: Klassischer britischer Krimi mit einem überzeugend kombinierenden Hercule Poirot vor weihnachtlicher Kulisse.

»Wollen Sie mir weismachen, Superintendent, dass das einer von diesen verdammten Fällen ist, von denen man in Kriminalromanen liest?«
Stefan83 zu »Agatha Christie: Hercule Poirots Weihnachten« 04.09.2014
„Hercule Poirots Weihnachten“ ist gleich in mehrerer Hinsicht einer der bemerkenswertesten Titel aus dem umfassenden Lebenswerk von Agatha Christie.

Zum einen ist es der letzte Fall des belgischen Detektivs mit dem Eierkopf, welcher vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs erschienen ist. Und zum anderen ist es eins der wenigen Bücher, in dem die „Queen of Crime“ mit den „Zehn Regeln für einen fairen Kriminalroman“ bricht, die der Autor Ronald Knox 1929 für sich und alle anderen Mitglieder (darunter u.a. Dorothy L. Sayers, Agatha Christie selbst und – als einziger Amerikaner – John Dickson Carr) des Londoner Detection Clubs ausformuliert hatte. Eben jener Carr hat auch eine nicht ganz unwesentliche Rolle bei der Niederschrift des 1938 erschienenen Buches gespielt, gilt er doch als unerreichter Meister des Krimi-Subgenres „Locked-Room-Mystery“, in dem ein Verbrechen, fast immer ein Mord, unter offensichtlich unmöglichen Umständen begangen wird. Der Schauplatz ist dabei typischerweise ein solcher, den weder jemand betreten noch verlassen konnte, also ein verschlossener Raum. Und der Mörder scheint sich bei Entdeckung des Verbrechens buchstäblich in Luft aufgelöst zu haben. Das perfekte Rätsel für einen Ermittler und damit, so muss auch Christie gedacht haben, prädestiniert für einen Auftritt des Hercule Poirot, weshalb wir genau diese Ausgangskonstellation am Anfang seiner Ermittlungen in diesem Buch vorfinden. Doch first things first, weshalb die eigentliche Handlung hier kurz angerissen sei:

Gorston Hall in der englischen Grafschaft Middleshire. Hier liegt der Sitz der Familie Lee über die Oberhaupt Simeon, der in jungen Jahren auf den Diamantenfeldern Südafrikas sein Vermögen gemacht hat, mit harter Hand herrscht. Außer Geld liebt er nur sich selbst und die ständigen Affären mit Frauen, welche seine Gattin früh ins Grab gebracht und die meisten seiner Kinder im Streit aus dem Haus getrieben haben. Allein der gutmütige Alfred und dessen Ehefrau Lydia sind beim Vater geblieben, der ihnen zum Dank für ihre Unterstützung mit sadistischer Wonne das Leben zur Hölle macht. So verwundert es schon, als er zum diesjährigen Weihnachtsfest sämtliche Nachkommen einlädt. Wird er auf die alten Tage vielleicht doch nachdenklich und sucht die Versöhnung? Auch wenn Letzteres nur wenige glauben, folgen schließlich alle seinem Ruf. Neben Harry, der seinen Vater einst bestahl und dafür ins Ausland verbannt wurde, sagen auch der Abgeordnete George Lee und seine Frau Magdalena sowie der Maler David Lee und Gattin Hilda ihr Kommen zu. Auch Pilar Estravados, Enkelkind des alten Lee, nimmt erstmals an einem Familientreffen teil. Komplettiert wird die Gruppe durch Stephen Farr aus Südafrika, mit dessen Vater Simeon einst in Südafrika Diamanten geschürft hat.

Doch von „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“ ist an diesem Heiligen Abend – wie befürchtet – nichts zu spüren. Im Gegenteil: Simeon Lee lässt keine Gelegenheit aus seine Gäste zu verhöhnen und kündigt gar vor der gesamten Familie ein neues Testament an. Nur wenige Zeit später ist Simeon Lee tot. In dem von innen verriegelten Schlafzimmer wurde ihm die Kehle durchgeschnitten. Inspektor Sugden ist ratlos, worauf Polizeichef Colonel Johnson seinen alten Freund, den Meisterdetektiv Hercule Poirot, um Hilfe bittet. Als er Gorston Hall erreicht, erwartet ihn eine angespannte Atmosphäre, denn den Familienmitgliedern ist klar: Einer von ihnen, muss den Mord begangen haben. Doch wer? Poirots kleine, graue Zellen sind einmal mehr gefordert …

Nimmt man nur diesen kurzen Ausschnitt für sich – er könnte exemplarisch für viele der klassischen „Whodunits“ stehen, wo es stets mindestens einen deutlich gezeichneten Bösewicht oder zumindest Unsympathen gibt, dessen gewaltsames Ableben schon gleich zu Beginn für den Leser zu erahnen ist. Mit dieser Rolle einher geht dabei auch immer eine gewisse Macht, vor allem finanziell, welche nicht nur einfach verkörpert, sondern auch für alle erkennbar ausgeübt wird. In diesem Fall durch Simeon Lee, der seinen Reichtum harter Arbeit und auch einer gewissen Portion Hinterlist verdankt, was ihn in seinen Augen dazu berechtigt, mit allen anderen Familienmitgliedern nach gutdünken zu verfahren. Als Oberhaupt bestimmt er den Kurs, trägt er Sorge für die Nachkommen. Und Sorge tragen heißt – solange sich niemand anderes in seinen Augen wert der Nachfolge erweist – über sie herrschen.

Es ist dieses Element des Rätselkrimis, was Agatha Christie hier, mehr noch als in anderen vergleichbaren Romanen (z.B. „Der Tod wartet“ oder „Mord im Orient-Express“) aus ihrer Feder, in den Vordergrund rückt, um den tyrannischen Charakter Simeon Lees zu unterstreichen und dabei gleichzeitig alle in seinem Umfeld zu Verdächtigen zu machen. Wut, Enttäuschung, Minderwertigkeitsgefühle, Demütigung, Hass – all das kocht bereits seit längerem im Gefüge der Familie, bahnt sich langsam seinen Weg zur Oberfläche, wodurch die weihnachtliche Zusammenkunft fast zwangsläufig zu der Ausübung eines Verbrechens führen muss, für die ein jeder ein mehr als ausreichendes Motiv vorweisen kann. Genau aus diesem Grund fehlt es der Geschichte auch in keiner Passage an Spannung, da die Neugier des Lesers stets aufs Neue angeheizt wird, zumal sich dieser allein anhand der Indizien keinerlei Reim darauf machen kann, wer den Mord begangen hat, ja, wie er überhaupt stattgefunden haben soll. Christie schafft es einmal mehr äußerst geschickt, zahlreiche Verdächtige zu präsentieren, ohne das Scheinwerferlicht zu lange auf einer Person verweilen zu lassen. Davon lebt, dadurch atmet dieser Kriminalroman, in dem Hercule Poirot die reine Tatortuntersuchung nicht mehr reicht, um die Identität des Mörders zu enthüllen. Statt sich also einem verschlossenen Raum zu widmen, der nur eine zugesperrte Tür hat, dessen Fenster als Fluchtweg des Täters nicht in Frage kommt und der – hier hält sich Christie an die Knox' Regeln – auch keinerlei Geheimgänge oder Falltüren aufweist, muss der kleine Belgier sein Augenmerk auf die Verdächtigen selbst richten, sich in die Psyche des gesuchten Mörders herein versetzen.

So ist es diesmal auch nicht der Detektiv, sondern der Mensch Hercule Poirot, welcher sich – Christe-typisch – im großen Finale vor allen Beteiligten aufbaut, um en detail zu erklären, was, wie und warum sich der Mord ereignet hat. Unnötig zu erwähnen, dass es dabei wie immer einige Enthüllungen gibt, welche der Leser nicht erahnen konnte. Was man allerdings hervorheben muss, ist die Verschleierung des eigentlichen Täters – ein Meisterstück der „Queen of Crime“, das mich in jedem Fall gänzlich erstaunt zurückgelassen hat. Und jedem der gleich „unfair“ schreit, sei gleich gesagt: Christie spielt nicht mit gezinkten Karten, sondern mischt diese vor unser aller Augen einfach so schnell und geschickt, dass wir – mal wieder – nicht in der Lage sind ihr zu folgen bzw. die versteckten Hinweise zu entdecken.

Obwohl „Hercule Poirots Weihnachten“ schon bereits bei Erscheinen hymnisch besprochen wurde und bis heute in ihrem Heimatland zu den besten Werken der Autorin zählt, führt dieser Roman in deutschen Landen weiterhin ein Schattendasein neben den weit bekannteren Titeln wie „Der Tod auf dem Nil“ oder „Mord im Orient-Express“, was natürlich auch der Tatsache geschuldet ist, dass u.a. diese beiden anderen Titel meisterhaft verfilmt worden sind. Das gilt – dank einem David Suchet in Bestform – inzwischen zwar auch für das vorliegende Buch, dennoch: Die große Wertschätzung sie fehlt und meiner Ansicht nach vollkommen zu Unrecht, denn kaum ein anderer Fall des belgischen Detektivs kommt in Bezug auf Schauplatz, Dialogwitz, Personenzusammensetzung, Atmosphäre und Auflösung derart stilsicher daher, wie dieser, in dem Agatha Christie eben jene Kriterien vereinigt, die es seit jeher den Lesern unmöglich machen, ein Buch dieser Autorin vorzeitig an die Seite zu legen.

„Hercule Poirots Weihnachten“ gehört in die seltene Kategorie der Klassiker, welche sich ihren nostalgischen Charme zwar bewahrt, gleichzeitig aber keinerlei Staub angesetzt haben. Auch mehr als siebzig Jahre nach Veröffentlichung lohnt diese Wiederentdeckung – und das nicht nur zu Weihnachten!
lothar zu »Agatha Christie: Hercule Poirots Weihnachten« 05.01.2012
Ein sensationelles Werk der Queen of crime!! Sie führt uns wie so oft an der Nase herum und bietet am Ende einen Mörder mit dem wohl keiner wirklich rechnen konnte. Herrlich spannend, raffiniert und ausgekügelt. Die Kulisse stimmt, der Roman fesselt bis zum Ende. Eines der besten Bücher von Mrs.Christie!
Harry zu »Agatha Christie: Hercule Poirots Weihnachten« 11.08.2010
Zwar spannendes, aber nicht das beste Buch von Agatha Christie. Warum? Hier die Gründe:
1. Wie Tobias gesagt hat, das Motiv des Täters ist nicht bekannt.
2. Einige Fehler wie Rechtsschreibfehler sind zu lesen.
und
3. Es hat kaum mit Weihnachten zu tun, denn es kann jederzeit gespielt werden. Von Plumpudding, Weihnachtsbäume usw. was mit Weihnachten zu tun hat, kein Spur.
Darum. Ich hoffe, ihr versteht es wirklich.
Trotzdem gebe ich keine schlechte Bewertung.
Tobias zu »Agatha Christie: Hercule Poirots Weihnachten« 03.08.2010
Einfach geniales Buch. Der Täter ist so einzigartig, dass ich wette, nur einer von zwanzig Leuten kommt auf seine Identität. Durch Weihnachtliuche Stimmung nochmal sich selbst übertroffen. Einziges Manko: Das Motiv wird nicht genannt. Es kommt zwar durch, welches Motiv der Mörder hat, aber auch dieses ist sehr weit hergeholt.

93° von mir.
Lylith zu »Agatha Christie: Hercule Poirots Weihnachten« 26.09.2009
So traditionell und wohl gestaltet das Ambiente dieses Who-done-it ist, so undurchsichtig ist leider auch die Lösung des Falles angelegt.
Die Familienmitglieder einer wohlsituierten gut-englischen Familie finden sich, auf Wunsch des tyrannischen Familienoberhaupts zu Weihnachten auf dem Familiensitz ein. Ja, die Familie, bzw. die Blutsbande und Gene, die eine solche verbinden stehen in diesem Fall deutlich im Vordergrund. Und doch ist nicht jeder, der Akteure das, was er zu sein vorgibt.
Poirot ermittelt innerhalb weniger Tage, welcher der Anwesenden den alten Simeon Lee auf dem Gewissen hat und wieso. Natürlich spielt das "Wie" des Verbrechens dabei eine wichtige Rolle. Obwohl ich Hercule Poirots Fälle gerne und mit viel Begeisterung verfolge, hat mich in diesem Fall die Auflösung enttäuscht, da sie vom Leser kaum selbst entdeckt werden konnte. Zwar ist es noch möglich den Täter zu erraten, der Tathergang jedoch läßt sich nicht ermitteln, bis der belgische Detektiv ihn präsentiert.
Positiv zu erwähnen finde ich in diesem Kriminalroman jedoch die Ausgestaltung der verschiedenen anwesenden Charaktäre. Vor allem die Brüder der Familie Lee, welche auf den ersten Blick völlig verschieden sind, erweisen sich im Verlauf der Geschichte durch ausgeprägte Charakterzüge doch alle als die Söhne eines Vaters.
Fazit: keine traditionelle Weihnacht, aber ein durchaus traditioneller Who-done-it, der sich leider den Vorwurf gefallen lassen muss, dem Leser keine faire Chance zur eigenständigen Lösung des Falles zu bieten.
Krimi-Tina zu »Agatha Christie: Hercule Poirots Weihnachten« 20.07.2009
Der Patriarch Simeon Lee lädt seine gesamte Familie zum Weihnachtsfest auf seinen Landsitz. Diese, teilweise seit Jahren mit ihm zerstritten, vermutet eine Versöhnungsversuch und folgt dem Ruf. Aber Versöhnung ist es nicht, was der boshafte Alte im Sinn hat und so nimmt das Verhängnis seinen Lauf.
Der zufällig beim Polizeichef Johnson zu Gast weilende Hercule Poirot wird gebeten, bei der Aufklärung zu helfen. Was sich zunächst schwierig anlässt, wurde der Tote doch in einem von innen verschlossenen Raum umgebracht
Wie Fr. Christie auf den folgenden Seiten dieses Thema variiert , seine Möglichkeiten ausspielt und uns Leser beständig an der Nase herumführt, ist einfach nur genial zu nennen. Mal ist der Raum unzugänglich, dann doch wieder nicht, dann eben schon wieder usw.
Auch die anfängliche ausführliche Vorstellung der Familienmitglieder und Gäste, die bereits andeutet, dass hier wirklich jeder etwas zu verbergen hat, ist vom Feinsten.
Und obwohl im ganzen Buch jeder Hinweis nicht nur deutlich bezeichnet, sondern geradezu mit dem Scheinwerfer angestrahlt wird, gelang es mir weder die Methode noch den Mörder zu entschlüsseln.
Ganz großes Kino! Definitiv einer der besten Krimis von Agatha Christie
annun_ zu »Agatha Christie: Hercule Poirots Weihnachten« 06.01.2009
"Wer so einen gemeinen alten Sack zu Hause hat, der trauert nicht allzu sehr, wenn er tot ist" - so dachte ich gleich zu Beginn des Buches.
Ja, das ist hart ausgedrückt, aber den Angehörigen Simeon Lees muss man auch zugestehen, dass sie nicht gerade in Trauer versinken.

Der alte Lee hatte sich schon zu Lebzeiten als ein schwieriger und sehr nachtragender Mann erwiesen und nun lädt er urplötzlich alle seine engsten Verwandten an Weihnachten auf seinen Landsitz ein. Was soll das nur bedeuten, wo er doch jahrelang keine Anstalten machte, sich mit seinen Kindern auszusöhnen oder nach ihnen zu fragen?
Natürlich steckt da eine gewisse Boshaftigkeit dahinter und dem alten Mann macht es sichtlich Spass, seine Kinder gegeneinander aufzubringen. Als noch erwähnt wird, dass sein Testament geändert werden soll, bringt dass das Fass erst recht zum Überlaufen.und kurze Zeit später ist der alte Mann tot. Mit durchschnittener Kehle wird er in seinem Zimmer gefunden, das übrigens von innen verschlossen ist.
Da Hercule Poirot in der Nähe ist, nimmt er sich des Falles an. Aber irgendwie scheint es so, als ob wirklich jeder von jedem gesehen oder gehört wurde und somit ein Alibi hat und trotzdem aber auch jeder verdächtig ist.

Ein herrlich verzwickter und am Ende doch wieder so klarer Fall, in dem H. P. hier ermittelt. Wie schön ist es zu lesen, dass der werte Herr Detektiv ein Beichtvater vor allem für die Damen des Hauses ist. Da hat natürlich jeder Angst, verdächtigt zu werden und versucht, sich so einiges von der Seele zu reden. Die Familie des alten Lee ist aber auch zu interessant. Jeder der Söhne hat so seinen eigenen Charakterzug und am Ende sind sie doch alle irgendwie - fade und schwach. Zu schön zu lesen, wie die Männer sich alle auf ihre Frauen stützen müssen und ihr ganzes Gehabe nur Schall und Rauch ist. Mir hat die Beschreibung der einzelnen Personen sehr gut gefallen und es hat mir sichtlich Spass gemacht, dass gebe ich zu, die werten Herren zittern zu sehen. Allerdings gibt es in diesem Buch so einiges an Zufällen, die manchmal doch ein klein wenig zuviel des Guten sind. Da muss man zum Ende hin etwas aufpassen, dass man nicht selber den Kopf verliert.
Und trotzdem: Die Lösung des Falles ist wieder einmal sehr, sehr interessant. Wieder habe ich mir den Kopf zerbrochen, wie das Verbrechen wohl diesmal - und vor allem von wem - begangen wurde. Und wieder einmal - fast habe ich mich geärgert - wurde ich an der Nase herumgeführt. Und dabei hatte ich doch so schön meinen Schuldigen fest gemacht.
Das war eine schöne, kriminelle Weihnachtszeit und ist mir deshalb 84° wert.
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
CharlyDD zu »Agatha Christie: Hercule Poirots Weihnachten« 13.12.2008
"Poirots Weihnachten" ist definitiv ein guter Christie, aber was das Buch mit Weihnachten zu tun haben soll, erschließt sich mir immer noch nicht ganz? Ok, der Mord geschieht auf einer Familienzusammenführung an Weihnachten- das war es aber leider auch schon.

Sprachlich, fachlich und rein vom Unterhaltungswert hat Christie einen soliden, spannenden Krimi abgeliefert. Die Protagonisten waren schnell auseinanderzuhalten und äußerst liebenswürdig gezeichnet und man fragte sich beim Lesen schon öfters wer von den "armen Verwandten" das Los des Mörders gezogen hat.

Fazit: Lesen! Allerdings bitte nicht um Weihnachtsstimmung erzeugen zu wollen.

Dies sind nur die ersten 10 Kommentare von insgesamt 24.
» alle Kommentare anzeigen

Ihr Kommentar zu Hercule Poirots Weihnachten

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.

Seiten-Funktionen: