Blutberg von Ævar Örn Jósepsson

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2005 unter dem Titel Blóðberg , deutsche Ausgabe erstmals 2009 bei btb.
Ort & Zeit der Handlung: Island, 1990 - 2009.
Folge 3 der Kommissar-Árni-Serie.

  • Reykjavík : Mál og menning, 2005 unter dem Titel Blóðberg . 403 Seiten.
  • München: btb, 2009. Übersetzt von Coletta Bürling. ISBN: 978-3-442-73858-8. 494 Seiten.

'Blutberg' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Das größte und das umstrittenste Bauprojekt in der Geschichte Islands findet gerade im Hochland im Osten von Island statt. Das, was einst unberührte Natur war, ist nun der Sitz eines Dorfes von eintausend Einwohnern, bevölkert von Menschen aus allen Herren Länder. Eines morgens stehtein portugiesischer Arbeiter unter einem Felsen am Fuße des Canyons, wartet auf einen Kipplaster, um ihm den richtigen Weg zu weisen. Sechs Männer erscheinen, treten heraus aus dem Schneesturm und kommen auf ihn zu. Einen Moment später gibt der überhängende Felsen nach und kracht auf den Boden des Canyons hinunter. Der blutigste Arbeitsunfall in der Geschichte Islands ist Realität.

 Aber was ist, wenn dies kein Zufall war, sondern kaltblütige Mörder und der erste Fall eines tödlichen terroristischen Aktes in der Geschichte Islands? Kriminalbeamte aus Reyxkjavik werden in den Osten gesandt, um den örtlichen Polizisten bei den Ermittlungen beizustehen. Einer der wenigen Männer, die die Polizisten mit offenen Armen empfangen, ist ein portugiesischer Arbeiter, der sie mit folgenden Wörtern begrüßt: "Willkommen in Alcatraz...”

Das meint Krimi-Couch.de: »Spannung ohne Form 51°

Krimi-Rezension von Dieter Paul Rudolph

Ganz Island hält den Atem an. Auf die gigantische Baustelle eines noch gigantischeren Staudamms mitten in der eisigen Wildnis wird ein Sprengstoffanschlag verübt. Mit fatalen Folgen: Sechs Menschen sterben unter Felsmassen, ein siebter nimmt sich aus Schuldgefühl das Leben, wie es scheint. Gerüchte machen die Runde. Ist für die Tat eine militante Umwelttruppe namens «Grüne Armee» verantwortlich? Anonyme Briefe lassen darauf schließen. Oder liegt das Motiv für die Tat im Interessengeflecht der beteiligten Baufirmen? Geht es um private Rechnungen, die hier blutigst beglichen wurden? Ein Fall für die Mordkommission Reykjavik, die mit vier Beamten am Tatort auftaucht und ihre Ermittlungen aufnimmt. Aber auch der isländische Geheimdienst mischt sich ein …

 Klingt spannend? Im Prinzip schon. Und beginnt auch verheißungsvoll. Der Protagonist Árni Eysteinsson, Kriminalkommissar und mit einer dunkelhäutigen Isländerin liiert, führt sich angenehm zurückhaltend ein, der Fall verspricht über die bloße Pflichtübung des lustigen Tätersuchens hinaus einen tieferen Einblick in die isländische Gesellschaft, die Zerstörung der Natur und den Umgang mit sogenannten «Fremdarbeitern». Doch ach: Was so beginnt und Erwartungen schürt, brennt auf fast 500 Seiten schließlich gemütlich vor sich hin und erlischt schließlich im üblichen Ende.

 Woran liegt das? Da kommt einiges zusammen. Beginnen wir mit dem Personal. Zwar wird Eysteinsson schon im Klappentext als Hauptakteur des Romans angepriesen, ist es jedoch keineswegs. Er agiert in einem Viererteam, das sich aus blässlichen oder überzeichneten Beamten zusammensetzt, die von Eheproblemen, Streit mit Vorgesetzten und reaktionären Attitüden gebeutelt werden. Noch schlechter ergeht es dem Restpersonal. Da wird gegrübelt und gemutmaßt, jeder ist ein Abgrund für sich oder soll es wenigstens sein. Doch was als Abgrund daherkommt, entpuppt sich mehr und mehr als bloßes Loch, das ins Nichts führt.

Auch nicht besser ergeht es den versprochenen Themen. Die miserablen Arbeitsbedingungen der aus Portugal und China herbeigekarrten Menschen? Die Umweltproblematik? Latenter Rassismus? Nichts weiter als Stichworte in einer wortreich voranwälzenden Handlung. Zur Entlastung des Autors muss allerdings gesagt werden, dass an manchen Stellen des Buches durchaus ein wenig Witz durchscheint und die Geschichte nicht vollends im bekannten Dauergrübeln zum Stillstand kommt. Man kann so wenigstens die Hoffnung haben, dass Jósepsson durchaus zu Originellerem fähig ist, wenn man ihn einmal von der Leine des Standard-Islandkrimis lässt. Anhänger dieses allgegenwärtigen nordischen Musters, den eigentlichen Kriminalfall unter einem Berg klischeetriefender Befindlichkeitsklischees zu begraben, kommen immerhin auf ihre Kosten.

 Das Ende von «Blutberg» wäre nicht zu bemängeln, litte es nicht wie der gesamte Text unter der schlechten Vorbereitung. Irgendwie hat man die «Überraschung" von Anfang an geahnt, zu tragisch das alles, aus der Psychologie der Personen nur schwer herzuleiten. Und 500 Seiten? Die Spannung ein wenig in Form gebracht, hätte uns gut 200 davon erspart. Insgesamt also eine eher lauwarme Kost. Aber wir geben die Hoffnung nicht auf.

Dieter Paul Rudolph, März 2010

 

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