Sherlock Holmes und das verriegelte Zimmer von Adrian Conan Doyle & John Dickson Carr

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1954 unter dem Titel The Exploits of Sherlock Holmes, deutsche Ausgabe erstmals 1967 . 156 Seiten. ISBN-10: 3-453-10380-7, ISBN-13: 978-3-453-10380-1. Übersetzt von .

'Sherlock Holmes und das verriegelte Zimmer' ist erschienen als Taschenbuch

auch als: »Sherlock Holmes´ Nachlass 1« (Bertelsmann, »Sir Arthur Conan Doyle – Gesammelte Werke in Einzelausgaben, hg. von Nino Erné, Bd. XVII«), »Sherlock Holmes´ Kriminalfälle 8« (Heyne, 1968)

In Kürze:

Sechs Geschichten um den legendären Meisterdetektiv Sherlock Holmes und seinen treuen Gefährten und Chronisten Dr. John Watson, verfasst allerdings nicht von Sir Arthur Conan Doyle (1859-1930), sondern von Sohn Adrian Conan Doyle (1910-1970; in der Storyliste unten abgekürzt als ACD) und dem berühmten Kriminalschriftsteller John Dickson Carr (1906-1977; JDC), aber sonst völlig traditionell, d. h. im viktorianischen England der 1890er Jahre beheimatet und allerlei möglichst vertrackte kriminalistische Rätsel aufwerfend, die von Holmes gewohnt souverän gelöst werden.

Das meint Krimi-Couch.de: »Carr pur. Er hat das Schaurige, halb Vergessene geliebt« 80°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Sherlock Holmes – Mythos & Goldesel
Der alte Soldat hat sich und seine Gattin ebendort in einem Anfall von Wahnsinn umgebracht – so scheint es jedenfalls, bis Sherlock Holmes die Szene betritt ...

Wahre Helden sterben nicht. Das Publikum liebt und verehrt sie, und es ist viel Geld mit ihnen zu machen. Dieser zweite Aspekt darf nicht unterschätzt werden, was u. a. dazu führt, dass wir die Scheinheiligkeit des Vorworts zu dieser Sammlung erkennen, in dem viel von der heiligen Mission schwadroniert wird, den Holmes-Fans neues Lesefutter zu präsentieren.

Sir Arthur Conan Doyle hat mal mehr, später eher weniger bereitwillig neue Geschichten um Sherlock Holmes und Dr. Watson verfasst. Das Publikum verlangte schon zu seinen Lebzeiten gierig danach, es zahlte dafür, und als Doyle dies erkannte, wusste er auch die Vorteile zu nutzen. Holmes garantierte ihm einen sicheren, gediegenen Lebensstandard und viel freie Zeit, die er den Dingen widmen konnte, die ihm wichtiger waren. Besonders die späten Holmes-Stories der 20er Jahre (gesammelt 1927 in »The Casebook of Sherlock Holmes«) verfasste er, Schriftsteller-Profi reinsten Wassers, quasi per Autopilot: Holmes langweilt sich, bis endlich ein neuer Klient eintritt, den er mit einigen detektivischen Kunststücken beeindruckt; dann reisen der Meister und Adlatus Watson, der stellvertretend für die Leser die dummen Fragen stellt, an den Ort des Verbrechens, wo die allgemeine Ratlosigkeit meist durch einen Gastauftritt des dümmlichen Inspektors Lestrade einige komische Züge gewinnt, bis Holmes im großen Finale das Rätsel spektakulär und überraschend löst und dem oder gar den Schurken die Maske/n vom Gesicht reisst; über allem thront Queen Victoria, denn Holmes‘ London verharrte spätestens seit »His Last Bow« von 1917 im Nebel der guten, alten Droschken-Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Nostalgischer Schematismus bestimmt mehr noch als die »echten« Holmes-Stories aus Doyles Feder die zahllosen Pastiches, die nach seinem Tode entstanden. Vier Romane und 56 Kurzgeschichten umfasst der offizielle Doyle/Holmes-»Kanon«, wie der Fachmann weiss. Noch zu Doyles Lebzeiten flossen die ersten Holmes-Abenteuer, spielerisch meist und parodistisch sonst, aus fremden Federn. Als Doyles Tod im Jahre 1930 die Hoffnung auf neue Geschichten zunichte machte, nahm dieser Strom kontinuierlich zu. Da lag für Sohn Adrian Conan Doyle die Überlegung nahe, ganz legitim aus der väterlicherseits ererbten und bestens eingeführten Marke ein bisschen mehr Kapital herauszuschlagen.

Sieben Uhren

»The Adventure of the Seven Clocks« – JDC/ACD

Der junge Charles ist ein echter Gentleman, wäre da nicht seine Manie, jede Uhr in Stücke zu schlagen, sobald er ihrer gewahr wird; Sherlock Holmes findet bald heraus, dass es gute Gründe für solch seltsames Handeln gibt …

Die goldene Taschenuhr

»The Gold Hunter« – JDC/ACD

Der reiche Squire Trelawny starb alt, aber trotzdem ein bisschen zu plötzlich; eine Uhr, die tickt, was sie nicht dürfte, bringt Sherlock Holmes auf die richtige Fährte …

Die Kartenspieler im Wachsfigurenkabinett

»The Adventures of the Wax Gamblers« – JDC

Im Saal der wächsernen Schurken wird zur Geisterstunde heimlich falsch gespielt, schwört der alte Nachtwächter; Sherlock Holmes deckt die Karten auf und kommt einem geschickt eingefädelten Betrug auf die Spur …

Das Rätsel des Regenschirms

»The Adventure of the Highgate Miracle« – JDC

Ein achtbarer Diamantenhändler, der offensichtlich seinen Regenschirm anbetet, wirkt selbst in England etwas zu verschroben; es sei denn, dass dieses Verhalten ein Verbrechen verdecken soll, wie Sherlock Holmes argwöhnt …

Das Glück von Lavington

»The Adventure of the Black Baronet« – ACD

 …ist der Name eines alten, über viele adlige Generationen weiter gereichten Familienerbstücks, das seinem Namen freilich keine Ehre macht, was durch Sherlock Holmes offenbar wird …

Das verriegelte Zimmer

»The Adventure of the Sealed Room« – ACD

Die hier gesammelten Geschichten zeugen hauptsächlich von handwerklicher Kompetenz, während ihnen jeglicher Funken der Inspiration abgeht. Adrian Conan Doyle und John Dickson Carr halten sich streng an das vorgegebene Muster; sie kleben förmlich an ihrer Vorlage. Spätere Autoren machen aus Holmes einen Rauschgiftsüchtigen, einen Serienmörder, einen treusorgenden Ehemann, lassen ihn ins kaiserliche Wien, nach Südamerika oder sogar ins Weltall reisen – kurz: Sie bemühen sich, der Figur den eigenen Stempel aufzuprägen, um ihr auf diese Weise neue Seiten abzugewinnen. Doch Doyle II. und Carr reduzieren Holmes auf die bekannte Denkmaschine. Auch stilistisch äffen die Verfasser den älteren Doyle nach. Eine behutsame Renovierung allzu altmodisch gewordener Elemente unterbleibt. 1954 fallen Frauen in kritischen Situationen nicht mehr in Ohnmacht, wie es sich für eine viktorianische Dame angeblich ziemte. Solche Szenen lesen sich daher ziemlich lächerlich. Wie man es besser macht, erfuhren wir Leser, als im Sog von »Der Name der Rose« der historische Kriminalroman seinen Siegeszug antrat, der 1954 freilich noch in weiter Ferne lag.

Trotz solcher Einwände lesen sich die »neuen« Geschichten um Holmes & Watson flüssig und durchaus unterhaltsam. Merkwürdigerweise überzeugen Doyles Beiträge noch eher als jene, die das Vorwort Carr zuschreibt. Dabei liest sich »Das Glück von Lavington« mit seinem tief in der Vergangenheit wurzelnden Plot wie John Dickson Carr pur. Er hat das Schaurige, halb Vergessene geliebt und es in seinen vielen Romanen immer wieder meisterhaft heraufbeschworen. Aber vielleicht stimmt doch, was wiederum das Vorwort so rührend beschreibt: "Er [= Adrian Conan Doyle] benutzt den Schreibtisch seines Vaters, ist umgeben von den gleichen Dingen, und so [hat] er …die besten Voraussetzungen geschaffen, die Atmosphäre des Sherlock Holmes Stories von Sir Arthur Conan Doyle zu treffen." – Genie per Osmose gewissermaßen …

Arthur = Adrian – Wie die Gleichung schließlich doch aufging

»The Exploits of Sherlock Holmes« blieb 1954 ein einmaliges Unternehmen. Schon während der Zusammenarbeit waren Schwierigkeiten aufgetreten. Carr »wurde krank«, wie man überall lesen kann, wobei unklar bleibt, ob dies nur die freundliche Umschreibung für unüberbrückbare Differenzen ist. Tatsächlich schrieb Carr nur zwei der neuen Stories allein und zwei weitere mit seinem Co-Verfasser gemeinsam, bevor Doyle II. endgültig das Ruder übernahm.

»Sherlock Holmes’ Nachlass« fiel, weil hoffnungslos anachronistisch, angestaubt und jederzeit als Kopie erkennbar, bei Kritik und Publikum seinerzeit weitgehend durch. Das änderte sich später, als neue Leser-Generationen vom nostalgischen Verlangen nach der scheinbar guten, alten Zeit ergriffen wurden, was u. a. daran deutlich wird, dass die Adrian Doyle/Carr-Stories in Deutschland einfach der Gesamtausgabe von Arthur Conan Doyles gesammelten Werken angehängt wurden, wofür es keine sachliche Begründung gab und gibt. In der Taschenbuch-Ausgabe setzte sich deutsche Geschäftstüchtigkeit endgültig durch; durch die Streichung des ersten Vornamens wurden alle Holmes-Fälle nunmehr von »Conan Doyle« verfasst …

Ihre Meinung zu »Adrian Conan Doyle & John Dickson Carr: Sherlock Holmes und das verriegelte Zimmer«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

RolfWamers zu »Adrian Conan Doyle & John Dickson Carr: Sherlock Holmes und das verriegelte Zimmer« 02.11.2003
Es ist ein Kreuz mit den Autoren, die "das Werk des Meisters fortführen." Gerade die Figuren Holmes + Watson sind gute Argumente für die Verlängerung des Copyrights auf 200 Jahre.Von all den Nachahmern des unerreichten Meisters Sir Arthur Conan Doyle sind J.D. Carr und Doyle jun.aber noch mit die besten.
Ihr Kommentar zu Sherlock Holmes und das verriegelte Zimmer

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.

Seiten-Funktionen: