Kalte Nacht

  • Gmeiner
  • Erschienen: März 2020
  • 0

- Tom Skagen 2

- Taschenbuch

- 506 Seiten

Kalte Nacht
Kalte Nacht
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Carola Krauße-Reim
50°1001

Krimi-Couch Rezension vonJun 2020

Was würde die Polizei nur ohne Tom Skagen tun?

Anne Nørdby ist das Pseudonym der deutschen Schriftstellerin Anette Strohmeyer. Mit „Kalte Nacht“ präsentiert sie den zweiten Teil der Tom-Skagen-Reihe. Wieder muss der Ermittler der Sondereinheit Skanpol ran, wenn auch nicht ganz legal und autorisiert.

Deutsche erfüllen sich ihren Traum von Bullerbü

Bei vielen Nicht-Skandinaviern hält sich weiterhin die festsitzende Vorstellung von einem friedlichen, naturnahen und anheimelnden Miteinander in Schweden: Falunrote Holzhäuser an idyllischen Seen, selbst gesammelte Heidelbeeren zu frischen Krebsen und dazu lachende Kinder, die um einen Mitsommerbaum tanzen. Doch dieses Paradies à la Bullerbü existiert nicht mehr. Längst hat die Landflucht zugeschlagen, die Tristesse ist in die Dörfer eingekehrt und Ausländerfeindlichkeit ist schon lange kein Fremdwort mehr, sondern wird freimütig ausgelebt.

So auch in Hultsjö, Blekinge, Südschweden. Familie Nowak hat sich den Traum vom Ferienhaus in Schweden erfüllt. Doch jetzt hatten Vater Jochen und seine beiden Töchter Ronja und Eva-Lotta einen tödlichen Autounfall und Mutter Tina ist spurlos verschwunden. Als sich herausstellt, dass Eva-Lotta schon vor dem Unfall tot war, beginnen die Ermittlungen, zu denen auch Tom Skagen stößt. Er hat dabei nicht nur mit dem Fall zu kämpfen, sondern auch mit seiner Vergangenheit und dem Treffen mit Jugendliebe Maja, die als Polizistin zum Team vor Ort gehört.

Überzogene Charaktere schmälern das Lesevergnügen

Tom Skagen wird ein tief sitzendes Trauma aus seiner Vergangenheit nicht los. Es verfolgt ihn und katapultiert ihn immer wieder unvorhergesehen aus der Bahn. Eigentlich sollte allein diese Tatsache ihn zu einem Mann machen, der zumindest einige Pluspunkte bei der Leserschaft sammeln könnte. Doch, die werden gleich wieder ausradiert. Zwar scheint Skagen durchaus nett und zurückhaltend zu sein, aber Nørdby hat ihm einfach zu viele fabelhafte Fähigkeiten mitgegeben.

So sieht er allein durch Betrachten eines Tatortes den Hergang des Verbrechens, er findet die ausschlaggebenden Hinweise und Beweise, er kann Orte besser „lesen“ als alle anderen und überhaupt macht er scheinbar die ganze Arbeit. Die anderen Polizisten verkommen zu Statisten, die dann auch noch so standardmäßig beschrieben werden, dass man sie wirklich fast nicht wahr nimmt. So wird der Chefermittler zum CSI-Macho, die Ex-Freundin zur ständig unterschätzten Polizistin und Skagens Chefin aus Deutschland handelt völlig unrealistisch. Denn, obwohl Skagen unautorisiert an den Ermittlungen in Schweden teil nimmt und sie deshalb extra aus Hamburg anreist, drohen ihm keine Konsequenzen.

Genauso wenig glaubhaft und empathietragend ist die deutsche Familie Nowak. Vater Jochen kommt als harmoniebedürftiger, Schweden-fanatischer Trottel rüber, der die Vorgänge in seiner Familie nicht bemerkt; Mutter Tina ist nervtötend passiv und lässt sich fatalistisch von ihren Töchtern terrorisieren, was die beiden auch hervorragend und jede auf ihre Art schaffen. Eva-Lotta steckt tief in der Pubertät und lebt diese in allen Schattierungen aus, und Ronja hat schon durch ihr Down-Syndrom eine Sonderstellung, die ihr jede Freiheit erlaubt.

Aber nicht nur diese völlig überzogen dargestellten Personen bevölkern den Süden Schwedens, auch die Dorfbewohner kommen ziemlich schlecht weg. Alle scheinen mehr oder weniger Geheimnisse zu haben, die offene Fremdenfeindlichkeit ist abstoßend, und von Dorfidylle kann bei so viel Hass und Rivalität schon gar keine Rede sein. Hier gibt es keinen Charakter, der nicht zu übertrieben dargestellt ist. Das macht die Bindung an die  Geschichte schwierig. Dazu kommt, dass sie sich ganz um die Person Tom Skagen ausrichtet, der angeschlagene, aber überragende Held, der aber genau dadurch auch nicht als Sympathieträger und Magnet für den Thriller taugt.

Spannung gibt es nur in homöopathischen Dosen

Der Beginn der Geschichte verspricht Spannung. Der Leser erfährt, dass Tina irgendwo gefesselt in einem Erdkeller liegt und, dass Eva-Lotta schon vor dem Unfall tot war. Die auftauchenden Fragen schieben den Thriller an, doch schnell bricht die aufgebaute Spannung in sich zusammen. In langen Phasen passiert eigentlich nichts, das die Handlung vorantreibt. Bei der Stange zu bleiben fällt da nicht leicht und die ständige Wiederholung, dass Mutter Tina gefunden werden muss, ist ebenso ermüdend wie völlig überflüssig. Diese Langatmigkeit wird durch Rückblicke in die Zeit kurz vor dem Unfall und durch Einblendungen in Tinas jetziges Dilemma unterbrochen.

Aber die aufblitzende Spannung schwindet schnell wieder durch einen Rückfall in erschöpfend ausgedehnte Schilderungen dahin. Fast hat man den Eindruck, dass hier Seiten geschunden werden sollten, damit der Thriller bloß nicht zu dünn ausfällt. Doch, das ging eindeutig nach hinten und zu Lasten der Spannung los. Zu der Langatmigkeit kommt ein weiteres Manko: Es werden im Laufe der Handlung jede Menge Personen eingeführt und teilweise sehr ausführlich aufgebaut. Der Leser vermutet dementsprechend den Täter in diesem Kreis, doch es stellt sich heraus, dass man darauf nicht zählen sollte, denn manche dieser prominent dargestellten Personen spielen im Laufe des Geschehens überhaupt keine Rolle mehr.

So etwa der Hundeführer, der eigentlich absolut irrelevant für die Handlung ist, da seine einzige Daseinsberechtigung im Auffinden von Wildfallen liegt. Genauso ergeht es den armen und ständig wieder auftauchenden Wildschweinen, denen die Autorin so einiges angedichtet, damit die Geschichte auch ein bisschen blutig wird. Trotz ausgedehnter Handlung und großer Personenzahl, kommt die Lösung des Falles dann sehr plötzlich, erscheint ziemlich unrealistisch und so wenig engagiert, dass der Leser den Schluss nur als unbefriedigend empfinden kann und das Buch regelrecht verärgert zu schlägt. Die simple Sprache und die einfallslosen Dialoge untermauern die Mittelmäßigkeit des Buches zusätzlich.

Fazit:

„Kalte Nacht“ ist ein zu langatmig geratener und wenig spannender Thriller, den man gelesen haben kann, aber nicht gelesen haben muss. Fans von Tom Skagen werden wahrscheinlich auf ihre Kosten kommen, denn das Geheimnis um die auf seinem Unterarm tätowierten Namen wird (fast) gelüftet und (wie sollte es anders sein) eine alte Liebe wird neu entfacht.

Kalte Nacht

Anne Nørdby, Gmeiner

Kalte Nacht

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